Akademische Verkehrsbehinderung

Alle Räder stehen still, weil die TU Wien es will. Gibt es eine schönere Gelegenheit über Verkehrspolitik zu reden als mitten auf der Straße am Vormittag eines Wochentages? Diese Blogger findet nein. So ist es gut. Weil hier nämlich zwei Anliegen zusammen kommen, die trefflich zusammen passen, hier auf der Operngasse, vor der TU Wien.

Die größte technische Uni Österreichs hat ein Problem, das noch schlimmer ist, als an anderen Unis. Während alle Institute in Österreich jammern und von der Politik allein gelassen mit autonomen Maßnahmen wie Studiengebühren und Knockout Prüfungen um sich schlagen, hat die TU ein lustigeres Mittel des Protestes gefunden, an dem sich sogar – und oben drein in großer Zahl die Studenten beteiligen. Es werden „Streetlectures“, Vorlesungen auf der Gasse abgehalten um auf die finanzielle Situation der TU aufmerksam zu machen. Während alle Unis jammern, dass ihnen soundsoviel Geld im laufenden Budget fehlt, geht’s der TU noch schlechter. Ihr fehlen 18 Millionen Euro noch aus dem letzten Jahr. Die TU steht bei der Bank in der Kreide. Pessimisten rechnen mit der Zahlungsunfähigkeit noch in diesem Jahr.

 

Professor auf der Gasse 

In der aktuellen Streetlecture geht es um Verkehtspolitik. Ganz vorne steht der streitbare Zivilingenieur und Professor für Verkehrsplanung Hermann Knoflacher, sieht sich auf der Operngasse um, auf der keine Autos, sondern nur Studenten zu sehen sind. „Man sieht, was passiert, wenn man den Verkehr sperrt,“ sagt er und gibt sich prompt selbst die Antwort: „gar nix.“ Knoflacher beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Verkehrspolitik und der Vision von der Autofreien Stadt. Er ist überzeugt, dass die Autofahrer intelligenter sind, als es die Verkehrsplaner ihnen zutrauen. „Die Autofahrer sind klüger als die Verkehrsexperten, sie begreifen: wo gesperrt ist, kann ich nicht fahren.“ Sie suchen sich eben einen anderen Weg. Denn: die Menschen sind intelligent und eigennützig. Bei Verkehrsbehinderungen, ist Knoflacher überzeugt wache ein Organ im Autofahrerkörper auf: „das Großhirn,“ polemisiert er.

Star der Veranstaltung ist aber weniger der Professor, als seine „Gehzeuge“. Das sind Holzrahmen, die den Abmessungen eines Autos entsprechen. Ein Fußgänger kann sich in die Mitte stellen und das Gehzeug tragen um zu demonstrieren wieviel Platz – Knoflacher spricht vom „öffentlichen Raum“, er oder sie als Autofahrer in Anspruch nehmen würde. Knoflacher will seinen Hörern ein Gefühl für Verhältnismäßigkeit vermitteln.

 

Absurd großer Körper

Denn, in dieser Sache bleibt Knoflacher hart: das Auto mache uns total verrückt. Das sagte er einst der „Zeit“ und er bleibt dabei. Der Autofahrer wie ihn der Verkehrsprofessor wahrnimmt hat einen „absurd großen Körper“ und ebenso absurde Vorstellungen von Raum und Zeit. Auch mit der Marktwirtschaft gehe das Autofahren nicht zusammen. Ein Parkpickerl müsste 200 Euro im Monat kosten, würde er nach der selben Logik wie Mietwohnungen vermarktet. Analog könnte man doch für zwei Wochen Urlaub die Wohnung untervermieten und versuchen derweil sein Zeug auf der Straße zu „parken“. Da käme wohl die Polizei. Ein Auto hingegen darf unbehelligt Platz im öffentlichen Raum einnehmen.

 

 

Außerdem muss die Geschwindigkeit aus dem System. Je langsamer der Mensch unterwegs ist, desto besser für die Wirtschaft (an langsam bewegendes Geld ist leichter rankommen), die Gesundheit (Abgasem Unfälle) und den öffentlichen Raum. Auch dieser Blogger tritt für Grillplätze und Guerilla-Gärten ein wo einst Parkplätze gewesen sind.

Statt alle Hindernisse abzubauen, müssen wieder Hindernisse her, sind sich auf der abgesperrten Operngasse alle einig. Den TU-Prof würde es freuen, bliebe die Operngasse abgesperrt. Dieser Blogger, selbst ein Operngassenbewohner teilt diese Vision. Ein Grillplatz und ein Rasenstück wo jetzt die 59A Haltestelle ist, Bänke auf der Wiese vor dem Hendlgrill, TU Studis, die einen Spritzer trinken, während die kleine Boutique ihre neue Kollektion vor der Türe präsentiert. Man stelle sich vor: keiner müsste mehr ins Einkaufszentrum fahren, asiatische Touristen nähmen voller Verwunderung die Stuabmasken ab und Wien würde ein bisschen wie ein Griechisches Dorf. Ein Klappsessel vor der Haustür, ein Glas Wein und ein Gespräch oder ein Spiel Backgammon… Gerade als Blogger wird man doch träumen dürfen.

 

 
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Axel Beer

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Mag. Axel Beer ist freier Bildungs- und Wissenschaftsjournalist. In seinem Diplomzeugnis steht, er sei „Sozialwissenschaftler“, das stimmt nur halb. Dem HTL-Rostensteingasse Absolventen und Abbrecher eines Molekularbiologie Studiums hat man beigebracht wie ein Techniker oder Naturwissenschaftler zu denken. Axel bloggt sei den frühen Nullerjahren und glaubt, dass ein Gemeinschaftsblog, in dem EnergieexpertInnen mit verschiedenen Zugängen aus der Szene und dem Leben erzählen, eine super Idee ist. Er kann stundenlang in den Garten starren und die Pflanzen für ihre effiziente Nutzung der Sonnenenergie bewundern. Er mag freie Software und fairen Kaffee. Er freut sich auf eine Zukunft in der man mit sauberem Gewissen sagen kann: „Scotty, Energie!“

One Comment

  1. Eine nette Initiative um für Aufmerksamkeit zu sorgen, wobei von der Wirksamkeit nicht viel zu erwarten sein wird. Trotzdem finde ich es eine schöne Geste.

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