Die Lunge der Erde

Unser Auftrag für unsere Zukunft

„Die Lunge der Welt brennt und wir schauen zu!“

Diese Schreckensmeldung hat im August nahezu jede Zeitung beherrscht. Mittlerweile ist der Aufruhr über die Brände im Amazonas abgeklungen, die Auswirkungen jedoch sind weiterhin real.

Einer, der diese Folgen hautnah zu spüren bekommt, ist der 30-jährige Mapu Huni Kuin aus dem Indigenen-Volk der „Huni Kuin“, das im Regenwald Brasiliens beheimatet ist. Er hat gemeinsam mit seiner Schwester Bismani viele Reisen unternommen, um auf die erschreckenden Begebenheiten in seiner Heimat aufmerksam zu machen. In Österreich haben die beiden auch Zeit mit dem Wiener Buchautor, Coach und Persönlichkeitstrainer Klaus Werner-Lobo verbracht und verschiedene Anstrengungen zum Klimaschutz unternommen. Die Eindrücke dahingehend konnte ich im Zuge eines spannenden – und vor Allem berührenden – Interviews mit Herrn Werner-Lobo einfangen.

Er beschreibt sein persönliches Interesse am Klimaschutz als prinzipielle Überlebensfrage und Thema der Zukunft, die er als Familienvater für seine Kinder so gut wie nur möglich gestalten möchte. Der Amazonas mit seinem großen Potential, CO2 umzuwandeln, ist für ihn einer der wesentlichen Faktoren, „um das Ruder herumzureißen“, also die Erde zu retten. Mit Brasilien verbindet ihn eine besondere Freundschaft, denn er hat selbst viereinhalb Jahre dort gelebt und ist mit einer Brasilianerin verheiratet. Dadurch lernte er auch die dort lebenden Indigenen kennen und pflegt seit Kurzem eine tiefe Verbindung zu den Huni Kuin.

Dieses Volk lebt an der Grenze zu Peru im brasilianischen Bundesstaat Acre und besteht aus etwa 14.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Durch ihre ursprüngliche spirituelle Verbindung zur Natur können sie – wie andere Indigene – die Umwelt am besten schützen. Sie verstehen sich als Teil der Natur – gemeinsam mit all den Pflanzen und Tieren. Das heißt, wenn sie etwas davon verletzen, verletzen sie sich selbst. Dies ist mittlerweile auch Stand der Wissenschaft: Es ist nur möglich, mit und von der Natur zu leben und dabei gegenseitigen Respekt zu zeigen.

Mapu Huni Kuin ist „Kazike“ seines Stamms – sozusagen der politische Anführer. Dies bedeutet jedoch nicht, dass er sich als Oberhaupt sieht, sondern vielmehr als Vertreter der Interessen seines Volks. Zwar gibt es heutzutage in Brasilien demarkierte indigene Reservate, jedoch viel zu wenige, um allen Völkern ein langfristiges Überleben zu garantieren. Im Zuge der Kolonialisierung wurden ihre ehemaligen Gebiete nahezu komplett zerstört, wodurch viele Indigene versuchten, dem Elend in den Reservaten zu entfliehen und in der Stadt ein neues Leben zu beginnen. Dort erwartete sie jedoch noch mehr Leid und Probleme wie der Alkoholismus. Obwohl die Sklaverei in Brasilien offiziell 1888 abgeschafft wurde, kam es in den letzten Jahrzehnten – vor Allem in der Militärdiktatur – oft zu Zwangsarbeit, die an Schuldknechtschaft erinnert. Der Vater von Mapu, Isaka Huni Kuin, wurde ebenfalls als Kautschukarbeiter eingesetzt und dafür mit Schnaps bezahlt – eine gezielte Strategie, um die Indigenen in die Abhängigkeit zu treiben.

Auch Mapu Huni Kuin selbst hat versucht, in Rio Branco zu studieren, begegnete aber auch auf der Universität dem Rassismus gegen Indigene. Deswegen haben er und seine Familie entschieden, in der Nähe der Hauptstadt ein Zentrum zu gründen, um anderen Huni Kuin zu helfen. Die Einrichtung nennt sich „Centro Huwã Karu Yuxibu“ und befindet sich 36 km westlich von Rio Branco.

Da in Brasilien Privateigentum mehr zählt als politische Rechte für Indigene, versucht Mapu Huni Kuin Land zurückzukaufen. Dort wollen sie Häuser, Schulen und ein spirituelles Zentrum bauen sowie medizinische Pflanzen züchten, um letztendlich dort bzw. im ursprünglichen Regenwald wieder ein gutes Leben zu führen.

Dafür stellt er auf Reisen nach Europa, Kanada und in die USA die Interessen seines Volks vor und bietet spirituelle Arbeiten an, da besonders auch in diesen Ländern ein großes Bedürfnis nach einer solchen Verbindung besteht. Das Geld, das er dabei verdient, investiert er in den Landkauf. Auch in den Städten Brasiliens verbreitet Mapu Huni Kuin die Weisheiten im Umgang mit der Natur und ihren Heilkräften. Sein Vater Isaka ist selbst ein indigener „pajé“, der laut Klaus-Werner Lobo mit spirituellen Mitteln tatsächlich Krankheiten heilen kann. Die Huni Kuin leben eine sogenannte Naturreligion mit „Epã Kuxipa“ als „Großem Geist“. Dabei haben jedes Lebewesen und jede Begebenheit, wie Wasser, Sonne oder Luft, eigene Energien, mit welchen die Indigenen in enger Verbindung stehen.

Diese ursprüngliche Kultur wurde durch die Kolonialisierung und den massiven Einfluss durch evangelikale Freikirchen weitgehend verändert. Weitere Probleme für die indigene Bevölkerung und die Natur sind die industrialisierte Landwirtschaft und der allgemeine Ressourcen-Raub. Dabei kommt es oft zu illegalen Rodungen von riesigen natürlichen Flächen, um Monokulturen für den internationalen Export anzubauen. Das vieldiskutierte Mercosur-Abkommen würde diesen Raubbau noch weiter vorantreiben.

Auch auf den Flächen des „Centro Huwã Karu Yuxibu“ kam es am 22. August zu einem mutwillig gelegten Brand. Dabei wurden fünf der zehn Hektar Wald komplett zerstört – mit allen Heilpflanzen und Tieren, die dort gelebt haben. Die Häuser sind zum Glück unversehrt geblieben. Die Betroffenen suchen noch nach den Tätern, vermuten aber, dass es sich um jemanden aus der Nachbarschaft handelt, der eine Wiederansiedelung der indigenen Bevölkerung ablehnt bzw. Weideflächen für Rinderherden schaffen möchte. Der Brand geschah während des Aufenthalts von Mapu Huni Kuin und seiner Schwester in Österreich, worauf die beiden mit Klaus Werner-Lobo und seiner Familie eine Spendenkampagne auf der Plattform „gofundme“ gestartet haben – eine weitere Aktion ihres gemeinsamen Vereins „Kapa Yuxibu für den Schutz der Umwelt durch indigene Völker“ mit Sitz in Wien. Der Name bedeutet in „Hãtxa Kuin“, der Sprache der Huni Kuin, im Wesentlichen „der Geist des Eichhörnchens“. Klaus-Werner Lobo erzählt stolz von der Idee Mapu Huni Kuins, „so flink wie ein Eichhörnchen, das von der Natur lebt, etwas weiterbringen zu wollen“.

Gegen die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes vorzugehen ist das oberste Ziel von Mapu Huni Kuin und den Betreiberinnen und Betreibern des Zentrums. Er selbst möchte sich jedoch in Zukunft hauptsächlich spirituellen Aufgaben widmen und hat daher eine Entscheidung getroffen, die unter seinem Volk für viel Aufsehen sorgen wird: Er möchte die „Kazikenschaft“, also die Leitungsaufgaben des Zentrums, an seine Schwester Bismani übergeben. In einem Volk, dessen patriarchale Strukturen durch Kolonialismus und Evangelisierung noch stark verfestigt wurden, ist das ein geradezu feministischer Akt, der die 24-Jährige in der gesamten bekannten Geschichte der Huni Kuin zur ersten weiblichen Anführerin macht. Auf diese wichtige Aufgabe wurde sie auch während der Europa-Reise vorbereitet – unter anderem beim Auftritt der beiden als erste Indigene im EU-Parlament – und hat sich dadurch eine gewisse Legitimität unter ihrem Volk verschafft.

Um in der gesamten Gesellschaft einen Wandel zu bewirken, organisieren Mapu und Bismani Huni Kuin viele verschiedene Veranstaltungen in Brasilien und im Ausland. Klaus Werner-Lobo erzählt von Konzerten, die die begabten Musiker veranstalten, Diskussionsrunden, Aufklärungsarbeit und vielem mehr. So haben Mapu und sein Vater Isaka im vergangenen März etwa die Volksschule seines Sohnes in Wien besucht und die Kinder tief berührt und für die Notwendigkeit des Schutzes unserer Umwelt sensibilisiert. Im August traten Mapu und Bismani als Vertreter jener Völker, die hautnah mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen haben, auch bei einer Demonstration der Klimaschutzbewegung „Fridays for Future“ auf. Deren Gemeinschaftsgedanken und die Lebensfreude machen auch den wesentlichen Erfolg solcher Bewegungen aus.

Sich auf die Grundwerte zu besinnen und die Erkenntnis, dass die Anhäufung von materiellen Gütern langfristig nicht glücklich macht, sind Themen, die die Huni Kuin immer wieder ansprechen. Klaus Werner-Lobo hebt hervor, dass Krankheiten wie Depressionen nach wissenschaftlichen Untersuchungen vor allem unter ganz armen und ganz reichen Bevölkerungsschichten auftreten – ein Argument mehr für die Dringlichkeit einer Umverteilung des Reichtums und eines Ausstiegs aus dem System der Konsumgesellschaft.

Um dies zu erreichen sieht Klaus Werner-Lobo die Kinder und Jugendlichen als große Hoffnung. Er spricht aber auch jede Wählerin und jeden Wähler an, mit demokratischen Mitteln „den Kampf gegen die Zerstörer zu gewinnen“. Als entscheidenden Hebel nennt er die Politik, die den Handel mit zerstörerischen Unternehmen unterbinden müsste. Doch auch im privaten Umfeld kann ein Beitrag geleistet werden. Alle Konsumentinnen und Konsumenten können etwas verändern, indem sie auf Güter aus ausbeuterischer oder umweltschädlicher Produktion oder zum Beispiel weitgehend auf Fleisch oder Flüge verzichten und vermehrt zu regionalen und ökologischen Produkten greifen. Diese sind gesünder, man unterstützt die heimische Wirtschaft und schützt den gesamten Planeten.

Das wahre Stichwort in der gesamten Debatte um die Zukunft unserer Erde ist nämlich „Klimagerechtigkeit“, und nicht nur ein paar gut gemeinte Umweltschutzgesetze. Es gibt einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz. Langfristig bedarf es einem Systemwandel – einem Wandel, in dem die Wirtschaft andere Werte schafft, genauer gesagt, ein gutes Leben für alle ermöglicht.

Dies ist nach wissenschaftlichen Erkenntnissen möglich, mit einer Veränderung in der gegenwärtigen Nutzung der Ressourcen und einem Ineinandergreifen von Umwelt- und Sozialpolitik. Große Vermögen müssen umverteilt und für staatliche Aufgaben und somit soziale Stabilität genutzt werden. Dabei spielt das Wort „Nachhaltigkeit“ eine entscheidende Rolle: der Natur wird nur so viel entnommen wie wieder zu ihr zurückfließen kann.

Ein solches kollektivistisches Denken herrscht unter den meisten indigenen Völkern. Sie sind sich bewusst, dass egoistische Handlungen das gesamte Gefüge beeinflussen und sich jede Tätigkeit auf sie auswirkt. Deshalb ist die „Kazikenschaft“ -also die politische Leitung – bei den Huni Kuin auch keinesfalls eine Vorherrschaft, sondern bedeutet die meiste Arbeit, die Arbeit für das Gemeinwohl des gesamten Volkes, zu leisten. Daher wird dieses Amt auch nicht gewählt, sondern man beweist bereits sein ganzes Leben lang, dass man „für alle arbeitet, nicht für sich selbst“.

Die Theorie ist in unseren Köpfen schon lange angekommen, jedoch handeln wir oft so, als wären wir alleine auf der Welt – als wären wir der kleine Finger im zusammenhängenden System Körper, der nicht an den Rest denkt, wie es Klaus Werner-Lobo treffend zusammenfasst. Ein solches Denken geht jedoch nicht lange gut, denn der Körper braucht jeden Teil, auch die Lunge. Genauso braucht auch die Erde ihre Lunge, den Amazonas. Hoffentlich helfen solche „Best Practice“-Beispiele aus dem ursprünglichen Verständnis der Indigenen, um einen globalen Wandel zu erwirken und der Natur und uns allen eine positive Zukunft zu ermöglichen.

© Klaus Werner-Lobo / © Centro Huwa Karu Yuxibu

 
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Kathrin Haider

Kathrin Haider

Im Bachelor-Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien beschäftigt sich Kathrin Haider neben finanz- und betriebswirtschaftlichen Themen auch mit Change-Prozessen und Nachhaltigkeit. Die Arbeit im Group Sustainability Management der RBI ist für die Burgenländerin die perfekte Ergänzung dazu. Mithilfe diverser Texte bezüglich langfristig erfolgreicher Wirtschaft möchte sie gemeinsam mit ihrem Team auf mögliche Probleme aufmerksam machen und Veränderung bewirken.

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