Weltfrauentag? Wozu ist das wieder gut?

Lesedauer: 6 Minuten
  • „Oh, Mann! Schon wieder einer dieser besonderen Tage, die irgendwann irgendjemand festgelegt hat, um irgendwas zu ehren. Was hatten wir unlängst? Den Tag der Jogginghose? Nun ja, dann bringen wir den Weltfrauentag auch hinter uns.“

Geben Sie es zu, manchmal erscheint Ihnen alles, was es so zu bedenken und gedenken gilt, als überzeichnet und aufgesetzt. Nun, ich gebe Ihnen prinzipiell Recht. Aber Frauen sind doch etwas anderes als Jogginghosen. Also geben Sie sich einen Ruck und lesen Sie weiter – vor allem, wenn Sie ein Mann sind!

Wozu brauchen Frauen im Jahr 2017 einen eigenen Gedenktag? Glauben Sie mir, ich würde jetzt lieber darüber schreiben, warum das nicht mehr notwendig ist. Aber leider ist von einer Gender Balance in großen Unternehmen noch immer wenig zu sehen. Und bitte denken sie jetzt nicht, dass es hier um Feminismus oder um Quotenregelungen geht. Es geht um weit mehr: Unternehmen haben noch immer nicht verstanden, dass eine Geschlechterausgewogenheit eine Vielfalt an Qualitäten möglich macht, von denen Organisationen immens profitieren. Frauen sind nicht besser als Männer und Männer sind nicht besser als Frauen. Aber typisch weibliche Fähigkeiten und Verhaltensweisen ergänzen das menschliche Portfolio eines Unternehmens mehr als Ihnen vielleicht bewusst ist.

Die Gründe, warum es nach wie vor zu wenige Frauen in Führungspositionen gibt, sind vielschichtig – und sie liegen nicht nur ausschließlich an „diabolischen“, unknackbaren Männermachtstrukturen. Ich habe im Laufe der Jahre tausende Frauen beraten und weiß, dass es auch an den Protagonistinnen selbst liegt. Rund 80% der Frauen haben Schwierigkeiten mit folgenden Aspekten entlang der vielzitierten Karriereleiter:

  • Konkrete Ziele setzen und verfolgen
  • Selbstdarstellung und Selbstpräsentation
  • Selbstwert
  • Den Platz in der ersten Reihe einnehmen

Ja, schon gut. Ich höre Ihren Aufschrei! Natürlich gibt es Unternehmen, in denen die leidenschaftlichsten weiblichen Bemühungen, „nach oben“ zu kommen, wenig Aussicht auf Erfolg haben. Aber selbst in Firmen, die bewusst auf Gender Balance setzen, stehen sich viele Frauen aus genannten Gründen selbst im Weg.

In meinem Buch „Power sucht Frau“ habe ich mich mit diesem Paradoxon ausführlich beschäftigt. Wenn Frauen nicht klar aussprechen können, wohin sie wollen, werden sie in ihrer Karriere nicht wesentlich weiterkommen. Wenn man nicht gesehen wird, wird man auch nicht gefragt, ob man interessante Herausforderung annehmen will. Der Wirkungsradius von Frauen ist sehr oft eingeschränkt – nicht durch äußere widrige Umstände, sondern durch innere Blockaden.

So, aber jetzt zum Wesentlichen! Frauen, aufgepasst! Was können Sie durch ein geschärftes Bewusstsein verändern?

  1. Werden sie sich klar, wohin die berufliche Reise gehen soll! Das scheint logisch und trotzdem wird dieser Punkt oft sträflich vernachlässigt. Ich meine: Sind Sie schon jemals in den Urlaub aufgebrochen, ohne das Reiseziel zu kennen? Sie wüssten nicht, welche Kleidung vor Ort nützlich ist oder ob Sie zum Flughafen oder zum Bahnhof müssen. Viele Frauen planen genau auf diese Art ihre berufliche Reise: Gar nicht! Doch ohne Ziel, wissen Sie auch nicht, was Sie zu tun haben, um beruflich „anzukommen“.
  2. Arbeiten Sie an Ihrer Wirkung! Vielleicht geht es Ihnen, wie einem Großteil Ihrer weiblichen Mitstreiterinnen: Sie stecken unendlich viel Zeit in die Ausarbeitung von Präsentationen. Doch wenn es dann darum geht, die Präsentation zu halten, fühlen Sie sich unwohl und würden den „Platz im Spotlight“ liebend gerne einem Kollegen überlassen. Womöglich ist das genau das, was dann passiert. Genau da liegt der Hund begraben: Lernen Sie, sich zu präsentieren! Investieren sie nicht 120% in den Inhalt und die Form Ihrer Präsentation, sondern begnügen Sie sich mit 80% und investieren Sie den Rest in Ihre „Wirkung“ auf die Zuhörerinnen und Zuhörer. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen nur rund 7 – 15% von übermittelten Informationen tatsächlich aufnehmen können. Den Rest macht der Mensch aus, der vor einem steht: Auftritt, Körperhaltung und Stimme. Genau genommen müsste man also eher 80% in die persönliche Bühnenpräsenz investieren, um möglichst gut anzukommen. Aber keine Angst, Sie müssen keine perfekte Präsentatorin werden, sondern lediglich ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Sie über eine „Wirkung“ verfügen, die Sie entwickeln können und die Ihnen dabei hilft, stärker wahrgenommen zu werden.
  3. Kritisieren Sie sich nicht permanent selbst! Ein gut entwickelter Selbstwert bedeutet, sich selbst etwas wert zu sein. Aber wie soll das funktionieren, wenn Sie regelmäßig etwas an sich finden, was nicht in Ordnung ist? Seien Sie nett zu sich selbst und gestehen Sie sich auch Fehler zu. Kein Mensch ist perfekt und kann alles. Perfektionismus ist ein weitverbreiteter Virus bei Frauen, der jedoch schnell durch gezielte „Freundlichkeit“ zu sich selbst geheilt werden kann.
  4. Lernen Sie, in der ersten Reihe zu stehen! Lassen Sie sich nicht von Kollegen nach hinten schicken. Und stehlen Sie sich auch nicht durch Angst oder Unsicherheit selbst in eine „ruhige Ecke“ davon. Stehen Sie zu Ihrer Arbeit und Ihrer Person, wenn Sie etwas erreichen wollen!

Zuletzt noch ein kleiner Tipp an Frauen, die noch keine Kinder – und vielleicht auch keinen Partner – haben: Zerbrechen Sie sich nicht schon jetzt den Kopf darüber, wie Sie Beruf und Familie unter einen Hut bringen. Es ist eindeutig zu früh dafür.

Aber nun soll auch einmal zur Sprache kommen, was Frauen auszeichnet. Liebe Männer, die bis hierher gelesen haben: Vielleicht können Sie das Folgende ja einmal bewusst beobachten und den Kolleginnen rückmelden. Denn für Frauen selbst sind ihre größten Talente oft nicht der Rede wert.

Die großen Pluspunkte von Frauen in Unternehmen: Empathische Haltung, Kommunikationsstärke, Teamgeist und das Erkennen von Zusammenhängen. Frauen haben gerne den Überblick und beziehen bei Entscheidungen möglichst viele Aspekte ein – was dazu führt, dass Entscheidungen weniger Risiko beinhalten. Aber bitte liebe Männer, Frauen sind deswegen nicht besser, wir haben nur andere Talente. Die Mischung macht den Unterschied – und zwar eine möglichst ausbalancierte.

Mein Fazit als Frau zum Weltfrauentag: Gedenktag gut und schön, aber es wäre besser, wenn es ein Bewusstseinstag wäre. Ein Bewusstsein, dass Frauen, Organisationen und Managementebenen noch viel Entwicklungspotenzial haben, das im Moment nicht genützt wird. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen Tag mit viel Aufmerksamkeit gegenüber sich selbst, dem anderen Geschlecht und dem eigenen Unternehmen gegenüber.

Herzlichst,

Anke van Beekhuis

 
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Anke van Beekhuis

Anke van Beekhuis

Anke van Beekhuis verfügt über mehrjährige Management- und Beratungserfahrung in nationalen und internationalen Unternehmen. Sie war lange Jahre als Bauleiterin für Heizung/Lüftung/Sanitär für große Bauprojekte zuständig und wechselte danach in Führungspositionen im strategischen Marketingbereich & Geschäftsführung. Vor mehr als 10 Jahren gründete sie TheRedHouse. Sie begleitet Unternehmen bei der Strukturberatung, Strategie- und Führungskräfteentwicklung und in Changeprozessen im In- und Ausland. Über tausend Führungskräfte und Vorstände haben von ihrem Fachwissen in Form von Vorträgen, Workshops, Lehrgängen und persönlicher Beratung profitiert. Sie setzt große Veränderungsprojekte zum Thema Gender Balance in börsennotierten Großkonzernen um. Sie schreibt seit Jahren Fachartikel und Bücher. „Power sucht Frau – Übernehmen Sie Führung für Ihren Erfolg“ erschien 2013 und „Wer sich selbst findet, darf‘s behalten – Wie Sie erreichen, was Ihnen im Leben richtig wichtig ist!“ im Juni 2016 im Goldegg Verlag.

2 Comments

  1. Quelle surprise! Solch einen Beitrag hätte ich hier nicht erwartet. Als ein Mann (der alles gelesen hat) kann ich nur sagen: „Frauen haben (und müssen) mehr POWER in unserer Gesellschaft (haben)!“ Warum es zu Top-Positionen oftmals nicht reicht, ist ja oben auszugsweise beschrieben. Wenn ich mir nur erlauben darf, einen Punkt 5 zu ergänzen: Schaffen Sie sich ein berufliches Netzwerk! – gilt übrigens auch für die Männer … Ich bin da leider auch sehr schlecht, deshalb schreibe ich nicht weiter…

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