Energiemosaik – Das fehlende Puzzleteil für die Energiewende ist da!

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Wer schon mal versucht hat, in Österreich aktuelle Energieverbrauchszahlen zu erheben und zu ermitteln, wird erkennen, welcher Meilenstein mit dem Projekt Energiemosaik gelungen zu sein scheint.

Die Seite, in der man den Energieverbrauch und die Treibhausgase JEDER EINZELNEN GEMEINDE übersichtlich dargestellt sieht, wurde von der Universität für Bodenkultur Wien mit FFG-Förderung ins Leben gerufen und ich darf heute mit zwei Damen sprechen, denen die Bereitstellung fundierter Datengrundlagen zum Energieverbrauch auf kommunaler Ebene ein besonderes Anliegen ist.

Ich freue mich sehr Dipl.-Ing. Dr. Lore Abart-Heriszt von der Universität für Bodenkultur – Institut für Raumplanung, Umweltplanung und Bodenordnung und DI Petra Busswald zum Doppelinterview zu diesem neuen Tool hier begrüßen zu dürfen. Frau Dr. Abart-Heriszt ist die Projektleiterin von Energiemosaik und DI Petra Busswald von akaryon verwendet es nun in ihrem Energiewenderechner für Gemeinden, den wir hier schon vorgestellt haben und so gleich einen spannenden Anwendungsfall dabei haben.

Was ist der Sinn des Energiemosaiks Austria, was kann es bewirken?

Lore Abart-Heriszt: Das Energiemosaik Austria ist eine österreichweite, kommunale Energie- und Treibhausgas­datenbank, die den Energieverbrauch und die damit verbundenen Treibhausgasemissionen aller österreichischen Städte und Gemeinden in einheitlicher Struktur und Qualität darstellt. Das Energiemosaik Austria schließt damit insofern eine Lücke, als in Öster­reich bislang die Bundesländer die kleinste räumliche Einheit bilden, für die statistische Daten zum Energie­verbrauch und konsistente Angaben zu den Treib­haus­gas­emissionen vorlagen.

Das Energiemosaik Austria gewährleistet mit der gemeinsamen statistischen Datenbasis, der standardisierten Modellierung und der einheit­lichen Darstellung der Ergebnisse auf der Webseite www.energiemosaik.at die Vergleichbarkeit unter den rund 2100 Gemeinden (ergänzt um die 23 Wiener Stadtbezirke). Diese Gesamtschau über alle Gemeinden stellt sicher, dass sich der gesamte österreichische Energieverbrauch in den kommunalen Daten­sätzen des Energiemosaiks Austria widerspiegelt.

Das Energiemosaik Austria bildet eine strategische Planungs- und Entscheidungsgrundlage für Gemeinden und Regionen und steht für eine breite Anwendung in verschiedenen kommunal- und regionalpolitischen Tätigkeitsfeldern zur Verfügung (Klimaschutzpläne, Energiekonzepte, Infrastrukturentwicklung, Raumplanung, Mobilitätskonzepte, Regional­entwicklung). Das Energiemosaik Austria leistet zudem einen Beitrag zur Sensibilisierung von energie-, klima-, raum-, umwelt- und mobilitätsrelevanten Akteuren sowie der interessierten (Fach)Öffentlichkeit und begünstigt die Einleitung von Lernprozessen über die räumliche Dimension von Energiewende und Klimaschutz.

Wie kommt ein Raumplanungsinstitut darauf, Energiedaten zu erheben und zu visualisieren?

Lore Abart-Heriszt: Die größte Motivation für die Entwicklung des Energiemosaiks Austria war das Bestreben, Strategien zur Verminderung des weltweiten Klimawandels und damit die Wende hin zu einer erneuerbaren Energieversorgung mit raumplanerischen Ansätzen zu unterstützen.

Der Energieverbrauch und die damit einhergehenden Treibhausgasemissionen lassen sich auf räumliche Strukturen zurückführen. Jede Verbrauchergruppe (Haushalte, Betriebe, Mobilität) manifestiert sich in entsprechenden Nutzungsansprüchen an den Raum. Das Energiemosaik Austria beruht daher auf einem flächendeckenden Modell, das von den raumgebundenen Nutzungen (Wohnen, Land- und Forstwirtschaft, Industrie und Gewerbe sowie Dienstleistungen) ausgeht und auch die damit verbundenen Mobilitätsbedürfnisse berücksichtigt. Alle Verbraucher von Energie und alle Verursacher von Treibhausgas­emissionen gehen gleichrangig in die Modellierung ein.

Die Nutzungs- und Mobilitätsstrukturen jeder Gemeinde werden anhand von über 90 Para­metern charakterisiert. Dieser raum(planungs)bezogene Ansatz gewährleistet, dass sich die Modellierung des Energieverbrauchs und der Treibhausgasemissionen bestmöglich an die jeweils besondere Situation der österreichischen Städte und Gemeinden annähert. Die verschie­denen Nutzungsarten tragen in den einzelnen Gemeinden in unterschiedlichem Maße zum Energie­verbrauch und zu den damit verbundenen Treibhausgas­emissionen bei. Im Energiemosaik Austria werden demnach die Zusammenhänge zwischen räumlichen Strukturen und verschie­denen Mustern des Energieverbrauchs sichtbar.

Welche Gemeinde hat die spannendsten Ergebnisse?

Lore Abart-Heriszt: Das Energiemosaik Austria stellt nicht nur umfangreiche Ergebnisse auf kommunaler Ebene zur Verfügung, sondern nimmt auch eine Typisierung der Gemeinden vor. Die verschiedenen Gemeindetypen lassen sich dabei anhand unterschiedlicher Muster des Energieverbrauchs iden­tifizieren.

Zahlreiche Gemeinden sind einem Gemeindetyp zuzuordnen, in dem die Wohnfunktion überwiegt und daher die Wohn­nutzung und die Mobilität maßgeblich für den Energie­verbrauch verantwortlich sind. Ein weiterer Gemeindetyp ist ebenfalls durch hohe Anteile der Wohnnutzung und der Mobilität am Energieverbrauch gekennzeichnet, weist jedoch auch bedeutende Anteile eines Wirtschaftssektors auf. Deutlich unterscheidet sich davon jener Gemeindetyp, in dem Industrie und Gewerbe den Energieverbrauch dominieren und der in der Regel Standorte von Produktionsanlagen aus energieintensiven Branchen umfasst.

Besonders spannend ist jener Typ von Gemeinden, in dem der Energieverbrauch von öffentlichen und privaten Dienstleistungen eine bemerkens­werte Bedeutung aufweist. Dieser Typ ist zwar seltener vertreten als die übrigen Gemeindetypen, erscheint aber aus raumplanerischer Sicht von besonderer Bedeutung. Denn diese Gemeinden stellen entweder die (großen) Zentren mit einer ausgewogenen Mischung verschiedener Nutzungs­arten oder die Hotspots des Tourismus, die durch eine erhebliche räumliche und zeitliche Konzentration einer einzelnen Nutzung gekennzeichnet sind oder ausge­wählte Standorte von Gesundheits- und Pflege­einrichtungen dar.

Das Energiemosaik Austria vermittelt umfangreiches Wissen um Gemeinsam­keiten und Unter­schiede zwischen den Gemeinden. Diese Kenntnisse bilden eine gute Grundlage für die Entwicklung von Strategien zugunsten der Energiewende und des Klimaschutzes innerhalb der Gemeinden und über Gemeinde­grenzen hinweg.

Wie aktuell sind die Ergebnisse des Anteils an Erneuerbaren?

Lore Abart-Heriszt: Die Ergebnisse des Energiemosaiks Austria bilden vornehmlich den Ist-Zustand ab, der auf Datengrundlagen aus den Jahren 2010 bis 2019 beruht. Dies gilt auch für den Anteil der erneuerbaren Energieträger. Eine Weiterentwicklung und Aktualisierung des Energiemosaiks Austria ist in Arbeit.

 Cornelia Daniel: Vielen herzlichen Dank für diese so interessanten Einblicke in dieses Tool. Ich bin davon überzeugt, dass diese Art der Transparenz zu viel zielgerichteteren Strategien führt. Deshalb habe ich auch gleich eine Anwenderin zum Interview geladen und ihr einige Fragen gestellt:

Wie passt das Energiemosaik zu deinem Energiewenderechner?

Petra Busswald: Das Energiemosaik ist ein großartiger Fundus an energierelevanten Daten – basierend auf Statistik Austria Daten – sogar spezifisch pro österreichische Gemeinde aufbereitet. Insbesondere sind für den Energiewenderechner Daten von der Energiebedarfsseite – z.B. nach Sektoren – sehr wertvoll.

Wobei hilft der Energiewenderechner, wenn nun diese Daten zusätzlich verfügbar sind?

Petra Busswald: Die Daten aus dem Energiemosaik sind in unserem Energiewenderechner eine sehr gute Basis, um hier – gemeinsam mit etwaigen Usereingaben und Simulations-Daten – noch schneller zu einem realitätsnahen Gesamtbild zu kommen. Zudem passiert dies dann für alle Gemeinden in Österreich nach derselben Energiemosaik-Methodik, was zu einer erhöhten Vergleichbarkeit der Energiewenderechner-Ergebnisse führt. Stichwort Benchmarking. Die Schnittstelle, über welche die Energiemosaik-Daten in den Energiewenderechner gelangen, ist gerade in Entwicklung – im Rahmen eines kooperativen Forschungsprojekts, teilgefördert durch die FFG (Programmschiene COIN).

Wie geht es dem Energiewenderechner seit unserem letzten Interview? Was hat sich getan?

Petra Busswald: Dem Energiewenderechner geht es gut, er wächst und gedeiht. 2018-2019 hatten wir den Energiewenderechner zum Beispiel in einem FFG-Talente-Projekt in einer Reihe von Schulen bzw. Gemeinden im Burgenland im Einsatz. Hier wurden unter Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen ALLER Schulstufen Gemeinde-Energiekonzepte bzw. Ideen für die Energiewende in den Schulstandortgemeinden erarbeitet. Sehr spannend!

Die Unterrichtsmaterialien (Corona-Home-Schooling-Tipp!) sind übrigens hier verfügbar: www.energie-wenden.at (Anm: Wow, vielen Dank!!)

In einer Kärntner KEM-Region wurde bis zur Schneekanone hinunter alles simuliert und analysiert und das Projekt geht nun in die Monitoring-Phase. Im Vergleich dazu stellt sich der Energiewenderechner auch den Herausforderungen der städtischen Struktur in der Stadt Graz und jenen des Stadt-Umfelds in der Region Graz Nord.

Aktuell konzentrieren wir uns außerdem, in dem bereits erwähnten kooperativen Forschungsprojekt, neben den Schnittstellen zum Energiemosaik, auch um Schnittstellen zu weiteren geobasierten Daten, um u.a. stark lokalisierbare Klimadaten in die Berechnungen einbeziehen zu können und damit Erträge erneuerbarer Energietechnologien sehr lokalspezifisch ermitteln zu können. Der Energiewenderechner bekommt weiters Optimierungsfunktionen und Auswertungsmöglichkeiten der lokalen Wertschöpfung – ein ganz wichtiges Kriterium für die Entscheidung für Szenario A oder B!

Insgesamt ist unser Motto „Begraben wir die fossile Energie!“ – schaut Euch gerne unser kleines Video dazu an:

Mehr über den Rechner und die aktuellen Forschungs-Entwicklungen hier.

Cornelia Daniel: Vielen lieben Dank auch dir liebe Petra. Die Schülerinitiative und die Lernplattform klingen ja auch extrem spannend. Man sieht hier mal wieder, dass es so viele spannende Dinge und Themen gibt, und dass so ziemlich alle Lösungen schon da sind. Ich finde mit dem Energiemosaik ist es gelungen, einen wichtigen, wenn nicht den fehlenden Puzzlestein, für die Energiewende gefunden zu haben, weil so viel schneller klar wird, was zu tun ist. Wir wünschen viel Erfolg und spannende Weiterentwicklung beider Plattformen.

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin, Speakerin & Autorin. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach  mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

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