Diese Unternehmerin steuert Wasserkraftwerke in aller Welt

Wir wurden einander vor etwas über einem Jahr von einem gemeinsamen Bekannten vorgestellt, da Janice bzw. HYDROGRID als „Hydropower Expert of Austria“ quasi das Pendant im Wasserkraft-Bereich zu Dachgold im Solarbereich darstellt.

Und tatsächlich gibt es in den Geschäftsmodellen – trotz unterschiedlicher Technologie – viele Anknüpfungspunkte zwischen uns. Heute sprechen wir aber nicht darüber, sondern darüber wie es zu HYDROGRID kam und wo die Reise hingehen soll.

Janice, hier im Blog ist es üblich zuerst mal etwas zu deinem Werdegang zu erzählen. Wie kamst Du zu HYDROGRID?

Ich habe ursprünglich technische Mathematik studiert und habe dann einige Jahre Erfahrung in der Energiebrachen gesammelt – war zuerst im Stromhandel und dann in der zentralen Kraftwerkssteuerung bei VERBUND, dem größten österreichischen Wasserkrafterzeuger.

Das spannende an der Kraftwerkseinsatzoptimierung ist ja, dass man mit einem Bein in der Physik steht – sich mit Wirkungsgradkurven und Niederschlagsprognosen beschäftigt – und mit dem anderen Bein im ‚Markt‘,  der immer mehr getrieben ist von Big Data, Machine Learning und Digitalisierung. Diese Kombination finde ich hochspannendend und reizvoll.

2016 stand ich dann vor der Entscheidung zwischen einem weiteren Karriere-Schritt in einem anderen großen Konzern (der mich aber von der „Physik“ weiter weggeführt hätte) und HYDROGRID. Ich habe mir zwei Wochen Bedenkzeit erbeten, reiflich rational nachgedacht und am Ende eine klare Bauchentscheidung getroffen – und diese bisher keinen Tag bereut. Die Gründung meines eigenen Unternehmens.

Da ich solche Fragen als Frau in der Technik auch immer bekomme: Wie bist du darauf gekommen Mathematik zu studieren?

Dass ich Mathematik studiert und damit den für mich definitiv richtigen Weg ‚gefunden‘ habe verdanke ich eigentlich einer Verkettung von glücklichen Zufällen:

Ich wollte eigentlich in die USA studieren gehen und habe nach der Schule erst mal die dafür nötigen Tests gemacht. Für das erste Studienjahr waren die Anmeldefristen aber schon verstrichen, ein Jahr ‚musste‘ ich also in jedem Fall in Wien bleiben. Also habe ich mir gedacht, ich studier einfach mal irgendetwas Spannendes – und stand eigentlich schon in der Schlange auf der Hauptuni, um mich für Politikwissenschaften einzuschreiben. Zu meinem großen Glück hatte meine Cousine, die mich an dem Tag begleitet hat, nicht die richtigen Papiere dabei, außerdem war die Schlange sehr lang – also haben wir die Aktion wieder abgebrochen.

Da ich schon immer ein großer Fan von effizienten Prozessen war (und wusste dass die Wartezeit auf der TU deutlich kürzer ist), bin ich dann auf die TU gegangen und habe mich relativ spontan für Mathematik inskribiert. (Dass mir das mein Mathematik Professor auch schon in der Schule nahegelegt hatte, mag unterbewusst eine Rolle gespielt haben).

Einmal inskribiert habe ich dann relativ schnell gemerkt, dass das der richtige Platz für mich ist – and the rest is history!

Ich bin meiner Cousine jedenfalls heute noch dankbar, dass sie mich praktisch auf den richtigen Weg „geschubst“ hat.

Was macht HYDROGRID genau?

Wir entwickeln Software zur optimalen Steuerung von Wasserkraftwerken. Etwas genauer: Durch unsere Algorithmen zur Prognose von Wasserzuflüssen & Preisen und unsere proprietäre, heuristische Optimierungsalgorithmen können wir die optimale, marktgetriebene Einsatzplanung von Wasserkraftwerken als vollautomatisierte Software-as-a-Service (SaaS) Lösung anbieten. Unsere Kunden – d.h. die Betreiber von Wasserkraftanlagen bis ca. 50 MW Erzeugungsleistung – können dadurch ihre täglichen Prozesse automatisieren, ihr Produktionsvolumen erhöhen und ihren Profit erheblich steigern.

Durch Schnittstellen in die Leittechnik-Systeme der Kraftwerke und zu den Strombörsen können wir dabei die gesamte Wertschöpfungskette abdecken, also den kompletten Prozess ‚from water to money‘.

Warum machen die Betreiber diese Optimierung nicht einfach selbst?

Weil der dafür nötige Ressourcen-Aufwand für kleine und mittlere Player mit den üblichen Methoden und Tools einfach nicht in Relation zur möglichen Erlössteigerung steht: Die großen Konzerne haben Teams von 20 bis 100 Mitarbeitern (!!!) und Software im siebenstelligen Bereich im Einsatz, um die Steuerung & Vermarktung ihrer Wasserkraftwerke optimal zu managen. Für Wasserkrafterzeuger mit einer Jahreserzeugung unter 1 TWh ist dieser Aufwand nicht zu rechtfertigen – sie arbeiten derzeit daher meist mit selbst entwickelten Lösungen und teilweise manuellen Prozessen.

Mit unserer INSIGHT Suite zur optimalen Kraftwerkssteuerung gibt es jetzt für dieses Segment erstmals ein kostengünstiges & vor allem ‚selbstlernendes‘ Werkzeug auf Machine Learning Basis, mit dem diese Player ihre täglichen Prozesse wesentlich vereinfachen und gleichzeitig ihre Erlöse steigern können.

Haben die eingesessenen Energieversorger „Angst“ vor eurem Produkt?

Natürlich sind inzwischen auch schon ein paar der ‚großen Player‘ auf uns aufmerksam geworden bzw. haben erkannt, dass es für unsere Dienstleistungen einen Bedarf gibt.

Ich glaube aber nicht, dass sie vor uns Angst haben müssen (lacht) – Wir nehmen den Incumbents ja keine Kunden weg, sondern füllen eine Lücke für die es bis jetzt noch kein entsprechendes Angebot gibt. Wir sehen unsere Dienstleistungen primär als Ergänzung und sind auch für Kooperationen offen, wenn es uns dadurch gelingt für unsere Kunden eine ‚Win-Win-Situation‘ zu schaffen.

Was ist die große Vision von HYDROGRID?

Wenn unser Ziel eine ‚low-carbon‘ oder ‚no-carbon‘ Energiezukunft ist, dann brauchen wir zusätzlich zu Wind & Photovoltaik – deren Erzeugung zwar CO2-neutral, aber eben nicht steuerbar ist – eine Möglichkeit große Mengen Energie für die sogenannten ‚Dunkelflauten‘  (d.h. Perioden mit wenig Sonne und Wind) zu speichern.

Batterien können hier einen Beitrag leisten, der speicherbaren Energiemenge sind hier aber einfach phsyikalische Grenzen gesetzt. Wasserkraftwerke – insbesondere Wasserspeicher – sind daher auch in Zukunft ein unverzichtbarer Teil der Lösung, wenn wir eine Reduktion der fossilen Brennstoffe in unserem Energiemix erreichen wollen. Keine andere Technologie ist so ökologisch und ermöglicht gleichzeitig auch die Speicherung großer Energiemengen, was die sinnvolle Nutzung der Energie aus den ‚neuen Erneuerbaren‘ ja überhaupt erst möglich macht.

Im Small Hydro Bereich liegt hier viel Speicherpotenzial brach, das auf Grund mangelnder Planungsressourcen nicht effektiv genutzt werden kann. Wir wollen das ändern und auch die kleinen Wasserspeicher als „grüne Batterie Europas“ nutzbar machen – Wenn wir dadurch einen (kleinen) Beitrag zu einer erfolgreichen Energiewende leisten können, bin ich zufrieden!

Wirklich hochspannend, was ihr in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt habt. Ihr seid definitiv auf meiner „Watchlist“ der „New Big Player der Energiezukunft Österreichs“! Das haben auch die Energieblogger bereits erkannt und dich bei der Podiumsdiskussion am Barcamp Renewables zum Thema Sektorenkopplung eingeladen. 

Wie kann euer Produkt bei der Sektorenkopplung, also dem sinnvollen Zusammenspiel der Sektoren Strom, Wärme, und Verkehr nützlich sein?

Die Sektoren Wärme und Verkehr basieren zwar derzeit noch weitgehend auf fossilen Brennstoffen, aber es setzt zunehmend ein Wandel ein  – die Zukunft ist also auch hier elektrisch, was bedeutet dass auf unsere elektrische Infrastrutur in den nächsten 10 bis 20 Jahren große Herausforderungen zukommen.

Wenn sich E-Mobilität und Stromheizungen flächendeckend durchsetzen, müssen ungleich höhere Mengen an Strom transportiert und bedarfsgerecht, d.h. ‚just-in-time‘ zur Verfügung gestellt werden, worauf die Stromnetze aktuell nicht ausgelegt sind. Um diese Herausforderungen zu meistern brauchen wir also neben Investitionen in die Netze in jedem Fall auch zusätzliche Stromspeicher, und zwar sowohl auf dezentraler Ebene (d.h. z.B. Batterien direkt im Einfamilienhaus zur Überbrückung kurzfristiger Schwankungen der eigenen PV-Anlage), als auch zusätzliche zentrale & saisonale Speichermöglichkeiten.

Dazu gibt es schon einige interessante technisch ‚neue‘ Konzepte (wie zB. Druckluftspeicher oder große Batteriespeicherfarmen) –  oft ist aber die einfachste Lösung die beste: So gibt es einiges Potential in Laufwasserkraftwerken, die mit relativ wenig Aufwand zu Speicherkraftwerken ‚hochgerüstet‘ werden könnten, es fehlt aber das nötige Know-How oder Kapital um diese Investition durchzuführen.

Wir machen hier in der Branche viel Aufklärungsarbeit und unterstützen Wasserkraftbesitzer auch mit ‚Investment Decision Support‘ dabei, ihre Assets (z.B. durch Speicherbau) fit für die Energiewelt der Zukunft zu machen. Die Betreiber haben so eine Investition mit einem tollen ROI und tragen ganz ‚nebenbei‘ mit Ihren neuen Speichern auch zur Stabilisierung der Netze bei – damit wird eine flächendeckende Elektrifizierung in allen Sektoren erst möglich!

Vielen Dank für das Interview, Janice!

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

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