Wie entsteht eigentlich unser Strompreis?

Lesedauer: 8 Minuten
Trading Floor EEX

Ich habe heute einen ganz besonderen Interviewgast, mal wieder aus unserem Nachbarland Deutschland. Wenige wissen, dass unser Strompreis hier in Österreich sehr stark von der Leipziger Strombörse (EEX) abhängt. Heute möchte ich erfahren, wie unser Strommarkt eigentlich funktioniert und wie man auch als Laie den komplizierten Strommarkt etwas besser durchblicken könnte.

Ich habe deshalb Eileen Hieke, Senior Public Relations Officer, interviewt, um zu erfahren wie unser Strompreis entsteht. Wenn ich Strompreis schreibe, meine ich natürlich den reinen Energiepreis und nicht die Netzkosten und Abgaben, die beim Endverbraucher noch dazukommen.

Liebe Frau Hieke, herzlichen Dank, dass Sie heute für unsere Fragen zu Verfügung stehen. Ich bin ein Fan von „Basics first“. Daher zuerst eine ganz allgemeine Frage. Was ist eigentlich die EEX – Die Leipziger Strombörse – und was ist Ihre Aufgabe dort?

Die European Energy Exchange (EEX) ist die führende europäische Energiebörse und betreibt die Marktplattform für Energie und energienahe Produkte. Ihre Trägergesellschaft, die EEX AG, ist Teil der EEX Group, eine Gruppe von Unternehmen, die weltweit Marktplattformen und Clearinghäuser für Energie- und Commodity-Produkte betreibt. An der EEX können Handelsteilnehmer Produkte für Strom, Erdgas und Emissionsrechte, sowie auch Fracht- und Agrarprodukte auf Großhandelsebene handeln. Die EEX Group verbindet weltweit ein Netzwerk von über 600 Marktteilnehmern aus mehr als 30 Ländern. Wir sind weltweit an 17 Standorten präsent, mit Hauptsitz in Leipzig.

Die Liste der Handelsteilnehmer direkt an der EEX sehen Sie hier in dieser Liste. Reduziert man die Liste auf die österreichischen Handelsteilnehmer ergibt sich folgendes Bild:

Handelsteilnehmer EEX

Was ist der Unterschied zwischen Spotmarkt und Terminmarkt?

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen zwei Marktsegmenten: Das ist zum einen der Handel am kurzfristigen Spotmarkt und zum anderen am langfristigen Terminmarkt.

Am Spotmarkt der EPEX SPOT, die Teil der EEX Group ist, kann die Lieferung von Strommengen kurzfristig optimiert werden. Das heißt, dass überschüssige Mengen verkauft oder eine Unterversorgung abgedeckt werden können. Der Stromfluss im Netz muss immer ausgeglichen sein. Die EPEX organisiert eine tägliche Auktion, in der Strommengen für jede Stunde des Folgetages gehandelt und am nächsten Tag physisch geliefert werden – das ist der sogenannte Day-Ahead-Markt. Am Intraday-Markt ist es möglich, Strommengen sehr kurzfristig, für die Lieferung am aktuellen Tag, zu handeln – sogar bis zu 5 Minuten vor Lieferung.

Der Terminmarkt, der von der EEX betrieben wird, wird in der Regel genutzt, um sich gegen langfristige Preisänderungsrisiken abzusichern, z. B. für einzelne Tage im Voraus, Wochen, Monate, Quartale oder Jahre. Aktuell können sich die Teilnehmer am EEX-Terminmarkt für 20 europäische Länder bis zu 6 Jahre im Voraus absichern. Gibt man beim Phelix-AT Futures z. B. die Jahre 2021-2026 ein, ergibt sich folgendes Bild. Der Abrechnungspreis wird in €/MWh angezeigt. Um also zu wissen, wie viel Cent/kWh das sind, muss man nur entsprechend umrechnen. Für 2025 ergibt sich also ein Strompreis von 5,2 ct/kWh, was ungefähr dem derzeitigen Strompreis entspricht.

Stromkosten für die Jahre 21-26, wenn heute gekauft wird.



Auch spannend ist die nächste Grafik, in der man erkennen kann, dass, je nachdem an welchem Tag man Strom für das Jahr 2026 einkauft, der Preis zwischen 5 ct/kWh und 5,2 ct/kWh variiert.

Strompreis für 2026 im Laufe der letzten Woche zwischen 4,9 – 5,2 ct/kWh.

Der Handel funktioniert vollelektronisch. Die Teilnehmer geben ihre Kauf- oder Verkaufsangebote direkt in das elektronische Handelssystem ein. Käufer und Verkäufer bleiben anonym, um eine Gleichbehandlung aller Handelsteilnehmer sicherzustellen. Das Handelssystem führt dann zueinander passende Gebote automatisch zu einem Handelsgeschäft zusammen, womit der Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Dieser Preis kann am Spotmarkt, der EPEX SPOT, auch negativ sein. Das heißt, der Verkäufer bezahlt Geld, um Strom zu liefern. Für den Verkäufer (Erzeuger) von Energie kann dies dennoch vorteilhaft sein, da konventionelle Kraftwerke nicht kurzfristig an- und abgeschaltet werden können.

Die Aufgabe bzw. die Funktion der Börse lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

  • Die Börse schafft Transparenz mit anerkannten Referenzpreisen und Veröffentlichung der Marktdaten (Preise und Volumina)
  • Sie bietet Zugang zu einer Vielzahl von Handelsteilnehmern und Bündelung von Liquidität an einem Handelsplatz
  • Die Börse bietet einen sehr hohen Automatisierungsgrad durch elektronische und standardisierte Handels- und Abwicklungsprozesse
  • Wegfall des Kontrahentenausfallrisikos durch Clearing und Abwicklung über das Clearinghaus der Börse, das alle Börsengeschäfte abwickelt
  • Die Anonymität des Börsenhandels und Regulierung des Marktplatzes garantieren Diskriminierungsfreiheit und Gleichbehandlung aller Börsenteilnehmer

Wie kommt der Strompreis auf der Strombörse zustande und welche unterschiedlichen Preise gibt es, wenn ich für morgen oder für in 2 Jahren einkaufen möchte?

Der Strompreis an der Börse wird durch Angebot und Nachfrage im Auftragsbuch (Orderbuch) bestimmt. Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die das Angebot, die Nachfrage und damit die Preisbildung beeinflussen:

Für den kurzfristigen Handel am Spotmarkt sind es Faktoren wie das Wetter, die Verfügbarkeit von Kraftwerken, Kraftwerkskosten oder der Standort der Anbieter, die die Preisbildung beeinflussen.

Faktoren, welche die Preisbildung im langfristigen Handel am Terminmarkt beeinflussen, sind beispielsweise die Preisentwicklung am Spotmarkt, ökonomische Entwicklungen, die Preisentwicklung weiterer Märkte (z. B. Öl oder Gas) oder auch politische Rahmenbedingungen.

Die Preisentwicklung können Sie auf unserer Website nachvollziehen.

Die Preise und Marktdaten des Terminmarktes können Sie auch auf unserer Website finden. Die Preise und Daten zum Spotmarkt finden Sie auf der Website der EPEX Spot.

Was ist das am weitesten entfernte Datum, für das ich Strom einkaufen könnte?

Handelsteilnehmer können an der EEX bis zu sechs Jahre in die Zukunft Strommengen kaufen bzw. verkaufen – das „Kalenderjahr 2026“ ist der am weitesten entfernte Kontrakt. Siehe Beitrag oben.

Ich finde die EEX-Website als Laie sehr komplex. Wenn ich nun den möglichen Strompreis für Österreich im Jahr 2021 oder sogar 2022 suche, wie gehe ich da genau vor?

Die Preise für den österreichischen Terminmarkt finden Sie hier: https://www.eex.com/de/marktdaten/strom/futures/phelix-at-futures

Nun eine Glaskugelfrage: Wo geht der Strompreis in den nächsten 2 Jahren hin, und wo sehen Sie den Strompreis an der Börse in 5 Jahren?

An der EEX ist der Handel bis zu 6 Jahre in die Zukunft möglich und an den Terminmarktpreisen können Sie „ablesen“, wie die Handelsteilnehmer der Börse die zukünftige Preisentwicklung einschätzen.

Bitte beachten Sie auch, dass es sich bei den Preisen an der EEX um reine Großhandelspreise handelt, die etwa ein Viertel des Endkundenpreises in Deutschland ausmachen.

Warum müssen wir in Österreich eigentlich den Strom aus Deutschland einkaufen, und welche anderen Strombörsen wie die EEX gibt es weltweit?

Es gibt keine Vorschriften, welcher Strom, wo gekauft werden muss. Wir als EEX stellen die Plattform für den Großhandel.

Der Phelix-DE Future, das ist der Stromfuture der EEX für den deutschen Markt, ist der liquideste Terminkontrakt im europäischen Strom-Großhandel, weshalb er als Referenz für weite Teile Europas gilt. Im Stromhandel hat sich die EEX zur führenden Plattform entwickelt. Die EEX Group hat das weltweit höchste Stromhandelsvolumen. Nichtsdestotrotz befinden wir uns im Wettbewerb mit weiteren Börsenplattformen, aber auch außerbörslichen Anbietern (wie Brokern). In Europa gibt es noch weitere Strom- bzw. Energiebörsen, einen Überblick finden Sie hier: https://www.europex.org/

Darüber hinaus gibt es weltweit weitere Börsen, die auch Energieprodukte anbieten – zum Beispiel die Nasdaq oder die CME.

Wie entwickelt sich, ihrer Meinung nach, der Energiemarkt derzeit, und wie gehen sie mit neuen Regularien um?

Es gibt verschiedene Themen im Energiemarkt, die uns beschäftigen. Im Bereich Strom ist das natürlich der fortschreitende Ausbau der Erneuerbaren Energien, zu dem wir als Börse mit flexiblen Handelsprodukten beitragen. Weitere Themen sind beispielsweise die verstärkte Elektrifizierung des Verkehrssektors und eine erweiterte CO2-Bepreisung, wie sie in der nationalen Klimapolitik in Deutschland vereinbart wurde. Wir unterstützen eine verstärkte CO2-Bepreisung ausdrücklich. Seit dem Start des europäischen Emissionshandelssystems, EU ETS, ist die EEX als Plattform in diesem Markt aktiv und wir unterstützen die Entstehung von Emissionshandelssystemen weltweit.

Vor dem Hintergrund des Ausbaus erneuerbarer Energien wird die langfristige Absicherung von Power Purchase Agreements (PPAs) ein wichtiges Thema bleiben, aber es wird auch interessant sein, die Diskussion über den EU Green Deal zu verfolgen. Ein weiterer wichtiger Trend für uns ist die Globalisierung des Commodity-Handels. Wir beobachten, dass Marktteilnehmer zunehmend im globalen Energie- und Rohstoffhandel aktiv werden und unterstützen diesen Trend mit unserem Angebot in den drei Zeitzonen Europa, Nordamerika und Asien.

Vielen Dank für das spannende Interview und die Einblicke in die EEX. Habt ihr Fragen dazu?

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin, Speakerin & Autorin. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach  mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

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