Was Sportunterricht und nachhaltige Entwicklung miteinander zu tun haben

Was hier vielleicht wenige wissen ist, dass ich neben meiner unternehmerischen Tätigkeit in der Photovoltaikbranche auch an der Karl-Franzens-Universität in Graz das Fach „Hands-on Sustainability Entrepreneurship“ unterrichte.

In diesem Wahlfach lernen vor allem junge Frauen wie ich mein Unternehmen aufgebaut habe und wie sie selbst ein Unternehmen gründen können, das die Welt ein Stückchen besser macht. Es ist eine unglaublich dankbare Arbeit, weil man sieht, wie viele tolle Studentinnen und Studenten da draußen sind, die auch etwas bewegen wollen, und ich ihnen dabei wirklich helfen kann.

Die letzte Einheit war im November und dabei mussten die Studentinnen (in dieser Klasse waren wirklich nur Damen) ihre Ideen präsentieren und eine junge Dame hat mich besonders beeindruckt, weshalb ich danach auch ein Interview mit ihr gemacht habe. Man sieht daran, dass Nachhaltige Entwicklung wirklich in JEDEM Lebensbereich eine Rolle spielen kann, und was große Visionen langfristig bewirken können. Was ich den Studentinnen nämlich ganz stark vermittelt habe ist, dass die Kraft positiver Visionen einfach Unglaubliches bewirken kann. Nun aber Bühne frei für Julia Wlasak, die mit ihrer Arbeit und ihrem zukünftigen Unternehmen nachhaltige Bildung in die Schulen bringen will.

Bildung für nachhaltige Entwicklung muss endlich in Bewegung kommen!

Liebe Julia, erzähl uns von deiner Idee und wie du darauf gekommen bist?

Julia W.: Ich beschäftige mich bereits seit mehreren Jahren mit Bildung für nachhaltige Entwicklung (kurz BNE) und war sofort nach dem ersten Kontakt, damals noch in einem Uni-Seminar, Feuer und Flamme.

Eine inklusive Bildung für nachhaltige Entwicklung soll alle Menschen dazu befähigen, weltweit den jetzigen sowie zukünftigen Generationen ein würdiges Leben und die Befriedigung ihrer Bedürfnisse unter Chancengleichheit zu ermöglichen.

Man stellt sich die Frage: Welche Auswirkungen haben mein Verhalten, meine Entscheidungen und meine Handlungen? Zudem geht es mehr als nur um das Hier und Jetzt: Welche Auswirkungen hat mein Handeln lokal, global, hier und in Zukunft. Um diese Fragen zu beantworten braucht es Wissen, die Förderung von Kompetenzen (somit Fähig- und Fertigkeiten) sowie aktive Partizipation. Das heißt, dass wirklich alle Menschen sowie Institutionen in diesen Prozess, nämlich die Welt zum „Besseren“ zu gestalten, einbezogen werden müssen. Nur wenn alle an einem Strang ziehen und über die Dringlichkeit der globalen Herausforderungen jetzt und in Zukunft Bescheid wissen, und sich aktiv mit verantwortungsbewussten, nachhaltigen Handlungen beteiligen, kann diese Transformation gelingen. Dazu benötigt es eben diese Bildung für eine nachhaltige Entwicklung als Fundament – mit ihr können diese Herausforderungen bewältigt werden.

Aus diesem Grund ist es essenziell, Bildung für nachhaltige Entwicklung als Querschnittsthema anzusehen, dass in alle Bereiche der Bildung einfließt. Gerade im Schulunterricht gibt es unzählige Möglichkeiten für alle Fächer, Themen für eine nachhaltige Entwicklung einzubringen und dementsprechende Kompetenzen zu schulen, um Schülerinnen und Schüler zu befähigen, aktiv an der nachhaltigen Gestaltung unseres einen Planeten mitzuwirken.

Unter anderem zeigt die Fridays4Future-Bewegung, ausgehend von den Jugendlichen selbst (!) wie wichtig den Jugendlichen diese Themen sind. Jugendliche verstehen, dass auch sie beitragen können und müssen. Jetzt geht es darum, dass alle Menschen Verantwortung übernehmen (können). Bildungsstätten haben hier einen großen Anteil an dieser Verantwortung, so eben auch inbesondere Schulen. Es ist höchste Zeit, BNE in allen Fächern konsequenter zu behandeln!

Dazu braucht es natürlich auch Unterstützung für die Lehrerinnen und Lehrer, bestenfalls gleich in der LehrerInnenausbildung! BNE soll nicht als lästiges Zusatzthema im Lehrplan angesehen werden, sondern Inhalte und Methoden einer BNE selbstverständlich einbezogen werden. Sie leisten einen wichtigen Beitrag für die Verankerung von BNE! Anknüpfungspunkte an die Lebensrealitäten der Jugend finden sich spielend, auch wenn es dazu etwas Kreativität und Umdenken benötigt. Die Bereitstellung von aufbereiteten Unterrichtsmaterialen, die individuell angepasst werden, sowie Fort- und Weiterbildungen können hier für Lehrende unterstützend wirken.

Es ist möglich, BNE in jedes Unterrichtsfach einzubauen, da gibt es keine Ausreden mehr! Ich habe mich unter anderem auf die Verankerung von BNE im Bewegungs- und Sportunterricht konzentriert, um damit zu zeigen, dass dies für alle Fächer möglich ist!

Wie bist du darauf gekommen?

Ich bin mir der generellen Skepsis bewusst, wenn es darum geht, Neues in den Unterricht zu integrieren. Der tägliche Druck, Lerninhalte (Stichwort Gesamtmatura) durchzupeitschen, hindert Lehrerinnen und Lehrer, sich auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler zu konzentrieren und sie optimal dabei zu begleiten, mündige und aktive Teilnehmende der Gesellschaft zu werden, die nachhaltige Entscheidungen treffen. Hier braucht es dringend ein Umdenken und Unterstützung von institutionellen Rahmenbedingungen. Es braucht jedoch nicht viel von Einzelpersonen, BNE in alle Fächer einzubauen. Viele Fächer zeigen bereits unzählige Parallelen zu BNE, sie müssen nur erkannt werden. Nehmen wir also das Unterrichtsfach Bewegung und Sport.

Bewegung und Sport sind wichtig für unser Wohlbefinden und dienen zur Gesundheitsprävention und Stressreduktion. Sport als „Sprache, die jede/r spricht“ vereint Menschen über Grenzen hinweg. Fairness wird geschult und Brücken werden gebaut. Sport und Bewegung bieten also die Möglichkeit, Herausforderungen aktiv und bewegt zu begegnen. Oft wird dabei von Lernen mit „Kopf, Herz und Hand“ gesprochen. Lerngegenstände werden greifbarer und praktisch, und somit auf einer anderen Ebene des Lernens behandelt – was nachweislich zu mehr Erfolg führt. Bewegung und Sport in der Natur wirken einer sogenannten „Naturdistanz“ entgegen in dem gelernt wird, dass die Natur etwas schätzens- und schützenswertes ist. Mit der Implementierung von BNE in den Sport- und Bewegungsunterricht wird dem leider oft schlechten Ruf von „gedankenlosem und inhaltslosem Unterrichtsfach“ zusätzlich ein Upgrade verliehen, und der Mehrwert und die Dringlichkeit von Sport und Bewegung (Jugendliche bewegen sich nach wie vor zu wenig!) mehr geschätzt: Somit eine Win-Win-Situation.

Wie könnte so eine Schulstunde aussehen und was lernen die Kinder dabei?

Abgesehen von Sport und Bewegung, die ohnehin ein nachhaltiges Verhalten fördern (man nehme als Beispiel Radfahren oder regelmäßiges Gehen anstelle von Autofahrten) können alle Dimensionen der Nachhaltigkeit (sozial, ökonomisch, ökologisch) intensiv behandelt werden. Ich habe beispielsweise mit einer Bewegungsgeschichte („Die Geschichte vom kleinen Baum“), die mit Yogaübungen begleitet wurde, die Abholzung der Regenwälder behandelt. Davor gab es ein Aufwärmspiel „Baumrodung“, welches neben der Behandlung von Inhalten und Fakten auch gleichzeitig Teamfähigkeit schulte. Das Abwärmen mit Dehnübungen wurde dabei von einer Gruppendiskussion des behandelten Themas begleitet und Möglichkeiten diskutiert, wie jede/r Einzelne positiv beitragen kann.

Eine weitere Stunde befasste sich mit der „Nachhaltigkeitsschnitzeljagd“, in der die Schülerinnen und Schüler gemeinsam nachhaltigkeitsrelevante Problemstellungen lösen mussten – und, teilweise ohne es zu merken, eine fordernde Ausdauereinheit hingelegt haben.

Wichtig ist die Orientierung an Bedürfnissen. Was brauchen die Schülerinnen und Schüler, was ist ihnen wichtig? Kombiniert mit einem bunten Methodenmix bleiben die Unterrichtseinheiten nicht nur den Schülerinnen und Schülern im Gedächtnis, sondern auch den Lehrenden – und spielen eine Rolle bei zukünftigen Entscheidungen.

Was ist deine große Mission dahinter? 

Meine Mission gliedert sich in zwei Teile. Erstens: Bildung für nachhaltige Entwicklung muss konsequent und endgültig den Sprung in den Schulunterricht schaffen – und in alle Fächer miteinfließen. Damit Lehrende sich nicht allein gelassen fühlen, braucht es begleitende Unterstützung und dementsprechende Angebote, u.a. beginnend in der LehrerInnenausbildung. Zweitens: Die Bedeutung von Bewegung und Sport wird von der Gesellschaft und Institutionen nach wie vor unterschätzt. Dabei können gerade Bewegung und Sport helfen, Lerninhalte intensiver zu begreifen und das Gelernte auch wirklich umzusetzen. Aktives, gemeinsames Handeln steht im Vordergrund, und das wird benötigt, um globale Herausforderungen zu lösen. Gleichzeitig wird das Bewegungsverhalten zum positiven für nachhaltige Gesundheit gefördert. Und genau das brauchen Jugendliche, um sich auch in Zukunft für den Planeten stark machen zu können.

Infos zu Julia Wlasak

  • Mag. Julia Wlasak (abgeschlossenes Lehramtsstudium Geografie und Wirtschaftskunde/Bewegung und Sport)
  • Laufendes Masterstudium Global Studies
  • Ehem. Univiersitätsassistentin am Regionalen Zentrum Bildung für nachhaltige Entwicklung Graz-Styria sowie akademische Mitarbeiterin am Zentrum Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE-Zentrum) der pädagogischen Hochschule Heidelberg

Vielen Dank, liebe Julia! Ich wünsche dir viel Erfolg mit deinem Vorhaben und weiß jetzt schon, dass irgendwann an jeder Schule diese Einheit unterrichtet wird :-)

 
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Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach  mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

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