Versorgungssicherheit

Selbstverständlich, aber nicht banal

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Es ist Dezember. Langsam kommt wieder die Zeit der Jahresrückblicke. Und trotz fehlender prophetischer Begabung lehne ich mich einmal aus dem Fenster: Um die Corona-Pandemie, die Eindämmungsmaßnahmen und die Folgen wird dabei wohl kaum jemand herumkommen.

Zu sehr hat uns die Krise in den unterschiedlichsten Lebensbereichen beschäftigt – und tut es immer noch: am Arbeitsplatz, bei der Kinderbetreuung, in der Freizeit und bei der Urlaubsplanung.

Der Bereich, der uns rückblickend kaum Umstellungen abverlangt hat, war der Lebensmitteleinkauf. Die Lebensmittelgeschäfte waren auch in Lockdown-Phasen geöffnet. Auch wenn Germ vielleicht kurzfristig vergriffen war oder die Lieblingsnudeln im Regal fehlten, Sorgen um Lebensmittelknappheiten macht(e) sich wohl kaum jemand. Versorgungssicherheit in diesem so grundlegenden – 2020 sagt man: systemrelevanten – Bereich ist für uns seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit.

Doch begründet sich unsere Sicherheit vorwiegend auf unsere Alltagserfahrung, nicht auf die Analyse der dahinter liegenden Systeme in Österreich, in Europa und am Weltmarkt. So ist das heimische Ernährungssystem – trotz Beschwörung von Regionalität – stark in internationale Märkte eingebunden. Das führt zu mehr Auswahl und günstigeren Preisen (gut für die Konsumenten, weniger gut für jene, die von der Produktion leben müssen) und erschließt Absatzmärkte – generell betrachtet.

Im Detail und auf unterschiedliche Produktgruppen oder Branchen heruntergebrochen bietet sich ein differenziertes Bild. Beispielsweise beim Eigenversorgungsgrad für verschiedene Nahrungsmittel. So beträgt der Selbstversorgungsgrad Österreichs bei Puten 42 Prozent, bei Rind- und Kalbfleisch 142 Prozent. Trotz des „Gesetzes von Angebot und Nachfrage“ ist kaum zu erwarten, dass jetzt reihenweise Bauern ihre Produktion umstellen und künftig Geflügel über saftige Almweiden spaziert. So ideal das Grünland für die Rinderhaltung geeignet ist, Puten brauchen völlig andere Bedingungen. Oder bei Obst und Gemüse. Bei diesen Produktgruppen kann die heimische Produktion etwas mehr als die Hälfte des Konsums decken. Und selbst dies ist – das hat im Frühjahr die Diskussion um Erntehelfer gezeigt – auch abgesehen von Ertragsschwankungen aufgrund von Wetterkapriolen nicht ganz so gesichert, wie wir uns das vielleicht wünschen und erwarten.

Mit einfachen „Wahrheiten“ und vorgefertigten Lösungen kommen wir bei der Lebensmittelversorgung nicht weiter. Wer sich nicht mit einem „Es ist alles sehr kompliziert“ abfinden und sich genauer informieren will, dem sei die Wintertagung des Ökosozialen Forum ans Herz gelegt. Von 21. bis 28. Jänner 2021 widmen wir uns unter dem Motto „Gemeinsam is(s)t man besser. Gemeinsam aus der Krise lernen. Gemeinsam zukunftsfit werden.“ den zentralen Herausforderungen und brisantesten Fragen entlang der gesamten landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette. Weil, und das hat uns das Jahr 2020 gezeigt, auch wenn wir zum Abstandhalten angehalten sind, für die Sicherung unserer Lebensgrundlagen werden wir künftig alle noch ein wenig näher zusammenrücken müssen.

Übrigens ist die Teilnahme an der Wintertagung 2021 kostenlos und bequem vom Computer oder Handy zuhause möglich. Nähere Informationen unter: https://oekosozial.at/unsere-themen/landwirtschaft/wintertagung-2021-2/

 
About the Author

Hans Mayrhofer

Hans Mayrhofer

DI Hans Mayrhofer studierte Agrarökonomie an der BOKU Wien und startete seine Laufbahn als agrarpolitischer Referent im Niederösterreichischen Bauernbund. Anschließend managte er als Büroleiter das Rektorat an der Universität für Bodenkultur Wien und wechselte von dort im Sommer 2011 ins Büro von Landwirtschafts- und Umweltminister Niki Berlakovich. Seit Juli 2012 ist Mayrhofer im Ökosozialen Forum tätig, wo er unter anderem die Wintertagung, die größte agrarische Informations- und Diskussionsveranstaltung in Österreich, betreute. Seit 1. 1. 2014 ist Mayrhofer Generalsekretär des Ökosozialen Forums. An den Wochenenden kümmert er sich um seinen landwirtschaftlichen Betrieb im niederösterreichischen Lichtenegg. Seine Leidenschaft gilt darüber hinaus dem Reisen in ferne Länder..

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