7 Gründe warum das Atomkraftwerk Hinkley Point nie gebaut wird…

.. und die Atom-Lobbyisten die Hosen gestrichen voll haben

 

Wie ihr wisst, bin ich nicht die klassische Anti-Atom Bloggerin, aber so ca. einmal im Jahr kommt bei mir ein unbändiger Drang auf, mich zu Wort zu melden. Letztes Jahr war das mein gelungener Versuch die Kosten eines AKWs nachzurechnen und nun ist wieder so ein Moment, nachdem ich auf Twitter über diesen großartigen Artikel gestoßen bin. Er lautet „The Beginning of the End“ und handelt um das vieldiskutierte Atomprojekt Hinkley Point C in Großbritannien. Hier ein Zitat:

I’ve always said that the two proposed new reactors at Hinkley Point would never get built. Now I’m not just saying it: I’m absolutely convinced that they’ll never get built.“ (Jonathon Perrit)

In diesem Artikel fasse ich einige der von Perrit angeführten Gründe zusammen und ergänze sie um meine Eindrücke rund um das Thema. Hier die Top 7 Gründe, warum Hinkley Point nie gebaut werden wird.

 1. Atomkraft in Europa ist zur teuersten Technologie avanciert

Einer meiner erfolgreichsten und meist gelesenen Artikel ist „Wie man die Kosten eines Atomkraftwerks berechnet“. Google hat entschieden, dass dieser Artikel diese Frage am besten beantwortet. Das zeigt mir, dass ich so falsch nicht liegen kann und sich zudem nicht mal die Atomtrolle dort kommentieren trauen. Die Kurzform lautet: Bei Annahmen für den Neubau (das ist das Entscheidende), die eher dem zukünftigen Energie- und Finanzsystem entsprechen, kostet die kWh Atomstrom 12 ct/kWh, was mittlerweile das dreifache von Kohle, das doppelte von Gaskraftwerken und mehr als 4ct/kWh mehr als Sonne und Wind bedeutet. Nicht eingerechnet sind hier etwaige Unfälle oder ausreichende Lager- und Abbaukosten. Billig ist Atomkraft nur bei abgeschriebenen Reaktoren, utopischen Laufzeiten von 60 Jahren und in Ländern wo geringere Sicherheits- und Risikostandards gelten und der Staat die Finanzierung oder alle Haftungen übernimmt.

2. Keine Regierung der Welt kann sich derzeit eine 10 Milliarden Garantie leisten

Sowohl ich als auch Perrit haben schon oft auf die Problematik der Garantien hingewiesen. Atomkraft funktioniert nur mit billigster Finanzierung, die von Banken nur gewährt wird, wenn es sich um astronomische Summen handelt, die mit Staatsgarantien hinterlegt sind. Aus der letzten Finanzkrise hat hoffentlich der letzte Hinterweltler gecheckt, dass solche „Single-Risk-Geschäfte“ wie ich sie jetzt mal nenne, nicht mehr tragbar sind. Ein möglicher Ausfall ist „systemrelevant“ und alle Steuerzahler müssen auf einmal herhalten. Die UK-Regierung muss einer 10-Milliarden Staatsgarantie zustimmen, damit die Chinesen die Finanzierung übernehmen. So blöd kann der Staat UK einfach nicht sein. Wenn die Chinesen das Ding bauen wollen, dann bitte auf eigenes Risiko. Wenn sie sich ihres Geschäftes nicht sicher sind, dann sollen sie es einfach lassen – und das werden sie.

3. Mit 12 ct/kWh lassen sich Flexible Luxus-Gaskraftwerke, die auch wirklich in das neue Energiesystem passen, wirtschaftlich betreiben.

Dieser Punkt ist eine Ergänzung zum Artikel von Jonathon Perrit, den ich aber für sehr wichtig halte. Die Kosten dieses Kraftwerkes stehen einfach in keiner Relation zu dessen Nutzen. Wenn die Betreiber 12ct/kWh bekommen für ein Kraftwerk, das mit der Notwendigkeit von hohen Volllaststunden betrieben wird, und nicht flexibel regelbar ist, müsste man doch eher das Geld in die neue Energieinfrastruktur stecken. Kürzlich wurde mir gesagt, dass die meisten Gaskraftwerke erst bei 6ct/kWh wirtschaftlich laufen. Da der Markt derzeit aber nur etwa 4ct/kWh und weniger hergibt, werden viele abgeschaltet. Die geringen Volllaststunden aufgrund der freien Erneuerbaren machen Gaskraftwerke eben zu schaffen. Wenn man den Gaskraftwerken jedoch diese 12ct/kWh zugesteht, muss doch eine Luxusvariante mit CO2-Verwertungstechnologien und flexiblen Laufzeiten möglich sein. Ich weiß, dass die Engländer auch an diesem Thema dran sind und wenn da die richtigen Berater am Werk sind, sollte ja nicht nur ich zu dieser Erkenntnis kommen, sondern auch die Experten in UK, oder?

4. Die rechtlichen Fragezeichen werden immer mehr statt weniger

Das EU-Subventionsrecht ist ein Molloch der Sonderklasse. Auch wenn die EU prinzipiell zugestimmt hat, so werden die Einsprüche der Mitgliedsstaaten immer relevanter und die Verträge wer im Falle von Problemen haftet sind alles andere als leicht verhandelbar. Natürlich will sich jeder rechtlich vor dem Worst Case absichern. Auch die Frage wer sich für die Endlagerung verantwortlich zeichnen soll ist laut Perrit nicht geklärt bzw. sind die Verträge dazu alles andere als fertig ausverhandelt.

5. Areva ist praktisch bankrott

 Areva, ein großer französischer Atomkraftkonzern und Co-Investor für das Projekt musst 2014 einen Verlust von – und jetzt haltet euch fest – 4,8 Milliarden. Kürzlich wurde laut Jonathon außerdem verkündet, dass der Genehmigungsprozess in den USA für den auch in Hinkley Point geplanten ERP Reaktor auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, was für ihn bedeutet, dass für die USA dieser Reaktor schon gestorben ist.

6. Die Chinesen finanzieren nur mit einer Vollkaskoversicherung

Wie ich auch in meinem Artikel schon mal versucht habe zu vermitteln, steht und fällt ein Atomkraftwerk mit der Finanzierung und vor allem damit, wer die Haftungen für die Rückzahlungen übernimmt, also für den Fall, dass das Atomkraftwerk vielleicht doch nicht 60 sondern nur 20 Jahre läuft und so die ganze schöne Rechnung in sich zusammenfällt. Wie wir wissen ist das in letzter Zeit öfter passiert als sich das die Banken und vor allem die haftenden Staaten gewünscht hätten. Deshalb haben europäische Banken keine Möglichkeit mehr solche Projekte zu stemmen. Hinkley Point in Europa ist überhaupt nur möglich, weil ein Chinesischer Investor mit an Board ist. Die Investoren sind die „China National Nuclear Corporation und die China General Nuclear Power und diese investieren aber nur, wenn der Staat alle möglichen Haftungen übernimmt. Eine Vollkaskoversicherung also. Dass das doch nicht so einfach ist, wie gedacht, wird nun immer klarer.

7. Wenn Hinkley Point kippt, ist die Atomkraft in Westeuropa tot

Dieser 7. Grund ist eigentlich der einzige Grund, warum es doch gebaut werden könnte, weil die Atomlobby alles in ihrer Macht stehende tun wird, um dieses Projekt durchzusetzen. Wenn es trotz der Unmengen an Geld und der höchsten politischen Unterstützung von Seiten der UK-Regierung nicht gelingt, dieses Projekt umzusetzen, wird sich keine Bank, keine Regierung und allen voran kein Volk mehr in so ein Projekt wagen. Es ist die letzte Chance für eine Renaissance der Atomkraft in Westeuropa bzw. in Ländern wo es so etwas Ähnliches wie eine Demokratie gibt.

 

Was meint Ihr? Welche Gründe gibt es noch? Oder was sind eure Inputs dazu?

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach  mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

3 Comments

  1. Und 1 Grund, warum Hinkley Point doch gebaut wird…

    Weil sich GB als Atomwaffenmacht verstehen und das auch bleiben wollen. Jeder weiss, das man Atomreaktoren benötigt, um das Plutonium für kompakte Atomsprengköpfe zu erbrüten. Weitgehend unbekannt scheint hingegen zu sein, dass man auch nach der Herstellung der Bomben noch laufende Atomreaktoren benötigt, um die Bomben langfristig funktionstüchtig zu halten. Denn die Kerne der Bomben, die den nuklearen Sprengstoff enthalten, sind nur eine Zeit lang kontrolliert zündfähig. Da es beim Erreichen der kritischen Masse ohne Anwesenheit eines weiteren Neutronenstrahlers erratisch lange dauert, bis die Kettenreaktion mit dem ersten zufälligen Atomzerfall eines Plutoniumkerns beginnt, werden hochaktive Neutronenstrahler in der Bombe zusätzlich zum Plutonium benötigt. Diese aktiven Stoffe haben aber naturgemäß eine geringe Halbwertzeit. Und daher müssen sie nach ein paar Jahrzehnten „aufgefrischt“ werden. Das geht aber nur mit frischen Isotopen aus einem laufenden Reaktor mit angeschlossener Wiederaufbereitung. Und daher braucht GB laufende Atomreaktoren genau so wie eine laufende Wiederaufbereitung, um die Einsatzbereitschaft der Atombomben langfristig zu gewährleisten. Und da der rein militärische Betrieb solch einer Infrastruktur – die möglich wäre, siehe Manhattan Projekt – extrem kostspielig wäre und den Militäretat stark belasten würde, sind Länder, die Atomwaffen besitzen, immer auch an einem „kommerziellen“ Atomkraftwerksbetrieb interessiert…
    Also auch wenn alle 7 genannten Gründe, die gegen Hinkley Point sprechen, richtig sind: Solange GB sich nicht von seinem Status als Atommacht verabschiedet, wird es beim Neubau von Atomkraftwerken in GB bleiben. Wie übrigens auch in Frankreich, den USA, China, Russland, Indien, Pakistan, …

  2. Die Gründe sind nachvollziehbar –
    aber ob diese Begründungen bei allen ankommen und nicht ein wenig aus der Sicht einer eher praxisfernen Blogger-Brille stammen, sei mal dahingestellt.
    Lass uns mal einige Gründe, warum es angeblich nicht gebaut wird, anschauen:

    – „Atomkraft in Europa ist zur teuersten Technologie avanciert“ –
    naja, in Deutschland haben wir ja noch die Offshore-Windkraft… ;-) ;-)
    Aber ganz ernsthaft: wenn ich mir die Großprojekte in Deutschland anschaue und deren Kostenexplosion, dann müssten diese Projekte eigentlich alle abgesagt werden. Die politische Realität ist aber:
    „Augen zu und durch“, denn es wurde ja politisch mal so beschlossen und (von den Politikern) für gut befunden…
    In Großbritannien gibt es ähnlich wie in Frankreich (noch) keine wirklich scharfen Widerstände gegen Atomkraft. Zwar will Frankreich den Atomstromanteil mittelfristig absenken – aber einen großen Druck seitens der Bevölkerung gibt es (noch) nicht…

    – Keine Regierung der Welt kann sich derzeit eine 10 Milliarden Garantie leisten
    Hoppala Frau Bloggerin: schon mal was von Griechenland und die im Rahmen der Finanz- und Bankenkrisen gegebenen Garantien gehört? ;-) Kommt natürlich nicht zum Ausfall der Bürgschaften… Neeeee…. natürlich nicht… ;-) – aber unabhängig davon: 10 Milliarden sind in dem Zusammenhang Peanuts – würden die Chefs der Deutschen Bank sagen, wenn die Deutsche Bank noch Chefs hätte…. ;-)

    – Areva ist praktisch bankrott
    Können die bankrott gehen? Da wird doch aus politischen Gründen der Staat einspringen. EDF hat die Reaktorsparte doch schon übernommen… Auch hier gilt: Eine rein politische Entscheidung… „Augen zu und durch“ kann genauso obsiegen wie „wir haben Blödsinn gemacht und lernen daraus“…

    – und wie Du siehst und selbst in Deinem siebten Grund erkannt hast, kommen wir immer wieder auf den gleichen Nenner zurück: allesentscheidend ist die POLITIK. Daher sollte man keine „Gründe“ nennen, warum das teuerste Atomkraftwerk in Europa nicht gebaut wird, sondern man sollte klar Stellung beziehen, warum es nicht gebaut werden darf.
    Die Vorgehensweise des Blogs irritiert mich daher ein wenig…

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