Die Welt der Netze – Ein Doppelinterview

Ich wage mich heute mal wieder in völlig neue Gewässer vor – in die Welt der Netze! Es wird immer wichtiger, wenn wir über Erneuerbare Energien sprechen, deshalb soll das auch hier einmal Platz bekommen. Ich hole mir dafür jedoch prominente Unterstützung aus der Online vertretenen Netzprominenz im eigentlichen Sinne. Also nicht dem Inter”netz” sonder dem echten Netz, dass uns ermöglicht, überhaupt in diesem Internetz zu surfen. Thorsten Zoerner von stromhaltig.de kenne ich durch die Energieblogger, er ist dort unser umtriebigster Datenjournalist und rückt mit seinen Analysen den Netzbetreibern gerne auf die Pelle. Mario Sedlak der früher bei einem österreichischen Netzbetreiber gearbeitet hat, kenne ich schon gefühlte zwei bis drei Jahre on- und offline, da er wirklich spannende und weitgehend ideologiefreie Energieartikel auf seiner Seite veröffentlicht. Wir sind zwar nicht immer einer Meinung, aber die Gespräche sind immer sehr befruchtend. Entstanden ist die Diskussion unter den beiden durch einen Post von mir, der die Petition den Transeuropäischen Stromhandel am Netzausbau zu beteiligen. Nachdem auch ich solchen Diskussionen nur schwer folgen kann, hole ich mir die beiden mal an den Tisch bzw. den Computer und wir diskutieren öffentlich zum Thema Netze.

@Thorsten Wie kam es zu der Idee mit der Petition und warum ist dir das so wichtig?

TZ: Auch wenn es sich nicht so anhört, bin ich der Meinung, dass Märkte generell funktionieren und sogar positive Wirkung auf die Versorgungssicherheit haben können. Im Zuge der Liberalisierung hat der Strommarkt allerdings einen entscheidenden Designfehler; er wurde zumindest in Deutschland von Anfang an national konzipiert. Der lokale Handel (Strom vom Nachbarn) funktioniert nicht. Ist das Gebiet zu groß, in dem der Handel stattfindet, wirkt die Selbstheilung über den Gleichgewichtspreis nicht. Meine Dringlichkeit für die Petition ist daher vom Vergleich mit anderen Märkten abgeleitet: Erst das Geschäft zwischen Nachbarn ermöglichen, dann Stadt, dann Region, dann National …, ansonsten werden die Kosten für die notwendige Infrastruktur zur Abbildung der Geschäfte im tatsächlichen Stromfluss an die Allgemeinheit abgewälzt.

@Mario, Warum findest du diese Idee nicht so gut und was sollte deiner Meinung nach passieren?

MS: Gerade die Erneuerbaren brauchen ein starkes Netz. Eine Gebühr für grenzüberschreitenden Stromhandel würde auch sie treffen. Abgesehen davon ist an den meisten Grenzen ohnehin schon ein Transportrecht zu erwerben, weil es Engpässe gibt. Früher gab es fixe Gebühren für jeden Import und Export, aber davon ist man abgekommen, weil diese Gebühren nicht die richtigen Anreize liefern. Zum Beispiel fallen sie für gleichzeitigem Import und Export zweimal an, obwohl sich der physikalische Effekt aufhebt. Sie bewirken, dass teurere (i. A. fossile) Kraftwerke am Netz bleiben, auch wenn es im Nachbarland gerade Stromüberschüsse gibt, die auch von den Netzkapazitäten her importierbar wären, aber es würde sich wegen der Importgebühr nicht lohnen. Starre Gebühren machen den Strommarkt also weniger effizient. Was wir dringend brauchen, ist mehr Kostenwahrheit. Der CO2-Preis sollte nicht unter 30 €/t sein (statt derzeit 5 €/t). Wenn die Braunkohlekraftwerke bestens ausgelastet sind, während relativ saubere Gaskraftwerke stillstehen, ist das kontraproduktiv für die Energiewende.Längerfristig sollte man von den großen Regelzonen wegkommen und einen knotenbasierten Markt einführen. Nur dieser setzt die richtigen Anreize für die Wahl eines Kraftwerksstandorts. Außerdem ist eine genauere Netzrechnung möglich, sodass mehr Kapazitäten für jene Marktteilnehmer bereitgestellt werden können, die das Netz wenig belasten und weniger Kapazitäten für jene, die eine hohe Belastung verursachen.

Was ist die grundlegende Problematik wenn es um Netze und die Energiewende geht?

TZ: Im Zuge der Entmonopolisierung wurde recht schnell die Erzeugung von Strom zur “Commodity-Dienstleistung”. Spätestens mit dem 100.000 Dächer-Programm bei PV konnte jeder Strom erzeugen, der es wollte. Netze sind allerdings natürliche Monopole, die nicht direkt liberalisiert werden können und somit nur begrenzt ein Markt entstehen kann. Im Zuge der Energiewende hat die Erzeugung einen abnehmenden Wert – die Diensleistung Transport (Netze) einen zunehmenden Wert.

MS: Die Umstellung auf 100% Ökostrom ist nur mit Wind und/oder Photovoltaik kostengünstig möglich. Beide sind auf ein starkes Netz angewiesen. Obwohl die Photovoltaik in Deutschland erst gut 5% des Stroms erzeugt, deckt sie zu Spitzenzeiten bereits 50% des gesamten Bedarfs im Netz. Man kann sich leicht ausrechnen, wie es aussehen würde, wenn die Photovoltaik 10%, 15% oder 20% des Stromverbrauchs erzeugt. Dezentrale Speicher sind klar unwirtschaftlich. Daher führt kein Weg am Netzausbau vorbei, wenn die Energiewende weitergehen soll. In Skandinavien gäbe es genug Speichermöglichkeiten. Alle bereits existierenden Stauseen Europas würden ausreichen, um den ganzen Kontinent 2 Wochen lang mit Strom zu versorgen.

Sind Erneuerbare gut oder schecht für die Netze? Ich höre zu diesem Thema immer unterschiedliche Aussagen von jeweils anerkannten Experten. Einige sagen Erneuerbare sind Netzbeschmutzer, andere sagen Erneuerbare entlasten das Netz weil die Produktion vor Ort statt findet. Was sagt ihr dazu?

TZ: Erneuerbare sind Netzbeschmutzer, für diejenigen, die sehen, dass es ein Wertverfall bei der Erzeugung gab, der ursächlich durch diese Anlagen stattgefunden hat. Hinsichtlich des Systems “Stromnetz” zeugen die Erneuerbaren mittlerweile eine positive Wirkung auf die Netzverluste, die Blindleistung… . Es ist darf nicht erst zu einer Versorgungslücke kommen, bevor man sich die Frage stellt, wie man Anreize für die Laststeuerung hätte schaffen können. Aktuell wird nach meiner Meinung ein zu starker Machtkampf zwischen Fossiler Erzeugung und Erneuerbaren geführt und daher Dinge verteidigt, die sich den Umständen anpassen sollten. Hierzu gehören die Lastprofile bei den meisten Kunden, mit denen kein Anreiz zum dargebotsabhängigen Verbrauch möglich ist.

MS: Die Netze müssen für den schlimmsten Fall ausgelegt werden. Daher ist es in der Praxis keine große Entlastung, wenn mehr vor Ort erzeugt wird, aber zu gewissen Zeiten genauso viel aus dem übergeordneten Netz bezogen wird. Die Netzbelastung kann sogar zunehmen, wenn zeitweise Überschüsse abtransportiert und zu irgendeinem (meist fernen) Verbraucher transportiert werden müssen. Auch die fehlende Verlässlichkeit ist aus Sicht der Netzbetreiber ein Nachteil. Erzeugung und Verbrauch müssen nicht nur im Durchschnitt sondern in jeder Sekunde ausgeglichen werden. Wenn sich der Nebel eine Stunde später als prognostiziert auflöst, können gleich mal mehrere Gigawatt fehlen, die dann aus irgendwelchen Reservekraftwerken abgerufen werden müssen. (Ein Gigawatt ist ein Großkraftwerk!) Mit fossiler Energie lassen sich die Netze vergleichsweise einfach steuern – aber trotzdem müssen wir auf nachhaltige Energiequellen umstellen, das ist gar keine Frage.

Sollten erneuerbare Energieproduzenten Netzentgelte zahlen, wenn fossile Kraftwerke dies nicht tun müssen oder sollte man alle Energieproduzenten an der Finanzierung einer sinnvollen Netzinfrastruktur beteiligen?

TZ: Nach meiner Meinung sollte man generell alle, die einen Netzanschluss brauchen an den Netzentgelten beteiligen. Nur so kann der Markt helfen eine Finanzierung der Investitionen zu erleichtern. Ein Unterschied gibt es aktuell nur bei den Tarifkunden und den Sondertarifkunden (Konzessionsabgabe). Bei der Erzeugung liegen mir keine Informationen vor.

MS: Meines Wissens zahlen alle Stromerzeuger die gleichen Netzentgelte. Konventionelle Kraftwerke auszunehmen, wäre eine Wettbewerbsverzerrung. Auch die Verbraucher sollten alle gleich behandelt werden; jede Ausnahme (z. B. für die energieintensive Industrie) ist meiner Meinung nach sehr gut zu begründen bzw. zu hinterfragen. Aufwendungen für Regelenergie sollten an die Bilanzkreise, die unterdeckt bzw. überliefert waren, verursachergerecht weiterverrechnet werden.

Wie müsste ein Netzentwicklungsplan aussehen, der eine massive dezentrale Energieversorgung begünstigt? Sollte vielleicht auch das Wärme und Verkehrssystem zur Lösungsfindung herangezogen werden? (Wasser als Wärmespeicher von Überschusstrom, Batterien von Elektroautos…)

TZ: Bekannt ist mir nur der Netzentwicklungsplan für Deutschland. Dieser geht sehr stark auf die Nord-Süd-Richtung im Stromfluss ein. Die sogenannten Re-Dispatch-Maßnahmen zeigen aber auch Ost-West Flüsse.Rein von der Tradition redet man beim bei Strom immer noch von “Verbrauch”. Dies ist richtig, wenn man fossile Quellen hat, bei denen ein Brennstoff benötigt wird. Vor der Integration von anderen Nutzungsformen muss hier erst ein Umdenken stattfinden. Sonne und Wind kann man nicht verbrauchen. Gerne würde ich mich an einem Windrad mit 1% beteiligen – am Strom, nicht aber am Erlös. Dies würde für mich genügend Anreiz schaffen ein Elektroauto zu fahren und die Ladung mit Marktwert und eigenem Empfinden zu steuern.

MS: Simple Heizstäbe, eingebaut in existierende Heizkessel, sind die beste Möglichkeit, um selten auftretende Überschüsse von Ökostrom sinnvoll zu verwerten. Für die wenigen hundert Stunden pro Jahr wäre z. B. eine Elektrolyse-Anlage zur Umwandlung der Stromüberschüsse in Gas vollkommen unwirtschaftlich. Die Akkus von Elektroautos sind in dem Zusammenhang höchstens ein Nebenschauplatz. Erstens wird es auf absehbare Zeit nur wenig Elektroautos geben und zweitens lohnen sich so kleine Lösungen auf Haushaltsebene nicht. Zur gleichen Ansicht ist auch die Denkfabrik “Agora Energiewende” in ihren 12 Thesen gekommen.

Vielen herzlichen Dank an die beiden für euren Input. Ich denke auch hier sind wieder einige diskussionswürdige Aspekte dabei. Was meinen unsere Leser?

Foto: ColinBroug / www.sxc.hu

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach  mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

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