Interviewserie zum Thema enkeltaugliche Netze

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  • Die Zukunft der Erneuerbaren hängt nicht zuletzt davon ab, wie wir mit dem Thema Netze umgehen. Wir starten deshalb eine Interviewserie mit unterschiedlichen Vertretern der Energiewirtschaft und starten mit  Florian Maringer, Geschäftsführer des Dachverbandes Erneuerbare Energie Österreich (EEÖ). Er spricht mit uns über ein wichtiges Zukunftsthema, die Finanzierung des Netzausbaus und die nötigen Weichenstellungen aus der Politik. Er war lange auch bei der IG Windkraft beschäftigt und kennt die Netzthemen aus erster Hand.

Herr Maringer, in der Energiewelt sind Sie bekannt, aber es ist hier so üblich, dass am Anfang des Interviews ein kurzer Werdegang erzählt wird, und wie Sie dort hin gekommen sind, wo Sie jetzt sind und was Sie in die Energiewirtschaft gebracht hat. Obwohl wir uns jetzt schon so lange kennen, weiß das ja nicht einmal ich, also ist es höchste Zeit, dass ich diese Frage stelle.

Den Erstkontakt mit dem Energiesektor hatte ich als Kind. Mein Vater hatte einen Kohlehandel. Vermutlich werde ich einmal einer der letzten Menschen in Österreich sein, die noch Kohle geschaufelt haben. Schon damals wusste ich: das wird nichts mehr mit dieser Technologie. Jahr(zehnte) später war ich recht eng involviert in ein Windenergieprojekt in meiner Heimatgemeinde. Das hat mich letztendlich in den Windenergiesektor und insofern auch dahin gebracht womit ich mich heute beschäftige.

Die Diskussion zu diesem Thema hat begonnen, da ich auf Twitter auf ein Problem hingewiesen habe, welches in Zukunft noch öfter auf uns zukommen wird. Größere Photovoltaikanlagen werden oft vom Netzbetreiber „abgelehnt“, weil das Netz die Leistungen anscheinend nicht mehr abtransportieren kann. Dies steht natürlich im krassen Gegensatz zu den Plänen der Regierung, welche sich eine Verzehnfachung des Ausbaus „wünscht“. Kannst du uns kurz erläutern, wie in Österreich generell die Regelung lautet, wenn ein Betreiber eine große Photovoltaikanlage bauen möchte und den Netzanschluss beantragt?

Grundsätzlich besteht eine Anschlusspflicht. Diese Anschlusspflicht zieht sich durch eine lange Historie an EU-Richtlinien und Verordnungen ist aber natürlich auch in Österreich direkt verankert, etwa im ElWOG (Elektrizitätswirtschafts- und Organisationsgesetz). Der grundlegende Gedanke war:

  • Erstens, dass vor allem vertikal integrierte Unternehmen (das sind Unternehmen, die sowohl Netzbetreiber als auch Stromerzeuger unter einem Dach vereinen) keinen Unternehmen den Zugang verwehren dürfen, also niemanden diskriminieren.
  • Für „Zweitens“ muss ich ausholen: Netzbetreiber sind Monopolisten. Das ist durchaus gut, dadurch soll verhindert werden, dass Kreuz und Quer Stromleitungen durch die Gegend gelegt werden (vereinfacht gesagt). Sie könnten sich aber als Monopolist theoretisch aber auch ausruhen auf ihrem Privileg und ein stressfreies Leben genießen. Das will man natürlich nicht und das ist auch eine Unterstellung aber die gesetzlichen Regelungen sollen ja auf den „Worst Case“ abstellen und ihn verhindern. Insofern soll durch die Pflicht sichergestellt werden, dass das Netz entsprechend umgebaut wird
  • Drittens, und das ist eigentlich das Wichtigste: die Grundarchitektur unseres Stromnetzes stammt aus der Vor- und unmittelbaren Nachkriegszeit. In Österreich basierend auf dem Thermohydraulischen Verbund (d.h. dem Zusammenspiel von fossilen Großkraftwerken und der Wasserkraft). Nach 70 Jahren muss sich diese Grundarchitektur nun auch ändern und der Anschluss von dezentralen und sauberen Erzeugungsanlagen muss ermöglicht werden, um fossile Kraftwerke an einem anderen Ort zu verdrängen. Dass das ein Erfolg ist, sieht man wenn man sich den Überlebenskampf der Kohle in Deutschland ansieht. Um das zu ermöglichen, haben Netzbetreiber eine Reihe von Pflichten, wie zum Beispiel eben die Anschlusspflicht. Die Logik ist also: der Netzbetreiber muss dafür sorgen, dass das Netz so ausgebaut und betrieben wird, dass ein Anschluss von Erzeugern aber natürlich auch von Verbrauchern immer möglich ist – also auch mit Blick in die Zukunft (!). Das natürlich immer unter der Prämisse der Versorgungssicherheit, die technisch recht genau definiert ist. Und die ist sehr hoch.

Gleichzeitig gibt es viele starke Treiber für den Netzumbau: wir befinden uns in einer Phase des Umbaus des Stromnetzes, weg von fossilen und zentralisierten Großkraftwerken hin zur dezentralen und sauberen Erzeugung. Die Stromnetze sind teilweise sehr alt und bis Ende der 2000er Jahre wurde sehr wenig investiert. Zusätzlich werden in ganz Europa die Strommärkte gekoppelt, das heißt der grenzüberschreitende Stromhandel nimmt zu und damit die Energieflüsse. Damit soll die Energie auch billiger werden. Last but not least die Digitalisierung, die wesentlich mehr Dynamik in das System bringt als bisher üblich war.

Meines Wissens nach gibt es auch starke Unterschiede dieser Regelung in den verschiedenen Ländern. Wie ist das zum Beispiel In Deutschland geregelt?

In Österreich tragen die anschließenden Anlagen je nach Technologie einen großen Teil der Kosten für den Netzanschluss selbst. Die Investitionen dafür werden über die Systemnutzungsentgelte verrechnet, beispielsweise das Netzbereitstellungsentgelt. In Niederösterreich wurde so beispielsweise der gesamte Netzausbau zu 2/3 von der Windenergie finanziert. Zusätzlich kann der Netzbetreiber auch ein Anschlussentgelt zu den Kosten, die unmittelbar durch den Anschluss verrechnet werden und nur diesem dienen verrechnen. Die Kosten dafür müssen allerdings sehr transparent und nachvollziehbar dargestellt werden.

In Österreichs Nachbarländern sind Netzkosten meistens nicht von den Erzeugungsanlagen zu tragen. Die Intention dahinter ist, dass der Netzumbau bzw. die Versorgung den VerbraucherInnen zugutekommt und so die Erzeugungskosten (also die laufenden Kosten pro kWh) sinken. Die Regelungen sind auch weit weniger komplex wenn es so gelöst wird. Die Europäische Union versucht das seit Jahren zu vereinheitlichen, leider ist man da noch nicht sehr weit. Natürlich will niemand, dass die Verbraucher unnötig hohe Kosten tragen. Andererseits muss man ja davon ausgehen, dass die Netzbetreiber das Netz nicht unnötig teuer ausbauen.

Die Kosten für den Netzanschluss werden jedenfalls zu einem recht hohen Teil von den Erzeugern getragen und müssen natürlich durch die Erzeugungskosten wieder eingenommen werden. Damit macht man die Herstellung von Strom aufwändiger und teurer (beispielsweise die Installation von Anlagen) und Importstrom billiger, weil diese Kosten in anderen Ländern nicht verrechnet werden. That’s it. Für die Energiewende in Österreich und das Regierungsziel von 100% erneuerbaren Strom bis 2030 ist es kein Vorteil, wenn wir den Import künstlich billiger machen als heimische, saubere Stromerzeugung.

In dem konkreten Fall einer großen Anlage im Burgenland über 400 kWp, steht gleich nebenan ein riesiger Windpark mit der wohl 100-fachen Leistung. Dieser Windkraftbetreiber hat privat einen Netzanschluss bezahlt, welcher nun im Eigentum des Netzbetreibers ist. Trotzdem hilft das der „kleinen PV-Anlage“ nicht an dieses ausgebaute Netz zu kommen. Wieso ist das so?

Das ist ohne Details schwer zu beantworten.

Der Netzbetreiber muss jedenfalls sehr transparent, nachvollziehbar und diskriminierungsfrei darlegen, welche Kosten UNMITTELBAR mit dem Anschluss der Anlage verbunden sind, unter Berücksichtigung des gesamten Netzes. Man müsste sich also die Realdaten genau ansehen, der Netzbetreiber ist ja zu höchster Transparenz verpflichtet, die vollständige Einsicht in alle Informationen sollte insofern möglich sein. Dass mit solchen Dingen natürlich alles komplizierter und aufwändiger wird ist auch klar. Meist kalkulieren Privatpersonen, die eine PV Anlage am Dach wollen, aber auch größere Stromerzeuger, wie Kleinwasserkraftbetreiber oder Windparkbetreiber ja sehr knapp. Da kann man nicht immer einfordern, dass für jede kleine Anlage langwierige und finanziell wie auch zeitlich aufwändige Diskussionen und Streitereien geführt werden. Das setzt ja auch ein erhebliches Expertenwissen voraus. Man baut jedenfalls eine Hürde auf, die vermieden werden sollte.

Aus meiner Sicht ist es schwer abgrenzbar, welche Kosten unmittelbar mit EINER Anlage oder EINEM Nutzer verbunden sind. Grundsätzlich kommen die Investitionen, die ja durch Erzeugungsanlagen finanziert werden, nicht nur der einen Erzeugungsanlage zugute, sondern verbessern meist die Gesamtsituation. Das heißt es wird durch die Investition des Netzbetreibers (die ja auch durch Zahlung des Erzeugers bezahlt wird) das gesamte Netz verbessert. Da wird ja nicht nur eine Steckdose eingebaut, sondern wirklich einiges umgebaut, verbessert usw. Der Netzbetreiber ist zum vorausschauenden Ausbau des Netzes verpflichtet. Nimmt man an, dass wir 100% erneuerbaren Strom bis 2030 wollen, muss man also jetzt schon anfangen, die Netze auf diese Anforderung auszulegen. Der unmittelbare Aufwand kann unter diesen Gesichtspunkten jedenfalls nicht einen großen Anteil oder sogar ein Mehrfaches der Investitionskosten ausmachen, dann hätte der Netzbetreiber ja nicht vorausschauend ausgebaut, sondern baut genau für eine Anlage aus. So ist das gesetzlich nicht vorgesehen.

Ich bin bei weitem kein Experte in dieser Angelegenheit, aber für mich sieht die derzeitige Netzausbaukostenregelung nach einer Lose-Lose-Lose Situation aus. Viele Windkraftbetreiber mussten zusätzlich zu den Kraftwerken unverhältnismäßig viel für den Netzausbau bezahlen und die Gesellschaft hat keine Möglichkeit auch von diesem Netz zu profitieren und wenn solche Kosten den Betreibern von PV-Anlagen „umgehängt“ werden, werden die Projekte schlichtweg nicht umgesetzt. Im Konkreten hätten die Anschlusskosten mit 2 Mio. Euro bei einem Kraftwerkswert von ca. 400.000,- zu Buche geschlagen. So wird der Ausbau schlichtweg nicht kommen. Wie sehen Sie das?

So stimmt das nicht ganz – es passieren ja ständig Um- und Ausbauten. Die meisten Netzbetreiber arbeiten schon sehr ambitioniert am Umbau des Energiesystems. Durch den Ausbau der Windenergie im Burgenland, aber auch in Niederösterreich wurde das Stromnetz massiv verbessert. Ich postuliere, dass damit natürlich auch ein wesentlicher Teil der Versorgungssicherheit gewährleistet und verbessert wird. Bei der genannten PV Anlage stellt sich nun aber wieder die Frage: wofür bezahlt man da genau, sind die Investitionen gerechtfertigt, zahlt das dann jeder Anschlusswerber?

Wie erwähnt: die unmittelbar mit dem Anschluss verbundenen Kosten können, sofern transparent und diskriminierungsfrei, der Erzeugungsanlage laut Gesetz verrechnet werden. Wenn der Monopolist Netzbetreiber das Recht dazu hat, solche Kosten zu verrechnen muss man allerdings auch genau darauf schauen, ob diese Kosten auch wirklich gerechtfertigt sind. Da im Stromnetz nicht immer alles genau abgrenzbar ist, sondern Strom schlicht dorthin fließt, wo die Physik es vorgibt, denke ich schon, dass viele der Anforderungen eher über- als untertrieben sind. Als privates Unternehmen oder als Privatperson ist das sehr schwer. Zufriedenstellend ist das leider nicht.

Abschließend: Welche Netzausbauregelung hätte Ihrer Meinung nach den größten volkswirtschaftlichen Nutzen und würde den Ausbau nicht behindern, sondern beschleunigen?

Das ist eine spannende Frage, die man vermutlich dem Regulator in einer ruhigen Stunde stellen sollte. Es gibt hier viele Möglichkeiten, das Prinzip, dass jemand, der Zugang zum Netz haben möchte dafür bezahlen muss mag ja in einer perfekten Welt in Ordnung sein. Allerdings kalkuliert jemand der Strom erzeugt auf einen möglichst geringen Erzeugungspreis hin (Strom muss billiger werden wird ja auch ständig gefordert). Am anderen Ende sitzt der Netzbetreiber, der kalkuliert einerseits auf absolute Sicherheit, aber ist als ökonomisch aktives Unternehmen auch Unternehmenszielen verpflichtet. Seine Investitionen bekommt er so oder so über einen regulierten Tarif. In Summe geht das eben nicht zusammen und erzeugt Unmut und Unverständnis. Ein Interessenskonflikt, der nur dadurch aufgelöst werden kann, dass die Transparenz im Stromnetz wesentlich erhöht wird. Selbst dann muss man aber sagen, dass sich der einzelne Anschlusswerber dennoch auf einer schiefen Ebene gegenüber dem Netzbetreiber befindet. Man braucht da schon sehr gute ExpertInnen – sinnvoll wäre zum Beispiel eine Art Ombudsstelle, die auch hohe technische Expertise hat. Immerhin geht es ja um ein staatliches Monopol unter dem da gearbeitet wird im Stromnetz. Ob es klug ist, dass Anschlusswerber für die Stromerzeugung viel Geld zahlen und damit eine Hürde aufgebaut und die Erzeugung teurer wird, während wir gleichzeitig eigentlich die Energiewende vorantreiben möchten und „Strom billiger werden muss“ sei dahingestellt.

Danke für das interessante Interview!

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

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