Die Große Fairness-Umverteilung

Lesedauer: 4 Minuten

Ein Plädoyer für Fairness gegen uns selbst. Axel macht sich darüber Gedanken wohin sein Geld gehen soll…

„Das Leben ist hart, aber dafür ist es ungerecht,“ witzelte mein Großvater stets. Als Mitglied der Wiederaufbau-Generation, Geschäftsmann und Familienvater wusste er über Härten und Ungerechtigkeiten des Lebens bestens Bescheid. Die Sätze „Mir hat keiner was geschenkt,“ und „mich fragt ja niemand,“ gehörten – vor allem im Alter – zu seinem ständigen Repertoire. Der Großvater hatte ein Geschäft in der Wiener Neubaugasse. Die Spulen der Heizlüfter, die er Montag bis Samstag verkaufe, wickelte er am Wochenende. Zog zwei Kinder groß und ließ keine Gelegenheit aus, seinen Enkerln einen Geldschein zuzustecken. Natürlich nicht ohne vorher einen seiner Merksätze aufzusagen. „Bub, denk dran, dir schenkt keiner was,“ sagte er jedes Mal, wenn er mir etwas schenkte. „Man soll sich nur nicht zu viel für die Allgemeinheit engagieren,“ war seine fixe Überzeugung; „Gerechtigkeit“ war für ihn ein Schimpfwort bei dessen Erwähnung er mild lächelte. Mein Großvater war ein Experte für das harte, ungerechte Nachkriegsleben wie sie heute nicht mehr gebaut werden. Gottseidank. Einerseits…

Generationenfrage

Meine Generation bezieht ihre Politisierung, ihr Wertegebäude aus anderen Quellen. Hainburg, Tschernobyl, Ozonloch, saurer Regen, Waldsterben und Mülltrennung sind die Stichwörter der Bobo-Generation die heute um die 30 ist und vor Kaufkraft nur so strotzt. Wir wollen zwar konsumieren, uns was leisten können, wie es uns die Wirtschaftswunder-Generation vorgelebt hat. Nur: wenn wir denn die Chance bekommen beim Einkaufen – sozusagen als Nebenwirkung – die Welt zu verbessern, so tun wir das gerne. Wer’s nicht glaubt soll sich die Werbung ansehen! Fairtrade, Nachhaltigkeit, umweltbewusstes Prosumententum und lokale Bio-Bergbauern-Idylle lächeln von jeder Plakatwand auf uns herab, berieseln uns auf allen Kanälen. Das Bedürfnis nach Fairness ist ein Riesengeschäft, die Einstellung unserer Großeltern wird als Hemd-näher-als-Rock-Mentalität auf der Schutthalde gestriger Ideologien entsorgt. Gottseidank. Einerseits…

Die schlechte Nachricht ist: nicht alle denken nachhaltig, ökoloisch. Denn so zu denken ist teuer. Und teuer können sich nicht alle – mit Blick auf die Wirtschaftskrise bin ich geneigt zu sagen: immer wenigere leisten. Es ist eine Minderheit der es ernst ist mit der Fairness, die nicht hier und dort ein wenig Altruismus kaufen, sondern die (unterstellte?) Marktmacht der Konsumenten als Hebel einsetzen will. Solange der Mensch ein Homo Oeconomicus, zu Deutsch ein wirtschaftlich denkender Affe ist und neben der neuen Nachhaltigkeit auch preiswerte hinter-mit-die-Sintflut Produkte im Regal stehen bleibt zu bedenken: faires Konsumverhalten bewirkt Umverteilung von bewusst auf scheiß-mich-nix. Allzuoft denken gerade jene an Gerechtigkeit, die selbst wenig haben. Ein ganzes bürgerliches Leben mit fair gehandelten Produkten, erneuerbarer Energie und kurzen Wegzeiten zu bestreiten ist nicht einfach nur sauteuer: solange nicht alle so denken ist es schlicht und einfach Selbstausbeutung.

Nix scheißen?

Uns nachhaltig denkenden Mitmenschen muss klar sein, dass der Hummerfahrer in seinem preiswerten bengalischen Anzug auf unsere Kosten lebt. Wo bleibt die Fairness gegen uns selbst? Beim Einkauf im Supermakrt muss ich an den Großvater denken, der der Meinung war, seinetwegen hätte man das Gemüse zwar nicht aus Südamerika importieren müssen… „aber jetzt wos scho da is, kann ichs genausogut kaufen“. Sonst kaufts eben ein Anderer. Weil wir uns aber einig sind, dass sich nix scheißen auch keine Lösung ist, wird Fairness zur Abwägungssache und sollte uns öfter mal zum Nachdenken anregen. Was ist in diesem Moment gerechtes Handeln? Ist es gerechter einen Euro mehr für die Tasse Fairtrade-Kaffee auszugeben, oder soll lieber der Kellner, die Kellnerin einen Euro Trinkgeld mehr bekommen? Kaufe ich mir neue, fair gehandelte Leinenschuhe aus dem Weltladen oder soll ich meine alten Lederlatschen lieber doch reparieren lassen? Nicht nur der Bauwollfarmer am anderen Ende der Welt will gerecht behandelt werden, der freundliche Schuster am anderen Ende des Bezirks kämpft doch auch ums Überleben!

Wohin also mit unserem sauer verdienten Geld? Nachhaltiges, faires und umweltbewusstes geldausgeben ist nur dann gerecht wenn es Grundeinstellung ist, nicht Lifestyle. Unser Geld denen in die Tasche zu stecken, die mit unserem Bedürfnis nach Gerechtigkeit Profite machen ist unfair: unfair gegen uns selbst.

Dieser Text ist Teil der Blogparade: Und wohin soll dein Geld gehen?.
 
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Axel Beer

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Mag. Axel Beer ist freier Bildungs- und Wissenschaftsjournalist. In seinem Diplomzeugnis steht, er sei „Sozialwissenschaftler“, das stimmt nur halb. Dem HTL-Rostensteingasse Absolventen und Abbrecher eines Molekularbiologie Studiums hat man beigebracht wie ein Techniker oder Naturwissenschaftler zu denken. Axel bloggt sei den frühen Nullerjahren und glaubt, dass ein Gemeinschaftsblog, in dem EnergieexpertInnen mit verschiedenen Zugängen aus der Szene und dem Leben erzählen, eine super Idee ist. Er kann stundenlang in den Garten starren und die Pflanzen für ihre effiziente Nutzung der Sonnenenergie bewundern. Er mag freie Software und fairen Kaffee. Er freut sich auf eine Zukunft in der man mit sauberem Gewissen sagen kann: „Scotty, Energie!“

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