Digitalisierung, SDGs und ökologische Nachhaltigkeit

Im Zuge der Digitalisierung werden in der Regel ökonomische und soziale Vorteile sowie Innovationspotentiale hochgepriesen. Viel zu selten, werden jedoch ökologische Aspekte thematisiert. Nicht zu leugnen sind die vereinfachten Kommunikationsformen, neuen Business-Modelle, innovativen Bildungsangebote, bequemeren Konsummöglichkeiten, flexibleren Arbeitsformen und vereinfachte politische Partizipation mithilfe der digitalen Fortschritte.

Technologien und Entwicklungen wie etwa Internet der Dinge, Blockchain, 3D-Druck, Virtual Reality, Sharing-Plattformen, Open Source, Smart Grids, Robotik, Educational Technologies, eGovernement und Künstliche Intelligenz können positive Beiträge zur Erreichung nachhaltiger Entwicklung im Kontext der Sustainable Development Goals (SDGs) leisten. Insbesondere in den Handlungsfeldern der ökologisch-relevanten SDG 2 (Hunger/Landwirtschaft), SDG 7 (Energie), SDG 12 (Konsum- und Produktion), SDG 13 (Klimaschutz), SDG 14 (Leben unter Wasser) und SDG 15 (Leben an Land) bestehen erhebliche Potentiale.

Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind zwei Megatrends unserer heutigen Zeit. Die Änderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen, sind in allen Lebensbereichen spürbar. Doch wie verhalten sich digitale Technologien und Entwicklungen punkto ökologischer Nachhaltigkeit? Zahlreiche Chancen für den Umwelt- und Klimaschutz sind gegeben, beispielsweise Kreislaufwirtschaft, Dematerialisierung, umweltfreundliche Energieangebote und Mobilitätssysteme, verbesserte Klima- und Wettermodellierungen, sowie Vermeidung von Treibhausgasen und Luftschadstoffe. Allerdings gibt es auch erhebliche Risiken, etwa Energie- und Ressourcenverbrauch. Nicht zu vergessen: Rebound-Effekte.

Digitalisierung und Technologie in den SDGs

Die Agenda 2030 mit ihren SDGs dient als Kompass für nachhaltige Entwicklung. Unbestritten ist, dass die Technik bei der Erreichung der SDGs einen bedeutenden Erfolgsfaktor darstellen kann. Allerdings ist dabei die Frage der nachhaltigen Gestaltung der digitalen Trends essentiell. Getreu dem Motto der Agenda 2030 „leave no one behind“ ist es auch beim digitalen Wandel unzulässig, Personen unabhängig ihrer Herkunft, Religion, Ethnie, körperlichen und psychischen Verfasstheit, sowie ihres Geschlechts und Alters zurückzulassen. Die 17 SDGs mit ihren 169 Unterzielen adressieren bzw. beinhalten digitale Technologien und deren Förderung in den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Dazu zählen:

  • SDG 5.b Verbesserter Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien, um die Selbstbestimmung der Frauen zu fördern
  • SDG 8.2 Produktivitätssteigerung durch technologische Modernisierung und Innovation
  • SDG 9.4 Vermehrte Nutzung umweltverträglicher Technologien und Gestaltung nachhaltiger Industrieprozesse
  • SDG 9.c Erweiterung des allgemeinen Zugangs zu Internet

Zusätzlich finden sich Beiträge der Digitalisierung und Technologieentwicklung in SDG 2.a, SDG 4.b, SDG 7.a, SDG 12.a sowie SDG 17 verstärkt direkt oder indirekt wieder

Wie verhalten sich digitale Entwicklungen punkto ökologischer Nachhaltigkeit?

Einerseits bestehen mit dem Einsatz innovativer Technologien zahlreiche Chancen, einen Beitrag zur ökologischen nachhaltigen Entwicklung leisten zu können. Als Beispiele gelten dabei:

  • Schonung der natürlichen Ressourcen (z.B. Boden, Luft, Rohstoffe) durch innovative Energie- und Materialeffizienzsteigerung in Produktionsbetrieben
  • Begünstigung von klimafreundlichem Mobilitätsverhalten durch webbasierte Sharing-Modelle
  • Förderung effizienter und umweltschonender Landwirtschaft mittels Satellitennavigation und Feldrobotik
  • Maßnahmen für die Implementierung von Smart Cities und Smart Municipalities mittels intelligenten Gebäuden, modernem Wassermanagement und eGovernment
  • Etablierung von innovativen Bauwerksbegrünungen mittels digitaler Technologien, wie etwa Robotik und Building Information Modelling
  • Senkung der reisebezogenen CO2-Emissionen mithilfe von Online-Lernangeboten an Hochschulen

Andererseits bestehen mit dem Einsatz innovativer digitaler Technologien zahlreiche ökologische Risiken, mit denen man sich beschäftigen muss, um künftig nachhaltige Entwicklung ermöglichen zu können. Ich erlaube mir an dieser Stelle Inhalte von Prof. André Reichel (International Management and Sustainability an der International School of Management in Stuttgart) zu rezipieren. Demnach bestehen seit mindestens drei Jahrzehnten Diskussionen über den Einsatz von Technologien zur Verbesserung von Umweltqualitäten, sowie zur Verringerung des ökologischen Fußabdruckes. Diese Diskussionen werden vor dem Hintergrund des ökologischen Modernisierungsdiskurses mit jener Überlegung geführt, dass mithilfe steigender Tech-Investitionen der absolute Umweltverbrauch sinke. Es zeige sich zunehmend, dass dies jedoch mit alleinigen Investitionen nicht im großen Maßstab geschehe. Globale Umweltprobleme sind mithilfe moderner Technologien nicht gelöst worden. Oftmals wirken sie sogar als Problemverursacher und -verstärker. Als Beispiele, welche Zielkonflikte bzw. Unvereinbarkeiten zwischen Digitalisierung und ökologischer Nachhaltigkeit aufzeigen, gelten dabei:

  • Hoher Energieverbrauch aufgrund steigender Rechenkapazitäten im Zuge der Digitalisierung (v.a. Stromversorgung und Kühlungsbedarf von Internet-Rechenzentren)
  • Negative Klima- und Umwelteinflüsse (z.B. CO2-Emissionen) durch Warenrücksendungen beim Online-Shopping
  • Stromintensives Schürfen von Kryptowährungen, basierend auf der Blockchain-Technologie (proof-of-work)
  • Rebound-Effekte: Die positiven Effekte durch die erreichte Effizienzsteigerung (z.B. bei Stückeinheiten, CO2-Emissionen) werden durch steigenden digital-basierten Konsum (z.B. von Kleidungsstücken, gefahrenen KFZ-Kilometern) aufgrund von Zeit- und Kostenersparnissen obsolet

Transformation und Disruption gesellschaftlicher Strukturen

Mit dem technologischen Fortschritt gehen vielerorts Transformation und Disruption gesellschaftlicher Strukturen einher. Damit wird die Notwendigkeit zur Änderung von etablierten Denkmustern, altbekannten Spielregeln, vertrauten Kommunikationsformen, bis hin zu neuen Anforderungen an Arbeit, Freizeit, Bildung und Wirtschaft offenkundig sichtbar. Digitalisierung, welche per se nicht als gut oder böse zu beurteilen ist, sondern wesentlich von menschlichen Interessen und vom Zweck ihres Einsatzes abhängt gehört also gestaltet. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Trends und Phänomene, welche sicherlich nicht in die Kategorie „Nachhaltige Entwicklung“ fallen, sei anzumerken, dass solch eine Gestaltung vielerorts dringend notwendig ist. Dabei ist eine Balance sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Dimensionen á la „leave no one behind“ erstrebenswert.

Digitalisierung als Instrument für nachhaltige Entwicklung

Denken wir an Fehlentwicklungen – wie etwa an Energieverbrauch, Datenmissbrauch, Überwachung und Manipulation – wird klar, dass ökologisch-soziale Rahmenbedingungen, digitale Privatsphäre und Datenschutz, Schutz der eigenverantwortlichen Meinungsbildung und Freiheit, sowie Eindämmung von Datenmonopolen und faire wirtschaftliche Spielregeln im Sinne einer nachhaltigen Digitalisierung unerlässlich sind. Santarius und Lange (2018) zeichnen eine Perspektive, bei der sie das Ziel des digitalen Wandels als einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung definieren. Digitalisierung soll demnach Umwelt- und Naturschutz sowie soziale Gerechtigkeit fördern. Die beiden Buchautoren formulieren im Zuge dessen drei Leitprinzipien, welche Aspekte der digitalen Suffizienz (Motto: So viel Digitalisierung wie nötig, so wenig wie möglich), des konsequenten Datenschutzes, sowie der Orientierung am Gemeinwohl umfassen. Auch der Wissenschaftliche Beirat der deutschen Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) beschäftigt sich mit der nachhaltigen Gestaltung des digitalen Wandels. Die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, sowie die Begrenzung und Vermeidung des Klimawandels gelten dabei als bedeutungsvolle Bereiche für eine digitale und nachhaltige Gesellschaft. Unter der Prämisse, dass Nachhaltigkeit die Vision für das Wohlergehen der Menschen sei, formuliert der WBGU essentielle Schlüsselfragen in zehn Bereichen, beispielsweise:

  • Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen (z.B.: „Wie kann gewährleistet werden, dass zum Beispiel Industrie 4.0 zu nachhaltigen, klimagerechten Produktionsweisen führt?“)
  • Armutsbekämpfung (z.B.: „Wie kann Digitalisierung so ausgerichtet werden, dass sie die Lebensbedingungen der von absoluter Armut betroffenen Menschen sowie der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung, die nur über 10 % der globalen Einkommen verfügt, verbessert?“)
  • Zukunft der Arbeit und Abbau von Ungleichheit (z.B.: „Wie kann verhindert werden, dass Digitalisierung zu einem Multiplikator von Ungleichheit wird?“)
  • Big Data und Privatsphäre (z.B.: „Wer hat Zugang zu dem Wissen, das aus den Daten generiert wird, und wer profitiert von seiner Nutzung?“)
  • Ökonomische und politische Machtverschiebungen (z.B.: „Wie können gesellschaftliche und politische Akteure befähigt werden, die digitale Zukunft mitzugestalten?“)

Abschließend sei festzuhalten: Es liegt an uns persönlich, mit unserem digitalen Konsumverhalten, sowie an den Entscheidungsträger/innen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft dafür zu sorgen, den digitalen Wandel und den technologischen Fortschritt möglichst nachhaltig zu gestalten. Arbeiten wir gemeinsam daran.

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About the Author

Florian Leregger

Florian Leregger

Nachhaltigkeit als Chance und Lösung wahrnehmen! Die Sustainable Development Goals bieten uns dafür Handlungsoptionen. Florian Leregger studierte Umwelt- und Bioressourcenmanagement (Fachbereich: Regionale Entwicklung) an der Universität für Bodenkultur Wien. Seit 2017 ist er Geschäftsführer des Instituts für Umwelt, Friede und Entwicklung (IUFE). Zu seinen Schwerpunkten zählen Themen in den Bereichen Klimawandel, Wirtschaft, Umwelt, Entwicklungszusammenarbeit sowie nachhaltige Stadt- und Regionalentwicklung im Kontext der Sustainable Development Goals (SDGs). Neben bisherigen Berufserfahrungen und ehrenamtlichen Engagements in der Jugendarbeit, Entwicklungszusammenarbeit, Wissenschaft, Forschung und Umweltpädagogik sammelte er während seiner Auslandsaufenthalte, beispielsweise in Uganda und Costa Rica, wertvolles Wissen und Erfahrungen.

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