Naturethik

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Bei Betrachtung der Biodiversität im Kontext einer nachhaltigen klima- und umweltbewussten Gesinnung ist zu fragen, ob und warum diese zu fördern und zu erhalten ist. Diese Fragestellung kann von verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden.

Argumente die für bzw. gegen die Erhaltung und Förderung von Biodiversität sprechen, entstammen verschiedenen Standpunkten. Hierbei ist zu unterscheiden, ob es sich im weitesten Sinne um moralische (zumeist nicht-anthropozentrische), oder außermoralische (zumeist anthropozentrische) Argumente handelt, und inwiefern eine Trennung dieser Kategorien überhaupt möglich ist.

Außermoralische Argumente begründen dabei die Notwendigkeit der Wahrung von Biodiversität mit eigennützigen (aus menschlicher Perspektive) Interessen. Ganz grundlegend ist hier der „Ressourcenwert“ zu nennen, womit der Wert von Pflanzen und Tieren als Lebensmittel, Arzneimittel, Baumaterialien und weiteren gemeint ist. Hinzu kommt der sogenannte „Annehmlichkeitswert“, der durch gewahrte Biodiversität als Bedingung eines ausgeübten Hobbys entsteht, wie beispielsweise Jagen, Fischen oder Wandern. Diese beiden sind jedoch auch an ökonomische Aspekte gebunden. Im ersten Falle ist dies offensichtlich, da produzierte Lebensmittel i.d.R. an einem Markt gehandelt werden. Für den zweiten Fall ist weniger offensichtlich, dennoch nicht ungeachtet an Ökotourismus zu denken, welcher als wachsendes Segment der Tourismusbranche zu benennen ist. Eine weitere stark gewichtete Nutzenkategorie stellen die Ökosystemdienstleistungen dar. Damit sind alle möglichen Dienste funktionierender Ökosysteme gemeint, wie beispielsweise die Pflanzenbestäubung, das Reinhalten des Wassers und des Bodens oder die Qualitätserhaltung der Atmosphäre. Ferner bilden auch der ästhetische und der Erholungswert weitere Kategorien. Beispiele hierfür wären Naturfotografie oder Birdwatching. Neben dem klasseischen Nutzwert sind in der Wirtschaftswissenschaft ferner auch der Options- sowie der Existenzwert von Bedeutung.

Der Optionswert ist der Wert, der aufgrund mangelnden Wissens einem Objekt im weitesten Sinne einen Wert zuschreibt. So könnte ein Konsument bereits für den potentiellen zukünftigen Nutzen einer bedrohten Art im Voraus Zahlungsbereitschaft zur Erhaltung dieser zeigen. Der Existenzwert hingegen erfragt die Zahlungsbereitschaft für die reine Existenz einer Art (oder auch Habitaten, Ökoystemen usw.), auch wenn der Konsument möglicherweise niemals einen direkten Nutzen aus diesen ziehen können wird. Hier ist es bereits schwierig, moralisches und außermoralisches Handeln zu unterscheiden, da der Entscheidende durch die Kosten-Nutzen-Analyse zwischen verschiedenen Handlungsalternativen zwar jene mit dem größten Nutzen wählt, jedoch in dieser bereits moralische Überzeugungen enthalten sein können (v.a. Existenzwert). Im Folgenden soll nun weitergeleitet werden zu einigen Ideen, die sich dem wirtschaftlichen Utilitarismus distanzierter zeigen.

Alan Randall kritisiert die klassisch wirtschaftliche Herangehensweise an die Biodiversitätsthematik. Selbst wenn beispielsweise nicht nur ausschließlich direkter Nutzen, sondern auch optionaler Nutzen in die Rechnung mit einbezogen werden, handle der Mensch oftmals nach kurzsichtigen Präferenzen und unwissend bezüglich der Folgen eines Eingriffes in die Biodiversität. Er schlägt deshalb die SMS-Methode (sicher Mindeststandards) vor. Diese besagt, dass grundsätzliche Biodiversität auf einen konkreten Handlungsfall gewahrt werden sollte, es sei denn die Erhaltung sei mit untragbaren Kosten verbunden. In dieser Methode liegt somit auch eine Beweislastumkehr vor, d.h. es muss von Seiten des Eingreifenden gezeigt werden, dass der Eingriff mit, im extremen Fall, untragbaren Kosten verbunden sei. Die SMS-Methode stellt unter den moralischen Perspektiven eine milde und verhältnismäßig inkonsequente Methode dar, da sie trotz einer Weiterentwicklung des Kosten-Nutzen-Modells diesem doch nahe ist.

Eine etwas strengere Position wird von Bryan Norton eingenommen, welchem nachgesagt wird eine Bindestelle zwischen Anthropozentrikern und nicht-Anthropozentrikern einzunehmen. Norton vertritt die Annahme, dass Biodiversität einem selbstverstärkenden Effekt unterliegt, was bedeutet, dass eine große Diversität aus sich selbst heraus mehr Diversität produziert, bei geringerer Diversität jedoch das Gegenteil der Fall sei, was er als „Abwärtsspirale“ betitelt. Daher soll sei seiner Meinung nach jeder Art ein erheblicher Wert zuzuschreiben. Es soll sich dabei prinzipiell nicht auf Binnen- und Zwischenhabitatdiversität, sondern auf  Gesamtdiversität bezogen werden. Diese Argumente leiten ihn auch zu der Annahme, dass es überflüssig sei, Arten monetär bewerten zu wollen. Des Weiteren vertritt er die Annahme, dass aufgrund menschlichen Unwissens jeder Art zumindest theoretisch das Potential zugesprochen werden muss, ein Ökosystem zum Kollabieren und somit gravierende Folgen auch für die Menschheit bringen zu können.

Als ein Vertreter, der Gedanken von Norton aufnimmt, jedoch diese weiterentwickelt zu einem „pluralistisch holistischen System“, ist Martin Gorke zu nennen.  Ähnlich wie Norton möchte er jeglichen Organismen und Systemen einen intrinsischen Wert zusprechen. Gorke erklärt das anthropozentrische Weltbild durch Erkenntnisse der Ökologie, der Evolutionsbiologie als auch der Astronomie als nicht plausibel. Für Gorke leitet sich daraus die Anerkennung der Tatsachen ab, dass der Mensch mit anderen Organismen ökologische Systeme bilde, beide eine stammesgeschichtlich gemeinsame Vergangenheit haben, und sie zusammen das „Seiende“ im Kontrast zum Außernatürlichen bilden. Mit diesem Schritt erweitert er auch Kants kategorischen Imperativ um alles Seiende. Nicht nur der Mensch sondern auch sämtliche Organismen und Systeme müssen zunächst als Selbstzweck, und dürfen nicht alleinig als Mittel zum Zweck angesehen werden. Diesem Ideal wohnt jedoch auch inne, dass der Mensch dem Schutz einer Art, die von sich aus aussterben würde, nicht nachkommen müsse. Offensichtlich soll dieser Eindruck nur als Leitidee dienen, und lässt sich alltagspraktikabel auf die Folgerung eines „größtmöglichen Zulassens der natürlichen Dynamik“ runterbrechen. Gorke fragt ferner, wie eine Moral hilft, welche öfter gebrochen werden muss, als befolgt werden kann, und bezieht dies gar auf seine eigene. Insofern erkennt Gorke auch an, dass das Brechen seiner moralischen Norm quasi mit inbegriffen ist. Er sieht auch sich selbst nicht in der gesonderten Position behaupten zu können, seine eigene Moral einzuhalten. Jedoch stellt er auch heraus, dass die Problematik bei vielen Moralphilosophien gerade die sei, dass sie nicht konsequent praktikabel seien, und Diskurse diesbezüglich oftmals ad absurdum führen. Er beantwortet schlussendlich die Frage damit, dass die Beweislast, ähnlich wie bei Randall, umgekehrt wird, und somit menschliche Eingriffe in die Natur gerechtfertigt werden müssen als praktikablen Mehrwert seiner Moral.

Gorke spricht hier einen entscheidenden Aspekt an, der es möglicherweise wert ist, auf weitere moralische Fragen übertragen zu werden. Wie es im heutigen politischen Geschehen zu beobachten ist, werden Menschen oder Gruppen, die zu Umweltthematiken moralisch Stellung beziehen aus oppositionellen Lagern diffamiert, und gar in deren Narrative eingebaut. Als Beispiel wäre hier „Gutmensch“ zu nennen. Auch der Fall von Greta Thunberg, welche in Kattowitz bei der Weltklimakonferenz 2018 einen zum Klimaaktionismus auffordernden Vortrag hielt, und auf der 65-stündigen Zugfahrt zum Weltwirtschaftsforum in Davos mit plastikverpacktem Brot fotografiert wurde, wurde aufgrund dessen als „Heuchlerin“ und ähnliches betitelt. Hier ist tatsächlich zu fragen, inwiefern Greta Thunberg nun moralisch verwerflich handelt, oder ob ihr moralischer Entschluss und daraus folgende Handlungen nun auf Absolutheit überprüft werden sollten? Mit Sicherheit hätte Greta Thunberg auch eine Videobotschaft nach Davos schicken können, was noch klimafreundlicher gewesen wäre. Diese Beispiele ließen sich nun ebenfalls ad absurdum führen. In diesem Sinne wäre es entscheidender, moralische Gesinnungen nicht durch den kleinsten Gegenbeweis niederzumachen, sondern ein Verständnis für den Kontext zu bilden, und eine gewisse Inkonsequentheit aufgrund von Menschlichkeit zu akzeptieren.

Quelle:
Galert, Thomas (1998): Biodiversität als Problem der Naturethik Literaturreview und Bibliographie, Graue Reihe   Nr. 12


Der letzte Abschnitt ist lediglich an der Literatur orientiert, die Ausführungen entstammen ansonsten dem Autor des Blogeintrages

 
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