Der neue Strohblogger im Interview

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  • Heute darf ich euch ein wirklich ganz besonderes Thema vorstellen: die Dämmung mit Stroh. Viele Mythen von Schimmel und Feuergefahr ranken sich darum und deswegen habe ich mit Christian Reisenthaler aka Strohblogger gesprochen, wie er dazu gekommen ist, sein Haus mit Stroh zu dämmen.

Wie ist es dazu gekommen, dass du dein Haus mit Stroh gedämmt hast und welche Vorteile gibt es dabei?

Anfangs war ich selber skeptisch ob es eine gute Idee ist unser Haus mit Stroh zu dämmen. Nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema und vielen Gesprächen mit Menschen die damit schon Erfahrung hatten, haben meine Frau und ich ein Strohballenhaus gebaut. Heute wohnen wir bereits 8 Jahre in dem Haus und ich bin sehr froh über unsere damalige Entscheidung. Die wesentlichen Gründe für Strohdämmung waren für uns damals folgende:

  • Der massive Wandaufbau mit sehr guter Wärmedämmung und Lärmschutz
  • Die Möglichkeit schnell zu bauen
  • Ein gesundes schadstofffreies Raumklima
  • Die extrem gute Ökobilanz (Stroh bindet sogar CO²)

Heute käme noch ein weiterer wichtiger Grund hinzu: Die hierzulande am weitesten verbreitete Wärmedämmung Styropor ist aufgrund der enthalten Giftstoffe (HBCD als Flammschutzmittel) stark in Verruf gekommen. Strohdämmung bedarf keinen Zusätzen und kann nach Ende des Lebenszyklus problemlos einer thermischen Verwertung, oder der natürlichen Verrottung zugeführt werden.

Erzähle uns bitte ein bisschen mehr über Stroh als Dämmstoff und wie du jetzt Infos darüber verbreitest?

Eigentlich könnte es so einfach sein: In Österreich werden jährlich rd. 1,9 Mio Tonnen Stroh nicht verwendet und verrotten auf unseren Äckern. Stroh ist günstig, regional verfügbar und ein zertifizierter Dämmstoff mit dem alle Neubauten, die jedes Jahr in Österreich errichtet werden, gedämmt werden könnten. Das einzige Problem: Es wissen nur sehr wenige von der Möglichkeit mit Stroh zu dämmen und es gibt eine Menge an Vorurteilen, die allesamt nicht haltbar sind und längst widerlegt wurden. Genau das ist der Grund warum ich nach 8 wunderschönen Jahren in unserem Strohhaus begonnen habe darüber als Strohblogger im Internet zu schreiben. Weil ich als ehemaliger Bauherr und nunmehriger Bewohner eines Strohhauses mit ruhigen Gewissen sagen kann, dass es funktioniert. Weil ich das auch persönlich an interessierte Menschen weitergeben möchte, habe ich im vergangen November auch eine Infoveranstaltung im S-House Böheimkirchen (ein Demonstrationsprojekt der Gruppe Angepasster Technologien GRAT) mit anschließender Besichtigung unseres Einfamilienhauses organisiert. Das Interesse war sehr groß und ich bin jetzt noch mehr davon überzeugt, dass dämmen mit Stroh Zukunft hat.

Ist die Dämmung mit Stroh auch „Massen-tauglich“?

Ich freue mich ganz besonders, dass schon 2017 gleich neben dem S-House in Böheimkirchen eine Strohballen-Mustersiedlung mit sechs Wohneinheiten und zwei Einfamilienhäusern errichtet wird. Bei der Errichtung der Gebäude soll die Strohballen-Bautechnik weiterentwickelt und damit noch weiter professionalisiert werden. Für den laufenden Betrieb werden ausschließlich Erneuerbare Energien eingesetzt. Der Träger ist die aus dem „EU-Life“ Programm geförderte Projekt Gruppe Angepasste Technologie (GrAT), ein wissenschaftlicher Verein an der Technischen Universität Wien. Die Wohneinheiten sind noch nicht vergeben und wer Lust hat kann sich noch als Bewohner anmelden (bei Interesse bitte mir ein Email schreiben, ich kann gerne den Kontakt herstellen contact@strohblogger.com).

Zu deinem Haus: wie wurde es gebaut und sparst du jetzt wirklich Bares durch die Dämmung?

Unser Haus wurde in Passivhaus-Holzständerbauweise errichtet und mit Stroh gedämmt. Die Innenseiten der Außenwände wurden mit Lehm verputzt. Alle Zwischenwände im Erdgeschoß wurden mit Ziegel errichtet um möglichst viel thermische Speichermasse zu generieren. Die Zwischenwände im Obergeschoß wurden kostengünstig aus sichtbaren 3-Schichtplatten mit Flachsdämmung als Lärmschutz errichtet. Das Ergebnis ist ein sensationelles Raumklima und extrem geringe Heiz-Energiekosten (250 Euro / Jahr).

Wie bitte? Das ist ein Viertel der Kosten die ich in meiner 60m2 Wohnung habe! Erzähle bitte mehr davon, wie sich das Haus quasi selbst beheizt!

Ganz genau! Durch die Passivhausbauweise wird das Haus im Winter zu einem großen Teil durch die solare Einstrahlung auf die optimal positionierten Fensterflächen geheizt. Wenn längere Zeit keine Sonne scheint wird mit einem kleinen Stückholzofen im Wohnzimmer zugeheizt. Unsere Wohnraumlüftung sorgt dafür, dass wir im Winter immer frische Luft haben und dabei trotzdem keine Wärmeenergie verlieren. Innerhalb der Gebäudehülle befindet sich auch unsere Sauna. Wenn wir die im Winter benutzen, verbleibt die Wärmeenergie im Haus und wir müssen nicht einmal bei Sonnenmangel unseren Stückholzofen aktivieren.

Ich möchte auch noch erwähnen, dass unser Haus vom Zimmerer in einer Halle vorgefertigt wurde und die gesamte Bauzeit dadurch auf 9 Monate verkürzt werden konnte. Die moderne Bauweise lässt auch nicht vermuten, dass es sich um ein Strohhaus handelt und das begrünte Flachdach trägt eine Photovoltaik Anlage, mit der wir unseren eigenen Strom produzieren und unsere Betriebskosten noch weiter reduziert.

Wie kann man schon bei der Errichtung durch Stroh sparen?

Die Errichtungskosten mit Strohdämmung sind in etwa gleich wie die eines Hauses mit konventionellen Dämmstoffen. Bei Dämmung mit Stroh hat man allerdings durch einbringen von Eigenleistung sehr einfach eine Möglichkeit die Baukosten zu senken. Viele Bauherren und Frauen machen aus der Einbringung der Strohdämmung ein Event mit Freunden und Familie. Mit viel Spaß und gemeinsamen Elan lassen sich damit die Kosten verringern.

Was kannst du uns noch bezüglich Problemen bei der Dämmung mit Stroh mit auf den Weg geben?

Für das Bauen mit Stroh sind heute alle technischen und rechtlichen Hürden beseitigt. Nichts desto trotz sind Vorurteile und Ängste vor Feuer, Ungeziefer und Feuchtigkeitsproblemen nach wie vor weit verbreitet. Dabei sind diese längst praktisch und auch wissenschaftlich widerlegt. Strohwände brennen nicht oder sehr schlecht, weil das stark gepresste Stroh viel zu wenig Sauerstoff hat. Zertifizierungstests bescheinigen Wandaufbauten mit Strohdämmung sogar die höchste Feuerwiderstandsklasse F90. Strohdämmung wird auch in keiner Weise gegen Ungeziefer behandelt. Bei fachgerechter Verarbeitung besteht weder die Gefahr von Nagetierbefall, noch von Schimmel- oder Bakterienbefall. Auch Feuchtigkeit ist durch die richtige diffusionsoffene Konstruktionsweise keine Gefahr für Strohdämmung.

Wer heute also mit Stroh bauen möchte, der kann und soll das auch tun! Aufgrund meiner eigenen Erfahrung rate ich dazu, sich im Vorfeld gut zu informieren. Je besser man selber Bescheid weiß, umso weniger wird man auch durch sein Umfeld verunsichert. Wer möchte kann meine Aktivitäten zum Thema Strohdämmung auf meinem Blog verfolgen. Ich freue mich über jedes Feedback und beantworte auch gerne alle Fragen zum Thema Strohdämmung. Hier kann man alles zum Thema Dämmen mit Stroh nachlesen: www.strohblogger.com

  • (c) Strohblogger

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About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach  mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

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