Pflege im ländlichen Raum

Es fehlt an Zeit und Geld

© Gautier Willaume

„Die Finanzierung wachsender Pflegekosten ist in der politischen Debatte ein heißes Eisen: Beiträge sollen trotz steigender Ausgaben nicht wachsen, auch die Eigenzahlungen der Patienten im Heim nicht – gut ein Viertel der Patienten bekommt deshalb schon Finanzhilfen der Kommune. Vor dem Hintergrund überrascht das Ergebnis einer Umfrage im Auftrag der Privaten Krankenversicherung (PKV).“ (FAZ)

„Demnach sind die Bürger offenbar bereit, zur Vorsorge für den Pflegefall spürbar in die eigene Tasche zu greifen. Nur jeder sechste Befragte habe eine Eigenvorsorge für die Pflege in einer Allensbach-Umfrage abgelehnt; dagegen würden „etwa 30 Prozent“ der Befragten zwischen 50 und 200 Euro im Monat für die Absicherung künftiger Pflegekosten investieren, schreibt der PKV-Verband und gibt sich erstaunt, dass nur 3,7 Millionen der 83 Millionen Bürger eine – von seinen Mitgliedern vertriebene – private Pflegezusatzversicherung besäßen. Mit 161 Euro Kosten im Monat schätzten die Befragten die Kosten der Eigenvorsorge deutlich zu hoch ein. Die Privatabsicherung könne die Lücke schließen, die die gesetzliche Versicherung lassen…“ ( FAZ)

Es gibt immer mehr pflegebedürftige Menschen. Im Jahr 1999 waren in Deutschland noch knapp zwei Millionen Menschen pflegebedürftig, 2017 bereits 3,4 Millionen. Davon wird der Großteil der Pflege von Angehörigen gestemmt, nämlich 75 Prozent. Neben fehlenden Heimen ist das fehlende Personal ein großes Problem. Kein Platz im Pflegeheim. Immer mehr Häuser müssen pflegebedürftige Senioren abweisen. Ohne Pflegekräfte keine Pflege. Und ohne ausländische Pflegekräfte – u.s.w.

Wir stehen vor einer elementaren Herausforderung: wir verbrauchen zu viel in der Gegenwart und treffen zu wenig Vorsorge für die Zukunft. Für sie braucht man Kinder und Kapital. Von beiden haben wir zu wenig. Somit der Zugriff auf fremdes Kapital: Schulden und Zuwanderung. Nun ist das nicht sogleich eine Katastrophe. Es kommt auf Umfang und Größe an. Alles mit Maß und Mitte.

„Wir schaffen das schon irgendwie“, bekommen wir immer wieder zu hören – auch weil vielen bewusst ist, dass sich da etwas ändern muss. Pflege ist im Alltag vieler Menschen gegenwärtig, teilweise bestimmt sie ihn auch. 22% der 3.177 in einer Gesamtstudie befragten BewohnerInnen in 14 ländlichen Gemeinden gaben an, dass sie aktuell oder in den letzten (drei) Jahren eine oder mehrere Personen gepflegt haben. Als Pflege werden tendenziell zeitlich intensivere, körperbezogene, dauerhaftere und in ihrer Verrichtung notwendige Unterstützungsleistungen verstanden. Häufig gehen der eigentlichen Pflegeperiode langjährige alltägliche Unterstützungs- und Hilfeleistungen voraus.

Häusliche Pflege durch Familienangehörige ist immer noch eine Selbstverständlichkeit. Allerdings führt sie zu enormen Belastungen. Dies macht sich überwiegend bei weiblichen Pflegepersonen bemerkbar.

Es ist richtig und wichtig, Anreize zu geben für die gute Tat: Gesetzliche und private Pflegeversicherung, ambulante und stationäre Pflege, Förderung familiärer und ehrenamtlicher Strukturen.

Wenn es die anerkannten Eigenschaften eines Dorfes zu leben gilt, dann sind Pflegestrukturen eine vitale Chance.

In den letzten Jahren ist die sog. Caring Community diskutiert worden. Caring Community gilt als gemeindenaher Welfare-Mix von beitragsfinanzierten ambulanten und (teil-)stationären Angeboten, sozial engagierten Personen sowie familiären, ehrenamtlichen und nachbarschaftlichen Strukturen. Sie ist als ein komplexes Arrangement von graduell und funktional unterschiedlichen Hilfeleistungen zu verstehen, die sich gegenseitig ergänzen und ineinandergreifen (Klie/Marzluff).

Meine Schlußfolgerung: gemeindenahe Konzeption, erreichbar durch Diskussion, Information und Aktion. Und durch die Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung.

Mein Appel: hört auf mit der Flut von Förderprogrammen. Lasst mehr Geld vor Ort. Traut den Menschen dort mehr zu. Schafft so Anreize für die gute Tat – z. B Pflege!

 
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Hermann Kroll-Schlüter

Hermann Kroll-Schlüter

Hermann Kroll-Schlüter schloss 1965 die landwirtschaftliche Meisterprüfung ab und übernahm 1970 den elterlichen Hof in Belecke in Nordrhein-Westfalen. Von 1969 bis 1975 war er Bürgermeister der Stadt Belecke und von 1975 bis 1989 Bürgermeister der Stadt Warstein. 18 Jahre (von 1972 bis 1990) gehörte Kroll-Schlüter als CDU-Abgeordneter dem Deutschen Bundestag an. Von 1991 bis 1998 amtierte er als Staatssekretär und Amtschef im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten des Freistaates Sachsen. Hermann Kroll Schlüter ist Vorstandsmitglied des Ökosozialen Forum Europa und vielfältig ehrenamtlich tätig, zuletzt 1995 bis 2000 als Präsident der Internationalen Assoziation Ländlicher Katholischer Organisationen und von 2001 bis 2009 als Vorsitzender der Katholischen Landvolkbewegung Deutschland. Von 2001 bis 2017 hatte der den Vorsitz des Internationalen Ländlichen Entwicklungsdienstes inne.

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