Land sucht Frau

Warum die weibliche Abwanderung uns alle angeht

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Knapp mehr als die Hälfte der österreichischen Bevölkerung ist weiblich. Es werden zwar geringfügig mehr Buben als Mädchen geboren, die längere Lebenserwartung von Frauen macht dies statistisch aber wieder wett.

Das gilt für Österreich als Ganzes. Betrachtet man hingegen regionale Verteilungen, werden einige Besonderheiten der Geschlechterverhältnisse sichtbar. Während bei den Kindern keine geschlechterspezifischen Unterschiede zwischen Stadt und Land auffallen, werden in den Altersgruppen ab 20 Jahren die Städte weiblicher und die ländlichen Gebiete männlicher. Frauen sind schon früher mobiler und es zieht sie mehr noch als die gleichaltrigen Männer in die Städte bzw. ins Stadtumland. Die Obersteiermark ist von der weiblichen Abwanderung besonders betroffen, in manchen Gemeinden kommen in der Altersgruppe 20 bis 29 auf 100 Männer lediglich 82 bis 85 Frauen.

Es gibt zahlreiche Studien, die sich mit der Abwanderung junger Frauen beschäftigen und auch die Gründe dafür zusammentragen: Frauen wandern häufig zum Zweck der Ausbildung ab. Viele kommen dann nicht mehr zurück. Mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten, geringeres Lohnniveau, häufig auch weniger berufliche Entfaltungsmöglichkeiten und ein geringeres Freizeitangebot abseits der klassischen Rollenbilder, auch weniger Möglichkeiten, Beruf und Familie zu vereinbaren, sprechen nicht unbedingt für das Land.

Jede zweite Frau in Österreich arbeitet in Teilzeit. Am Land ist der Anteil noch höher. Einer der Hauptgründe ist die Kinderbetreuung. In der Steiermark werden rund 16 % der Unter-Dreijährigen außer Haus betreut. In Wien liegt der Schnitt bei 44 %. Im Bundesländervergleich verzeichnen die Tiroler Kindergärten laut Statistik Austria die meisten geschlossenen Betriebstage pro Jahr (34,2). Mit 25 Tagen Urlaubsanspruch tun sich Alleinerzieher da schon schwer und auch für Familien mit beiden Elternteilen gehen sich nur noch drei Wochen gemeinsamer Urlaub aus.

Das Landleben hat unbestreitbare Vorteile: schöne Landschaften, gute Luft, mehr Ruhe, günstigerer Wohnraum und mehr Platz. Das reicht aber noch nicht. Andere Dinge müssen verbessert werden, um die Frauen am Land zu halten bzw. nach der Ausbildung zurückkommen zu lassen: von den Jobmöglichkeiten für gut ausgebildete Frauen bis zur Kinderbetreuung. Das geht aber auch über die Freizeitmöglichkeiten und die politische Partizipation in den Gemeinden. Da sind dringend neue Ideen gefragt – und positive Rollenvorbilder. Der Bürgermeisterinnenanteil liegt in den österreichischen Gemeinden bei unter neun Prozent. Vielleicht könnte auch hier ein höherer Prozentsatz mehr Bewusstsein für die Bedürfnisse und Wünsche von Frauen am Land schaffen. Dazu braucht es Ermutigung und Motivation – auch durch Ehemänner, Väter, Söhne, Freunde, Chefs und Kollegen. Weil wenn sich die Frauen das Land zurückholen, holt vielleicht auch das Land die Frauen zurück. Und davon profitieren alle.

 
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Hans Mayrhofer

Hans Mayrhofer

DI Hans Mayrhofer studierte Agrarökonomie an der BOKU Wien und startete seine Laufbahn als agrarpolitischer Referent im Niederösterreichischen Bauernbund. Anschließend managte er als Büroleiter das Rektorat an der Universität für Bodenkultur Wien und wechselte von dort im Sommer 2011 ins Büro von Landwirtschafts- und Umweltminister Niki Berlakovich. Seit Juli 2012 ist Mayrhofer im Ökosozialen Forum tätig, wo er unter anderem die Wintertagung, die größte agrarische Informations- und Diskussionsveranstaltung in Österreich, betreute. Seit 1. 1. 2014 ist Mayrhofer Generalsekretär des Ökosozialen Forums. An den Wochenenden kümmert er sich um seinen landwirtschaftlichen Betrieb im niederösterreichischen Lichtenegg. Seine Leidenschaft gilt darüber hinaus dem Reisen in ferne Länder..

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