Energiestadt Zürich: Was Wien von den Schweizern lernen kann

  • Bild: Stadt Zürich

     

  • Wie schon im letzten Interview erwähnt, habe ich beim Barcamp Renewables in Kassel viele spannende Menschen kennengelernt. Unter anderem wurde mir so auch durch einen Kontakt Frau Silvia Banfi Frost, Energiebeauftragte der Stadt Zürich, vermittelt, die mir freundlicherweise ein paar Fragen beantwortet.

Ich bin ein großer Fan der 2000 Watt Gesellschaft und habe hier auch schon öfter darüber geschrieben. Als ich erfahren habe, dass dieses Konzept auch in der Züricher Gemeindeordnung verankert ist, hat mich das allerdings sehr überrascht. Können Sie hier kurz für die Leser zusammenfassen worum es dabei geht?

Die Stimmbevölkerung der Stadt hat im Jahr 2008 mit einem grossen Mehr ein Gesetz in der Gemeindeordnung verankert, mit dem sie sich zur 2000-Watt-Gesellschaft verpflichtet hat. Der politische Auftrag ist es, pro Einwohnerin und Einwohner den Energieverbrauch auf 2000 Watt Dauerleistung und den CO2-Ausstoß auf 1 Tonne pro Jahr bis 2050 zu senken. Gleichzeitig hat sich die Bevölkerung gegen eine Weiterführung der Beteiligungen an Kernkraftwerken ausgesprochen. Diese Vorlage kam als Alternative zu einem terminierten Kernenergieausstieg zustande. Der politische Druck war groß, eine sinnvolle Alternative dazu zu präsentieren.

Ich mag mir nicht mal vorstellen, welche Diskussion in Wien/Österreich aufkommen würde, wenn dieses Konzept auch hier umgesetzt werden sollte. Wie ist die Stadt Zürich damals vorgegangen, um die gesellschaftliche Akzeptanz dafür zu gewinnen?

Die Bevölkerung der Stadt Zürich hat sich stets für eine nachhaltige Entwicklung ausgesprochen. Wie gesagt, die Vorlage zur 2000-Watt-Gesellschaft ist als Alternative zu einem schnellen Ausstieg aus der Kernenergie entstanden. Der politische Druck und aber auch der politische Wille waren (und sind weiterhin) vorhanden, um in der Gemeindeordnung ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit zu setzen.

Welche konkreten Maßnahmen enthält dieses Ziel?

Grundsätzlich sind Massnahmen in drei Bereichen erforderlich, um die 2000-Watt-Ziele zu erreichen:
1) Suffizienz, d.h. die Nachfrage nach energierelevanten Gütern und Dienstleistungen ist zu reduzieren
2) Effiziente Energienutzung, d.h. der Energieverbrauch ist durch Steigerung der Energieeffizienz bei Gebäuden, Prozessen und Geräten sowie im Mobilitätsbereich zu reduzieren
3) die Wahl des Energieträgers muss zielkonform sein, d.h. jene Energieträger sind prioritär einzusetzen, die tiefe Treibhausemissionskoeffizienten und Primärenergiefaktoren aufweisen

Zu jeder dieser Stoßrichtungen sind zahlreiche konkrete Maßnahmen identifiziert worden, die regelmäßig überprüft und gemonitort werden. Im Bericht Masterplan Energie und der Road Map 2000-Watt-Gesellschaft sind diese Maßnahmen detailliert beschrieben.

Denken Sie, dass das auch für eine Stadt wie Wien funktionieren könnte? Was würden Sie unserem Herrn Bürgermeister oder unserem Bundeskanzler erzählen?

Zürich steht bereits in einem intensiven Austausch mit Vertretern der Stadt Wien. Die Stadt Zürich hat ihren Handlungsspielraum genutzt, um zahlreiche kommunale Maßnahmen umzusetzen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen in Wien sind anders und der kommunale Gestaltungsspielraum kleiner. Somit ist die enge Zusammenarbeit mit anderen Staatsebenen für Wien umso wichtiger.

Was ist Ihrer Meinung nach die genialste Maßnahme in Zürich, die wirklich eine Veränderung in Sachen Energie- und Klimaschutz in Gang gesetzt hat?

Es gibt nicht eine einzige Maßnahme, die alle anderen überragt. Es muss der ganze Spielraum an Handlungsmöglichkeiten genutzt werden, damit die Ziele erreicht werden. Ansätze, die große Wirkung zeigen, sind aber beispielsweise die Einrichtung eines sogenannten Stromsparfonds im Jahr 1989 (heute 2000-Watt-Beiträge), die Einführung eines Energiestandards für öffentliche Gebäude im Jahr 2001 und die Umstellung des Stromstandardprodukts auf 100% erneuerbare Energie in 2006.

Abschließend noch eine Frage: Was wäre die wichtigste Maßnahme in der Schweiz oder weltweit, um noch schneller voranzukommen in Sachen CO2-Reduktion?

Die wichtigste Maßnahme wäre zweifelsohne eine spürbare, international abgestimmte CO2-Abgabe. Viele Maßnahmen, die heute bei tiefen Treib- und Brennstoffpreisen nicht wirtschaftlich sind, wären dann ökonomisch interessant. Damit könnten auch im Luft- und Landverkehr deutliche Reduktionen der Emissionen realisiert werden.

Vielen Dank für Ihre Zeit und das spannende Interview!

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

One Comment

  1. „Denken Sie, dass das auch für eine Stadt wie Wien funktionieren könnte? Was würden Sie unserem Herrn Bürgermeister oder unserem Bundeskanzler erzählen?“
    Die Antwort:
    „Zürich steht bereits in einem intensiven Austausch mit Vertretern der Stadt Wien. Die Stadt Zürich hat ihren Handlungsspielraum genutzt, um zahlreiche kommunale Maßnahmen umzusetzen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen in Wien sind anders und der kommunale Gestaltungsspielraum kleiner. Somit ist die enge Zusammenarbeit mit anderen Staatsebenen für Wien umso wichtiger.“

    Die Antwort verstehe ich nicht ganz. Dort steht mehr oder weniger kein Grund.

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