Österreich hat keine Ahnung über seinen aktuellen Energiemix

Quelle: Erneuerbare Energie in Zahlen 2010, BMLFUW

Ich muss meinem Ärger mal wieder etwas Luft machen und kann es nicht fassen, dass es im Juli 2012 schier UNMÖGLICH ist, den österreichischen Energiemix aus 2011 und  zu bekommen. Wie wollt ihr bitte Entscheidungen treffen, wenn ihr nicht mal wisst, was los ist?? Die „Wir-sind-eh-supa“ – Masche zieht leider bald nicht mehr, wenn wir so weiter machen.

Letzes Jahr habe ich ja die Photovoltaikstudie Österreich/Deutschland verfasst und dabei unter anderem versucht die österreichische Energiewirtschaft abzubilden. Jetzt bin ich gerade dabei die Studie zu aktualisieren und stoße auf dieselben Probleme wie letztes Jahr. Während man in Deutschland einfach auf die unglaublich tolle Seite der AG Energiebilanzen geht und innerhalb von 20 Minuten die aktuellsten Daten bekommt, habe ich ohne zu übertreiben mehrere Wochen damit zugebracht die österreichischen Daten zusammenzutragen. Das noch dazu mit mäßigem Erfolg, weil die aktuellen Energiedaten immer erst im November!!!! des Folgejahres rauskommen und sehr starke Inkonsistenzen zwischen den verschiedenen Quellen herrschen. In Deutschland bekommt man sogar die Quartalszahlen des laufenden Jahres!!

Anfangs dachte ich ja es liegt an mir und ich bin einfach zu blöd dazu. Aber nein, in vielen Gesprächen habe ich erfahren, dass so ziemlich jeder in der Energieszene seine Mühe hat diese Zahlen zu bekommen und anscheinend auch einfach kein Geld dafür locker gemacht wird, um die Daten schneller bereit zu stellen. Ich frage mich, was machen Organisationen wie Österreichs Energie, Umweltbundesamt oder die Energieagentur, müssten die nicht solche Zahlen zeitgerecht bereitstellen oder eben auf die Barrikaden gehen, wenn solch essentielle Dinge nicht in Ordnung sind? Offensichtlich nicht, weil sogar in aktuellen Folien vom Verbund, der auf S. 7 Österreichs Energie zitiert, sind lediglich Strommix Zahlen mit Stand 2008 zu finden. Wir schreiben bitte 2012 und die Energiewirtschaft ist derzeit eine der dynamischsten Branchen der Welt. Jede ach so kleine Veränderung muss beachtet werden!!! Der Strommix ist überhaupt ein Kapitel für sich, aber dazu zu einem späteren Zeitpunkt noch mehr.

Vielleicht liegt es ja auch daran, dass man die aktuellen Zahlen einfach nicht zeigen will. 69% erneuerbarer Strom klingt halt etwas besser als 61% oder 65% 2010 je nachdem, ob man nun Eurostat oder die Statistik Austria bemüht. Es ist halt auch peinlich zu sehen, dass der Anteil an Erneuerbaren in Österreich ab statt zunimmt. Auch der Verband Erneuerbare Energie Österreich hat bereits darüber berichtet.

Eine weitere Vermutung über die sehr eigenwillige Darstellung unseres Energiemixes, der sich meistens vor allem auf die Inlandsproduktion stützt und nicht auf die Verbraucherseite ist vermutlich jene, dass man einfach nicht öffentlich Atomenergie ausweisen will. Ein ehrlicher Chart der Verteilung enthält auch Atomkraft und nicht „Strom unbekannter Herkunft“.

Falls ich mich jetzt unnötig aufrege, bitte ich um Zusendung der banalsten Energiegrafiken weltweit

  • Zusammensetzung des Strommixes in Österreich 2011
  • Zusammensetzung des Endenergieverbrauchs in Österreich 2011
  • Zusammensetzung des Primärenergieverbrauchs in Österreich 2011

Und bitte auch so, wie die Aufteilung international üblich ist und nicht in den eigentümlichen Darstellungsformen der Statistik Austria oder E-Control, die eben so ist, weils immer schon so war. Letztendlich wäre es aber Aufgabe all unsere Institutionen, die Informationen zeitgerechter zu verlangen, Geld dafür in die Hand zu nehmen und sie menschenfreundlich aufzubereiten.

Wenn ich träumen dürfte, würde ich mir irgendwann sowas für unsere Bundesländer wünschen.

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach  mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

10 Comments

  1. Traurig aber wahr – derartige Zustände gibt es (noch) in viel zu vielen „Ämtern“ bei uns. Ich möchte aber hier bestimmt nicht alle in einen Topf werfen, es gibt natürlich auch – wenn auch zu wenige – positive Erfahrungen.
    Ist das nur in Österreich so?
    Ohne „gute“ Kontakte bist du hier zu Lande eine armes Schwein und brauchst viel Durchhaltevermögen. Also meiner Philosophie entspricht das gar nicht.

  2. Österreich sollte sich endlich seiner „Nachzüglicher-Rolle“ in Sachen Energiestatistik bewusst werden und so schnell wie möglich an der Veröffentlichung aktueller Werte arbeiten! Das Thema ist viel zu wichtig, als um es so zu vernachlässigen!

    Toller Artikel!

  3. Mich erschrickt es ebenso diese Zahlen zu lesen, da ja in der Öffentlichkeit so viel Wert auf den Diskurs der erneuerbaren Energien gelegt wird. Total inkonsequent und blauäugig.

  4. Ihr Artikel von heute „Österreich hat keine Ahnung …. Energiemix“ hat mir sehr gut gefallen. Dazu sage ich: genau da ist eines der zentralen Probleme in Österreich – im Umgang mit den Daten und der „dahinterliegenden“ Realität der Energieströme! Vor mindestens 4 Jahren ist mir das bewusst geworden und trotz vieler Versuche sind keine echten Lösungen aufgetaucht. Ich urteile hier nicht von ungefähr, sondern als einer, der die Abfallstatistik Österreichs für die Verpackungen mit geschrieben hat in der entscheidenden Phase, als wir das ganze System (ARA-SYSTEM) aufgesetzt haben.

    Von dergleichen sind wir bei der Energie weit entfernt. Insbesondere fehlt Transparenz bei der Datengewinnung von unten. Bottom up Daten sind gerade für die örtliche und regionale Planung unerlässlich. Ihr Fehlen ist bemerkenswert. In der Programmlinie „Klima-Energie-Modellregionen“ werden jetzt erste Schritte gemacht, detto bei E5-Gemeinden. Aber nirgendwo ist Methode und Konsequenz noch zu sehen. Transparenz ist ein Fremdwort.

  5. Ergänzend:

    Die Qualität der Statistik im Bereich Landwirtschaft ist vergleichsweise sehr gut entwickelt.
    Die Methodik und die Instrumentarien bei der Erfassung ebenso (wer nicht meldet, wird bestraft).
    Somit wissen wir über die Schweine zum Stichtag X in Österreich wirklich sehr viel.
    Das aber heißt6 nocht nicht, dass hier Transparenz vorliegt. Auch über Details aus diesem bereich ist bei Statistik Austria wenig zu finden.
    Aber sicher ist: die Grundgesamtheit wird laufend aktualisiert, die Daten sind vorhanden.
    Bei den Energiedaten fehlt beides: Berichtspflicht genauso wie Transparenz.

  6. Hallo Herr Horn,

    sehr spannend! Ich könnte mir vorstellen, dass es damals ebenfalls sehr schwierig war die Abfallinformationen zu bekommen. Da wir im Abfallbereich so erfolgreich sind, nehme ich an, dass die schwierige Aufgabe damals bewältigt werden konnte.

    Wissen Sie noch das Erfolgsgeheimnis? Ist es eine reine Geldsache oder unterschiedliche Interesssen? Wobei ich hier nicht wirklich sehe, wer Interesse daran hat, die Daten ein Jahr verspätet und inkonsistent aufzubereiten. Sind es vielleicht banale Eitelkeiten einzelner Institutionen?? #justguessing

  7. Sehr interessant. Es gibt also keine Meldepflicht für Energiedaten? Wie kommt dann E-Control und Statistik Austria üblicherweise zu den Zahlen? Hab mal gehört, dass manchmal eben nicht die Echtdaten, sondern ein Schlüssel mit installierter Leistung herhalten. Finde das furchtbar, wie soll man so Entwicklungen wie Wasserentwicklungen oä. überprüfen.

  8. Dabei gäbe es eine relativ einfache (wenn auch nicht kostenneutrale) Methode – nur schreit dann wieder jeder gleich Überwachung; aber so könnte man den Energiemix relativ genau (wenn nicht sogar tagesaktuell bestimmen):
    Eine neue Institution, die sich damit befasst diese Strukturen zu analysieren und zu beschreiben – damit meine ich jetzt nicht unbedingt eine „neue Behörde“ (auch wenn der Begriff nahe liegt), sondern einfach eine Instanz, die sich um Messung, Protokollierung und Aufklärung der Bürger in diesem Bereich kümmert.
    Für diesen Vorschlag dürft ihr mich jetzt gerne steinigen :-)

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