Roger Hackstock: Erneuerbare müssen Vollversorgungsidentität übernehmen

Roger Hackstock

Roger Hackstock Buch

Es freut mich heute mal wieder einen besonderen Interviewpartner vor der „Tastatur“ zu haben.  Ich möchte mich endlich mit Roger Hackstock über sein Buch „Energiewende – Die Revolution hat schon begonnen“ unterhalten.  Ich habe das Buch natürlich in einem Satz ausgelesen und es war erfrischend die geballte Energiegeschichte so gut recherchiert und interessant aufbereitet durchzulesen. Viele Geschichten kannte ich zwar von unseren persönlichen Gesprächen, aber bei einigen Dingen blieb auch mir die Spucke weg. Ich möchte heute mit dir darüber plaudern was dieses Buch in deinem Leben und in der österreichischen Energielandschaft ausgelöst hat und was da noch alles kommen wird.

Cornelia Daniel-Gruber: Am Spannendsten fand ich persönlich das Kapitel: „Machtspiele um Energie“ Du erklärst sehr eindrücklich wie du die Arbeit mit den Energieversorgern selbst miterlebt hast, was es mit dem Scheitern von Nabucco eigentlich wirklich auf sich hat und warum die Energiewendestudien für ein 100% erneuerbares Österreich noch nie so richtig den Weg ins Herz der Energieversorger gefunden haben. Hast du aus dieser Ecke seit der Veröffentlichung böse Briefe bekommen, oder meinst du das Buch wird dort ohnehin nicht gelesen?

Roger Hackstock: Ich werde immer wieder gefragt, ob ich mir mit dem Buch nicht Feinde bei den Energieversorgern gemacht habe. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Ich habe seit Erscheinen des Buches viele interessante Gespräche mit Vertretern der Energieunternehmen geführt, da meine Botschaft an sie ist, sich dem Kulturwandel in der Energieversorgung zu stellen. Manchen fällt das schwer, vor allem für große Energiekonzerne „ist es bisweilen schlicht unvorstellbar, dass das eigene Geschäft völlig anders aussehen könnte“, wie der ehemalige E.ON-Vorstand Klaus-Dieter Maubach in seinem Buch „Energiewende“ schreibt. Ich bringe oft Beispiele aus Deutschland, wo die Diskussion schon weiter ist und neue Geschäftsmodelle erprobt werden wie Solarstrom für Mieter oder Betriebe, die nach dem Wetter produzieren. Die Vertreter der Energieunternehmen in Österreich sind meist erstaunt und meinen, auf diese Ideen sind sie einfach noch nicht gekommen. Das zeigt, wo die Energiewende vor allem stattfinden muss: im Kopf.

Was hast du noch seit der Veröffentlichung des Buches erlebt, was ist dir an Argumenten für und gegen die Energiewende begegnet?

Es gibt nach wie vor große Skepsis, ob eine Energiewende allein mit erneuerbarer Energie, völlig ohne fossile Energien, in naher Zukunft gelingen kann. Diese Skepsis ist nicht unbegründet, wenn man sieht, dass die Speicherfrage im großen Stil ungelöst ist und die Anpassung des Verbrauchs an die schwankende Produktion der Erneuerbaren nach wie vor ein exotisches Thema ist. Genau hier müssen wir aber ansetzen, um die Energiewende voranzubringen. Viele wollen sich damit nicht beschäftigen sondern fordern, die scheinbar aus dem Ruder gelaufene Energiewende einzubremsen, um den Problemen Herr zu werden, die sie derzeit mit sich bringt. Manche setzen auf „fossil/atomar 2.0“ mit Fracking, Schieferöl, Clean Coal und länger laufenden Atomkraftwerken. Das ist aber nur ein krampfhaftes Festhalten an einem alten System, das keine Zukunft hat. Ich versuche in Gesprächen und Vorträgen jedenfalls Lust darauf zu machen, die Energiewende als spannende Aufgabe zu begreifen, den Wandel aktiv mit zu gestalten statt dagegen anzukämpfen.

Du verlangst den Erneuerbaren im Buch einiges ab und forderst eine „Versorgungsidentität“ von ihnen ein. Du schreibst, sie müssen künftig die Gesamtverantwortung für eine sichere Energieversorgung übernehmen. Da die Energieversorger nicht wirklich großes Interesse daran haben, ihr Geschäftsmodell zu verlassen und ein neues rund um die Erneuerbaren aufzubauen, müssen die Vorschläge aus den eigenen Reihen kommen. Gab es dazu seit dem Buch Äußerungen oder Bewegungen?

Eine meiner Thesen ist, dass wir neue Regeln, ein neues Energiemarktdesign brauchen, das zu einer Gesamtversorgung mit dezentraler erneuerbarer Energie passt. Die Frage ist, wer die neuen Regeln schreiben wird. Die Energieversorger und Stadtwerke können bislang noch wenig mit dem Kulturwandel anfangen, den die Energiewende mit sich bringt. Von dort werden die neuen Regeln nicht kommen. Den Erneuerbaren wiederum fehlt es oft an Wissen, wie das Gesamtsystem der Energieversorgung funktioniert, damit das ganze Jahr an jedem Tag das Licht brennt, die Heizung läuft, die Züge fahren.  In vielen Gesprächen habe ich den Eindruck gewonnen, dass sie das auch nicht so wirklich interessiert, solange es genügend Vergütung und Förderung dafür gibt, erneuerbare Energie unbegrenzt in die „Black Box“ des Energiesystems einzuspeisen. Damit wird es aber bald vorbei sein, wenn es mit der Energiewende weitergehen soll. Die Verwerfungen am Strommarkt zeigen, dass auch die Erneuerbaren in Zukunft gesicherte Leistung werden liefern müssen, egal bei welchem Wetter. Allerdings nicht durch Zukauf der fehlenden Energiemenge bei fossilen Kraftwerken, wie die Energiewirtschaft das vorschlägt, sondern indem sie sich zu virtuellen Kraftwerken zusammenschließen und gemeinsam am Markt anbieten. Im Grunde heißt das einen Wandel vom Anlagendenken zum Versorgungsdenken , was meinen KollegInnen bei den Erneuerbaren noch eher fremd ist, wie ich feststellen musste. Versorgungsidentität mit erneuerbarer Energie heißt die Führung zu übernehmen beim Umbau des Energiesystems, das ist die Aufgabe der sich die Branche meiner Meinung nach stellen muss.

Wie sieht die Energieversorgung der Zukunft aus, was sind die Ideen um Österreich und Europa hier voran zu bringen?

Die aktuelle Krise in der Ukraine und das Zittern um die Sicherheit der russischen Gasversorgung zeigt aufs Neue, dass wir mehr Unabhängigkeit bei der Energieversorgung in Europa brauchen. Im Moment konzentriert sich die Politik darauf, die Versorgung aus Russland für den nächsten Winter zu sichern und langfristig mehr Flüssiggas nach Europa zu holen. Ich halte das für den falschen Weg, weil es nur dazu führt die alte Energieversorgung weitere Jahrzehnte einzuzementieren. Wir müssen uns nämlich vor Augen führen, dass die Energiewende weltweit stattfindet, nicht nur bei uns. Die sogenannten BRICS-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, haben alle außer Russland gewaltige Programme laufen, um Millionen Häuser mit Solarenergie zu versorgen. China hat die Erneuerbaren im aktuellen Fünf-Jahres-Plan ganz oben auf die Agenda gesetzt, was wir in Europa bei Photovoltaik und Windkraft schmerzlich zu spüren bekommen. Wenn wir die Energiewende einbremsen fallen wir international zurück und verpassen die Zukunft. Das kann nicht in unserem Interesse sein. Die EU-Kommission muss hier Mut zeigen, sich gegen die Bewahrer des alten Energiesystems zu wehren und mit Richtlinien und Zielen die entscheidenden Weichen stellen, damit der Schwung der Energiewende in Europa erhalten bleibt.

Gibt es noch etwas was du den Lesern und jenen, die es noch werden wollen, sagen möchtest?

Jeder kann Teil der Energiewende werden, wenn er oder sie will! Ich sage immer, das einfachste ist der Umstieg auf Ökostrom, das ist nicht aufwändiger als der Wechsel beim Handytarif. In Österreich spart sich eine dreiköpfige Familie damit gut hundert Euro im Jahr, kann jeder selbst im Tarifkalkulator der e-Control (Deutschland) überprüfen. Man kann sich auch an Bürgersolaranlagen (Ternitz in Ö, Crowdfunding in D) oder Windparks beteiligen oder man kauft Anleihen von Unternehmen, die in der Energiewende tätig sind. Jeder kann sich entscheiden, ob er oder sie von der Energiewende profitieren will oder nur Zuschauer ist und zahlt. Die Energiewende kann nur mit der Bevölkerung und den Betrieben gelingen, daher mein Appell: packen wir´s an!

Vielen Dank für deine weisen Worte. Bin gespannt auf die Diskussionen.

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

9 Comments

  1. Größte Hemmnis auf Seite der Ereneurbaren Gurus: Alles genau bemessen, nicht zu viel – Blödsinn!
    Wir setzte viel zu WENIG Energie ein. Wir könnten viel mehr heizen, damit viel mehr abpuffern.
    Beispiel: Wenn es wärmer ist musst Du weniger essen! Ist billiger als die Wohnraumtemperatur um 2 °C ins Ungemütliche zu senken.
    Lieber Hackstock: Nicht die Speicher für Erneuerbare sind ein Problem – gibts längst – die Nichtregelbarkeit der AKWs ist das Problem.

  2. Ein sehr interessanter Ansatz, dass sich die Erneuerbaren-Versorger zusammenschließen sollen, zu virtuellen Versorgern.
    Wahrscheinlich kann der Fortschritt nur durch den Auftritt von neuen EVUs gelingen, die etablierten sind wohl zu wenig beweglich.
    Wer initiiert das?

  3. Roger ist da schon am Umsetzen, solltest dich mal mit ihm zamsetzen! Wir müssen selbst anpacken, sonst werden wir von Beharrungsmechanismen erdrückt.

  4. Ja, wir brauchen tatsächlich eine „Energiewende im Kopf“. Roger Hackstock hat völlig Recht, dass die Energievorkämpfer daran denken müssen, wie eine Öko-Vollversorgung aussehen könnte. Nur immer mehr Ökoenergie einzuspeisen, geht bald nicht mehr.

    In Österreich haben wir derzeit genug Speicher. In anderen Ländern werden virtuelle Kraftwerke sicher nicht ausreichen. Wenn wir von dem Dogma der dezentralen Versorgung loskommen, ist die Speicherfrage gelöst:

    http://www.utopia.de/blog/sedl/100-oekostrom-sind-moeglich

  5. Danke auch für den Link. Wäre aber auch wichtig die Infos zu aktualisieren und welchen Zielpreis er angesteuert hatte. Wenn die Studie aus 2010 ist, wurden da vermutlich Zahlen aus 2008 herangezogen, was so im Bereich 5000-6000,-/kWp war. PV nähert sich gerade den Gestehungskosten von Wind, es wäre also fahrlässig, diese Studie nicht nochmal zu aktualisieren, weil keiner damit gerechnet hatte, dass das so schnell passieren würde. Die heutigen Preise wurden von der EU erst für 2050!!! als erreichbar angesehen.

    Ein Achtel wären 600-800,-/kWp was in zweistelligen MW und GW Projekten keine Utopie mehr ist. Was bedeutet das für diese Studie?

  6. Damit sich Photovoltaik in Deutschland rechnet, müsste deren Preis auf 1/16 fallen, heißt es in der Studie. Es gibt auch aktuellere mit dem grundsätzlich gleichen Ergebnis:

    http://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/02_Sondergutachten/2011_07_SG_Wege_zur_100_Prozent_erneuerbaren_Stromversorgung.pdf?__blob=publicationFile

    Selbst wenn Photovoltaik billiger als Windenergie wäre, bliebe der Nachteil der geringen Volllaststunden bestehen. Bei 1000 h/a brauchen wir für die gleiche Energiemenge die vierfache Netz- und Speicherkapazität im Vergleich zu Offshore-Wind mit 4000 h/a.

  7. Aber was ist denn nun der Zielpreis bei den Gestehungskosten? Bei 1/16 kommts immer drauf an von welchem Wert ich ausgehe.

  8. Auch wenn mein Kommentar ein bisschen spät kommt, habe ich ihn mit viel Interesse gelesen. Gerade das Thema Versorgungsidentität und der Beitrag zur Systemstabilisierung finde ich spannend und spielt natürlich uns, Next Kraftwerke, als Betreiber eines virtuellen Kraftwerks gut in die Karten. Ich denke, dass die immer wieder aufflammende Diskussion über Speicher sicherlich noch weiter und detaillierter geführt werden muss. Was ich aber viel entscheidender finde, ist, dass man eventuell die Idee des Speichers weiter denken sollte, als es heutzutage meistens getan wird, wenn man Speicher mit Batterie gleichsetzt. Biogasanlagen oder auch eine große Anzahl anderer speicherbarer Energieträger bieten da in einem Verbund wie einem virtuellen Kraftwerk eine gute Möglichkeit, Schwankungen im Netz aufzufangen und auszuregeln.
    Um das ein bisschen besser zu visualisieren, haben wir bei Next Kraftwerke eine interaktive Simulation (man könnte auch Spiel sagen) entwickelt, an dem man das ganz gut sehen kann.
    Vielleicht ist das ja auch für andere eine spannende Ergänzung.
    Hier geht es zur Simulation:
    http://www.next-kraftwerke.at/virtuelles-kraftwerk-spiel/

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