Martin Graf über „Enkeltaugliche Netze“

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  • Nach dem letzten Interview mit Florian Maringer geht es heute weiter mit unserer Interviewserie zum Thema „enkeltaugliche Netze“. Es geht wieder um das wichtige Zukunftsthema der Finanzierung des Netzausbaus und der nötigen Weichenstellungen aus der Politik. Heute haben wir hierfür wieder einen ganz besonderen Gast, der mit dem Thema bestens betraut ist: Martin Graf, der Finanzvorstand / CFO der Energie Steiermark AG sowie jahrelanger E-Control Vorstand.

Herr Graf, in der Energiewelt sind Sie ja bekannt, aber es ist hier so üblich, dass am Anfang des Interviews ein kurzer Werdegang erzählt wird, und wie Sie dort hin gekommen sind, wo Sie jetzt sind und was Sie in die Energiewirtschaft gebracht hat.

Seit Mai 1995 bin ich mittlerweile in der Energiewirtschaft tätig und konnte nach meiner Matura die Branche von der Pieke auf kennenlernen. Berufsbegleitend habe ich nach meiner HTL-Matura Betriebswirtschaft und Wirtschaftsingenieurwesen studiert und hatte das Glück im damaligen ausgegliederten Ingenieursstab der Donaukraftwerke schon mit sehr spannenden und zukunftsorientierten Themen die Veränderung der Energiewirtschaft begleiten zu können. Nach einem kurzen Intermezzo in der Telekombranche war ich in Summe mehr als 15 Jahre in der Regulierungsbehörde E-Control aktiv. Seit April 2016 darf ich nunmehr die Funktion des Finanzvorstandes der Energie-Steiermark bekleiden.

Die Diskussion zu diesem Thema hat begonnen, da ich auf Twitter auf ein Problem hingewiesen habe, welches in Zukunft noch öfter auf uns zukommen wird. Größere Photovoltaikanlagen werden oft vom Netzbetreiber „abgelehnt“, weil das Netz die Leistungen anscheinend nicht mehr abtransportieren kann. Dies steht natürlich im krassen Gegensatz zu den Plänen der Regierung, welche sich eine Verzehnfachung des Ausbaus „wünscht“. Können Sie uns kurz erläutern wie in Österreich generell die Regelung lautet, wenn ein Betreiber eine große Photovoltaikanlage bauen möchte und den Netzanschluss beantragt?

Dem Grunde nach stellt jeder der eine Anlage – egal ob für die Entnahme oder die Produktion – errichten will einen Antrag beim zuständigen Netzbetreiber. Vorausschicken möchte ich, dass der Großteil der Stromnetze in den 1970er und 1980er Jahren errichtet worden ist, damals war weder von Elektromobilität, dezentraler Erzeugung, etc. die Rede. Die Netzbetreiber haben jetzt die Herausforderungen diesen technologischen Entwicklungen in massive Investitionen gerecht zu werden. Alleine die Energienetze Steiermark GmbH investiert jährlich knapp unter 200 Mio. EUR in die Netzinfrastruktur. Nach dem Antrag muss der Netzbetreiber die technischen Aspekte und Möglichkeiten prüfen, ob denn die technische Möglichkeit der Einspeisung besteht bzw. welche Investitionen dafür notwendig werden.

Als Netzbetreiber bemühen wir uns stets mit innovativen Lösungen (u.a. auch mit Smart Grid Ansätzen, wo wir in Österreich einer der Vorreiter sind) diese Kosten so effizient wie möglich zu gestalten. So haben wir z.B. in zahlreichen Fällen (z.B. in Heimschuh, Feldbach oder Murau) innovative Lösungen für den kostenoptimierten Netzanschluss umgesetzt.

Meines Wissens nach gibt es auch starke Unterschiede dieser Regelung in den verschiedenen Ländern. Wie ist das zB. In Deutschland geregelt?

In Deutschland ist es grundsätzlich so, dass die Netzanschlusskosten großteils von den Netzbetreibern getragen werden und dann über die Netzentgelte auf die Verbraucher – sprich die Haushalte und das Gewerbe umgelegt werden. Diese Mehrkosten werden dann über die dadurch erhöhten Netztarife von der Allgemeinheit getragen. In Österreich hingegen werden diese Kosten gemäß dem Verursacherprinzip vom jeweiligen Netzkunden getragen. Entsteht im Zuge des Netzausbaus für den Netzanschluss auch ein Vorteil für das Gesamtnetz, so kann und wird sich der Netzbetreiber an diesen Kosten beteiligen, wodurch sich die individuelle Kostenbelastung im entsprechenden Ausmaß reduziert. In Summe ist klar – mehr erneuerbare Energie braucht auch mehr Investitionen in das Netz und jetzt geht es um die Verteilungsgerechtigkeit – in der E-Control wurde dazu schon ein Papier im Jahr 2015 erstellt, leider ist eine Umsetzung noch immer nicht absehbar.

In dem konkreten Fall einer großen Anlage im Burgenland über 400 kWp, steht gleich nebenan ein riesiger Windpark mit der wohl 100-fachen Leistung. Dieser Windkraftbetreiber hat privat einen Netzanschluss bezahlt, welcher nun im Eigentum des Netzbetreibers ist. Trotzdem hilft das der „kleinen PV-Anlage“ nicht an dieses ausgebaute Netz zu kommen. Wieso ist das so?

Diesen konkreten Fall kann ich nicht kommentieren. Generell ist der Netzbetreiber verpflichtet, die vorhandene Netzanschlusskapazität effizient und fair auf die Anschlusswerber aufzuteilen. Sollte daher bei einem realisierten Netzanschlusspunkt noch Kapazität vorhanden sein, bringt der Anschluss weiterer Netzkunden selbstverständlich effizientere Netzanschlusskosten für alle Beteiligten. Nur wenn die Anschlusskapazität ausgeschöpft ist, werden weitere Investitionen veranlasst. Wir schauen uns auf alle Fälle jeden einzelnen Fall an und versuchen in solchen Fällen eine kundenfreundliche Lösung zu finden!

Ich bin bei weitem kein Experte in dieser Angelegenheit, aber für mich sieht die derzeitige Netzausbaukostenregelung nach einer Lose-Lose-Lose Situation aus. Viele Windkraftbetreiber mussten unverhältnismäßig viel für den Netzausbau zusätzlich zu den Kraftwerken bezahlen und die Gesellschaft hat keine Möglichkeit auch von diesem Netz zu profitieren und wenn solche Kosten den Betreibern von PV-Anlagen „umgehängt“ werden, werden die Projekte schlichtweg nicht umgesetzt. Im Konkreten hätten die Anschlusskosten mit 2 Mio. Euro bei einem Kraftwerkswert von ca. 400.000,- zu Buche geschlagen. So wird der Ausbau schlichtweg nicht kommen. Wie sehen Sie das?

Dies ist selbstverständlich eine ordnungspolitische Frage. In der derzeit gültigen Regelung werden die Kosten gemäß dem im Gesetz geregelten Verursacherprinzip von den Windparkbetreibern übernommen. Dadurch werden auch jene Windparkstandorte bevorzugt, bei denen die Gesamtkosten (Erzeugungsanlage und Netzanschlusskosten) am geringsten sind. Ein Anreiz für mehr Effizienz ist hier sicher zu begrüßen. Um den Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung gemäß den Vorgaben aus der Klima- und Energiestrategie der österreichischen Bundesregierung voranzutreiben, könnte natürlich auch eine teilweise Übernahme der Netzanschlusskosten durch den Netzbetreiber nachgedacht werden. Jedenfalls führt dies zu erhöhten Netznutzungskosten für alle Netzkunden, was letztendlich durch den Gesetzgeber vorzugeben ist. Wer „JA sagt“ zu Ökostrom muss auch „JA sagen“ zum Netzausbau und schlussendlich auch „JA-sagen“ zur Akzeptanz der Kosten. Derzeit ist hier gerade die Wirtschaftskammer Österreich sehr kritisch dem Ökostrom und dem Netzausbau gegenüber – da sollten wir gemeinsam eine Linie entwickeln und die volkswirtschaftlichen Vorteile Österreichs in den Vordergrund stellen.

Abschließend: Welche Netzausbauregelung hätte Ihrer Meinung nach den größten volkswirtschaftlichen Nutzen und würde den Ausbau nicht behindern, sondern beschleunigen?

Klar ist, dass die Netze bis vor wenigen Jahren für eine andere Versorgungsaufgabe errichtet wurden. Mit dem Anschluss hunderttausender dezentraler Einspeiser kommen die bestehenden Netze rasch an ihre Kapazitätsgrenzen. Deshalb führt am raschen Ausbau der Netze kein Weg vorbei. Durch viele innovative Maßnahmen, die bei uns schon getestet und als Standardlösung eingeführt wurden, kann im Regelfall der klassische Netzausbau deutlich effizienter stattfinden. So sind z.B. regelbare Ortsnetztransformatoren, Niederspannungs-Netzregler, lokale Spannungsregelungen Lösungen, die bei uns schon seit Jahren eingesetzt werden. Auch haben wir in unserem Projekt in Heimschuh gezeigt, dass ein netzdienlich betriebener Speicher die Einspeisekapazität des Netzes deutlich steigern kann. Also in Summe „yeswedo“ im Sinne der Erneuerbaren Energie, der CO2-Reduktion und der Nachhaltigkeit!

Ich danke Ihnen für das interessante Gespräch!

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

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