Wegweiser für eine ökosoziale Risikovorsorge

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Etwa 936.000 Menschen sind weltweit bis Mitte September an den gesundheitlichen Folgen einer Covid-Infektion gestorben – die meisten in den USA und Brasilien. Das World Food Programme schätzt, dass sich die Zahl der Hungernden weltweit durch die Pandemie-Folgen fast verdoppeln könnte. Am Höhepunkt der Krise waren in Österreich über 588.000 Menschen arbeitslos gemeldet – allen Bemühungen und Angeboten zur Kurzarbeit zum Trotz.

Die Pandemie greift tief in unser Leben ein – auch der Alltag von (noch) nicht direkt Betroffenen sieht heute anders aus als zu Jahresbeginn. Noch haben wir uns nicht ganz an das „neue Normal“ gewöhnt. Schlüssel, Handy, Geld stecken wir ganz automatisch in die Tasche, wenn wir das Haus verlassen. Für den Mund-Nasen-Schutz müssen wir manchmal umdrehen, weil der wieder mal liegen geblieben ist. Und beim Begriff Ampel denken wir immer noch in erster Linie an den Straßenverkehr und nicht an Pandemie-Empfehlungen.

Wir wissen nicht, wie sich die Lage – weder in Österreich noch weltweit – in den nächsten Monaten entwickeln wird. Auch für eine finale Bewertung ist es (leider) viel zu früh. Und dennoch können und sollen wir schon die ersten Lehren aus der Krise ziehen. Wir im Ökosozialen Forum haben dafür unseren wissenschaftlichen Beirat gebeten, aus Sicht der vertretenen Disziplinen die bisherigen Erfahrungen zu diskutieren und Empfehlungen für die kommenden Monate zu erarbeiten. Die Mitglieder des Beirats – renommierte Wissenschafterinnen und Wissenschafter aus den Bereichen Ökonomie, Agrarwirtschaft, Umweltwirtschaft, Klimaforschung, Bildungswissenschaften und Soziologie – haben nun ihre Ergebnisse präsentiert:

  1. Wir brauchen künftig eine europäische Krisenvorsorge
  2. Wir müssen Wirtschafts- und Klimakrise gleichzeitig bekämpfen
  3. Alle Maßnahmen zur Krisenbekämpfung sind vorab auf ihre ökologischen und sozialen Auswirkungen zu prüfen

Europäische Krisenvorsorge

Nationale Egoismen in Europa schwächen uns alle. Das haben wir beispielsweise bei der Blockierung von Sanitätslieferungen gesehen. Europa wird seine Werte von Freiheit, Demokratie und sozialem Zusammenhalt nur dann langfristig absichern, wenn wir mit einer gemeinsamen Stimme sprechen und koordiniert und in europäischer Solidarität vorgehen. Um dies auch für Krisensituationen garantieren zu können, schlagen wir einen Konvent, um eine gemeinsame Risikovorsorge auszuhandeln, vor. In systemrelevanten und kritischen Bereichen (einschließlich der Koordination bei Grenzregimen, Gesundheits- und Klimapolitik wie auch der Nahrungsmittel- und Energieversorgung, der Logistik sowie der Infrastruktur für Informations- und Kommunikationstechnologien etc.) sollen im europäischen Zusammenspiel Strukturen gefunden werden, die im Krisenfall funktionsfähig sind und die europäische Solidarität unterstützen – wenn beispielsweise durch Ausfälle keine ausreichenden medizinischen, energetischen Kapazitäten oder Versorgungsnetze im Nahrungsmittelbereich in einzelnen Regionen zur Verfügung stehen sollten.

Wirtschafts- und Klimakrise

Wir leben in einer Welt, in der eine Krise nicht wartet, bis die vorige gelöst ist. Der Klimawandel macht nicht halt, weil uns aktuell eine andere Krise stärker beschäftigt. Wir müssen den Klimawandel und die Covid-Krise gleichzeitig lösen – für Einzelaktionen haben wir keine Zeit – weder bei der Pandemie noch im Klimaschutz. Und das geht auch gut zusammen: Eine Wirtschaft auf Basis nachwachsender Rohstoffe macht nicht nur die industrielle Produktion fit für die Zukunft, sondern erhöht die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft und steigert die Lebensqualität der Menschen.

Ökosozial-Check

Sämtliche Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie-Folgen sollen ab sofort einem Ökosozial-Check unterzogen werden. Damit kann sichergestellt werden, dass nicht intendierte Nebeneffekte mit sozial oder ökologisch negativen Auswirkungen vermieden werden. Werden solche gleich zu Beginn mitbedacht – und laufend in einem parallelen Implementations-Check mit der Wissenschaft und Stakeholdergruppen beobachtet –, können soziale oder ökologische Kollateralschäden vermieden werden. Dazu zählen soziale Schieflagen für benachteiligte oder Risikogruppen (Kinder, Jugendliche, Menschen mit Behinderung, Frauen, ältere Menschen etc.), oder, dass über Umwege fossile Ressourcen oder Produktionsbedingungen gefördert werden, die nicht dem europäischen Standard entsprechen.

 
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Hans Mayrhofer

Hans Mayrhofer

DI Hans Mayrhofer studierte Agrarökonomie an der BOKU Wien und startete seine Laufbahn als agrarpolitischer Referent im Niederösterreichischen Bauernbund. Anschließend managte er als Büroleiter das Rektorat an der Universität für Bodenkultur Wien und wechselte von dort im Sommer 2011 ins Büro von Landwirtschafts- und Umweltminister Niki Berlakovich. Seit Juli 2012 ist Mayrhofer im Ökosozialen Forum tätig, wo er unter anderem die Wintertagung, die größte agrarische Informations- und Diskussionsveranstaltung in Österreich, betreute. Seit 1. 1. 2014 ist Mayrhofer Generalsekretär des Ökosozialen Forums. An den Wochenenden kümmert er sich um seinen landwirtschaftlichen Betrieb im niederösterreichischen Lichtenegg. Seine Leidenschaft gilt darüber hinaus dem Reisen in ferne Länder..

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