Klimawandel und Umweltveränderungen beeinflussen Migration

Klimawandel und Migration verstärkt gemeinsam zu betrachten macht Sinn. Obwohl Klimawandelfolgen und negative Umweltveränderungen selten alleinige Ursachen für Wanderungsbewegungen sind, bestehen erkennbare Zusammenhänge. Komplexität und Unklarheit prägen die Debatte.

Im Zuge der öffentlichen Migrationsdebatte erhalten die Begriffe Klimaflucht und Umweltmigration seit geraumer Zeit verstärkte Aufmerksamkeit in Österreich. Warum das so ist, hängt damit zusammen, dass negative Klimawandelfolgen und Umweltveränderungen für immer mehr Menschen hierzulande verstärkt sichtbar und auch real spürbar werden. Demzufolge werden auch die Zusammenhänge zwischen höheren Temperaturen und steigendem Meeresspiegel in Folge des Klimawandels einerseits, sowie Migrationsdynamiken andererseits wahrnehmbar. Betroffen von klima- und umweltbedingter Migration sind insbesondere Menschen im globalen Süden, etwa in Regionen Asiens und Afrikas.

Rund 70 Mio. Menschen auf der Flucht

Laut UNHCR waren 68,5 Mio. Menschen im Jahr 2017 auf der Flucht. Die Genfer Flüchtlingskonvention definiert „einen Flüchtling als Person, die sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt oder in dem sie ihren ständigen Wohnsitz hat, und die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung hat und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Furcht vor Verfolgung nicht dorthin zurückkehren kann“. Demnach sind von den insgesamt 68,5 Mio. geflüchteten Personen 25,4 Mio. als Flüchtlinge zu betrachten. Weiters sind 40 Mio. als Binnenvertriebene, sowie 3,1 Mio. als Asylsuchende zu differenzieren. Laut UNHCR kommen 57 Prozent aller Flüchtlinge weltweit aus Syrien, Afghanistan und Südsudan. Neben den Ländern Türkei, Uganda, Pakistan und Libanon nimmt Iran die meisten Flüchtlinge auf (Anm.: in absoluten Zahlen). Insgesamt leben 85 Prozent aller Flüchtlinge weltweit in Entwicklungsländern.

Komplexe Betrachtung von klima- und umweltbedingter Migration

Der anthropogen verursachte Klimawandel und die negativen Folgen wie etwa Temperaturerhöhung, Starkwetterereignisse, Dürreperioden und Meeresspiegelanstieg können Menschen zur Flucht zwingen. Flucht, als nicht-freiwillige Form der Migration, stellt für Menschen vielerorts auf unserer Erde Bewältigungsmaßnahme oder Überlebensstrategie gegenüber des Klimawandels und negativer Umweltveränderungen dar. Dabei sollte man sich bei der Betrachtung mehrerer Gegebenheiten bewusst sein:

  1. Umweltflucht/-migration bzw. Klimaflucht/-migration sind unklar definierte Begrifflichkeiten  in Wissenschaft, Recht und Politik.
  2. Die Genfer Flüchtlingskommission definiert Klima, Umwelt und Natur nicht als Fluchtursachen. Wie viele von den weltweit rund 70 Mio. Flüchtlingen im Jahr 2017 tatsächlich als Klima-/Umweltflüchtlinge zu betrachtet sind, ist aufgrund des fehlenden Anerkennungsstatus äußerst schwierig zu erfassen.
  3. Klima- und umweltbedingte Wanderungsdynamiken werden selten durch einen Faktor alleine ausgelöst. Hier sind fortwährend sozio-ökonomische Faktoren kontextabhängig zu berücksichtigen.
  4. Nicht jede – egal ob schleichende oder plötzlich auftretende – Umweltveränderung wie etwa Bodenverlust, Naturkatastrophe, Landschaftszerstörung ist auf den Klimawandel zurückzuführen.
  5. Als Push-Faktoren von umweltbedingter Migration gelten beispielsweise Verunreinigung (z.B. toxische Unfälle), Degradation (z.B. Wüstenbildung), Umweltzerstörung aufgrund von Konflikten (z.B. Minenfelder) und Naturkatastrophen (z.B. Vulkanausbruch). Klimawandel wirkt oftmals als Multiplikator von Migration, da er viele dieser Aspekte beeinflusst bzw. beschleunigt.

Bestehende Krisen werden verstärkt und neue Probleme hervorgerufen

Lenkt man den Blick auf Inselstaaten im Pazifik (z.B. Tuvalu, Kiribati, Carteret Inseln), sowie auf Länder in Afrika (z.B. Äthiopien, Tschad, Mali, Senegal) und Asien (z.B. Bangladesch, Indien, Malediven, Philippinen) ist rasch erkennbar, dass der Klimawandel und seine negativen Folgen existenzbedrohend für viele Menschen sind. Beeinflusst von der Verwundbarkeit und Anpassungsfähigkeit einer Gesellschaft, sowie kulturellem, ökonomischem und sozialem Kapital werden oftmals bestehende Krisen verstärkt und neue Probleme hervorgerufen. Das wird an zahlreichen Orten weltweit sichtbar:

  • Thailand, Vietnam, Indonesien und Philippinen gelten aufgrund zukünftig vermehrt auftretender küstennaher Überflutungen als stark gefährdet. In weiten Teilen dieser Länder wird eine hohe Anzahl von Migranten und Migrantinnen prognostiziert.
  • Bangladesch, Indien, Myanmar, Pakistan und die Malediven werden aufgrund von Trockenheit, Überflutungen, Meeresspiegelanstieg und Stürmen als Folgen des Klimawandels als stark verwundbar eingestuft.
  • Der Klimawandel zählt zu einem der auslösenden Faktoren des Arabischen Frühlings, welcher ab 2010 in Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens stattfand. Dem Bürgerkrieg in Syrien, der 2011 ausbrach, ging eine jahrelange Dürreperiode in Folge der Temperaturerhöhung vorher. Diese kriegerischen Konflikte zwingen bis heute Menschen zur Flucht.
  • In der westafrikanischen Sahelzone, insbesondere in Mali (Region Bandiagara) und Senegal (Region Linguére), in denen die Ernährungssicherheit aufgrund von Dürre und Landdegradation nicht gegeben ist, migrieren Menschen in relativ hoher Anzahl.
  • Aufgrund von Dürreperioden, sowie nachfolgender Wasserknappheit und daraus entstehender kriegerischer Konflikte werden in einzelnen Regionen Kenias zahlreiche Menschen zur Migration gezwungen.
  • Die klimawandelbedingte Austrocknung des Tschadsees in der Sahelzone verschärft die Konflikte und Migrationsdynamiken in der Region mit den angrenzenden Staaten Tschad, Kamerun, Nigeria und Niger zunehmend.

Syrien und Nigeria zählen laut Österreichischem Integrationsfonds zu den Top 10-Herkunftsländer (2017) der asylsuchenden Personen in Österreich. Damit wird deutlich, dass der Nexus „Klimawandel und Migration“ auch für Österreich und Europa relevant ist und tendenziell an Bedeutung gewinnen wird.

Klimapolitik ist Sicherheitspolitik

Der Klimawandel stellt zudem ein erhöhtes Sicherheitsrisiko dar. Zum einen kann er auslösender Faktor bzw. Multiplaktor von Kriegen und Konflikten um knapper werdende Ressourcen (z.B. Wasser, Boden) sein. Dementsprechend zeigen beispielsweise Prof. Cuaresma, Leiter des Instituts für Makroökonomie an der WU Wien, und Kollegen in einer aktuellen Studie (2019) auf, dass extreme klimatische Bedingungen vielerorts Konflikte auslösen (z.B. in Folge von Dürre) und somit zu Migrationsbewegungen führen. Zum anderen können grenz- und konitentalüberschreitende Wanderungsdynamiken zu einem Sicherheitsrisiko in einzelnen Zielländern führen. Künftig wird es also notwendig sein, Klimapolitik verstärkt auch als Sicherheitspolitik zu verstehen.

Quellen und weiterführende Informationen

 
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Florian Leregger

Florian Leregger

Nachhaltigkeit als Chance und Lösung wahrnehmen! Die Sustainable Development Goals bieten uns dafür Handlungsoptionen. Florian Leregger studierte Umwelt- und Bioressourcenmanagement (Fachbereich: Regionale Entwicklung) an der Universität für Bodenkultur Wien. Seit 2017 ist er Geschäftsführer des Instituts für Umwelt, Friede und Entwicklung (IUFE). Zu seinen Schwerpunkten zählen Themen in den Bereichen Klimawandel, Wirtschaft, Umwelt, Entwicklungszusammenarbeit sowie nachhaltige Stadt- und Regionalentwicklung im Kontext der Sustainable Development Goals (SDGs). Neben bisherigen Berufserfahrungen und ehrenamtlichen Engagements in der Jugendarbeit, Entwicklungszusammenarbeit, Wissenschaft, Forschung und Umweltpädagogik sammelte er während seiner Auslandsaufenthalte, beispielsweise in Uganda und Costa Rica, wertvolles Wissen und Erfahrungen.

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