Sustainable Finance:

Taxonomie

Im Juni 2019 wurde von einer technischen Expertengruppe der Europäischen Kommission (EK) ein Fachbericht veröffentlicht. Dieser soll Investoren und Unternehmen künftig dabei unterstützen, Investitionsentscheidungen über klimafreundliche Wirtschaftstätigkeiten zu treffen. In diesem Bericht wurden klare Kriterien festgelegt, wann eine wirtschaftliche Tätigkeit als ökologisch nachhaltig einzustufen ist.

Dabei muss sie jedenfalls zur Erreichung von einem der sechs Umweltziele beitragen und darf zudem keine der Umweltziele erheblich beeinträchtigen:

  • Klimaschutz,
  • Anpassung an den Klimawandel,
  • nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen,
  • Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung und Recycling,
  • Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung sowie
  • Schutz gesunder Ökosysteme.

Weiters ist die Einhaltung internationaler sozialer und arbeitsrechtlicher Mindeststandards zu prüfen. Im vorliegenden Bericht wurden vorerst nur jene Aktivitäten beschrieben, die einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz und zur Anpassung an den Klimawandel leisten (also zu den ersten beiden oben angeführten Umweltzielen). Die Taxonomie wird aber laufend weiterentwickelt und um die anderen Umweltziele ergänzt. Der Fachbericht besteht aus sechs Abschnitten

@ Kapitel 1) In diesem Abschnitt wird die Bedeutung einer CO2-armen, klimaresistenten Wirtschaft umfassend beschrieben. Da zur Verwirklichung der Klima- und Energieziele der EU bis 2030 jährlich zusätzliche Investitionen in Höhe von rund 180 Mrd. EUR erforderlich sind, kommt den Finanzinstituten zur Erreichung dieser Ziele eine entscheidende Rolle zu.

@ Kapitel 2) In diesem Teil werden die technischen Screening-Kriterien erläutert, nach welchen die Zuordnung zu Klimaschutz, Anpassung an den Klimawandel und „do no significant harm“ erfolgen soll. Das NACE-System wurde als Ausgangspunkt für die Fokussierung auf Wirtschaftszweige ausgewählt. Problem hierbei ist laut Bericht der technischen Expertengruppe (TEG), dass zum Teil eine ausreichende Granularität fehlt, um eine vollständige Bewertung der Umweltauswirkungen zu ermöglichen und einige Finanzmarktteilnehmer andere Klassifizierungssysteme wie etwa das Global Industrial Classification System (GICS) verwenden.

Die Auswahl der Wirtschaftszweige, die vorerst näher untersucht wurden, erfolgte nach einem mehrstufigen Prinzip:

  1. Identifizieren von Prioritäten: NACE-Codes umfassen 21 Wirtschaftssektoren mit vier Ebenen von Untercodes. Auf der vierten Ebene werden 615 Klassen wirtschaftlicher Tätigkeit ermittelt. Es war nicht möglich, innerhalb des Zeitrahmens des TEG technische Screening-Kriterien für alle wirtschaftlichen Klassifikationen zu entwickeln. Die TEG ermittelte daher prioritäre Sektoren, also jene NACE-Abschnitte mit hohen CO2-Emissionen.
  2. Identifizierung potenzieller Aktivitäten innerhalb jedes Wirtschaftssektors, die wesentlich zur Eindämmung des Klimawandels beitragen können. Diese wurden weiter nach der Art des Beitrags kategorisiert.
  3. Definition des wesentlichen Beitrags zur Eindämmung des Klimawandels.
  4. Festlegung von technischen Screening-Kriterien, die aus drei Komponenten bestehen:
  • Begründung warum eine Tätigkeit zu einem wesentlichen Beitrag und/oder zur Vermeidung erheblicher Schäden für das betreffende Umweltziel führen wird.
  • Die Methode, mit der die Umweltleistung der Wirtschaftstätigkeit gemessen wird.
  • Qualitative oder quantitative Kriterien, die erfüllt sein müssen.

Nachstehende NACE-Abschnitte wurden letztlich als prioritär eingestuft und im Bericht näher analysiert:

  • Land- und Forstwirtschaft, Fischerei
  • Verarbeitendes Gewerbe/Herstellung von Waren
  • Energieversorgung
  • Wasserversorgung, Abfall und Abfallentsorgung; Beseitigung von Umweltverschmutzungen
  • Verkehr und Lagerei
  • Information und Kommunikation
  • Grundstücks- und Wohnungswesen (gegebenenfalls Anwendung auf andere Sektoren)
NACE Abschnitt Treibhausgasemissionen (THG) in Tonnen Anteil an den THG bezogen auf alle NACE Abschnitte
A: Land- und Forstwirtschaft, Fischerei 520.860.082,54 14,7%
C: Verarbeitendes Gewerbe 846.420.845,95 23,9%
D: Energieversorgung 1.072.529.498,49 30,3%
E: Wasserversorgung, Abfall und Abfallentsorgung 163.285.205,41 4,6%
H: Verkehr und Lagerei 535.602.112,51 15,2%
J: Information und Kommunikation 10.396.008,51 0,3%
L: Grundstücks- und Wohnungswesen 6.246.240,47 0,2%

In weiterer Folge werden acht Tätigkeiten angeführt, die einen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels und somit zum ersten Ziel leisten. Dazu zählen:

  1. Erzeugung, Speicherung oder Nutzung erneuerbarer Energien oder klimaneutraler Energie (einschließlich CO2-neutraler Energie), unter anderem durch den Einsatz innovativer Technologien mit Potenzial für erhebliche zukünftige Einsparungen oder durch notwendige Verstärkung des Netzes;
  2. Verbesserung der Energieeffizienz;
  3. Erhöhung der sauberen oder klimaneutralen Mobilität;
  4. Umstellung auf die Nutzung nachwachsender Rohstoffe;
  5. Erhöhung der Kohlenstoffspeicherung;
  6. Schrittweise Reduktion von Treibhausgasen (inkl. fossilen Brennstoffen);
  7. Schaffung einer Energieinfrastruktur für die Dekarbonisierung von Energiesystemen;
  8. Herstellung sauberer und effizienter Kraftstoffe aus erneuerbaren oder CO2-neutralen Quellen.

Der Beitrag zum zweiten Ziel, das sich mit der Anpassung an den Klimawandel beschäftigt, erfordert gemäß Bericht einen prozessbasierten Ansatz. Ein zweistufiger Prozess ist hier beschrieben, der die Bewertung der negativen Auswirkungen auf das Klima durch die zugrunde liegende wirtschaftliche Aktivität sowie anschließend das Aufzeigen von Maßnahmen umfasst, welche die negativen Auswirkungen verringern sollen. In dem Bericht wird insbesondere angeführt, dass die Bewertung des Umweltbeitrags je nach Sektor, Ort sowie zeitlichem Umfang variieren kann.

Zudem hat eine Bewertung zu erfolgen, dass eine wirtschaftliche Tätigkeit keinen nennenswerten Schaden auf die vier sonstigen Umweltziele: a) Schutz von Wasser und Meeresressourcen b) Übergang zur Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung und Recycling c) Vermeidung und Bekämpfung der Umweltverschmutzung d) Schutz gesunder Ökosysteme ausübt. Die „do no significant harm“ oder DNSH-Kriterien legen Mindestanforderungen fest, die erfüllt werden müssen, um erhebliche Umweltschäden zu vermeiden. Auf Seite 49ff und in Kapitel 6 bzw. F werden nach den NACE-Codes Anpassungs- und Vermeidungskriterien mit Beispiel angeführt.

@ Kapitel 3: Dieser Abschnitt enthält praktische Anleitungen für die EU-Mitgliedsstaaten, Finanzmarktteilnehmer, Versicherungsvermittler und Anlageberater, die von dieser Taxonomie betroffen sind. Gemäß dem vorliegenden Bericht ist ein fünfstufiger Prozess durchzuführen, welcher folgende Schritte umfasst:

  1. die Identifizierung einer Aktivität (bzw. eines Unternehmens), welche(s) förderfähig sein könnte,
  2. die Überprüfung, ob die potenziell förderfähige Aktivität (bzw. das Unternehmen) den einschlägigen Screening-Kriterien entspricht (z. B. Stromerzeugung <100g CO2/kWh),
  3. die Sicherstellung, dass die DNSH-Kriterien erfüllt werden,
  4. die Durchführung einer Due Diligence in Bezug auf soziale Mindestvorgaben (Artikel13) und
  5. die Vorbereitung zur Offenlegung von entsprechenden Daten.

@ Kapitel 4: In diesem Abschnitt werden die potenziellen wirtschaftlichen Auswirkungen angeführt, die sich aus der Implementierung der EU-Taxonomie ergeben. Dabei wird zu Beginn auf 453 Mrd. EUR Kosten verwiesen, die der Klimawandel im Zeitraum 1980-2017 bereits in der EU verursacht hat. Durch den Bezug zu den NACE-Codes sollen zudem Wirtschaftszweige oder Branchen ausgewiesen werden, in denen verstärkt Technologien zur Eindämmung des Klimawandels implementiert werden sollen. Darüber hinaus werden die Wirtschaftszweige nach dem Anteil des BIP und der Gesamtbeschäftigung auf EU-28-Ebene ausgewertet. Der von Eurostat entwickelte Datensatz für den Umweltgüter- und Dienstleistungssektor (EGSS) dient als wichtige Ergänzung. Dieser besteht aus drei verschiedenen Datensätzen: EGSS1 (Beschäftigung im Bereich Umweltgüter und -dienstleistungen); EGSS2 (Produktion, Wertschöpfung und Ausfuhren im Bereich Umweltgüter und -dienstleistungen) sowie EGSS3 (Produktion, Wertschöpfung und Beschäftigung nach Branchengruppen im Bereich Umweltgüter und -dienstleistungen). Auf Seite 97ff im Bericht werden die Kosten und der Nutzen für die Anwender tabellarisch angeführt.

@ Kapitel 5: Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit offenen Fragen und zeigt die weiteren geplanten Schritte auf, bzw. wird darauf hingewiesen, dass die Empfehlungen des Berichts in künftige Rechtsvorschriften zur Umsetzung der Taxonomie integriert werden sollen.

@ Kapitel 6: Im abschließenden Teil des Berichts wird eine vollständige Liste der technischen Screening-Kriterien nach Sektoren bzw. NACE-Codes detailliert dargestellt.

Schon seit Ende 2015 gibt es zahlreiche Initiativen, die den Weg in eine nachhaltige Wirtschaft vorbereiten sollen. Dennoch wird es einige Zeit dauern, bis die notwendigen Rechtsrahmen auf EU-Ebene akkordiert und vollständig sind. Dass das Finanzsystem davon betroffen sein wird, ist jedenfalls unbestritten.

Weitere Informationen finden Sie hier.

 
About the Author

Tanja Daumann

Tanja Daumann

Dr. Tanja Daumann ist in Oberösterreich aufgewachsen. Seit 2012 arbeitet Sie in RBI Group Sustainability Management. Die Aufgaben umfassen das Reporting und Monitoring der umweltbezogenen Daten für die RBI und Netzwerkbanken in CEE sowie die Verbundunternehmen inkl. der Berichterstattung im Nachhaltigkeitsbericht und im Carbon Disclosure Project. Darüber hinaus wird die Raiffeisen Nachhaltigkeits-Initiative betreut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.