Atomkraft, Addendum und die Wirtschaftlichkeit verschiedener Energieträger

Wirksame Klimaschutzmaßnahmen

Viele aus der Energieszene haben es mitbekommen, dass bei Addendum ein in der Branche umstrittener Atomkraftartikel erschienen ist. Ich werde in diesem Artikel auch nur auf eine Frage, die dort behandelt wurde eingehen, weil die Wirtschaftlichkeit verschiedener Energieträger eben mein Lieblingsthema ist.

Ich hatte mich gefreut, dass endlich auch jemand in Österreich das Thema Wirtschaftlichkeit von Atomkraft aufgreift und so auch in der breiten Öffentlichkeit sichtbar wird, dass wir uns in keinster Weise vor einem Aufleben der Atomkraft fürchten müssen, weil sie nicht nur zu gefährlich und viel zu langsam im Ausbau ist, sondern schlichtweg zu einer der teuersten Energieformen geworden ist.

Leider ist es den Journalisten, die sich, wie sich aus Twitter herausgestellt hat, lange mit dem Thema auseinandergesetzt haben, leider nicht gelungen ein aktuelles Bild über die Wirtschaftlichkeit von Atomkraft zu zeichnen, da es anscheinend keine journalistisch adequaten Studien gibt, die nicht in Verdacht stehen von einer Seite „gekauft“ zu sein.

Deshalb möchte ich hier nochmal auf das Thema eingehen, da ich ja, wie ihr wisst, ein LCOE (Levelized Cost of Energy) Junkie bin und mich die Frage um die günstigste und sauberste Energieform seit 10 Jahren antreibt. Ich könnte noch 10 Seiten darüber füllen, aber es gibt auch schon Anzeichen bei Addendum, dass man sich dem Thema vielleicht nochmal genauer widmet, denn auch die Erneuerbaren sind noch lange nicht Mainstream ;-).

Richtig: Atomkraft ist schlichtweg die teuerste Energieform!

Wie auch Greta Thunberg schon nach vermutlich wenigen Recherchen herausgefunden hat, ist Atomkraft schlichtweg die teuerste aller CO2-armen Technologien. Und da hilft auch nicht, dass Bill Gates, den ich auch sehr schätze, sich dieses Thema ansieht. Er ist Geschäftsmann und kann rechnen. Als er 2010 mit dem Laufwellenreaktor begonnen hat, waren die Vorzeichen noch völlig anders (Gestehungskosten von Erneuerbaren lagen deutlich über jenen von Atomkraft) und spätestens, wenn er sein erstes 600 MW Projekt 2025 vielleicht fertig hat (derzeit ist ohnehin schon Baustopp), wird er sehen, dass die Gestehungskosten um ein zwei- bis dreifaches höher sind als jene von Photovoltaik. Und selbst kombiniert mit Gas als Ausgleichsenergie liegen die Werte darunter.

He said – she said Journalismus problematisch in so essentiellen Fragen

Genau deshalb ist es so wichtig in Sachen Wirtschaftlichkeit von Atomkraft genau hinzuschauen. Es gibt tatsächlich noch immer Menschen die dem Uraltschmäh „Atomkraft – to cheap to meter“ auf den Leim gehen. Auf Nachfrage bei den Autoren warum bei den Wirtschaftlichkeitsvergleichen so alte Werte herangezogen wurden, wurde geantwortet, dass die letzte von der EU geförderte Studie eben aus 2014 sei. In der Einleitung hat man außerdem beiden „Lagern“ dieselbe Bühne geboten, ohne zu erklären, wo genau die aktuelle DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung ) Studie jetzt falsche Annahmen für AKWs annimmt. Das ist, meiner Meinung nach, das große Problem des Journalismus von heute. „He said- She said -Journalism“ heißt das in der Fachsprache. Ein Medium muss immer beide Seiten zu Wort kommen lassen, auch wenn darauf hingewiesen wird, dass es sich bei „der anderen Seite“ um einen atomkraftfreundlichen Verein handelt, hat man das Gefühl es gibt keine Wahrheit. Die Bühne haben beide gleichermaßen und der Leser glaubt dann dem, der seiner Meinung eher entspricht. Hier der Auszug aus dem Artikel:

Die Frage der Wirtschaftlichkeit von Atomkraftwerken wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Erst im Juli 2019 kam das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zu dem Ergebnis, dass sich Atomkraft aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht rechne, selbst wenn die Kosten für die Endlagerung nicht berücksichtigt werden. Im Schnitt mache ein Atomkraftwerk über den gesamten Zyklus zwischen 1,5 und 8,9 Milliarden Euro Verlust. Der Bau dieser Anlagen sei mittlerweile drei- bis zehnmal so teuer wie in der Vergangenheit kalkuliert. Kritiker werfen dem DIW hingegen eine selektive Quellenwahl vor. Unter den getroffenen Annahmen wären Wind- und Solarkraft ebenso unrentabel, so das Urteil des atomkraftfreundlichen Vereins „XY“ (Name von der Redaktion geändert ;-)). Außerdem würden Kernkraftwerke in der Realität deutlich länger laufen als in der Studie angenommen. Bei kapitalintensiven Kraftwerken, wie Atomreaktoren, wirkt es sich gewaltig auf die erwartete Profitabilität aus, ob die veranschlagte Betriebsdauer 40 oder 60 Jahre beträgt.


Addendum

Wie man die Kosten eines Atomkraftwerks berechnet

Ja richtig erkannt, die getroffenen Annahmen sind DER ENTSCHEIDENDE PUNKT. Das wissen diese Herrschaften von dem Verein genau deshalb so gut, weil sie die letzten Jahrzehnte Meister darin waren, genau diese Annahmen so hinzudrehen, damit bei den LCOE Berechnungen ein schöner Wert herauskommt. Mein Lieblingsbeispiel ist der sogenannte „volkswirtschaftliche Zinssatz“, mit dem man die Gestehungskosten mit nur einem Minitrick um 3-5 ct/kWh manipulieren kann, ohne auch nur irgendetwas am Werk selbst zu ändern. Warum ich das so genau zu wissen glaube? Aus leidvoller Erfahrung weiß ich, dass wir in der Photovoltaik daran gewöhnt sind, immer die konservativsten Werte überhaupt anzunehmen, um nur ja nicht in den Verdacht eines Schönrechnens zu kommen. Über den Vorwurf der selektiven Quellenwahl kann ich deshalb bestenfalls nur schmunzeln. Ich habe mich vor einigen Jahren diesem Thema wirklich genau gewidmet und eine Schweizer Studie über die Kosten von Atomkraft hergenommen und genau diese selektive Quellenwahl bei AKWs sichtbar gemacht. Sie wurde im Auftrag der Schweizer Regierung erstellt, um zu überprüfen, ob eine Investition in Atomkraft heutzutage noch rentabel ist. Überprüft mal, wann in der Schweiz das letzte AKW gebaut wurde.

Österreichs Problem: Uraltzahlen in der Energiewirtschaft

Und nun zum letzten Punkt, der mich persönlich, wie oben erwähnt, am meisten schmerzt. Ich habe selbst auch unzählige Artikel über Gestehungskosten und Energieverbrauchsdaten erstellt und war auch schon damals mordsmäßig frustriert über all die Uraltzahlen, die es zum Download bei den öffentlichen, vertrauenswürdigen Institutionen gab. Ich hab mich sogar mit der Statistik Austria auf Twitter angelegt, weil ich es untragbar finde, dass die Energiestatistiken Österreichs mit zweijähriger Verspätung veröffentlicht werden, während es in Deutschland vierteljährliche Reports durch die ARGE Erneuerbare gibt. Wie soll ein Politiker oder eine Politikerin hier gute Entscheidungen treffen, wenn es keine aktuellen Zahlen gibt? Jeder Konzernchef würde unter solchen Reportingbedingungen sofort kündigen, wegen Undurchfürbarkeit seines Auftrags. In Österreich hingegen, ist es gelebte Praxis, dass der amtierende Umweltminister sich bei den immer schlechter werdenden Uraltzahlen auf den Vorgänger oder die Vorgängerin ausreden kann. Ok, ich schweife ab. Jedenfalls wurde in dem Bericht von Addendum letztlich die EU-Ecofys Studie aus 2014 herangezogen, bei der die Photovoltaik noch satte 10 ct/kWh kostet. Dabei haben wir mit aktuellen Errichtungskosten, die auch wirklich halten und nicht nur in einer Studie stehen, jetzt schon bei mittelgroßen Kraftwerken Gestehungskosten von unter 5ct/kWh! Das ist ein Unterschied in gigantischer Dimension! Um zu verdeutlichen, wie sehr um die Deutungshoheit über die Gestehungskosten verschiedener Kraftwerksarten diskutiert wird, hier zwei Screenshots aus dem Stromgestehungsartikel in der Wikipedia. Man mag über Wikipedia denken was man will, aber wer schon einmal versucht hat, dort etwas zu ändern, weiß, welchem Beweis- und Diskussionsprozess man sich hier stellen muss. Es gibt unzählige Gatekeeper und es werden auch hier nur vertrauenswürdige Studien zugelassen. Spannend finde ich deshalb, wie sich diese Tabelle in den letzten Jahren verändert hat.

Stromgestehungkostentabelle aus 2015 vs. 2019

Diese Tabelle hat meiner Meinung nach die größte Bandbreite an verschiedenen Studien abgebildet und da ich schon seit vielen Jahren Vorträge zum Thema Gestehungskosten mache, habe ich, Gott sei Dank, einen Screenshot von damals.

Stromgestehungskosten

Na, was fällt euch auf? Die 2008er Werte in der 2015er Abbildung sind besonders spannend, weil aus diesen Jahren die Mär über die „billige Atomkraft“ kommt. Tatsächlich ist aber ein ganz anderer unverkennbarer Trend zu erkennen. Die Kosten für Atomkraft sind jährlich gestiegen, die Kosten für Erneuerbare signifikant gesunken. Einige unliebsame Zahlen im Bereich der Atomkraft hat man kurzerhand rausgelöscht. Rauslöschen ist übrigens viel einfacher, als etwas hineinschreiben. Hier sieht man auch, warum zu Beginn der 2010er Jahre die Atomkraft für manche vielleicht echt noch eine Option war. Sieht man sich die aktuellen Zahlen an ist es wirtschaftlicher Selbstmord und die einzigen, die daran verdienen, sind jene, die das Atomkraftwerk bauen. Den unwirtschaftlichen laufenden Betrieb zahlen dann die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler oder die Stromkonsumentinnen und Stromkonsumenten.

Atomkraft ist seit 2008 massiv teurer – Photovoltaik massiv günstiger geworden

Im Bericht von Addendum wird durch die Verwendung der alten DIW-Studie leider der Eindruck vermittelt, dass Atomkraft und Photovoltaik mit jeweils 10ct/kWh Gestehungskosten gleich „teuer“ seien, und das finde ich schlichtweg schade, weil es doch ein Medium ist, dem man vertraut. Und da hilft auch die Aussage, dass das einfach schwierig zu beantworten ist, wenig, weil es ohnehin schwer genug ist, den Menschen zu erklären, dass Photovoltaik eine günstige Energiequelle ist, wo sie doch jetzt 10 Jahre gehört haben, das sei so teuer. Die Medien haben hier einen wichtigen Bildungsauftrag zu erfüllen und die Menschen auf den aktuellen Wissensstand zu bringen. Das ist eines der fehlenden Puzzlestücke zum „Solarage“. Ich wünsche mir hiermit noch mehr Journalistinnen und Journalisten, die sich dem Thema widmen und so zur neuen Aufklärung beitragen!

Wer es bis hier ans Ende geschafft hat, bekommt auch noch die derzeit aktuellste Studie zu Gestehungskosten zu sehen. Hier der Link zum selber lesen. Der Artikel ist ohnehin schon viel zu lang und da ich gerade gesehen habe, dass ich die wichtigste Grafik der Energiewirtschaft hier noch nie gezeigt habe, wisst ihr schon was im nächsten Artikel kommt!

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach  mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

One Comment

  1. Danke für den spannenden Artikel.

    Hab ich in unserem #GREEN-LRT Slack channel schon mit Kollegen geteilt und diskutiert und auf Twitter geteilt!

    LG & noch einen schönen Tag!
    Christoph

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