Holz gibt Gas

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Die traditionelle Frühjahrsveranstaltung des Österreichischen Biomasse-Verbandes (ÖBMV), wurde heuer bedingt durch die COVID-19-Maßnahmen der Bundesregierung im Rahmen einer Webkonferenz durchgeführt.

Moderiert wurde sie vom Fernseh-Journalisten Andreas Jäger. ÖBMV-Präsident Franz Titschenbacher begrüßte insgesamt etwa 400 Teilnehmer, darunter mehr als 50 Besucher aus Deutschland, Italien, der Schweiz, Polen und der Slowakei. Verkehrsexpertin Ulla Rasmussen, VCÖ, lobte die Webkonferenz als gelungenes Beispiel für die Einsparung von Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor, da viele Anreisewege vermieden wurden. Das zentrale Thema der Veranstaltung war die künftige Rolle von Holzgas für das Energiesystem.

Immer mehr Energieholz

Die Holzmärkte in Österreich sind aufgrund der Rekordmengen an Schadholz in den vergangenen Jahren stark unter Druck geraten und haben einen starken Preisverfall erlitten. Im Schnitt beträgt die jährliche Holzernte in Österreich rund 19 Mio. fm. Im Vorjahr lag der Schadholzanteil bei rund 12 Mio. fm. Die Schadholzmengen werden nicht sinken, und durch den Waldumbau in Richtung Laubholz wird sich der Anteil des Energieholzes tendenziell erhöhen.

Künftig wird auch die Energieeffizienz in Gebäuden durch Sanierungen steigen. Bedingt durch den Klimawandel werden die Winter ebenfalls wärmer. Dies alles führt dazu, dass weniger Energie und somit weniger Holz verbraucht wird. Es droht ein Ausfall von 3 Mio. fm-Äquivalent bis 2030. Deshalb ist ein Ausbau-Potenzial für Bioenergie vorhanden. 250 PJ werden durch Bioenergie aktuell bereitgestellt. Das Potenzial liegt laut ÖBMV bei bis zu 450 PJ bis 2030.

Neben den klassischen Anwendungen drängt sich eine neue Option am Bioenergiemarkt auf: die Holzvergasungstechnologie. Mittels dieser ergeben sich vielfältige Anwendungsmöglichkeiten. Grundsätzlich können synthetisches Holzgas (SNG), Wasserstoff, FT-Diesel, Wärme und Strom sowie diverse Chemikalien erzeugt werden. Es geht aber nicht um ein „entweder oder“ sondern um ein „sowohl als auch“. Es werden alle Technologien (wie beispielsweise Einzelfeuerungen) benötigt, um die Energiewende zu meistern.

Die Regierung hat sich die Klimaneutralität bis 2040 zum Ziel gesetzt. Ein Teilziel ist es, 5 TWh „grünes Gas“ bis 2030 zu verwenden. Die Rahmenbedingungen für die Unterstützung dieses Vorhabens werden im Erneuerbaren-Ausbaugesetz (EAG) definiert. Vorab: es sollen Quoten festgelegt werden.

Vision erdölfreie Land- und Forstwirtschaft

Forstsektionschefin Maria Patek erklärte, dass genug Rohstoff zur Realisierung der Vision einer erdölfreien Land- und Forstwirtschaft, die ihren Energiebedarf selbst decken kann, zur Verfügung stehe. Der Sektor Land- und Forstwirtschaft habe die Gelegenheit, beim Ausstieg aus fossilen Energien voranzuschreiten.

Die wissenschaftliche „Holzgas-Koryphäe“ Univ.-Prof. Hermann Hofbauer von der TU Wien erläuterte die Vorteile des Holzgases folgendermaßen:

„Wir können ohne Einschränkung aus Schadholz Holzgas erzeugen. Dieses kann ins vorhandene Erdgasnetz eingespeist werden. Auch für die Mobilität kann ein synthetischer Kraftstoff bereitgestellt werden – als Diesel, Benzin oder Kerosin, je nachdem wie man die Produktion in der Raffinerie einstellt. Was wir brauchen, ist eine Umsetzung. Nur mit Forschung kommen wir nicht weiter.“

Bei der Mobilität könnte man beginnen, die Landwirtschaft einfach auf synthetische Kraftstoffe umzustellen.

„Wenn wir alle Traktoren elektrifizieren möchten, dann müsste man 12 Mrd. Euro investieren. Aus meiner Sicht kommt man kurzfristig an synthetischen bzw. Biokraftstoffen nicht vorbei.“

Für einen Liter synthetischen Diesel braucht man rund vier Kilogramm trockenes Holz. Die Kosten belaufen sich bei 1,16 bis 1,39 Euro/Liter (steuerfrei). Je größer die Produktionsanlage ist, desto wirtschaftlicher lässt sich diese betreiben.

„Wir brauchen einmal ein Reallabor, in dem alle Anwendungen auf industrieller Ebene betrieben und vorgeführt werden können. Hier könnten wir die wissenschaftlichen Annahmen in der Praxis testen, wie beispielweise die Kosten, und damit Unsicherheiten ausräumen, sowie das Vertrauen in die Technologie stärken. Es ist ja eine komplexe Technologie.“

Für die Kraftstoffproduktion aus Holz wären laut Hofbauer Anlagen ab 100 MW sinnvoll, da hier ein konkurrenzfähiger Preis angeboten werden könne. Eine 100 MW-Anlage kostet rund 200 Mio. Euro und erzeugt Holzdiesel um rund 1,3 Euro pro Liter. Neun Anlagen wären in Österreich nötig, um die „Defossilisierung“ der Landwirtschaft zu vollziehen. Österreich muss laut Erneuerbare-Energie-Richtlinie REDII bis 2030 eine Quote von 3,5 % an fortschrittlichen Biotreibstoffen im Verkehrsbereich erzielen. „Durch die Umstellung der Land- und Forstwirtschaft schaffen wir bereits 3 %“, unterstrich Hofbauer.

Beim Einsatz von 50 PJ Holzdiesel könnte man den Anteil von erneuerbaren Energien im Verkehrssektor von derzeit 10 % bis 2030 auf 18 % anheben.  Die Treibhausgasemissionen würden gegenüber 2005 um weitere 3 % sinken. Noch dazu verbrennt Holzdiesel besser als das fossile Pendant und verursacht weniger Schadstoffe.

Holzgas und Wasserstoff statt Erdgas

Eine Studie des Fachverbandes Gas Wärme (FGW) und des ÖBMV ergab wirtschaftliche Potenziale von 4 Mrd. m3 „grünes Gas“ (derzeit 9 Mrd. m3 Erdgasverbrauch) und zusätzlich 1 Mrd. m3 Wasserstoff.

„Wenn man annimmt, dass noch Effizienzsprünge in Gebäuden in der Zukunft möglich sind, dann wäre der Erdgas-Ersatz durch Holzgas und Wasserstoff möglich. Wir müssen uns auf das wesentliche Ziel konzentrieren: das Öl raus. Dazu wird man auch das Holzgas brauchen. In Wien sind 600.000 Gasheizungen in Betrieb. Die Kunden würden bei der Nutzung von Holzgas keinen Unterschied merken und müssten auch nichts umbauen, wodurch die Akzeptanz sehr groß wäre.“

Peter Weinelt, FGW-Obmann und Generalldirektor-Stv. der Wiener Stadtwerke

Auch bei der Stromerzeugung spielt laut Weinelt das Gas seine Vorteile aus, weil es zeitgerecht eingesetzt und leicht gespeichert (8 Mrd. m3 Speicherkapazität in Österreich) werden kann. Aber auch er forderte:

„Wir müssen von einer Ziel- in eine Umsetzungsdiskussion kommen. Es wird nur über immer höhere Ziele diskutiert, wir brauchen aber Rahmenbedingungen für die Umsetzung.“

Skeptisch zeigte sich Klima-Sektionschef Jürgen Schneider bei der Anwendung von Holzgas im Raumwärme-Bereich. Er sah die Anwendung des Holzgases primär im hochenergetischen Segment – insbesondere in der Industrie.

Für 1 m3 synthetisches Gas werden 3 kg Holz benötigt. Die Kosten belaufen sich laut Hofbauer auf 64 bis 80 Euro MWh (etwa das doppelte vom fossilen Erdgas). Holzgas emittiert aber bis zu 90 % weniger Treibhausgase im Vergleich zum fossilen Pendant. Dennoch: Nur mit einer CO2-Bepreisung der fossilen Energieträger bzw. einer Kostenwahrheit und keiner Besteuerung ist Holzgas wirtschaftlich darstellbar. Das EAG wird deshalb ausschlaggebend für den Erfolg der Technologie sein.

 
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Antonio Fuljetic-Kristan

Antonio Fuljetic-Kristan

DI Antonio Fuljetic-Kristan ist seit 2010 Pressesprecher des Österreichischen Biomasse-Verbandes und Chefredakteur der Zeitschrift ökoenergie. Er studierte Forstwissenschaften an der Universität für Bodenkultur Wien und hat sich im Rahmen postgradualer Lehrgänge ein Fachwissen in Öffentlichkeitsarbeit und Exportmanagement angeeignet. Mit seiner Gattin und dem fünfjährigen Sohn bestreitet er den Alltag und wandert am liebsten mit seinem Hund in seiner Heimat – dem Wienerwald.

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