Günsberg: „Unsichere Rahmenbedingungen schaffen unsichere Märkte“

  • (c) Georg Günsberg

  • Der Faktencheck Energiewende ist eine Publikation des Klimafonds in Kooperation mit dem Verband Erneuerbare Energie Österreich, um mit all den Stammtischmythen rund um das Thema aufzuräumen. Wir sprechen heute mit einem der Mitautoren Georg Günsberg welcher auch gleichzeitig einer DER Energiepolitikexperten des Landes ist.  Ich freue mich auf spannende Einblicke in die Arbeit mit dem Faktencheck und allen Erfahrungen der letzten 4 Jahre, da es sich beim kürzlich veröffentlichten Faktencheck bereits um die 3. Auflage handelt.

 

Lieber Georg, es freut mich, dass wir zumindest auf diesem Weg wiedermal Zeit finden zu „plaudern“. Danke, dass du dir die Zeit nimmst, auch wenn es in Zeiten wie diesen bestimmt viel zu tun gibt. Daher starten wir gleich in die erste Fragerunde: Wie entscheidet ihr, welches Thema oder welcher Fakt gecheckt wird?

 

Vielen Dank an dich für die Einladung. Ich freue mich auf das „Gespräch“ weil von dir immer knifflige Fragen kommen. Deshalb leg auch ich gleich los: Ausgangspunkt der Themenwahl ist die Beobachtung der öffentlichen Debatte, also Medien, diverse Foren, Social Media, aber auch in welche Richtung sich Diskussionen bei Veranstaltungen entwickeln. Dies tun wir mit Blick insbesondere auf Österreich, aber auch international, beispielsweise auf die Arbeit von klimafakten.de und anderen Portalen. Zudem ist es uns wichtig, auf aktuelle Publikationen und Entwicklungen zu verweisen, etwa zuletzt den Durchbruch der Photovoltaik im globalen Strommarkt, den Trend zur Elektromobilität oder – aus dem Forschungsbereich – auf aktuelle Emissionstrends sowie neue Initiativen zur CO2-Besteuerung. Insofern geht es auch darum, Vertrauen in die Energiewende und die Bedeutung des Klimaschutzes zu schaffen.

 

Ich habe früher ja auch viel mit Energiezahlen und Statistiken gearbeitet und mich furchtbar geärgert, dass die Energiekennzahlen und eben der Anteil der Erneuerbaren immer mit 2-3 Jahren Verspätung veröffentlicht wird, was für Lenkungsmaßnahmen meiner Meinung nach denkbar schlecht ist. Auch im aktuellen Faktencheck sind die Werte von 2015. Tut sich in dem Bereich etwas oder hattet ihr auch so eure Mühe mit den Daten?

 

Naja, die Entscheidung, die wir häufig treffen müssen, ist, ob wir alles auf dasselbe Referenzjahr beziehen. Im Faktencheck 2017/2018 haben wir viele österreichische und internationale Marktdaten auf 2016 bezogen, aber um z.B. die Entwicklungen im World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur – für viele die jährliche Fachbibel der Energiewelt – zu vergleichen, war das letzte Bezugsjahr 2015. Auch die heimische Treibhausgasbilanz kommt immer etwas später. Im Regelfall stellt das kein großes Problem dar, jedoch sind jährliche Schwankungen zu berücksichtigen, etwa witterungsbedingt beim Heizbedarf, der natürlich auch die Treibhausgasbilanz beeinflusst. Uns geht es aber in erster Linie darum, große Entwicklungen zu beschreiben und damit aufzuzeigen, dass wenn Österreich in Sachen Klimaschutz, Erneuerbare und Energieeffizienz nicht ambitionierter wird, wir eine Riesenchance verpassen. Allein der Rückgang der Investitionszahlen in Europa ist ein Alarmzeichen, dass unsichere Rahmenbedingungen unsichere Märkte schaffen und uns andere Staaten und Regionen davongaloppieren, wenn wir nicht österreichweit mehr Gas geben.

 

Für mich überraschend war das Kapitel über Raumwärme und die Erdölimportländer. Mir war nicht bewusst, dass wir doppelt so viel Öl aus Kasachstan als aus Russland beziehen. Wie viel weiß man über die Verträge mit diesen Ländern und wie langfristig diese abgeschlossen werden?

 

Kasachstan ist in der Liste der österreichischen Erdölimportländer bereits seit einigen Jahren führend. Bei Erdgas ist Russland klare Nr. 1. Auf EU-Ebene ist übrigens Russland auch bei Erdölimporten mit über 31 Prozent das mit Abstand wichtigste Herkunftsland. Wobei es sonst schon Schwankungen gibt bei den österreichischen Importen. Dies ist insbesondere den teils instabilen politischen Verhältnissen geschuldet, man denke nur an wichtige Bezugsstaaten wie den Irak, Libyen oder den Iran. Es ist übrigens kein Zufall, dass diese Liste kein Hort entwickelter, funktionierender Demokratie ist, sondern viele Ölexportländer autokratisch regiert werden. Das ist durchaus eine Grundcharakteristik vieler erdölexportierender Staaten. Zum Preis: Da Erdöl ein global gehandeltes Gut ist, orientieren sich Lieferverträge am Weltmarktpreis der jeweiligen Ölsorten. Hier sind jedoch aus Konsumentensicht auch die stark schwankenden Preise in den vergangenen Jahren zu beachten. Nach dem Ölpreiskollaps 2014 haben sich die Preise im Vergleich zu vor zwei Jahren im Jänner 2018 wieder fast verdoppelt. Preisstabilität ist ein Argument, das sehr für Investitionen in erneuerbare Energien spricht, gerade im Wärmemarkt.

 

Mein absolutes Lieblingskapitel ist das 7. „Der Energiemarkt braucht zukunftsfähige Regeln“ in dem ihr erklärt, dass das Problem nicht die Förderungen sondern das derzeitige Marktsystem ist und auch Auktionen daran nichts ändern werden. Wie schafft ihr es, dass JEDER Politiker und JEDE Politikerin dieses Kapitel liest und auch entsprechende Handlungen daraus ableitet?

 

Danke. Das freut mich, denn auch ich finde, es ist diesmal ein Highlight, wiewohl ich fürchte, dass es diesbezüglich noch nicht gelungen ist, auf politischer Ebene ausreichend Bewusstsein dafür zu schaffen. Jeder Markt hat seine Geschichte, insbesondere in stark regulierten Märkten wie bei der Energieversorgung, wo viele der bestehenden Kraftwerke – etwa auf Basis fossiler Energie oder auch Wasserkraftwerke – lange vor der Marktliberalisierung errichtet und entsprechend finanziert wurden. D.h. wir hatten und haben völlig unterschiedliche Rahmenbedingungen von Kraftwerken, die zumindest teilweise in Konkurrenz zu einander stehen. Viele erneuerbare Energietechnologien – etwa Windkraft und insbesondere Photovoltaik – sind in der Erzeugung viel günstiger geworden, aber solange wir im europäischen Strommarkt so viele staatlich ermöglichte Überkapazitäten haben – insbesondere alte Kohlekraftwerke und AKW – ist das mit dem freien Markt nur ein Schlagwort. Würde man den klima- und umweltpolitisch notwendigen Ausstieg aus diesen Risikotechnologien beschleunigen, etwa ordnungspolitisch bzw. durch faire CO2-Preise, würde der erneuerbare Strom anders dastehen und das Jammern über Förderungen hätte ein Ende. Zugleich braucht es natürlich mehr Flexibilität im System und ein entsprechendes Marktdesign, das diese ermöglicht.

 

Wie ist generell die Resonanz auf den Faktencheck? Wisst ihr wie er angenommen wird in Politik und Wirtschaft? Wird er von den entscheidenden Personen wirklich gelesen? Wenn man sich so manche Diskussion anhört, wo noch immer die alten Mythen gewälzt werden, verzweifle ich manchmal ein wenig und hoffe, dass zumindest in höheren Ebenen dadurch mehr Wissen vorhanden ist.

 

Wir merken, dass zumindest einige der Argumente sickern. Generell sollte man den Einfluss von einzelnen Publikationen nicht überschätzen, aber in der Kontinuität liegt auch eine Stärke dieser Reihe. Im vergangenen Jahr ist der Faktencheck E-Mobilität sehr positiv aufgenommen worden, weil das Thema aktuell auf sehr hohes Interesse stößt. Generell ist mit dem Beschluss des Pariser Klimaabkommens der Konsens, dass die Erreichung der Klimaziele wichtig ist, gestiegen. Jedoch gibt es noch sehr unterschiedliche Sichtweisen was das österreichische bzw. europäische Ambitionslevel, Instrumente und Maßnahmen betrifft. Positiv ist, dass der Faktencheck in sehr unterschiedlichen Foren genutzt wird: Es gibt zahlreiche Beispiele auf lokaler und regionaler Ebene, wo der Klimaschutz einen zentralen Hebel findet und der Faktencheck aktiv genutzt wird, bis hin zu Diskussionen im Nationalrat und den entsprechenden Ausschüssen.  

 

Wie geht es derzeit weiter? Arbeitet ihr schon an der nächsten Ausgabe?

 

In wenigen Tagen werden wir ein kleines Update des Faktencheck E-Mobilität veröffentlichen, wo wir aktuelle Zahlen und Daten eingebaut haben. Man merkt, dass hier die Dynamik enorm ist: mehr zugelassene E-Fahrzeuge, sinkende Batteriekosten, neue heimische Treibhausbilanz mit großem Druck im Verkehrsbereich, aber auch eine Neuberechnung der Emissionswerte für unterschiedliche Antriebe durch das Umweltbundesamt.

 

Nun meine klassische Abschlussfrage? Was würdest du dir von einer guten Fee für die österreichische Energiewirtschaft und die angeblich kommende große Ökostromnovelle wünschen?

 

Von der Politik und Energiewirtschaft wünsche ich mir, dass sie erkennen, dass wir nur mit höherem Ambitionslevel bei der Treibhausgasreduktion sowie der absoluten Priorität bei Energieeffizienz und Erneuerbaren international mitspielen können. Daher ist es heuer neben der Entwicklung einer zukunftsfähigen Klima- und Energiestrategie besonders wichtig, die europäischen Ziele ins Auge zu fassen, wo Österreich in der zweiten Jahreshälfte die EU-Ratspräsidentschaft inne hat und maßgebliche klima- und energiepolitische Weichenstellungen anstehen. Zudem brauchen wir Instrumente, die Planbarkeit und Marktwirksamkeit gewährleisten, insbesondere den Abbau aller Subventionen für fossile Energie sowie angemessene, kontinuierlich steigende CO2-Preise. Da ich der Politik jedoch immer weniger zutraue, scheint mir vor allem wichtig, dass maßgebliche Akteure aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft – also wir alle – erkennen, dass wir mit dem Klimaschutz unsere Lebensgrundlagen erhalten, und auch in Zukunft wichtige Werte wie Freiheit und Sicherheit gewährleisten, und damit mehr Gerechtigkeit schaffen können. Der Faktencheck ist auch ein Beispiel dafür, dass wir den gegenaufklärerischen Tendenzen in aller Welt, sowie den Versuchen, die Klimaforschung zu diskreditieren, zumindest sachlich etwas entgegensetzen können.

Vielen Dank für dieses aussergewöhnlich geniale Interview. Auch das sollte eine Pflichtlektüre für unsere Regierung sein. Ich würd mal sagen: Weitermachen :-)

Hier geht’s zum Faktencheck Energiewende 2017/2018.

Faktencheck 2016/2017

Faktencheck 2015

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

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