Wir brauchen eine solare Kultur. Jetzt.

Gastbeitrag von Olaf Achilles. Autor des Buches Solarstaat.

Energie war immer das kulturstiftende Element. Die Menschen haben früher ums Lagerfeuer gesessen und ihre Geschichten erzählt. Und später war dann der Herd für die Familie der nährende Mittelpunkt.  Alleine aus diesem nährenden Element von Energie ergibt sich eine natürliche, eine zentrale Stellung in jeder Kultur.

Und damit sind wir auch schon beim Thema, nämlich Energie und Kultur.  Für mich stellt sich die Frage nach einer „solaren Kultur“. Dabei kann man, wenn wir die derzeitige fossil-atomare Kultur untersuchen, sehr schnell herausarbeiten, was eine solare Kultur nicht ausmacht: zentrale Strukturen. Das Problem ist jedoch, dass wir – wie an die Schwerkraft – an diese zentralen Strukturen gewöhnt sind und diese derzeit weltweit religiös-fanatisch als „alternativlos“ verteidigt werden. Das bedeutet, dass wir diese zentrale Information (Dogma) in jeder unserer Zelle praktisch abgespeichert haben:  „ohne  zentrale (fossil-atomare) Energie geht es nicht“ – so das falsche Mantra.

Und das ist genau wie dieses mittelalterliche, dingliche Werkzeug der Kirche: Glaube uns, denn ohne uns kommst du nicht zu Gott. Der österreichische Journalist Hans Kronberger hat ein Buch geschrieben: „Geht uns aus der Sonne“. Und das ist genau das Thema hier. Wir müssen uns selbst, und auch allen anderen aus der Sonne gehen. Das bedeutet: wir brauchen eine solare Kultur. Jetzt!

In den Anfängen der Solarenergie war es wirklich faszinierend, mit welcher Begeisterung Lehrer zum Beispiel in den Schulen einfachste solare Experimente gemacht haben, um zu zeigen, dass es eine direkte Möglichkeit gibt, Solarenergie in Energie umzuwandeln: in nutzbare Wärme und Strom. Deswegen ist es auch richtig, dass in den Anfängen die ersten Solarstromunternehmen sich verstärkt bemüht haben, Solarstrom auf die Dächer von Schulen und Kindergärten und öffentlichen Gebäuden zu installieren. Und dass man diese Energieerzeugung eben auch sichtbar gemacht hat mit Anzeigentafeln. In diese „Artefakte“ wurde sehr viel Energie reingesteckt, und wenn wir heute die Ergebnisse auch eher belächeln, waren sie sehr wichtig, weil Kinder mit Solarenergie aufgewachsen sind. Die Kinder haben Solarenergie als Selbstverständlichkeit empfunden!

Der Kulturwandel passiert leise

Was haben wir heute für eine Kultur?  Ich konnte bisher erleben, wie sich eine solare Bewegung quasi im Stillen formiert hat. Da gibt es vor allem die Solar-Bundesliga, die Regiosolar-Bewegung und die vielen Hundert Städte und Gemeinden, die sich im Klimabündnis e.V. innerhalb von Deutschland organisiert haben. Die wohl schönste solare Veranstaltung, die ich erleben durfte, war die Meisterfeier der Solar-Bundesliga am 13. September 2008 in dem kleinen bayerischen 800 Seelen Dorf „Rettenbach am Auerberg „. Es wurde die ganze Nacht durch gefeiert,  wobei gefühlt mindestens die Hälfte der Ortschaft anwesend war. Die Begeisterung der Menschen war authentisch. Inzwischen steht der Ort für „Selbstversorgung“  und hat inzwischen sogar ein eigenes Regionalgeld eingeführt. Außerdem bietet Rettenbach den niedrigsten Gewerbesteuersatz in Bayern. D.h. es führt ein Weg zum Anderen: eigene Energie bzw. solare Selbstversorgung bedeuteten vor allem auch dezentrale Strukturen in der Wirtschaft. Und daraus folgt natürlich auch perspektivisch eine andere Kultur.

Es braucht eine PRO-Kultur statt ANTI Kultur

Wir haben bundesweit eine Anti-AKW-Bewegung. Die haben wir sehr, sehr lange und ich nehme an ihr teil seitdem ich 16 Jahr alt bin. Wir haben diese Bewegung mit ihrer eignen Kultur auch benötigt und benötigen sie auch noch heute. Was ich in diesem Zusammenhang wirklich absurd finde ist aber, dass es eine ANTI-Kultur geblieben ist und sich nicht selbstbewusst als eine PRO-Kultur positioniert. Was wir brauchen ist eben nicht die Verneinung eines Zustandes sondern die Bejahung eines Zustandes. Und das bedeutet, wir brauchen eine dezentrale, solare Kultur. Wir brauchen eine Bewegung für „eigene Energie“,  wir brauchen einen „Solarstaat“. Aus diesem Grunde habe ich das Buch „Solarstaat“ geschrieben, um aufzuzeigen, dass alle zentralen fossilen und atomaren Energien immer in einem zentralen Staat enden: dem Ölstaat, Atomstaat und auch in einem Gasstaat (man lese aktuell den Bericht über Putin und Gazprom: „Das unheimliche Imperium. Wie wir Verbraucher betrogen und Staaten erpresst werden.“, ein Buch von Jürgen Roth – Experte für mafiöse Praktiken und Organisationen aller Art!).

Schauen wir auf die aktuelle Forbes-Liste zu den Geschäftszahlen der größten Unternehmen der Welt: Platz 1: US-Konzern ExxonMobil, der Betreiber der Esso-Tankstellen, mit einem Gewinn von 41,1 Milliarden US-Dollar. Platz 2: die russische Gazprom  mit 31,7 Milliarden US-Dollar. Platz 3: die britisch-niederländische Royal Dutch Shell mit 30,9 Milliarden US-Dollar. Platz 4: die US-amerikanische Chevron mit 26,9 Milliarden US-Dollar. Platz 5: die britische BP mit 25,7 Milliarden US-Dollar. Der addierte Gewinn der ersten 5 Plätze: 156,3 Milliarden US-Dollar; zum Vergleich: dieser Gewinn übersteigt jeweilig das Bruttoinlandsprodukt bei 126  der 183 Staaten auf unserer Erde.

Das muß kulturelle Folgen haben: wir nennen dies Globalisierung. Die daraus entstandene Religion der fossil-zentralen Strukturen muß auch kulturell endlich demaskiert und überwunden werden. Wir sind dringend aufgefordert, eigene Werte zu formulieren und zu leben.

4% decken Wärmebedarf durch Solarwärme

Was uns dabei hilft ist der intrinsisch dezentrale Ansatz von Solarenergie. In einer aktuellen Studie des Bundesverbandes Solarenergiewirtschaft  „Selbstversorgung mit Solarstrom und Solarwärme – Stand und Ausblick 2020“ wird deutlich, dass bereits 4 % der Haushalte in Deutschland einen Teil ihres Wärmebedarfs mit Solarwärme decken. Der Eigenverbrauch des selbst erzeugten Stroms liegt bei Haushalten jedoch noch im Promillebereich. Dennoch wissen wir alle, dass allein der Betrieb einer solchen Anlage das Bewusstsein des Anlagenbetreibers positiv beeinflusst. Und der Ausblick ist natürlich vielversprechend: Der Anteil der Solarenergie kann im konkreten Einzelfall schon jetzt bis zu 100 % betragen. Und: „Der gesamte Beitrag von Solarwärme und Solarstrom zur Eigenversorgung wird sich in den kommenden Jahren kontinuierlich weiter steigern“.

„Eigene Energie“ – unser Slogan

„Eigene Energie“ ist ein Slogan, der uns daran erinnern soll, dass wir selbst und alles um uns herum Energie ist und wir keinen Mangel an Energie haben. Eigene Energie ist auch ein Motto, das uns dazu ermuntert, das einzufordern, was uns Menschen als Geburtsrecht auf diesem Planeten zusteht. Energie ist praktisch auch eine Währung und wir fordern den Anteil für uns und für jeden anderen ein! Dies kann und wird zu neuen Wirtschaftsstrukturen führen. Frei nach dem Motto: Jeder liefert jedem Energie!

Es sollte ernsthaft thematisiert werden, dass wir im Grunde genommen unter einer Religion leiden und leben, eine Religion mit dem Namen Atomkraft, eine Religion mit Namen Öl, einer Religion mit dem Namen Gas und einer Religion Namens Kohle. Wieso werden immer noch die immensen Milliarden an Folgekosten, die in den nächsten Jahrzehnten durch die Nutzung dieser inzwischen vollkommen überteuerten Energieformen entstehen, verharmlost und verheimlicht. Wer nimmt denn wahr, dass es schon heute auch in Deutschland billiger ist Solarstromkraftwerke zu planen und zu bauen, als in ein neues Kohlekraftwerk zu investieren?

Wer sich die fossil-atomaren Energieträger genauer anschaut weiß, dass sie im Zuge der Erschließung und des Verbrauchs zentrale Strukturen mit sich ziehen, in deren Sog seit zwei Jahrhunderten Umweltzerstörung, Korruption, Krieg bis hin zum Völkermord und Kulturvernichtung folgen. Dabei bleibt die Hälfte der Menschheit ohne Zugang zu wirtschaftlich nutzbarer Energie und zwei Milliarden Menschen ohne Zugang zu Strom.

Das sollten wir bedenken und uns entschieden einer Kultur der Sonne zuwenden. Wir können damit beginnen, das eigene Handy mit Solarstrom aufzuladen (http://www.changers.com) oder eine solare Patenschaft (http://www.betterplace.org/de/projects/1575-patenschaft-fur-eine-solarlampe) eingehen oder die eigene Gemeinde bei der Solarbundesliga anmelden (www.solarbundesliga) und an der Woche der Sonne teilnehmen (www.woche-der-sonne.de).

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach  mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

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  1. Der addierte Gewinn der größten 5 Weltunternehmen (Fossile!): 156,3 Milliarden US-Dollar; zum Vergleich: dieser Gewinn übersteigt jeweilig das Bruttoinlandsprodukt bei 126 der 197 Staaten auf unserer Erde.

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