Plastik in der Umwelt. Plastik im Körper. Plastik überall?

Plastik ist in aller Munde. Seit den 1950er Jahren verwenden wir das Material in immer mehr Anwendungen. In jüngster Vergangenheit wird zunehmend die Kehrseite bekannt. Regelmäßig erfahren wir von den problematischen Auswirkungen für Meeresbewohner – erst im März strandete ein Wal mit 40 Kilogramm Plastikmüll im Magen. Darüber hinaus werden auch die Interaktionen des Materials mit dem Menschen und deren Folgen für die Gesundheit immer bekannter.

Eine neue Studie schätzt die wöchentliche Aufnahme von Plastik durch den Menschen im Durchschnitt auf die Menge einer Kreditkarte.

Bei der Diskussionsveranstaltung „Plastik in der Umwelt, Plastik im Körper, Plastik überall? Plastikverschmutzung, Folgen und mögliche Lösungsansätze“, die vom Ökosozialen Forum in Kooperation mit dem Umweltbundesamt, dem Umweltdachverband und dem forum.ernährung heute mit Unterstützung des BMNT ausgerichtet wurde, wurde intensiv darüber diskutiert, welche Gefahren von Plastik ausgehen und wie Plastikverschmutzung vermindert werden kann.

Spuren von Plastik finden sich mittlerweile überall: Fernab jeglicher Zivilisationen in den Alpen durch Wind verbreitet, im Mariannengraben, aber auch im menschlichen Körper. Die Folgen sind bisher noch weitgehend unbekannt, da die Forschung erst zu Beginn der Erhebungen steht. Sicher ist, dass wir andauernd in Kontakt damit kommen und Plastik auch unser Verdauungssystem passiert. Problematisch sind Kunststoff-Additive wie Bisphenol A oder Phthalate zu bewerten. Konsens der ExpertInnen am Podium war, dass Vermeidung von Plastik oberste Priorität sein sollte und dass eine ökologische Steuerreform die Verwendung von Plastik reduzieren würde. Die aktuellen Preise spiegeln die wahren ökologischen und sozialen Kosten von Kunststoff allerdings nicht wider. Vielmehr werden diese derzeit auf andere Spezies (von Walen, Schildkröten und anderen Meeresbewohnern, die an den Plastikbergen in den Meeren zugrunde gehen hört man schon regelmäßig) beziehungsweise auch zukünftige Generationen abgeschoben. Sie werden das gesamte Ausmaß der Folgen und Kosten tragen müssen.

Einen weiteren Lösungsansatz bietet die Kreislaufwirtschaft. Sie nimmt sich natürliche Kreisläufe zum Vorbild, um eine nachhaltigere Alternative zu dem dominanten linearen Wirtschaftsmodell zu finden, das kontinuierlich aus Rohstoffen Waren produziert, die nach Verwendung auf dem Müll landen. Der Natur ist das Konzept „Müll“ gänzlich fremd. Stattdessen werden Stoffe in eine andere Form umgewandelt und so immer wieder verwendet. Die Kreislaufwirtschaft versucht die Materialien so einzusetzen, dass möglichste wenig Müll entsteht und die Materialien möglichst lange im Kreis geführt werden. Dabei umfasst das Konzept Produktdesign, das die Kreislaufführung ermöglicht, die Forcierung von Wiederverwendung (z.B. Mehrwegsysteme) und Reparatur, und zu guter Letzt auch Abfallwirtschaft und Recycling.

Plastik kann – im Gegensatz zu manchen Metallen und Glas – nicht zu 100 Prozent recycelt werden, da die Polymerketten bei jedem Recyclingdurchgang kürzer werden und sich die Verunreinigungen aufgrund des geringen Schmelzpunkts nicht einfach beseitigen lassen. Dies führt dazu, dass kontinuierlich neuer Kunststoff zugeführt werden muss, andererseits aber stetig Müll produziert wird, der nicht vollständig verwertet werden kann. Die Wiederaufbereitung des Materials „Plastik“ ist also nur sehr beschränkt möglich. Dieser Umstand erklärt auch, warum von all den Kunststoffen, die bisher produziert wurden, global nur ca. 9 Prozent recycelt wurden. Der Großteil dessen landete entweder auf einer Mülldeponie oder über einen der zahlreichen Pfade direkt in der Natur.

Die Bioökonomie hat kürzlich stark an politischer Bedeutung gewonnen. Eine Bioökonomie-Strategien ist sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene 2019 bzw. 2018 beschlossen worden und eine der großen Chancen für eine plastikfreie Zukunft. Die Bioökonomie hat das Ziel, das Wirtschaftssystem so umzustellen, dass es ohne fossile Ressourcen auskommt. Um dies zu erreichen, sollen biobasierte Rohstoffe vermehrt Anwendung finden. Wirtschaften ohne fossile Ressourcen ist eine Maxime, die in Zukunft immer relevanter werden wird. Einerseits wegen der Folgen, die mit dem Verbrauch fossiler Ressourcen einhergehen (Klimawandel, Übersäuerung der Meere, Biodiversitätsverlust, etc.), andererseits aber auch deshalb, weil diese Ressourcen nur beschränkt zur Verfügung stehen (Stichwort Peak Oil). Biobasierte Produkte können teilweise Abhilfe verschaffen und bieten Alternativen zu fossilen Plastikprodukten. Beispielsweise können im Verpackungsbereich biologisch-abbaubare Gemüsenetze aus Cellulose, „klassische“ Plastiknetze ersetzen. Auch für Strohhalme, einer der 10 Einweg-Artikel, die auf EU-Ebene ab 2021 verboten werden sollen, hat die Bioökonomie bereits Alternativen parat, wie etwa „echte“ Strohhalme aus Stroh oder Mehrwegoptionen aus Metall oder Glas.

Eine Anwendung der Bioökonomie, die im Hinblick auf das Thema Plastikverschmutzung, mit Vorsicht zu genießen ist, sind sogenannte Biokunststoffe. In der Verwendung des Begriffes gibt es nämlich einige Unschärfen. Der Begriff Bioplastik (Biokunststoff) wird für verschiedene Anwendungen verwendet. Einerseits für biologisch-basierte Kunststoffe, andererseits auch für biologisch-abbaubare Kunststoffe. Eine klare Unterscheidung ist hier sehr wichtig.

Für das Problem der ubiquitären Plastikverschmutzung können natürlich nur jene Biokunststoffe von Vorteil sein, die auch biologisch abbaubar sind – ungeachtet dessen ob sie biobasiert sind oder nicht. Eindeutiger Trend bei Biokunststoffen sind allerdings sogenannte „Drop-Ins“. Hier ersetzen biobasierte Ressourcen, wie etwa Pflanzenöl fossile Ressourcen, um daraus Plastik, etwa Bio-Polyethylen, herzustellen. Die chemische Zusammensetzung ist allerdings die gleiche wie bei konventionellem Polyethylen (PE) – und ebenso die Folgen für die Umwelt, denn verrotten kann beides nicht.

Konzepte wie Kreislaufwirtschaft oder Bioökononomie müssen daher unbedingt integriert gedacht werden. Nur so kann versucht werden, den Ressourcenverbrauch insgesamt zu reduzieren. Das Plastikproblem ist durch eine enge Verflechtung mit verschwenderischen Lebensstilen geprägt. Denn die Plastikkrise ist nicht nur ein Problem des Materials, auch ist unser Umgang mit der Ressource in Frage zu stellen. Es wird kaum reichen, fossile Ressourcen einfach durch biobasierte zu ersetzen. Sondern auch, wie wir etwa dem Trend von stetig mehr Verpackungen entgegentreten können. Die Plastikstrategie der Europäischen Union setzt dabei einen ersten Schritt, und auch das Verbot von 10 Einweg-Plastik-Artikel zielt auf eine gesellschaftliche Änderung ab. Hier entstehen Chancen für eine kreislauforientierte Bioökonomie, die Alternativen aufzeigt und die absoluten planetaren Grenzen anerkennt.

Eine Herausforderung wird auch weiterhin der Preisdruck durch fossile Ressourcen bleiben. Oft ist es deutlich attraktiver eine Plastikflasche anstelle von Mehrweggebinde zu verwenden, oder mit dem Auto (welches durch Reifenabrieb erhebliche Mengen Mikroplastik in die Umwelt verbreitet) zu fahren als mit dem Zug zu reisen. Durch eine Ökologisierung des Steuersystems kann das systemische Problem umfassender adressiert werden. Darüber war man sich auch bei der oben erwähnten Veranstaltung einig. Dr. Karl Kienzl, stellvertretender Geschäftsführer des Umweltbundesamts, meinte: „Ohne CO2-Steuer werden wir das Problem des Mikroplastiks nicht in den Griff bekommen.“ Angesichts drohender Strafzahlungen in Millionenhöhe bei Nicht-Einhaltung der Klimaziele, wird dies wohl auch im Klima-Kontext immer unumgänglicher. Damit würde man also gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und unsere Wirtschaft langfristig nachhaltig und ökosozial ausrichten.

 
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Hans Mayrhofer

Hans Mayrhofer

DI Hans Mayrhofer studierte Agrarökonomie an der BOKU Wien und startete seine Laufbahn als agrarpolitischer Referent im Niederösterreichischen Bauernbund. Anschließend managte er als Büroleiter das Rektorat an der Universität für Bodenkultur Wien und wechselte von dort im Sommer 2011 ins Büro von Landwirtschafts- und Umweltminister Niki Berlakovich. Seit Juli 2012 ist Mayrhofer im Ökosozialen Forum tätig, wo er unter anderem die Wintertagung, die größte agrarische Informations- und Diskussionsveranstaltung in Österreich, betreute. Seit 1. 1. 2014 ist Mayrhofer Generalsekretär des Ökosozialen Forums. An den Wochenenden kümmert er sich um seinen landwirtschaftlichen Betrieb im niederösterreichischen Lichtenegg. Seine Leidenschaft gilt darüber hinaus dem Reisen in ferne Länder..

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