Zum 301. Geburtstag des Begriffs Nachhaltigkeit: Was die Ökoenergie-Branche in Sachen Nachhaltigkeit noch alles zu lernen hat.

  • Frage: Was haben all diese sieben Menschen gemeinsam?

    1. Freda Meisner-Blau, Gründungsobfrau und Grand Dame der Grünen
    2. Daniel Kübelböck, Deutschland-sucht-den-Superstar-Promi und Jungelcamp-Veterane
    3. Josef Zotter, Schoko-Visionär auf China-Tour
    4. Julia Roberts, US-Filmstar und Mother Earth -Botschafterin
    5. Andrä Ruprechter, Österreichischer Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft
    6. Daniell Porsche, Buchautor, Philanthrop und Mäzen
    7. Stella McCartney, Modedesignerin und Unternehmerin

Antwort: Alle – und noch viele Tausende mehr – beflaggen ihre Mission mit dem Banner der Nachhaltigkeit.

Unwort des Jahres. In den Anfangsjahrzehnten des neuen Jahrtausends ist dieses Wort ist nicht mehr wegzudenken. Imagebroschüren, Werbeeinschaltungen und Sonntagsreden strotzen vor Nachhaltigkeit. Warum wundert es dann nicht, dass der Begriff 2012 und 2014 bereits zwei Mal in die Liste zum „Unwort des Jahres“ aufgenommen wurde. Aufgrund der vielen Bestechungsaffären wurde 2012 dann doch der Begriff „Unschuldsvermuteter“ gewählt. Und zwei Jahre später kürte die Jury den unrühmlichen Ausdruck „Negerkonglomerat“. In diese Liga von Begriffen fiel das Wort Nachhaltigkeit dann wahrlich nicht.

  • sustain

  • Von der Nachhaltigkeit des Begriffs Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit hat sich heute in eine Vielzahl möglicher Interpretationen und Variationen aufgesplittert, die das Wort von der ursprünglichen Definition stark abgewandelt und erweitert haben. Ein Cartoon veranschaulicht auf humorvolle Weise die durchaus nicht-nachhaltige Übernutzung des Begriffs der „Nachhaltigkeit“ (siehe daneben). Aufgrund des derzeit stetig wachsenden Gebrauchs wird gemäß einer extropolativen Hochrechnung von Google Ngrams das Wort Nachhaltigkeit (engl.  Sustainability) im Jahre 2036 mindestens einmal pro Seite, 2061 einmal pro Satz und ab 2109 das einzig gebrauchte und stetig wiederholte Wort sein.

Nachhaltende Nutzung. Als vor 301 Jahren Hanß Carl von Carlowitz das erste Mal seine Sichtweise der Nachhaltigkeit niederschrieb, ging es vorerst nur um eine dauerhaft-vernünftige Bewirtschaftung des Waldes. Das Originalzitat lautet: „Wird derhalben die größte Kunst, Wissenschaft, Fleiß und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen, wie eine sothane Conservation [Anmerkung: so-getane Bewahrung, Erhaltung][/Anmerkung:] und Anbau des Holtzes anzustellen, daß es eine continuierliche, beständige und nachhaltende Nutzung gebe, weiln es eine unentberliche Sache ist, ohne welche das Land in seinem Esse [Anmerkung: Wesen, Dasein][/Anmerkung:] nicht bleiben mag.“ (Sylvicultura Oeconomica, 1713). Die ins moderne Deutsch gebrachte Forderung lautet: Der Waldbestand dürfe nicht fortwährend reduziert, sondern müsse so gepflegt werden, dass eine nachhaltige Nutzung möglich ist. Dass aus der ursprünglich recht simplen, adjektiven Zuschreibung „nachhaltend“ ein gesellschaftlich derart bedeutendes Politik-, Wirtschafts- und Gedankenmodell ersteht, ließ sich Hanß Carl von Carlowitz sicherlich nicht erträumen.

Die vielen Gesichter der Nachhaltigkeit. 301 Jahre später werden auf dem politischen Parkett ebenso wie abends am Stammtisch die unterschiedlichsten Formen von Nachhaltigkeit – von den Auswirkungen des Klimawandels, über soziale Ungleichheiten zwischen Arm und Reich, Nord und Süd, bis hin zu Euro-, Wirtschafts- und Finanzkrisen – hitzig debattiert. Dabei reichen die Fragen und Facetten, Argumente und Antworten vom Spirituellen, Ethischen, Religiösen über das Holistische und Integrale kollektiver Milieu- und Organisationskulturen bis hin zu individuellen Ethik- und Lebensstilen. Der Reigen der Bilder erstreckt sich von apokalyptischen Horrorszenarien bis hin zu Heilsversprechung und Welten-Formel der Gutmenschen. Hierzu eine kleine Übersicht:

 

Schöpfungs-Formel Die Erde bebauen und gleichzeitig die „Schöpfung“ bewahren.
Wald-Formel Nicht mehr Holz aus dem Wald schlagen als in diesem wieder nachwächst. (Hanß Carl von Carlowitz 1713)
Club-of-Rome-Formel „Grenzen des Wachstums“ , Erster Bericht an den Club of Rome (Dennis & Donella Meadows et al. 1972)
Gaia-Formel Whole Earth, Mutter Erde, Pacha-Mama, buen vivir (1980er Jahre, Südamerika)
Brundtland-Formel Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation so befriedigen, dass auch zukünftige Generationen noch ein selbstbestimmtes Leben führen können (1987).
Rio-Formel Ökologie, Ökonomie und soziale Gerechtigkeit als vernetztes Nachhaltigkeitsdreieck (Rio, 1992)
LOHAS-Formel Nachhaltigkeit als bewusster Lebensstil / Lifstyle of Health and Sustainability

Soviel zum 301. Geburts- oder vielleicht besser gesagt Namenstag des Begriffs Nachhaltigkeit. Was hat nun die Ökoenergie-Branche in Sachen Nachhaltigkeit noch alles zu lernen?

Beispiel Ökostrom. Die Brisanz all der der Nachhaltigkeitsthemen geht natürlich nicht spurlos an der Wirtschaft vorbei. Im Gegenteil: aus einem einstigen Nischenmarkt hat sich eine veritable, milliardenschwere Mainstream-Industrie entwickelt. Innerhalb dieser ist der Ausbau der Öko-Energiebranche, nicht nur für Strombezieher in Österreich, eine gut wahrzunehmende Entwicklung. Doch der Ausbau der Bio-Wasserkraft ist zweischneidig. Lokale Gazetten berichten von fischfreien Flüssen und prangern in fetten Überschriften die Flusskraftwerke dafür an. Wegen ihnen schaffen es die Fische nicht mehr zu ihren Laichplätzen. Ganz abzusehen von den Mega-Staudammprojekten überall in der Welt. Wie nachhaltig ist also Ökostrom aus Wasserkraft?

Wie sinnvoll ist es, Ökostrom auf einem anderen Kontinent zu produzieren, über hunderte Kilometer in andere Länder zu transportieren und dabei hohe Spannungsverluste sowie teure Leitungen in Kauf zu nehmen? Nicht einmal Deutschland schafft es, den im Norden produzierten Strom in die Industrieorte Bayerns zu transportieren, weil man sich wegen der vielen Proteste und Einwände nicht und nicht auf eine Trassenführung einigen kann. Wie ist es möglich, dass Dänemark 140% seines Stromverbrauches durch Windenergie erzeugt? Gleichzeitig stößt man in Österreich auf vehemente Proteste beim Ausbau weiterer Windparks. Und wir martern unsre Köpfe und Herzen ob der Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit von Biodiesel, Wasserkraft und Solarstrom.

Fragen über Fragen:

  • Stimmt die Vermutung, dass Biodiesel doch nicht so nachhaltig ist wie es scheint?
  • Wie grün ist Solarenergie, die über private Solarpanele produziert wurde wirklich, wenn diese Panele in China zu Dumpingpreisen und mit wenig Transparenz in der Herstellung produziert wurden?
  • Wie sauber kann man mit einem Elektrofahrrad fahren, wenn der Strom in einem Atomkraftwerk produziert wurde und das größte Problem, die Endlagerung, nicht im Geringsten gelöst ist?
  • Kann Strom überhaupt nachhaltig bezeichnet werden, der mittels Durchlaufturbinen an Talhängen produziert wird, wenn statt dem Medium Wasser Erdöl genutzt wird, welches in Pipelines an seinen Ursprungsort im Tal gebracht wird?

Biologische Schwankungen. Selbst wenn die oben gestellten Fragen für mancheinen nach Haarspalterei klingen, sind sie doch für nachhaltigkeitsbewegte Menschen von tiefer Relevanz. Die ganz praktische Herausforderung vor der Ökostrom immer wieder steht sind die „biologischen“ Schwankungen in der Stromproduktion. Solarenergie und Windkraft sind stark von den natürlichen Gegebenheiten abhängig. Phasen der Überproduktion führen sogar zu Negativpreisen auf Seiten der Produzenten. Und die Defizitproduktion muss oft über fossile Brennstoffe ausgeglichen werden. Eine gängige Behauptung ist, dass solange das Problem der Schwankungen nicht gelöst wird, das „System“ sich nicht vollends auf diese beiden Technologien verlassen kann. Wie lässt sich dieses – zugegeben brisantes Problem lösen? Aus meiner Sicht gibt es dafür zwei grundlegende Herangehensweisen:

Lösung 1: Stromsparen. Unsere Gesellschaft hat Großteils verlernt hauszuhalten. Niemand scheint gewillt in Zeiten von Stromdefizit mit weniger Strom auszukommen.

Das liegt wohl daran, dass immer alles und jederzeit zur Verfügung steht: Licht in der Nacht, Kühle im Büro, Beschallung im Supermarkt, Sesselwärmer auf der Veranda. Brauchen wir das alles wirklich? Nur das Umdenken im Kopf führt auch zum Umlenken in der Tat. Genügsamkeit ist ein Tor zur Nachhaltigkeit. Wer’s ausprobiert, wer den Sonnenuntergang auf der alten Holzbank vor der Sennhütte einmal tief ausgekostet hat, weiß wovon ich rede.

Lösung 2: Intelligente Systeme. Die Techniker basteln an „Intelligenten Systemen“, welche Versorgungslücken im Stromnetz erkennen und den Verbrauch von Geräten „intelligent“ drosseln. Damit könnten Netzzusammenbrüche und Stromausfälle verhindert werden. Was braucht’s dafür? Ein „intelligentes“ System, das Klimaanlagen, Lichter und andere Stromfresser in Gebäuden dann drosselt, wann das Stromnetz langsam „in die Knie“ geht. Für ein Gebäude ist der Effekt natürlich nur gering. Doch in Massenschaltung kommt es dadurch schon zu einer spürbaren Entlastung des Stromnetzes. Und Stromausfälle gehören so der Geschichte an.

Lösung 3: Stromspeichern in Batterien. In den Zeiten von Überproduktion gehört Strom ganz einfach gespeichert, um ihn später, z.B. in Zeiten von Stromdefiziten, wieder nutzen zu können. Doch so einfach die Feststellung, so kompliziert scheint auch die Lösung zu sein.

Eine Möglichkeit besteht darin, den überproduzierten Strom in Batterien zu lagern. Dies wurde in diesem Blog schon einmal thematisiert und daher verweise ich schlicht auf diesen Beitrag.

Lösung 4: Wasserstoff. In vielen Teilen der Welt, so auch in China, wird momentan daran gearbeitet, den überschüssigen Strom nicht elektronisch abzuspeichern, sondern diesen für die Wasserstoffproduktion zu nutzen. Denn Wasserstoff kann sowohl in Biokraftanlagen mit hohem Wirkungsgrad wieder Strom generieren, als auch in Motoren, Kraftwerken und beispielsweise Wasserstoffautos als Energie-, Wärme- und Antriebsmedium dienen.

Wer steuert die Zukunft? Wie nachhaltig ist ein aus Windenergie erzeugter Wasserstoff im Tank meines Wasserstoffautos, dessen Karosse aus 100% rezyklierten Metallen sowie aus 100% ökologisch erzeugten Biokunstsoffen besteht? Ich finde sehr. Denn all das trägt viel zur Freude am Fahren bei. Die Frage wird dann nur noch jene sein, ob vielleicht nicht mehr ich selbst, sondern längst ein Computer das Auto steuert!

 
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Alfred Strigl

Alfred Strigl

Als Tiroler Bauernsohn lebe ich seit meiner Kindheit leidenschaftlich für das Ziel, ganzheitlich nachhaltige Entwicklung für Mensch, Gesellschaft und Umwelt in die Welt zu bringen – der Blog gibt mir dazu die beste Gelegenheit. Univ.-Lekt. DI Dr. Alfred W. Strigl studierte Biochemie und Biotechnologie an der TU Graz und absolvierte die Peter König Masterclass für Geld- und Quellenarbeit in Zürich. Er ist Gründer von plenum – Gesellschaft für ganzheitlich nachhaltige Entwicklung – mit Schwerpunkt Beratung zu Nachhaltigkeitsmanagement sowie Lehrgangsleiter an der plenum Akademie mit den Lehrgängen „Quintessenz – Meisterklasse für Nachhaltigkeitsmanagement“ und „Pioneers of Change – Lerngang für soziale Innovationen und Entrepreneurship“. Alfred Strigl ist u.a. Vorstandsmitglied am Österreichischen Institut für Nachhaltige Entwicklung, Ökosozialen Forum Wien, der Österreichischen Freiwilligenmesse und Mitinitiator des CSR-Dialogs. Er lehrt an der Universität für Bodenkultur Wien die Themen Nachhaltige Entwicklung, Vorsorgeorientiertes Umweltmanagement und Unternehmensgründung – Junior Enterprise.

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