Robert Hassler: Nachhaltigkeitsrating seit 20 Jahren – eine Rück- und Vorschau

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    (c) Robert Haßler/oekom research

  • Die oekom research betreibt seit 20 Jahren Nachhaltigkeitsratings. Ich habe einen der Gründer in New York kennengelernt und mit ihm über Vergangenheit und Zukunft gesprochen.

 

Wie bei meinem letzten Artikel über die spannende Veranstaltung „Divestment in Finance in New York“ darf ich nun das Interview mit Robert Haßler präsentieren. Er ist einer der Pioniere was nachhaltige Investments betrifft und hat das Ratingunternehmen oekom research mitgegründet. Ich freue mich nun auf das Interview mit ihm und werde noch einmal die Anfänge und die Zukunft ergründen.

Herr Hassler, 20 Jahre Nachhaltigkeitsrating! Das kann nicht jeder behaupten. Wie kam es damals eigentlich dazu?

Bei der Gründungsgeschichte von oekom research kommen eigentlich zwei Sachen zusammen: einerseits war es schon sehr früh meine persönliche Überzeugung, dass eine dauerhaft positive Entwicklung unserer globalen Gesellschaft nicht nur auf rein wirtschaftlichen Faktoren basieren kann. Andererseits setzte die Weltklimakonferenz 1992 in Rio de Janeiro ein starkes Zeichen für eine nachhaltige Gestaltung der Zukunft. Dass nun neben wirtschaftlichen auch Umwelt- und Sozialaspekte adressiert wurden, bestärkte und ermutigte mich, diesen Weg weiter zu gehen.

Als oekom 1993 startete, sprach man noch gar nicht von Nachhaltigkeit – zumindest nicht in unserem heute gebräuchlichen Verständnis. Damals bezeichneten wir unsere Arbeit als Öko-Rating. Mein Ziel war es dabei, aus unabhängiger Position heraus zu analysieren, wie Unternehmen ihre ökologische Verantwortung wahrnehmen. Sie sollten dadurch in einem Gebiet transparenter werden, das sonst noch völlig außerhalb des Blickwinkels von Investoren lag. Einen Markt für derartige Informationen gab es Anfang der 90er Jahre freilich noch nicht. Aber ich war davon überzeugt, dass in unseren Aktivitäten genügend Potential liegt, mit dem man einen neuen Markt erschaffen kann. Inzwischen zweifelt fast niemand mehr am tatsächlichen Bedarf und Sinn, Unternehmen nach ökologischen und ethisch-sozialen Kriterien zu analysieren und zu bewerten. Dies wird sogar umso wichtiger, je öfter Nachhaltigkeit oft nur als Trendwort verwendet wird. Man muss dann wirklich genau hinsehen, um zu erkennen, ob Unternehmen wahrhaftig nachhaltig agieren oder lediglich eine grün gefärbte PR-Kampagne fahren.

In Fachkreisen sind Sie kein Unbekannter. Ihr Corporate-Rating wird mittlerweile sehr ernst genommen. Das bekomme ich sogar als sagen wir mal „bankenferne“ Person mit. Könnten Sie trotzdem für unsere Leser und Leserinnen kurz erklären, was oekom research macht und was es mit dem Rating auf sich hat?

oekom research bewertet Unternehmen in Bezug auf ihre ökologische und soziale Verantwortung. Das Rating der Unternehmen basiert dabei maßgeblich auf zwei Säulen: Zum einen werden unternehmensfremde Informationsquellen genutzt, zum Beispiel Analysen und Studien von Gewerkschaften, Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen. Diese Informationen dienen einerseits einem Plausibilitätscheck der von den Unternehmen zur Verfügung gestellten Daten. Andererseits ergänzen sie die Datenlage in Bereichen, über die die Unternehmen selbst kaum informieren, etwa über Verstöße gegen Arbeits- und Menschenrechte. Auch diese unabhängigen Quellen müssen strengen Qualitätsanforderungen genügen, etwa im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der Quellen oder die Dokumentation von Vorwürfen gegen Unternehmen.

Zum anderen nutzen die Analysten Informationen, die die Unternehmen selbst zur Verfügung stellen. Hier spielen Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichte eine zentrale Rolle. Zudem stellen die Unternehmen interne Dokumente wie Umwelt-, Antikorruptions- oder Antidiskriminierungsleitlinien zur Verfügung, die in die Ratings einfließen. Insgesamt gilt: Je intensiver die Beteiligung der Unternehmen am Ratingprozess, desto besser ist die Qualität der Ratings.

Der konstruktiv-kritische Dialog mit den Unternehmen ist daher ein wesentliches Qualitätsmerkmal von umfassenden Nachhaltigkeitsratings. Da bei oekom research nicht die Unternehmen, sondern die Investoren Auftraggeber der Ratings sind, besteht trotz des engen Austausches nicht die Gefahr einer unzulässigen Beeinflussung der Ratingergebnisse durch die Unternehmen. Dieses Vorgehen unterscheidet unser Geschäftsmodell maßgeblich von dem der konventionellen Ratingagenturen, bei denen der Emittent, also das Unternehmen, für das Rating bezahlt.

Beim Symposium in New York habe ich von Ihnen zum ersten Mal vom „Montreal Pledge gehört. Was ist das genau und was ist Ihre Rolle dabei?

Das Montreal Carbon Pledge wurde am 26. September vergangenen Jahres im Rahmen der Jahreskonferenz der Unterzeichner der Principles for Responsible Investment (PRI) in Montreal ins Leben gerufen. Es ist eine Selbstverpflichtung von Investoren, den CO2-Fußabdruck ihrer Kapitalanlagen zu messen und zu veröffentlichen. Man wollte damit ein Zeichen für die Weltklimakonferenz in Paris setzen und vorab Impulse und Anreize für wirkungsvolle politische Rahmenbedingungen hin zu einer Begrenzung des globalen Klimawandels geben.

Und genau bei dieser Aufgabe – nämlich sich des Umfangs des sogenannten CO2-Fußabdrucks von Unternehmen und der daraus folgenden Risiken in Investments bewusst zu werden und entsprechend zu handeln – wollen wir die Investoren durch unsere Dienstleistungen und Produkte unterstützen. Aus diesem Grund haben wir unser Ratingangebot um spezielle Carbon Services erweitert. Investoren erhalten mit ihnen eine umfassende Informationsgrundlage, mit der sie nicht nur bestehende, sondern auch zukünftige CO2-bezogene Risiken und Leistungen von Unternehmen erkennen und managen können.

Wenn man sich die Unternehmen ansieht, die Sie gerade raten. In welchen Bereichen ist es für die Unternehmen einfacher sich nachhaltig zu verhalten und wo tun sie sich schwerer?

Für Unternehmen ist es immer leichter, sich in einzelnen Bereichen nachhaltig aufzustellen oder mit konkreten Maßnahmen nachhaltig zu verhalten. Das kann beispielsweise im Bankenbereich die CO2-neutrale Betriebsführung des Niederlassungsgeschäfts sein oder die Einführung bestimmter Personalprogramme. Anspruchsvoller wird es für Unternehmen dann, wenn Nachhaltigkeitsaspekte systemisch im Kerngeschäft integriert sein und sich über alle Geschäftsbereiche und –tätigkeiten hinweg erstrecken sollen. Das würde bei Banken dann soweit gehen, dass auch die Wege der Finanzströme mit all den jeweiligen nachgelagerten Implikationen beachtet werden müssen. Zudem erfordert systemische Nachhaltigkeit auch eine konsequente Überwachung und Kontrolle, was von Unternehmen in ihrer Kapazitätsplanung und Organisation berücksichtigt werden muss.

Mich würde interessieren, wie österreichische Unternehmen in ihrem Rating davonkommen. Gibt es eine Seite wo die Ratings österreichischer Unternehmen öffentlich einsehbar sind?

Eine solche Seite gibt es leider nicht. Immerhin kann ich aber sagen, dass wir derzeit circa 60 österreichische Unternehmen in unserem Rating-Universum haben. Darunter sind die Verbund AG, die ÖBB Infrastruktur und die Telekom Austria die Spitzenreiter.

Zum Abschluss: Wie steht es um die nachhaltigen Investments derzeit und was erwarten Sie von Paris (Klimakonferenz).

Insgesamt ist zu beobachten, dass der Markt für nachhaltige Geldanlagen in den letzten Jahren konstant gestiegen ist. Allein im vergangenen Jahr betrug sein Volumen im deutschsprachigen Raum knapp 200 Milliarden Euro – fast 50% mehr als noch in 2013. Verglichen mit dem Gesamtmarkt ist das zwar noch immer wenig, aber die Tendenz zeigt weiter nach oben und stößt auch in immer breiteren Investorengruppen auf Interesse. Waren es bislang hauptsächlich Kirchen und Stiftungen, die nachhaltig investieren wollten, sind es inzwischen auch Versicherungen und Pensionsfonds. Ich erwarte deshalb, dass das Wachstum in den nächsten Jahren anhält.

Dazu tragen nicht zuletzt auch Großereignisse wie die Weltklimakonferenz in Paris bei. Ich hoffe hier stark, dass man endlich verbindliche Regelungen beschließt, mit denen die globale Erderwärmung auf maximal zwei Grad begrenzt werden kann. Für Unternehmen und Investoren würde dann kein Weg mehr an noch mehr konkreten Taten im Bereich Klima- und Umweltschutz vorbeiführen.

Titelbild: Robert Haßler (c) oekom research

 
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Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach  mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

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