Herbert Saurugg: Naht der Schwarze Schwan der Energiewirtschaft – Ein Black Out?

Experte für die Vorbereitung auf den Ausfall lebenswichtiger Infrastrukturen

  • Ich habe hier schon öfter über das Konzept des „Schwarzen Schwanes“ gesprochen, also einem Ereignis, das alles verändert und im Nachhinein sehr logisch nachvollziehbar ist, wie es dazu gekommen ist, aber im Vorhinein undenkbar war. Ich stelle mir eben auch schon lange die Frage, wie dieser schwarze Schwan bei uns aussehen wird, weil ich davon überzeugt bin, dass er kommen wird. Heute habe ich dann eine erste Idee davon bekommen, wie dieser aussehen könnte. Laut Aussagen des Sicherheitsexperten Herbert Saurugg, den ich heute kennenlernen durfte, ist der Schwarze Schwan nicht mehr so schwarz sondern hellgrau und wenn er Recht hat, wird er im Nachhinein einer von jenen sein, die es immer schon gewusst haben, wie auch beim Finanzcrash 2008 einige ebendiesen vorhergesehen haben.

Die Rede ist vom Damoklesschwert des „Blackout“. Ich habe das Buch noch immer nicht gelesen, weil ich kein Freund von Angstmache bin, aber da ich zu jenen gehören möchte, die an der Lösung und nicht am Problem gearbeitet haben, freue ich mich euch heute ein ganz besonderes Interview präsentieren zu dürfen. Nämlich mit dem Problem auch gleich die Lösung. Und diesen Satz habe ich geschrieben, noch bevor ich auf seiner Website war, bei der das Intro lautet:

„Das Problem zu erkennen ist wichtiger, als die Lösung zu erkennen, 
denn die genaue Darstellung des Problems führt zur Lösung.”
Albert Einstein

Ich sehe schon wir verstehen uns, das war auch bei dem Kennenlernen sehr klar. Aber nun lasse ich Herbert Saurugg zu Wort, welcher als „Experte für die Vorbereitung auf den Ausfall lebenswichtiger Infrastrukturen“ in verschiedenen Medien zu hören und zu lesen ist. Mich hat er übrigens über diesen Blog hier gefunden und ich bin sehr dankbar durch das Schreiben die Möglichkeit zu haben mit so vielen interessanten Menschen in Kontakt zu kommen.

Erzähle den Lesern bitte etwas zu deinem Lebensweg. Wie wird man Experte für die Vorbereitung auf Blackouts?

Durch Zufall. Ich bin vom Hintergrund her Berufsoffizier und war bis 2012 Jahre im Cyber-Sicherheitsbereich tätig. Durch ein berufsbegleitendes Studium bin ich dann auf die bereits damals beginnenden Probleme im Stromversorgungssystem aufmerksam geworden. Noch mehr überrascht hat mich dann, dass sich dafür niemand wirklich interessiert hat und dass wir keine Pläne hatten und haben, was wir machen, sollte es wirklich einmal zu einem großräumigen Ausfall kommen. Im Stromnetzbetrieb schon, aber sonst nirgends. Aus heutiger Sicht war das damals alles harmlos. Systeme sind durchaus belastbarer, als man gemeinhin annimmt. Aber wenn diese Grenze ausgereizt ist, dann geht es abrupt. Und gerade beim Stromversorgungssystem – unserer wichtigsten (Über-)Lebensader – würde das ziemlich rasch zur größten Katastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg führen. Denn es fällt ja nicht nur der Strom für ein paar Stunden aus, sondern so gut wie alles, was mit Strom funktioniert: Telekommunikation, Geld- und Finanzsystem, Verkehr und Logistik und damit zum Beispiel auch die Treibstoff- und Lebensmittelversorgung, Heizungen und zum Teil sogar die Wasserver- und Abwasserentsorgung von ganzen Regionen. Unser gewohntes Leben kommt vollkommen zum Stillstand. Und das nicht nur für die Zeit des Stromausfalls. Es wird auch nachher Wochen, Monate und möglicherweise sogar in Teilen Jahre dauern, um auf das heute gewohnte Niveau zurückzukehren. Das vor allem auch deshalb, weil wir überhaupt nicht damit rechnen und so gut wie keine Rückfallebenen haben.

Wir haben über den derzeitigen Zustand des Energiesystems gesprochen. Wie ist deine Einschätzung dazu?

Vieles, was ich 2011 auf systemtheoretischer oder komplexitätswissenschaftlicher Basis erarbeitet habe, hat sich in der Zwischenzeit in der Praxis bestätigt. Vor allem geht die Scherre zwischen den positiven und negativen Entwicklungen immer weiter auseinander. Auf der positiven Seite gibt es etwa heute technische Möglichkeiten, vor allem in der Wetter- und Erzeugungsprognose, die vor wenigen Jahren noch nicht möglich waren. Auch die Kooperation und Zusammenarbeit zwischen den europäischen Netzbetreibern wurde wesentlich verbessert. Auf der anderen Seite werden durch die volatile Einspeisung von Wind- und PV-Strom die Herausforderungen täglich größer, da das Stromversorgungssystem zu jedem Augenblick in Balance sein muss. Zudem drängen immer mehr neue Akteure in das System, um neue Businessmodelle zu realisieren. Die kommen aber häufig aus einer komplett anderen Denkwelt. Zum anderen hat die Marktliberalisierung dazu geführt, dass viele Akteure nur mehr ihren eigenen Bereich gewinnbringend zu optimieren versuchen. Die systemische Gesamtsicht geht damit zunehmend verloren, was für die langfristige Lebensfähigkeit eines Systems fatal ist. Die steigende Vernetzung, Stichwort Smart, sowie die Zunahme an Akteuren führen zu einem komplexen System, das sich anders als unser bisheriges großtechnisches System („Maschine“) verhält. Und das ist meine größte Sorge für die Zukunft. Die kaum wahrgenommene Komplexitätsüberlastung. Aber der Krug geht bekanntlich so lange zum Brunnen, bis er bricht …

Deiner Meinung nach steht der nächste große Blackout in den nächsten 3-5 Jahren bevor. Wie kommst du auf diese Annahme?

Der nächste ist gut. In Europa eigentlich das erste wirkliche Blackout. Dazu muss ich einmal Blackout definieren, wie ich es verstehe. Ich verstehe darunter einen plötzlichen, überregionalen, also weite Teile Europas umfassenden und länger andauernden Strom- und Infrastrukturausfall. Das letzte länderübergreifende Blackout in Europa ist 42 Jahre her und betraf damals Teile der Schweiz, Deutschlands und Österreichs. Ausgelöst durch einen Waldbrand. Das heißt, die Netzbetreiber machen einen hervorragenden Job und betreiben einen enormen Aufwand, um das zu verhindern. So sind etwa die Kosten für das Engpassmanagement in Österreich, also um ein Blackout zu verhindern, von 2011 mit rund zwei Millionen Euro auf mittlerweile 319 Millionen Euro im Jahr 2017 explodiert. In den ersten drei Monaten 2018 sind dafür bereits 56 Millionen Euro angefallen. Das ist das Grundproblem. Das System muss immer häufiger unter extremen Bedingungen betrieben werden. Nicht nur in Österreich, sondern überall in Europa. Wenn dann noch etwas Unerwartetes dazu kommt, dann bringt dieser Tropfen das Fass möglicherweise zum Überlaufen. Das kann ein Extremwetterereignis, ein gröberer Prognosefehler oder technisches Versagen, aber auch ein Cyber-Angriff sein, der dann einen Kaskadeneffekt auslöst und weite Teile Europas mitreißt. So wie derzeit die Planungen auf europäischer Ebene laufen, vor allem der deutsche Atomausstieg bis 2022, wo die Ersatzleitungen erst ab 2025 fertig gestellt werden sollen, oder die massiven Probleme in der Nuklearsicherheit in Frankreich, kann ich mir schwer vorstellen, dass sich das unbeschadet ausgehen kann. Oder wie ein Schweizer Kollege das einmal ausgedrückt hat: “Das Stromnetz folgt physikalischen Gesetzmäßigkeiten und ist unerbittlich: Wenn die Maßnahmen nicht wirken, schaltet es einfach ab!”

Das Risiko ist auf jeden Fall deutlich größer als null. Hinter vorgehaltener Hand spricht man in der Branche schon seit Jahren davon, dass es längst nicht mehr eine Frage des ob, sondern nur des wann ist. Aber das will man lieber nicht hören und ignoriert, dass es kein hundertprozentig sicheres System gibt. Womit wir wieder beim grauen Schwan sind.

Wie sollten sich Staaten auf dieses Ereignis vorbereiten, was fehlt?

Wer ist der Staat? Wir alle, oder? Und wie gut wären wir auf so etwas vorbereitet? Nach über fünf Jahren als Wanderprediger und Aufrüttler sowie durch eine Vielzahl an Workshops mit Stakeholdern aus allen Gesellschaftsbereichen kann ich nur trocken feststellen: Überhaupt nicht. Und das ist eigentlich das Gefährlichste. Nicht, dass es Ausfälle geben kann, sondern dass wir nicht damit rechnen und so gut wie keinerlei Rückfallebenen haben. Weder als Individuum, noch in Unternehmen, noch der Staat. Und gerade bei einem derartigen Ereignis kommt es auf jeden Einzelnen von uns an. Denn wie die Untersuchung „Ernährungsvorsorge in Österreich“ bereits 2015 aufgezeigt hat, erwartet rund ein Drittel oder rund drei Millionen Menschen, dass sie sich maximal vier Tage selbst versorgen können. Nach sieben Tagen betrifft das bereits ⅔ der Bevölkerung, oder rund sechs Millionen Menschen. Dafür gibt es keine sonstigen Vorsorgen. Und bis die Versorgung wieder anläuft, wird es zumindest eine Woche dauern, weil wir vor allem im Telekommunikationssystem massive technische Probleme erwarten müssen. Das heißt, dass auch jene Menschen, die die Systeme wieder hochfahren müssen, und deren Familien bereits hungern, wenn sie einen klaren Kopf haben sollten. Keine gute Ausgangssituation.

„Der Staat“ sollte daher vor allem das Thema Eigenvorsorge thematisieren. Nicht nur als Minderheitenprogramm, sondern als breite gesellschaftliche Diskussion. So wie das gerade in Schweden passiert, wo allen Haushalten eine entsprechende Information und Aufforderung zugestellt wurde. Vor 25 Jahren war es noch normal, dass man nicht täglich einkaufen geht und einen Vorrat hat. Wir haben das alles aufgegeben. Wir leben daher in einer sehr komfortablen Scheinsicherheit. Wir haben die höchste Versorgungssicherheit weltweit. Doch wenn es hier zu einem gröberen Problem kommen sollte, wovon ich ausgehe, dann würde unsere Gesellschaft ziemlich rasch an die Grenzen der Belastbarkeit kommen. Dieser gefährliche Kipppunkt könnte jedoch durch sehr einfache Maßnahmen, wie einer Eigenbevorratung für zumindest zwei Wochen, deutlich hinausgeschoben werden. Und wenn diese Basisvorsorge möglichst vieler Menschen nicht gegeben ist, werden auch viele anderen möglichen organisatorischen Maßnahmen nicht funktionieren. Die Eigenversorgungsfähigkeit ist die Grundvoraussetzung für alles andere. Das gilt sowohl für die Einsatz- und Hilfsorganisationen wie auch für die Wirtschaft.

Mir hat besonders deine Erklärung zur Lösung gefallen. Das Einzige was in der Welt jemals überlebt hat, sind Organismen die in Zellen organisiert sind. Kannst du nochmal umreißen, warum Zellstrukturen auch für die Energiewirtschaft so wichtig wären und wie die Analogie zum menschlichen Körper aussieht?

Das ist wieder der systemische Zugang. Wir sehen in der Natur nur mehr das, was sich bewährt und durchgesetzt hat. „Too-big-to-fail“ hat unter anderem zum Aussterben der Dinosaurier geführt. Dann gibt es noch viele „Stumme Zeugen“ von Fehlentwicklungen, die wir nicht kennen, weil das niemand aufgeschrieben hat. Alles Lebendige in der Natur ist heute zellulär organisiert. Denken wir nur an unseren Körper. Viele Teile sind redundant ausgeführt. Andere wiederum sind sehr robust bzw. regenerationsfähig: Das Herz oder die Leber. Die Energieerzeugung wird über die Zellen sichergestellt. Gleichzeitig gibt es aber auch zentralisierte Systemelemente oder Lebensadern, wie die Energiebereitstellung durch den Blutkreislauf oder das Nervensystem. Es geht daher immer um ein „sowohl-als-auch“. Und ich denke, dass sollte auch für unser zukünftiges Energieversorgungssystem gelten. Wir werden das zentralisierte großtechnische System noch länger benötigen, um vor allem Großverbraucher wie Städte oder Industrien auch weiterhin sicher versorgen zu können. Zum anderen erhöht ein großes Verbundsystem die Stabilität, was ja auch ein wesentlicher Treiber für den europäischen Verbund war. Zum anderen wird auch in einem zellulären System immer eine Gesamtsicht notwendig sein, die gemeinsame Leitlinien vorgibt. Aber nicht als zentrales Steuern, wie das heute oft mit Smart Grid Ansätzen gedacht wird, sondern als orchestrieren von selbstständigen Elementen. Gleichzeitig sind aber dezentrale Zellen als Antwort auf die dezentrale Energieerzeugung zwingend erforderlich, da das zentralisierte System für einfach berechenbare und steuerbare Großkraftwerke errichtet wurde. Millionen dezentraler Kraftwerke führen zu einem anderen Systemverhalten, nämlich dem eines komplexen Systems, das nur durch autonome und fehlerfreundliche Strukturen funktioniert. Vor allem, wenn ein gewisser Ausbaugrad erreicht wird, der durch das Großsystem nicht mehr kompensiert werden kann, wo wir unmittelbar davorstehen.

Der zelluläre Ansatz sieht zudem Rückfallebenen vor, um bei Störungen noch gewisse Grundfunktionen für eine gewisse Zeit aufrechterhalten zu können. Beispielsweise, wenn der Mensch bewusstlos wird und die zentrale Steuerung versagt, funktionieren die Zellen noch weiter. Die Störung bleibt für eine gewisse Zeit reversibel. Zum anderen lässt sich ein zelluläres System ohne negative Auswirkungen in das laufende zentralisierte System implementieren und damit bottom-up die Robustheit des Gesamtsystems erhöhen.

Und hier stoßen wir an massive Denkgrenzen, da wir dieses auf das bisher bewährte System ausrichten und optimiert haben und die rasanten Veränderung kaum wahrnehmen (wollen). Daher droht hier ein disruptiver Umbruch, den wir uns aber aufgrund der aufgezeigten Verwundbarkeit nicht leisten können und dürfen.

Jetzt ganz pragmatisch in Richtung was wir tun können. Wir starten in Liesing mit unseren Unternehmen, die bereits eine PV-Anlage haben, das Projekt „Energiezelle Liesing“. Aktuell ist es noch in der Startphase und es geht im ersten Schritt um die regionale Vermarktung des überschüssigen Stroms. Wie könnten wir hier auch den Zellgedanken im Sinne der Resilienz und Blackout Vorsorge mitdenken?

Ich denke, das Wichtigste ist, unsere bisherigen Denkgrenzen aufzubrechen, vor allem, dass es bei der Strom- bzw. Energieversorgung nicht nur um Geld, sondern um unsere Überlebensgrundlage geht. Da muss sich nicht alles sofort rechnen, wie wir das heute gerne hätten. Denn ohne Energie ist sofort alles nichts. Und Energie kann man nicht mit Geld ersetzen. Daher betrachte ich die aktuellen Entwicklungen bei der Dynamisierung des Strommarktes mit Sorge. Es geht häufig nur um den kurzfristigen monetären Gewinn und nicht um Systemsicherheit oder Systemdienlichkeit.

Daher wäre es wichtig, die Energiezelle nicht nur virtuell zu denken und zu gestalten, sondern auch als funktionelle Einheit. Das bedeutet, die Vermarktung ist ein Baustein. Es muss dabei aber auch um die Reduktion des Infrastrukturbedarfs, vor allem auf den übergeordneten Ebenen gehen. Sprich, die Energiebilanz muss möglichst ausgeglichen sein. Denn wenn die Sonne nicht scheint, wollen die Kunden trotzdem eine sichere Stromversorgung. Und diese Infrastruktur muss jemand bereithalten, auch wenn man sie nur sehr selten benötigt. Und das verursacht Kosten, die niemand mehr tragen will. Das kann nicht funktionieren.

Das bedeutet, dass man auch Energiebevorratungsmaßnahmen wie etwa Batteriespeicher benötigt. Das alleine wird jedoch nicht reichen. Hier gibt es aber gerade mit unserem energieintensivsten Bereich, der Wärme- und Kälteversorgung, ein großes und häufig ungenütztes Synergiepotenzial. Um eine erfolgreiche Energiezelle zu gestalten, muss man über bestehende Denk- und Systemgrenzen hinausdenken und planen. Dadurch wird aber auch eine enge Kooperation mit dem bestehenden System, sprich Verteilnetzbetreiber, erforderlich. Einerseits, da derzeit eine Energiezelle rechtlich nicht möglich ist und andererseits, da es ohne diese bestehenden Netzinfrastrukturen nicht gehen wird. Wenn mit den Energiezellenüberlegungen aufgezeigt werden kann, dass dadurch der Infrastrukturbedarf und damit auch Kosten reduziert werden können, wird es auch möglich werden, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Dass das funktioniert, zeigen etwa bereits praktische Beispiele in Kalifornien. Auch in Süddeutschland gibt es eine größere Testregion, wo man in diese Richtung geht. Das Projekt nennt sich „C/sells“.

Eng damit verbunden ist natürlich das Thema Energieeffizienz bzw. genaugenommen Energiebedarfssenkung. Es ist aus heutiger Sicht technisch unmöglich, unsere derzeit konsumierten Energiemengen zu bevorraten. Daher müssen wir jede Möglichkeit der Effizienzsteigerung nutzen. Aber nicht wie bisher mit einem Rebound-Effekt, sondern durch eine echte Bedarfssenkung. Und ich denke, da ist noch sehr viel Spielraum vorhanden, bevor wir zu einem Komfortverlust kommen. Aber auch hier sind wieder ein ganzheitlicher, systemischer Zugang und ein längerfristiger Zeithorizont erforderlich. Nicht, wie sich das in drei Monaten rechnet, sondern vielmehr wie wir sicherstellen können, dass wir auch in Zukunft noch ein gutes Leben führen können. Natürlich spielt dabei auch Wirtschaftlichkeit eine wichtige Rolle. Aber nicht die Einzige.

Wenn es dann auch noch gelingt, bei einer externen Störung eine definierte minimale Notversorgungsfähigkeit in der Zelle aufrechtzuerhalten, dann hat man schon fast die Königsdisziplin erreicht. Das wird kurzfristig nicht möglich sein bzw. lässt sich das derzeit nur auf der Einzelanschlussebene realisieren, indem eine inselbetriebsfähige PV-Anlage realisiert wird. Sprich, mit Netztrennung, Speichern und hybriden Wechselrichtern. Aber auch das kann für gewisse Bereiche bereits einen erheblichen Mehrwehrt an Robustheit schaffen, indem es etwa dadurch gelingt, im Störungsfall die Produktion sicher herunterzufahren und damit Schäden zu vermeiden.

Die bisherigen rechtlichen und regulatorischen Hürden sind nicht mutwillig, sondern waren eine Notwendigkeit im bisherigen Systemdesign. Nachdem sich die Dinge aber rasant ändern, werden wir auch hier nachziehen müssen. Das Mieterstrommodell war ja schon ein erster Schritt. Aber wie gesagt, es geht vor allem um die Physik, die wir beachten müssen.

Nun abschließend, was müsste in den nächsten 5 Jahren passieren, dass wir für den Ernstfall gewappnet sind, bzw. passiert dahingehend schon etwas?

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass wir in dieser kurzen Zeit unsere Infrastruktur auf die neuen Rahmenbedingungen anpassen werden können. Vor allem auch, weil dazu vielerorts das systemische Wissen und Denken fehlt bzw. ignoriert wird. Nichtsdestotrotz müssen wir damit beginnen und möglichst rasch vorantreiben.

Daher bleibt kurzfristig nur die Option, sich auf das beschriebene Ausfallszenario einzustellen und vorzubereiten. Für den Einzelnen bedeutet das relativ wenig Aufwand und ist leicht umsetzbar. Sicherstellung der Selbstversorgungsfähigkeit für zumindest zwei Wochen: Lebensmittel, Medikamente, Notausrüstung (Taschenlampen, Kerzen, Radio, etc.).

In Unternehmen ist da schon mehr notwendig. Hier muss vor allem eine Analyse erfolgen, welche Schäden unmittelbar drohen und wie diese reduziert werden können, wenn es zu einer abrupten Unterbrechung der Infrastrukturversorgung kommt. Meiner Erfahrung nach sind das häufig hauptsächlich organisatorische Maßnahmen, die vorbereitet werden müssen. Vor allem die Personalverfügbarkeit und Entscheidungsbefugnis, wenn niemand mehr erreichbar ist. Alle relevanten Akteure müssen wissen, was zu tun ist, wenn nichts mehr geht und wie die Systeme möglichst rasch und sicher heruntergefahren werden können. Beziehungsweise muss geklärt werden, welche Voraussetzungen notwendig sind, um nach einem solchen Ereignis möglichst rasch und geordnet wieder hochfahren zu können. Klingt trivial, ist es aber meistens nicht, weil wir das im Regelfall nicht brauchen bzw. uns der vielen externen Abhängigkeiten gar nicht bewusst sind.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Weiterführende Informationen und Leitfäden für die Vorbereitung sowie zum Energiezellenkonzept sind auf www.saurugg.net zu finden.

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. Seit 2012 ist sie Chefredakteurin des von der Ritter Gruppe initiierten Solarthermieblogs Ecoquent-Positions und Mitbegründerin des größten deutschsprachigen Energiebloggerzusammenschlusses www.energieblogger.net. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die größte Einkaufsgemeinschaft für Unternehmen www.tausendundeindach.at und hält laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien.

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