Multitalent Biogas

quo vadis?

„Greening the gas“ ist das neue Schlagwort der Gasbranche. Das verwundert im ersten Augenblick, denn die Biogas-Produktion ist nicht erst gestern erfunden worden. Spannend ist es deshalb, weil die fossile Gasbranche in Österreich vordergründig in ihrer Marketing- und Medienarbeit davon spricht.

Da könnte man sagen, alles nur „green washing“, und man hätte damit auch teilweise Recht. Tatsächlich steht die klassische Gasbranche vor einem Umbruch, den sie endlich akzeptiert und vor allem annimmt. Dass Biogas künftig, wie alle anderen erneuerbaren Energien, einen Beitrag zur Energiewende leisten wird, steht außer Frage. Die Diskussionen konzentrieren sich darauf, in welchen Bereichen und in welchem Umfang Biogas eingesetzt werden soll. Denn das Multitalent Biogas kann sowohl zur Strom- und Wärmeerzeugung, als auch in der Mobilität eingesetzt werden. Bei den jeweiligen zukünftigen Anteilen scheiden sich aber die Geister.

Wie sieht die Lage im Augenblick aus? Zu Beginn möchte ich zwischen Gasnetz und Rohstoff-Gas unterscheiden. Auf rund 3.000 km beläuft sich das Gas-Fernleitungsnetz in Österreich und auf rund 43.000 km das Verteilernetz – also länger als der Erdumfang von rund 40.000 km. Dieses Netz wird, wie beim Stromnetz, durch die Konsumenten finanziert – vornehmlich von den Haushalten, obwohl die größten Kunden die Industrie und das Gewerbe sind. Der größte Vorteil für die Energiewirtschaft vom Gasnetz in Bezug auf die Energiewende ist aber die Speicherkapazität. Diese wird zusätzlich durch ausgebeutete Gaslagerstätten erweitert. Gerade im Winter kommt dieser Vorteil besonders zum Tragen, denn das Gasnetz kann in dieser Zeit im Vergleich zum Stromnetz 15 Mal länger Energie bereitstellen (30 Tage) und liefert in Spitzenzeiten rund die 2,5-fache Leistung.

Zum Rohstoff Gas: Etwa 8.000.000.000 (Mrd.) m3 Gas werden jährlich in Österreich verbraucht. Aktuell werden laut Energiebilanz 2018 in Industrie und Gewerbe 42%, in Strom- und Fernwärmekraftwerken 29%, in privaten Haushalten 18% und im Verkehr 4% des gesamten Erdgasverbrauches eingesetzt. In Österreich sind rund 290 Biogasanlagen in Betrieb, 14 davon (5%) speisen jährlich 0,015 Mrd. m3 Biomethan ins Gasnetz. Das entspricht einem Anteil am Gesamtverbrauch von 0,2%. Der Hauptgrund dafür ist, dass die meisten Anlagen auf die Stromproduktion ausgelegt worden sind, und zwar bis ins Jahr 2007. Danach kann man von keinem Biogas-Ausbau mehr sprechen. Würde man nun mehr bestehende Anlagen ans Gasnetz bringen wollen, müssten beispielsweise 300 Mio. Euro für 180 Anlagen investiert werden, attestiert eine JKU-Studie. Zum Vergleich: 2019 wurden laut E-Control-Ökostrombericht 84 Mio. Euro Einspeisetarife an alle kontrahierten Biogasanlagen ausgeschüttet.

Und jetzt komme ich zu den Prognosen. Die neueste Studie, die vom Fachverband Gas Wärme präsentiert wurde, geht von einem jährlichen Potential von 4 Mrd. m3 erneuerbarem Gas aus. Dieser Wert ist ein absolutes Novum, ging man bisher von rund 1,5 bis max. 3 Mrd. m3 aus. Deshalb wird diese Produktionsmenge von Vielen als sehr optimistisch angesehen. 

Auch wenn wir von 4 Mrd. m3 erneuerbarem Gas ausgehen, bedeutet dies eine Halbierung des jetzigen Verbrauches, doch dann stellt sich die Frage: In welchem Umfang brauchen wir die Gasnetze? Eines ist sicher: Ein weiterer Ausbau, wie er noch immer in Österreich stattfindet, ist äußerst fragwürdig und kontraproduktiv. Denn sehr einfach, und von mir jetzt pauschal gerechnet, müsste eine Halbierung des Verbrauchs hin zu einer Halbierung der Gasnetze führen. Zumindest der Trend müsste in diese Richtung zeigen.

Noch ein paar Worte zum „Argumentations-Joker“ der fossilen Gasbranche: „Wir können mit der Power-to-gas-Technologie auch den künftigen Überschuss-Strom nutzen…“ Ich kann diese Argumentation nicht mehr hören. Österreich ist zurzeit ein Strom-Importland. Die Produktion erneuerbarer Energie ist laut aktueller Energiebilanz gesunken. Der größte fluktuierende Stromerzeuger Photovoltaik fristet ein Schattendasein, und die Elektrifizierungswelle nimmt gerade Fahrt auf. Wenn die „Power-to-gas“-Technologie am Sankt-Nimmerleinstag serienreif ist, wir 150% Ökostrom produzieren, und Unmengen gratis Strom über die Mittagszeit anbieten können, dann bin auch ich davon überzeugt, dass diese Technologie ihre Berechtigung haben wird. Im Augenblick spielt sie aber absolut keine Rolle, und, aus meiner Sicht, auch nicht bis 2030. 

Wie könnte nun die Zukunft für Biogas aussehen? Überraschende Antwort: Wir werden Biogas sowohl im Strom-, Wärme- als auch Mobilitätsbereich benötigen, aber, meiner Meinung nach, mit gänzlich anderen Prioritäten.

Ja, wir werden bis 2050 und darüber hinaus Strom aus Biogas herstellen, denn es werden Gaskraftwerke benötigt, um Ausgleichsenergie schnell und flexibel bereitstellen zu können, doch der Anteil an der Gesamtstromproduktion wird gering bleiben.

In der Mobilität könnte der Einsatz von Biogas deutlich steigen. Besonders im Schwerlastverkehr bzw. überall, wo lange Distanzen an Lande bewältigt werden müssen, spielt Biogas seine Vorteile aus. Zwischen 4 und 8 Euro pro 100 km beziffert Hubert Seiringer, Obmann des Kompost- und Biogasverbandes (KBVÖ) anlässlich des Biogaskongresses, die Treibstoffkosten. Auch die CO2-Bilanz ist in der Mobilität im Augenblick die beste. Was es braucht, sind klare Rahmenbedingungen von der Politik. Die Technologie sei ausgreift, versichern beim heurigen Biogaskongress in St. Pölten die Vertreter der Fahrzeugindustrie. Ein riesiger Wunsch sind die gleichen steuerlichen Vorteile wie bei der E-Mobilität.

Der größte Umbruch wird bei den Haushalten erwartet, denn es ist einfach nicht genügend erneuerbares Gas vorhanden, um das gesamte Verteilernetz zu bedienen. Ein Rückbau ist, aus meiner Sicht, unausweichlich. Im Raumwärmebereich sind mit Pellets, Hackgut, Brennholz, Solarthermie, Fernwärme und Wärmepumpen eine Fülle an konkurrenzfähigeren erneuerbaren Lösungen vorhanden. Die Nutzung von erneuerbaren Gasen macht hier wenig Sinn, da die Wirkungsgrade im Vergleich zu den bestehenden Lösungen zu gering sind. Ausnahmen wird es für kleine regionale Gasnetze mit beispielsweise Industrie- und Gewerbegebieten oder für Haushalte ohne Fernwärmeanschlussmöglichkeit in dichtverbauten Gebieten geben – jedoch gilt auch hier die Prämisse 100% erneuerbares Gas.

 
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Antonio Fuljetic-Kristan

Antonio Fuljetic-Kristan

DI Antonio Fuljetic-Kristan ist seit 2010 Pressesprecher des Österreichischen Biomasse-Verbandes und Chefredakteur der Zeitschrift ökoenergie. Er studierte Forstwissenschaften an der Universität für Bodenkultur Wien und hat sich im Rahmen postgradualer Lehrgänge ein Fachwissen in Öffentlichkeitsarbeit und Exportmanagement angeeignet. Mit seiner Gattin und dem fünfjährigen Sohn bestreitet er den Alltag und wandert am liebsten mit seinem Hund in seiner Heimat – dem Wienerwald.

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