Was es mit diesem Divestment auf sich hat

  • (c) Robert Six

  • Das Thema Divestment steht in vielen Ländern bereits hoch auf der politischen Agenda. Österreich ist noch etwas zögerlich. Wir sprechen mit Georg Günsberg, was es damit auf sich hat und warum das so wichtig ist.

Kürzlich durfte ich bei einem Side Event der Erdgespräche (Eco Pecha Kucha) einen Vortrag über Tausendundein Dach halten. Das Prinzip lautete: 20 Folien zu je 20 Sekunden. Keine leichte Aufgabe, aber es hat Spaß gemacht sich so intensiv vorzubereiten. Ebenfalls Vortragender war Georg Günsberg, Politikberater und wirklich einer der Top Energieexperten des Landes. Er hört das zwar genauso wenig gerne wie ich, aber als mich jemand im Publikum fragte ob ich Georg kenne, sagte ich nur: Klar, Georg ist einer der wenigen Menschen in Österreich, dessen Energiemeinung ich schätze. Wenn ich wo nicht weiter weiß, frag ich Georg. In seinem Vortrag bei PechaKucha und den darauffolgenden Erdgesprächen ging es um ein sehr spannendes Thema, das ich auch schon viele Jahre verfolge: DIVESTMENT! Anscheinend nimmt das jetzt wirklich Fahrt auf und ist die einzige Sprache, die die Fossilwirtschaft wirklich versteht. Deshalb heute ein Interview mit Georg Günsberg.

Kannst du kurz auch für Neulinge erklären, was Divestment bedeutet?

Gerne. Divestment ist vereinfacht gesagt das Gegenteil von Investment. Im Fall von „Fossil Divestment“ geht es also darum, Geld bzw. Vermögen, das über den Kapitalmarkt in die Ausbeutung fossiler Energiereserven fließt, von dort abzuziehen. Idealerweise geht dies auch gleich mit dem Schritt einher, Kapital anstatt in Kohle, Öl und Gas in Clean Energy zu stecken. Uns muss klar sein, dass die Zukunft der Energieversorgung jedenfalls hoher Investitionen bedarf: ob dies eben im Bereich fossiler Energie oder erneuerbarer Energie bzw. Energieeffizienz-Maßnahmen erfolgt, ist eine der entscheidenden Fragen für den Klimaschutz.

Warum ist Divestment so wichtig?

Ein wesentlicher Bezugspunkt für Divestment ist der Umstand, dass wenn wir den Klimaschutz ernst nehmen, wir eben nicht alle verfügbaren fossilen Reserven ausbeuten dürfen. Unser CO2-Budget zur Einhaltung des sog. 2-Grad-Ziels ist limitiert. Konkret in Zahlen: Um das Ziel von max. 2°C Erderwärmung einzuhalten, dürften grob gesprochen – es gibt vielfältige Szenarien mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeitskalkulationen – global noch rund 800 bis 1.200 Gigatonnen CO2 in den kommenden Jahrzehnten emittiert werden. Die Ausbeutung und Verwertung der aktuell als nachgewiesen geltenden fossilen Reserven würden mit einem CO2-Ausstoß von 2.900 Gt einhergehen. Überlassen wir dies einfach dem Markt – ohne Klimaschutzprämissen – ist die Klimakatastrophe unaufhaltsam. Daher wartet Divestment nicht nur auf die Entscheidungen der Politik, sondern adressiert den Markt direkt. Und zwar dort wo die Sprache verstanden wird: beim Geld!

Du hast in deinem Vortrag, in dem es auch um die Erwartungen zu Paris 2015 in das ja viele Hoffnungen gesteckt werden, erwähnt, dass sich einiges geändert hat seit dem Trauma von Kopenhagen. Was hat sich verändert?

Divestment ist für mich ein gutes Beispiel für einen etwas anderen Geist. Wir warten nicht auf die große Einigung der UN-Vertragsstaaten zum Klimaschutz, sondern immer mehr Menschen nehmen das Heft selbst in die Hand. Das heißt nicht, dass die Ergebnisse auf politischer Ebene bedeutungslos sind. Ganz im Gegenteil: Wir brauchen von politischer Seite klare Signale, Commitments und auch politische Instrumente – etwa zur Finanzierung im Sinne der Chancen ärmerer Staaten, die in vielen Fällen zugleich die ersten Opfer des Klimawandels sind. Es gibt so etwas wie Climate Justice.

Aber es geht auch um Erwartungshaltungen. Ein UN-Vertrag wird das Klimaproblem nicht lösen, sondern ist ein Baustein von vielen, um dieser komplexen Herausforderung Herr zu werden.

Das zweite Beispiel, das auch Schwerpunkt des PechaKucha-Vortrags war, sind die Initiativen der Städte und – wie Ingmar Höbarth vom Klimafonds in seinem Beitrag erläutert hat – Regionen. Ich kann mich in zwanzig Jahren Klimaschutzarbeit nicht erinnern, dass es eine derartige Dynamik bei Klimaschutz-Initiativen großer Städte – etwa von C40 rund um Michael Bloomberg oder dem Compact of Mayors – gegeben hat wie in den letzten Monaten. Innovative Modelle bei der Energieversorgung und in der Mobilität setzen sich zusehends durch und gute Ideen werden international rezipiert.

Wie beteiligt sich Österreich an der Divestmentbewegung?

In Österreich ist das Thema noch kaum angekommen. Hier stehen wir wohl erst am Start. Die Erdgespräche Ende Mai waren ein erstes Ausrufezeichen. Weitere werden folgen. Es gibt schon einige Beispiele wie den Ausstieg der Allianzversicherung in Österreich aus Kohleinvestitionen, die in Kooperation mit dem WWF erfolgt. Und generell ist das Interesse an nachhaltigen Investitionen hoch. Aber eine genaue Marktanalyse für Österreich fehlt noch. Die GRÜNEN haben nun entsprechende Initiativen angekündigt. Für die europäische Ebene gibt es gutes Zahlenmaterial aus 2013. Demnach waren ca. 260-330 Milliarden € durch Pensionskassen, 460-480 Milliarden € durch Banken und 300-400 Milliarden € durch Versicherungsunternehmen in fossilen Energien veranlagt. Da kommt schon was zusammen.

Was können normale Bankkunden tun um diese Bewegung zu unterstützen?

Der erste Schritt ist meiner Meinung nach: nachfragen. Transparenz ist schon mal ein wichtiges Instrument. Die meisten Kunden, die ihr Geld am Kapitalmarkt veranlagt haben, wissen ja gar nicht, wo und wie die entsprechenden Renditen erwirtschaftet werden. Es erinnert mich ein wenig an die lange Zeit geringe Bedeutung des Energieträgers bei der Wohnungssuche. Ich erinnere mich – schon einige Jahre – an meine Frage an einen Makler, womit denn das damals besuchte Gebäude geheizt wird. Er musste nachsehen und hatte keine Ahnung („fragt mich nie wer…“) – die Antwort war dann Heizöl und das war natürlich für mich keine Option mehr. So könnte es den Banken als Schnittstelle zwischen Markt und Kunden auch gehen. Es braucht das Signal auch vom Kunden.

Haben die Massenmedien Interesse an dem Thema?

International geht es beim Thema Divestment richtiggehend ab. Der „Guardian“ ist hier mit seiner #Keepitintheground Kampagne federführend. Kaum ein Tag ohne eine spannende Geschichte. Auch in den USA ist das Thema präsent und aktuell auch in Deutschland, was auch mit der intensiven Kohlediskussion zu tun hat. Denn Kohle ist der zumeist durch Divestment adressierte Energieträger, was bei einem Blick auf die fossilen Reserven durchaus legitim ist. In Österreich tut sich medial noch wenig. Das hat einerseits damit zu tun, dass Österreich als Finanzplatz relativ irrelevant ist, aber auch mit generell eher geringem Interesse seitens der Medien. Lass es mich so und ohne Zynismus sagen: Ich danke den wenigen Redakteuren im Land, die sich für derartige Themen interessieren. Aber es wird auch hierzulande noch mehr Dynamik in Sachen Divestment geben.

Wo könnte das alles hinführen?

Wie kürzlich der langjährige „Shell“-Manager und Vorstandsvorsitzende Sir Mark Moody-Stuart im Guardian erläuterte, hat die fossile Branche zu wenig getan um das Klimaproblem zu adressieren. Daher setzt Divestment auch seiner Meinung nach richtig an. Wichtig scheint aber auch, nicht außer Acht zu lassen, dass ein noch größerer Anteil fossiler Reserven nicht in den Händen aktiennotierter Unternehmen ist, sondern in staatlicher Hand. D.h. wir brauchen Instrumente auf allen Ebenen. Ganz besonders relevant scheint mir das Zurückfahren fossiler Subventionen – sowohl auf der Verbrauchsseite wie auch auf Produktionsseite. Die vergleichsweise geringen fossilen Energiepreise bieten heuer eine nachgerade einmalige Gelegenheit korrigierend einzugreifen. Hier müssen wir pushen, denn nur unter fairen Marktbedingungen, die Klimaverantwortung berücksichtigen, werden sich erneuerbare Energien und Klimaschutzmaßnahmen langfristig durchsetzen.

Foto: (c) Robert Six

 
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Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach  mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

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