Nachhaltig investieren: Textilindustrie – Sinnbild für Missachtung von Menschenrechten

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  • Die Textilindustrie mit ihren Sweatshops gilt oft als Sinnbild für Miss­achtung von Arbeitsrechten und Auswüchse von Global Sourcing. Der Ruf nach fairen Produktionsweisen wird spätestens dann laut, wenn neue Enthüllungen über unmenschliche Arbeitsbedingungen von Beschäftigten in der Textilbranche publik werden. Doch was machen große Texilunternehmen zur Verbesserung von Arbeitsrechten und sozialen Standards in den betroffenen Produktionsländern? Raiffeisen Capital Management hat im Rahmen eines Unternehmensdialoges nachgefragt.

Dass sich die Textilindustrie in Bezug auf Arbeitsrechtsverstöße und Kinderarbeit so oft in den Schlagzeilen wiederfindet, liegt an den prinzipiell recht einfachen Fertigungsprozessen. Geringe techno­logische Anforderungen und die unkomplizierte Verlagerung von Produktionen führen zu einem enormen Kostendruck und zu einem Wettlauf um die günstigsten Lohngefüge, bei dem sich Länder mit ihren Produktionsstätten regelrecht unterbieten. Nur ein verschwindend geringer Anteil des Kaufpreises von Textilien landet letztlich in der Fertigung und bei den dort tätigen Beschäftigten. Vor allem teure Labels haben daher mit einem nicht zu unter­schätzenden Reputationsrisiko zu kämpfen.

Zur Branche zählen vor allem traditionelle Bekleidungs­hersteller und Unternehmen, die Spezialisierungen in den Bereichen Sport, Leder oder Schmuck aufweisen. Der Absatz erfolgt meist über den Einzelhandel, zum Teil auch über eigene Geschäfte. Die einfache Austauschbarkeit der Hersteller am untersten Ende der Wertschöpfungskette führt zu starkem Druck auf die Produktionskosten, was wiederum beinharte Konkurrenz mit der Folge geringerer Löhne und sonstiger Aufwendungen in den Fabriken nach sich zieht. Dabei sind auch die Sicherheitsstandards ein großes Thema. Als Folge des Unglücks in Sabhar (Bangladesch) im Frühjahr 2014, bei dem aus gravierenden Sicherheitsmängeln mehr als 1100 Menschen ums Leben kamen, unterzeichneten große europäische und US-amerikanische Textilfirmen das mit internationalen Gewerkschaftsdachverbänden sowie NGOs ausgehandelte „Abkommen zum Brand- und Gebäudeschutz in Bangladesch“.

Acht Kernarbeitsnormen für menschenwürdige Arbeitsbedingungen

Beschäftigt man sich mit dem Thema Arbeits­rechte im Detail, so ist es die ILO (International Labor Organisation), die so genannte Kern­arbeitsnormen festgelegt hat. Damit verbunden ist das Ziel, dass diese Normen als Sozial­standards menschenwürdige Arbeits­bedingungen und einen hinreichenden Schutz der Arbeitnehmer gewährleisten sollen. Zu den acht Kernarbeitsnormen zählen

  • Konventionen über Zwangsarbeit,
  • Vereinigungs­freiheit und Schutz des Vereinigungsrechts,
  • das Vereinigungsrecht und Recht zu Kollektivverhandlungen,
  • Gleichheit des Entgelts,
  • Ab­schaffung der Zwangsarbeit,
  • Vermeidung von Diskriminierung,
  • Mindestalter,

Verbot und unver­zügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit.Der Textilsektor weist häufig eine kaskadenartige Konstruktion im Fertigungsprozess auf. Die gesamte Lieferkette, von der Fertigung über viele Stufen bis zum Einzelhändler, ist vielfach nicht transparent genug. Die an Sublieferanten outgesourcte Produktion wird auf tiefere und wieder tiefere Ebenen weitergegeben, sodass für den Textilkonzern als Auftraggeber letztlich ein Kontrollproblem entsteht. Verschärfend wirken die immer kürzeren Lieferzyklen für neue Kollektionen, die die Kurzfristigkeit der Fertigung und eine damit verbundene breite und undurch­sichtige Auffächerung der Produktion verstärken.

Due-Diligence-Prüfung für gesamte Lieferkette

Im Zusammenhang mit dem Thema Textilien zielt der Unternehmensdialog des Nachhaltigkeitsteams von Raiffeisen Capital Management auf Unternehmen in den Bereichen „Textil-Vormaterialien“ und „Textilhandel“ ab. Die wichtigsten Fragen betreffen die Arbeitsbedigungen, die Lieferkette und die sozialen Standards: z.B. Gibt es einen eigenen Verhaltenskodex, der die Grundsätze der Arbeitnehmerrechte in der gesamten Supply-Chain vorgibt und soziale Aspekte behandelt? Sehen Sie das Thema Korruption als Problem – vor allem an Billiglohn-Standorten wie Indonesien, Bangladesch, Vietnam und Myanmar? Wie gehen Sie mit dem Thema „living wages“ um, und wie definieren Sie diese?

Im Dialog mit Unternehmen: Der Stellenwert von Arbeitsrechten und soziale Standards

Mit der Undurchsichtigkeit der Lieferkette und der Kostenoptimierung verbundene potenzielle Imageschäden stellen ein Risiko für Marken und Retailer dar. Es sind dabei vor allem teure Labels, die im Falle von negativen Medienberichten vor einem großen Reputationsproblem stehen. Angesichts des geringen Anteils der Herstellungskosten an den Verkaufspreisen im Einzelhandel ist jeder arbeitsrechtliche Verstoß dem Konsumenten gegenüber nur sehr schwer zu argumentieren. Daher bemühen sich viele prominente Textilhersteller, ein möglichst aktives Lieferkettenmanagement umzusetzen. Eine Verbesserung der Standards für die Herstellung, die fast immer an Partner ausgelagert wird, steht dabei im Mittelpunkt. Unternehmen, egal ob Retailer oder Textilkonzerne, können der problematischen Entwicklung insofern gegensteuern, als sie für ihre gesamte Lieferkette eine tiefgreifende Due-Diligence-Prüfung einführen. In diesem Fall werden die Lieferanten aktiv gemanagt und einem Monitoring- und Auditierungs-Verfahren unterzogen. Zulieferer, die kritisch eingeschätzt werden, können auf diese Weise regelmäßigen intensiven Kontrollen unterzogen werden. Ein Bonus-System für Lieferanten für überdurchschnittlich gute Arbeitsbedingungen kann zudem einen positiven Wettbewerb auslösen. Unzureichendes Wissen über Arbeitsstandards kann durch Best-Practice-Beispiele erweitert werden. Aktuell zählen in der Textilindustrie Bangladesch, Vietnam und zuletzt auch Myanmar zu den Ländern, in denen die Arbeitskräfte am schlechtesten entlohnt – also am „günstigsten verfügbar“ – sind. Dabei rückt bei der Analyse der Entlohnung in den Fabriken immer stärker der Begriff der fairen „living wages“ – auf Deutsch übersetzt: das Existenzminimum – in den Mittelpunkt. In Bangladesch liegt der Mindestlohn aktuell bei rund 20 % des Existenzminimums, in China immerhin bei fast 50 %.

Bewusstsein und Druck wachsen

Es hat sich gezeigt, dass nicht alle Textilkonzerne ihre Produktion auf Billigstlohnländer fokussieren. Der spanische Konzern Inditex beispielsweise kauft mehr als die Hälfte seiner Kollektion in Ländern in der näheren Umgebung – diese werden als „proximity markets“ bezeichnet. Hanesbrands produziert 80 % seiner Textilien in eigenen Fertigungsstätten außerhalb der klassischen Billiglohnländer. Oft werden die Zulieferer geratet, je nach Er­füllung oder Teilerfüllung der vorgegebenen Standards. Bei Aussagen zu Gründen für die Beendigung der Geschäftsbeziehung zu Lieferantenunternehmen halten sich alle befragten Unternehmen eher bedeckt. Eine Kündigung aufgrund von Verstößen gegen ESG (Environment Social Governance)-Prinzipien scheint eher die Ausnahme zu sein. Adidas hat sich dem Thema Nachhaltigkeit in der Lieferkette sehr generell genähert. Die 2016 gestartete Strategie „sport needs a space“ deckt nicht nur die Produktion, sondern auch das Marketing und die Verwendung der Produkte ab. Für die Lieferkette wurden auch Ziele in Richtung weniger Wasserverbrauch und geringere Abfall­mengen festgelegt. Bis 2018 sollen die von Adidas verwendeten Baumwollsorten zu 100 % auf nachhaltige Produktion umgestellt sein. Das Thema „living wages“ nimmt in der Textil­branche generell an Bedeutung zu, die genauen Definitionen sind aber von Unternehmen zu Unter­nehmen sehr unterschiedlich.

Nachhaltiges Texitlunternehmen: Gildan Activewear

Raiffeisen Capital Management ist derzeit nur in ein Unternehmen, das im Rahmen des Unternehmensdialoges adressiert worden ist, investiert: Gildan Activewear.

Gildan Activewear ist ein kanadisches Unter­nehmen, das sich auf die Produktion von Sport­bekleidung spezialisiert hat. Der Konzern beschäftigt aktuell rund 42.000 Mitarbeiter.

Gildan bezieht den Großteil der verarbeiteten Baumwolle aus den USA. Themen in der Baumwollproduktion sind unter anderem die Bewässerung und der Einsatz von Pestiziden. Außerdem trat Gildan Activewear 2015 der „Better Cotton Initiative“ bei. Seit dem Jahr 2015 kann Gildan Activewear seine Baumwoll­lieferungen aktiv zurückverfolgen. Der Großteil der Produktion – rund 90 % – erfolgt inhouse. Für die Fabriken wurde eine umfang­reiche „Labor Compliance Policy“ ins Leben gerufen, die auf den Richtlinien der Fair Labor Association (FLA) und Worldwide Responsible Accredited Production (WRAP) basiert. Das Unternehmen hat in diesem Zusammenhang ein umfangreiches Auditing-System erarbeitet, das sowohl intern wie auch extern erfolgt und die Einhaltung des firmeneigenen Codes of Conduct überprüft. Gildan Activewear hat damit begonnen, für die Standorte in Honduras und der Dominikanischen Republik „living wages“ zu berechnen. Von dieser Maßnahme werden eine verbesserte Mitarbeiterzufriedenheit und eine Abnahme der Mitarbeiterfluktuation erwartet. Gildan Activewear zählt mit seiner Liste an chemischen Substanzen, die im Rahmen der Produktion verboten sind, zu den strengsten der gesamten Branche. Außerdem hat Gildan Activewear die Oeko-Tex-Standard-100-Zertifizierung erlangt, bei der ein intensiver Check auf etwaige gesundheitsschädliche Substanzen in den Textilien erfolgt.

Fazit: Kleider machen Leute – Leute machen Kleider

Prozess- und Aufwandsoptimierungen finden so gut wie immer auf Kosten derer statt, die sich nicht wehren können. Respektive derer, die über kein „geeignetes Lobbying“ verfügen. Zu dieser Gruppe zählen zunächst eigentlich immer Fauna und Flora, sprich die Umwelt, und – im Fall eines mit viel händischer Arbeit verbundenen Fertigungsprozesses wie in der Textilindustrie – die menschliche Arbeitskraft. Kleider machen Leute, und Leute machen Kleider. – Oft in Regionen großer Armut und zu oft auch unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen.

 
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Wolfgang Pinner

Wolfgang Pinner

Mag. Wolfgang Pinner, MBA hat in Wien und Nottingham studiert und sich seit dem Jahr 2001 auf das Thema Nachhaltiges Investment spezialisiert. Er hat zum genannten Thema bisher drei Bücher veröffentlicht und ist an verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen als Lektor tätig. Seit November 2013 ist er Leiter des Teams für Nachhaltiges Investment bei Raiffeisen Capital Management. Seine Verantwortungsbereiche gehen dabei sowohl in Richtung Nachhaltigkeitskonzepte für Fonds als auch in Richtung des täglichen Managements von Investmentfonds. Privat ist er einerseits sportlich als Triathlet unterwegs oder widmet sich seiner Kakteenzucht.

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