Der Wohn- und Gewerbebau Kalkbreite – Energieeffizienz zum Wohle Aller

Regelmäßig erschüttern neue Klimaberichte die Welt. Wir alle wissen: Die Zeit drängt. Um nachhaltiges Leben möglich zu machen, müssen wir dringend unseren Ressourcen- und Energieverbrauch einschränken. Doch in der Praxis möchte niemand seinen Lebensstandard senken und auf Komfort verzichten. Nun sind also Innovationen gefragt, die den Energieverbrauch senken, ohne den Einzelnen einzuschränken. Ist dies heute schon möglich?

Ja, sagen einige Gemeinden der Schweiz! Ja, zeigt hier im spezifischen die Stadt Zürich, die Genossenschaft Kalkbreite, die einen Wohn- und Gewerbebau auf die Beine gestellt hat, der sowohl den nationalen Effizienzvorgaben der Energiestrategie 2050, als auch den internationalen Klimazielen von Paris 2015 entsprechen soll. Wie schaut ein Leben hier aus?

Kalkbreite wurde 2017 als „2000-Watt-Areal in Betrieb“ ausgezeichnet. 2.000 Watt, das sind kontinuierliche 2 kJoule pro Sekunde. Das ist der Wert, der in der Vision der „2000-Watt-Gesellschaft“ (1) jedem Menschen „zusteht“, um nachhaltiges Leben in einer weltweit gerechten Verteilung zu ermöglichen.

2.000 Watt. Was ist im Moment der Durchschnitt? Weltweit: 2.500 Watt. Für manche Entwicklungsländer: einige hundert Watt. Für die Schweiz: 5.500 Watt. Im Bau Kalkbreite: 2.000 Watt. (2) Wie ist das möglich? Wird den Bewohnern hier die tägliche Dusche verboten und das Abendessen beschränkt sich auf eigens angebaute Kartoffeln? Nein, Kalkbreite setzt auf Energiegewinnung vor Ort, auf effiziente Nutzung des verfügbaren Platzes, auf Minimierung des von nur einzelnen Individuen genutzten Raumes, auf aktive Gemeinräte, die die besten Lösungen für alle suchen. Die täglichen Bedürfnisse der BewohnerInnen werden alle im Haus gedeckt, Mobilität wird durch Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel gedeckt. Die Bewohner zeigen sich zufrieden, das Projekt geht auf. 

Der Wohn -und Gewerbebau Kalkbreite wurde 2007 durch die neu gegründete Genossenschaft Kalkbreite initiiert. Auf einem Areal von 6350 m² sollten ca. 100 Wohneinheiten für 250 BewohnerInnen verwirklicht werden. Schon in der Bauphase war es ein großes Anliegen, den individuellen Vorstellungen der zukünftigen BewohnerInnen Stimmen zu geben. In Arbeitsgruppen wurden diese ausgearbeitet, um diese Ideen dann als Grundlage für den Architekturwettbewerb vorzulegen. Auch jetzt noch ist die Idee des aktiven Gemeinderats sehr zentral im System. Hier wird unter Anderem über die Nutzung verschiedener Areale bestimmt, die frei an die Bedürfnisse der BewohnerInnen angepasst werden können. Was gibt es hier für Beispiele? Die Terasse im Ausmaß von 2500 m², die auch der Öffentlichkeit zur Verfügung steht, kann für Bienenstöcke, Pflanzenanbau, Kinderspielplätze, Jausentische und als Erholungsgebiet genutzt werden. Übers Gebäude sind vier sogenannte „Boxen“ verteilt, die je nach Interesse verschiedene Bedürfnisse erfüllen. Im Moment sind dies: ein Textilatelier, Silence (Yoga/ Meditation), Fitness und eine Jugendbox. 

Ein weiteres zentrales Anliegen der Genossenschaft: Minimierung des ungenutzten Raumes und des individuellen Raumbedarfs. Die obersten vier Stockwerke des achtstöckigen Gebäudes sind Wohnfläche. Hier wurden besonders viele Zwei- und Dreizimmerwohnungen gebaut, für Kleinstwohnungen wurden Wohncluster implementiert. Ein Großhaushalt mit gemeinsamer Infrastruktur trägt dieses Prinzip am weitesten, weiters gibt es viele WGs und Familien-WGs. Die BewohnerInnen werden motiviert, je nach Bedarf ihre Wohnungen zu wechseln, damit kein unbenutzter Raum entsteht. Bei einem Mangel gibt es die Möglichkeit, auf Wohnjoker zurückzugreifen, bei denen man sich einzelne Räume dazumieten kann. 

Im Zentrum dieses Prinzips liegen die gemeinschaftlich genutzten Einrichtungen, die allen Bewohnern kostenlos zur Verfügung stehen: Mehrere Waschsalons, eine Werkstatt, das Bistro, die Eingangshalle, der Garten. Zusätzlich gibt es Anlagen, die die BewohnerInnen durch einen Aufpreis erwerben können: Bei Bedarf kann man Fahrradständer, die Sauna, den Fahrradreparaturraum, den Musikübungsraum oder die Gemeinschaftsbüros benutzen. Zwei perfekte Beispiel für die Minimierung des Raumbedarfs sind die Gartenküche und der Freeze. Die große Gartenküche mit Essbereich können BewohnerInnen, falls ihr Wohnbereich den Anforderungen für Events wie der Einladung mehrerer Freunde nicht reicht, für bestimmte Abende reservieren und mieten. Der Freeze ist ein auf -20 Grad gekühlter Raum, quasi ein großes Gefrierfach für alle, da diese aus Energieeffizienzgründen in den Apartements nicht vorhanden sind. 

In den unteren vier Geschossen des Baus befinden sich Gastro- und Verkaufsflächen, Büros, Atelies, Arztpraxen, ein Kino mit 5 Sälen, die Sitze der NGOs Greenpeace Schweiz und SPAZ, eine Cafeteria, eine Bibliothek, eine Pension und Kinderbetreuung.

Schon das breite Angebot im Haus lässt das Bedürfnis nach Mobilität sinken. Grundsätzlich ist ganz Kalkbreite Auto-frei, bis auf einen Parkplatz für mobilitätsbeeinträchtigte Personon. Fahrradanhänger und e-bikes kann man ausleihen, ein Taxi steht für besondere Fahrten bereit. 

Ein letztes Beispiel für die Kombination von Gemeinschaftsgefühl und hohem Lebensstandard mit Energieeffizienz und Umweltschutz: Je nach Bedarf können sich alle Bewohner des Hauses gegen einen Aufpreis den Abendessen des Großhaushalts anschließen. Hier werden zusammen biologische, saisonale und regionale Lebensmittel verwertet. 

Kalkbreite ist nur eines von fünf Schweizer zertifizierten 2000-Watt-Arealen in Betrieb. Neben Zürich haben schon sechs weitere Gemeinden der Schweiz in Volksabstimmungen für eine Änderung der Gemeindeordnung mit der 2000-Watt-Gesellschaft als Ziel gestimmt. Die Umsetzung in Form vieler vergleichbaren Projekte ist sinnvoll für alle Beteiligten und notwendiger denn je. Hoffen wir auf und setzen uns für weitere innovative Projekte innerhalb und außerhalb der Schweiz ein!

(1) Die „2000-Watt-Gesellschaft“ ist ein Konzept, das in den 90er-Jahren im Rahmen des Programms Novatlantis von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) entwickelt wurde. 

(2) Die Zahlen beziehen sich auf die Jahre 2011 und 2012. 

Quellen:

Energie Schweiz:  2000-Watt-Areale im Betrieb. Schlussbericht Pilotphase 2015/16.

https://www.local-energy.swiss/programme/2000-watt-gesellschaft.html#/

https://www.kalkbreite.net

 

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