Insektenrückgang

Seit der Veröffentlichung der Studie des Entomologischen Vereins Krefeld, erlangte das Thema Insektensterben über weite Grenzen hinaus Aufmerksamkeit in Gesellschaft, Politik und
Wissenschaft. Dieser besagt nämlich, dass ein Rückgang von 76% der Insekten-Populationen
in einem Zeitraum von 1989 und 2017 beobachtet wurde.

Der bekannte Ornithologe, Uwe Westphal teilte zudem mit, dass zwischen 1997 und 2008 ca. 12,7 Mio. weniger Vogelbrutpaare beobachtet wurden und in der EU währenddessen rund 430 Mio. Vögel verschwunden sind. Immer noch sind jedoch die politischen Maßnahmen, die ergriffen
werden zu schwach, sodass der schon in den 90ern erwähnte „stumme Frühling“ (Rachel Carson) in Zentraleuropa wohl traurige Wahrheit wird, oder zumindest im Werden ist. Um gerade in postfaktischen Zeiten, in denen das „Fakenews“- Narrativ viele Gesellschaftsschichten erreicht hat, eine neue Herangehensweise zu wagen, werden im Folgenden persönliche Erfahrungen geschildert, die die angezweifelte Wahrheit aus Politik,
Wissenschaft und Medien um eine eindeutig subjektive ergänzen und auskleiden soll, die möglicherweise auch zweifelnden Gemütern eine neue Perspektive liefern kann.

Prof. Dr. Ortlam, der 25 Jahre lang Leiter des Amts für Bodenforschung Niedersachsen war, arbeitete in seiner Jugend (50er- Jahre) an einer Tankstelle in Süddeutschland. Seine Aufgaben bestanden darin, die Autos mit Kraftstoff zu befüllen, den Reifendruck zu messen und die Frontscheibe sowie Scheinwerfer von getöteten Insekten zu befreien. Die Scheibe war dabei teils so stark verdreckt, dass die Sicht bedeutend eingeschränkt war, und die dreckigen Scheinwerfer nachts nur noch die halbe Scheinkraft hatten. Weiters fuhr er zu dieser Zeit mit seinem damaligen Auto regelmäßig eine Strecke von ca. 180 km und erreichte dabei eine Höchstgeschwindigkeit von 85 km/h. Bereits bei dieser Strecke und der geringen Geschwindigkeit war es notwendig, sowohl Scheinwerfer als auch Frontscheibe zu säubern, um Fahrsicherheit gewährleisten zu können. Auch wenn sowohl Frontscheibe als auch Scheinwerfer heutzutage mit geringerer Widerstandsfläche geschnitten sind, berichtet er, dass er heute selbst nach einer gefahrenen Strecke von ca. 700km bei höherer Geschwindigkeit nicht ansatzweise so viele getötete Insekten vorfindet, wie dies noch in seinen jüngeren Jahren der Fall war. Jedoch fällt ihm nicht nur dies auf, sondern auch dass beispielsweise um öffentliche Beleuchtungskörper (Leuchtwerbungen oder Straßenlaternen) zu Nachtzeit kaum mehr Insektenwolken zu beobachten seien.

Auch zur Blütezeit der Obstbäume war in den letzten Jahren seiner Meinung nach immer weniger bestäubende Insekten zu sehen und damit eine geringe Geräuschkulisse dieser zu vernehmen. Mit diesen Anzeichen, die jeder, wenn er mit offenem Auge und Verstand unterwegs ist, beobachten kann, scheinen die wissenschaftliche Erkenntnisse gewichtig, wobei Ortlam sich soweit vorwagt, dass er 76% für untertrieben hält und stattdessen von 90-95% Rückgang ausgeht.

Da das Insektensterben in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Auftreten und der Größe von Vogelpopulationen steht, ist auch ein Rückgang dieser zu beobachten gewesen. Im Bereich der Blühpflanzen, die wiederum essentiell für unzählige Bestäuber sind, sind ebenfalls Rückgänge zu erkennen, was durch ein enorm hohes Nährstoffangebot
vielerorts verursacht wird, und somit gerade die anfälligen durch Artenreichtum und oftmals auch besondere Ästhetik geprägten Standorte (wie bspw. Magerrasen) verdrängt. Dies hängt ebenfalls mit kleineren Vogelpopulationen und geringerer Nachkommenschaft dieser zusammen, da sie in der landwirtschaftlichen Einöde kein geeignetes Biotop auffinden
können.

In den „Planetary Boundaries“ von dem Wissenschaftlerteam um Johan Rockström wird die Kategorie „Unversehrtheit der Biosphäre“ als kritisch eingestuft, d.h. dass die Aussterberate und die Intaktheit der Biosphäre bereits die planetaren Grenzen überschritten haben. Seit der industriellen Revolution geht man von 100-1000 ausgestorbenen Arten pro Millionen Arten aus, was per definitionem einem Massensterben gleichzusetzen wäre. Besonders erschreckend ist dabei, dass man von gewissen „tipping points“ ausgeht, ab denen ein Kollaps der gesamten Biosphäre erwartet werden kann. Diese alarmierenden Informationen lassen einmal mehr fragen, wieso politische Maßnahmen, wenn überhaupt, so langsam greifen. Wie
eingangs beschrieben, sind erschwerende Faktoren größer werdende Bevölkerungsteile Europas, welche im Zuge des Aufkommens der Rechtspopulisten die ökologische Krise in ihrer Wahrhaftigkeit anzweifeln und sich in ihren Ansichten wechselseitig bestätigen. Bei zukünftigen Debatten über diese Thematik, können möglicherweise die oben beschriebenen Beispiele genutzt werden, um anhand sinnlich wahrnehmbarer Indikatoren auf die Problematik schwer wiederlegbar aufmerksam zu machen.

Quellen:

  • Dieter Ortlam: Die Insekten-Wüste Deutschland und der stille Lenz, Die wenig nachhaltige Rolle von EU-geförderten Agrarfabriken, 01/2019
  • Johan Rockström et. al.: Planetary boundaries:exploring the safe operating space for humanity. In: Ecology and Society. Band 14, Nr. 2, 2009
 
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