Sugar is the new tobacco: Fettleibigkeit als globales gesellschaftliches Problem

  • Die Ziele 2 und 3 für nachhaltige Entwicklung der UNO (SDGs) sind „kein Hunger“ sowie „Gesundheit und Wohlergehen“. In der Vergangenheit war die Diskussion von Ernährungsproblemen fast immer gleichbedeutend mit dem Kampf gegen den Hunger. Mittlerweile hat sich Überernährung aber als fast gleichwertiges globales Problem neben die Unterernährung gesellt.

Denn falsche Ernährung und, damit verbunden, Übergewicht oder gar Fettleibigkeit werden immer stärker zum sozialen Problem. Außerdem führen sie zu stetig steigenden Aufwendungen in den staatlichen Gesundheitssystemen.

Die Nahrungsmittelindustrie bietet eine breite Palette von „ungesunden“ Produkten, also solchen mit beispielsweise hohem Fett-, Zucker- und Salzgehalt. Ihr kann daher, auch auf Basis teils irreführender Marketingmaßnahmen, eine Mitverantwortung an der Verbreitung der Fettleibigkeit zugeschrieben werden. Das Nachhaltigkeitsteam von Raiffeisen Capital Management hat sich die großen Player im Bereich Nahrungsmittel genauer angesehen und Fragen rund um die Themen gesunde Ernährung und Übergewicht gestellt.

Aufgrund des aktuellen Schönheitsideals und wegen der Konsequenzen für die individuelle Gesundheit wird Übergewicht heute sehr negativ bewertet. In den letzten Jahren ist die Anzahl übergewichtiger und fettleibiger Menschen sprunghaft angestiegen. Nachdem der Fokus der Weltgesundheits­organisation (WHO) jahrelang auf Unter- und Mangelernährung lag, schlägt das Pendel jetzt in die andere Richtung aus. 2014 waren gemäß WHO 1,9 Milliarden Menschen über­gewichtig, davon 600 Millionen fettleibig. Bereits 2006 lag nach Berechnungen der OECD der Anteil der Übergewichtigen an der Weltbevölkerung bei 16 %, jener der unter­ernährten Menschen bei lediglich 12 %. Im globalen Vergleich ist der Anteil der fett­leibigen Erwachsenen derzeit in den USA am höchsten, gefolgt von Mexiko und Neusee­land. In den Schwellen­ländern wie auch in den Industrie­ländern ist eine negative Korrelation von Adipositas zu Einkommen, Bildung und sozialem Status gegeben.

Sugar is the new tobacco…

Die Dynamik in Richtung höherer Verbreitung der Fettleibigkeit ist ausgeprägt. Dabei wird die Nahrungsmittelindustrie von vielen Seiten als eine Ursache des Problems gesehen. Unter anderem gerät Fast Food in den Mittelpunkt der Kritik. Dort kommen mit über­dimensio­nierten Portionsgrößen, der über­höhten Ess­geschwindigkeit und hohem Fett-, Salz- und Zuckergehalt gleich einige Grund­übel der falschen Ernährung zusammen. Weitere Vorwürfe an die Nahrungsmittel­industrie sind hohe Marketing- und Werbe­budgets für eigentlich ungesunde Produkte und die Verwendung von Geschmacksverstärkern, Farb- und Geruchsstoffen, um den Appetit der Kunden anzuregen. Wachsende Befürchtungen in Richtung „sugar is the new tobacco“ haben viele Unternehmen Akzente hinsichtlich „gesunder Ernährung“ setzen lassen. Die Risiken für Produzenten von als ungesund betrachteten Nahrungsmitteln gehen aber über mögliche Klagen durch Kon­sumenten hinaus. Es besteht auch ein regula­torisches Risiko, etwa für eine verstärkte Ein­führung von Junk-Food-Steuern oder für Steuern auf Nahrungsmittel mit hohem Fett- oder Zuckergehalt. Frankreich führte bereits 2012 eine Softdrinksteuer ein, die als Abgabe auf Getränke mit Zuckerzusatz oder Ersatz­stoffen definiert ist.

Nahrungsmittelindustrie reagiert auf drohende Steuern mit Maßnahmen

Die Nahrungsmittelindustrie reagiert auf diese Bedrohung unter anderem mit Änderungen in der Produktpalette. Bestehende Produkte werden auf „weniger ungesund“ getrimmt, Zucker- und Fettanteile reduziert. Außerdem stellen die Unternehmen Mehrjahrespläne mit Zielen zur Reduktion von kritisierten Ingre­dienzien auf. Einige Fast-Food-Ketten be­ginnen, Obst und Gemüse quasi als „Bei­lagen“ zu entdecken. Zudem werden neue, gesündere Produkte eingeführt und die Standards in der Produktauszeichnung ver­bessert. Ein Beispiel hierfür ist die GDA – Guideline Daily Amount oder Richtlinie für den täglichen Verzehr. Sie soll Konsumenten in ihrem Essverhalten in positiver Weise unter­stützen. Internationale Kampagnen für eine Reduktion der Überernährung und die Förderung ge­sunder Ernährung sollen den Druck auf die Unternehmen erhöhen. Zu ihnen zählen die HWCF (Healthy Weight Commitment Foundation) und GAIN (Global Alliance for Improved Nutrition).

Zunahme an Übergewichtigen bringt neue Herausforderungen

Der steigende Anteil an fettleibigen Menschen trübt die Aussichten der Nahrungsmittel­industrie. Zunächst führt die immer größere Anzahl an Überernährten bei vielen Herstellern zwar noch zu positiven Effekten über höhere Um­sätze und Gewinne. Aber Regierun­gen aus jenen Ländern mit besonders „zu­nehmender“ Bevölkerung sind angesichts der immer höhe­ren Gesund­heitskosten alarmiert. Die betroffenen Unternehmen verspüren den Druck, der Entwicklung über Änderungen auf Produkt­ebene und im Marketingbereich entgegen­zuwirken. Für viele Branchen bedeutet die rasante Zu­nahme an übergewichtigen Menschen auch strategische Veränderungen und neue Heraus­forderungen. Betroffen sind davon zunächst die Nahrungsmittel­industrie, Restaurants und der Einzelhandel. Etwas weiter gedacht, stehen auch die Her­steller von Pharmaprodukten und Sportaus­rüstung oder Versicherer neuen Heraus­forderungen gegenüber. Denn Über­gewicht und Adipositas führen oft zu nachge­lagerten Leiden wie Zuckerkrank­heit, Fett­stoffwechsel­störungen, Blut­hochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Daher bietet sich ein Dialog mit den Unter­nehmen der Branche an, um die Probleme aufzuzeigen und Lösungen einzufordern.

Unternehmensdialog: Maßnahmen im Kampf gegen Übergewicht

Im Zusammenhang mit dem Thema Über­gewicht und Fettleibigkeit wollte das Nachhaltigkeitsteam von Raiffeisen Capital Management im Rahmen eines Unternehmensdialogs von den größten Unternehmen in den Sektoren Nahrungsmittelindustrie, Restaurants und Einzel­handel u.a. wissen, mit welchen Maßnahmen sie versuchen, den Kampf gegen die Überernährung zu unter­stützen (spezielle Produkt- oder Speisen­kennzeichnung, Verzicht auf Großpackungen oder kleinere Portionen etc.)? Wie problematisch sie die Tendenz zu Steuern auf vermeintlich ungesunde Produkte, etwa auf Softdrinks mit hohem Zuckergehalt etc. sehen, und ob sie ungesunde Produkte oder Speisen strategisch aus ihrer Produktpalette oder ihrem Angebot gestrichen haben? Mehr als die Hälfte der kontaktierten, international agierenden Unternehmen haben Feedback auf die Fragen gegeben. Einige Unternehmen haben sich auch mehr oder weniger ehrgeizige Ziele gesetzt: Marks & Spencer will bis 2022 mindestens 50 % seiner globalen Lebensmittelumsätze mit gesünderen Produkten erzielen. Danone hat in seinen „Ernährungszielen 2020“ die Vorhaben für Verbesserungen in Richtung gesunde Lebensmittel festgelegt. Tesco verkauft nur mehr Softdrinks, die weniger als fünf Gramm Zucker je 100ml Getränk enthalten. Das Unternehmen hat außerdem die Preise für „gesunde“ Produkte und für frisches Obst und Gemüse gesenkt. Steuern auf Softdrinks sehen die befragten Unternehmen naturgemäß kritisch.

Raiffeisen Capital Management ist der­zeit in folgende Unternehmen im Bereich Nahrungsmittel, Restaurants und Einzelhandel investiert: Hain Celestial, Wessanen und SunOpta. Dabei handelt es sich in allen Fällen um auf Biolebensmittel spezialisierte Unter­nehmen.

SunOpta ist ein vor allem im Bereich der Beschaffung, Verarbeitung und Verpackung von Natur- und Biolebensmitteln spezialisiertes Unternehmen mit Sitz in der kanadischen Provinz Ontario. Das Unternehmen wurde 1973 gegründet und beschäftigt aktuell rund 1.800 Mitarbeiter. Das Management der Lieferkette und der damit verbundenen Nachhaltigkeitsrisiken ist für SunOpta von herausragender Bedeutung. Umwelt­risiken wird unter anderem durch das Angebot von Ausbildungsmaßnahmen im Bereich biologische Landwirtschaft begegnet. Im Bereich der sozialen Risiken hat SunOpta eine Richtlinie für Zulieferer zum Thema Arbeitsrechte umgesetzt. Das Unternehmen hat sich das Ziel einer 90 %igen Abfalltrennung bis zum Jahr 2020 gesetzt. SunOpta will effiziente Strukturen von der Nahrungsmittelproduktion bis zum Endprodukt schaffen. Dabei will das Unter­nehmen vor allem auf den Aufbau von „Private Labels“ setzen. Die stark wachsenden Teilmärkte für gesunde Ernährung, auf die SunOpta fo­kussiert ist, sind gesundes Obst (Frucht­zubereitungen), gesunde Snacks (Riegel, Frucht­snacks) und gesunde Getränke (Fruchtsäfte, Limonaden). Das SunOpta Innovation Center unterstützt das Unternehmen bei dieser Strategie und ist vor allem in der Entwicklung und Kommerzialisierung neuer Produkte tätig.

Fazit: Große Bäuche sind mit dem Schönheitsideal der westlichen Welt nicht wirklich vereinbar. „Rank und schlank“ ist die Devise statt „dick und fett“. Dabei sollte es grundsätzlich jedem selbst überlassen sein, wie viel er isst und was dieser übermäßige Nahrungsmittelkonsum an Spuren hinterlässt. Man muss sich schließlich vor allem selbst in den Spiegel schauen können … Die Kombination aus viel sitzen und sich wenig bewegen ist einer schlanken Linie leider prinzipiell nicht förderlich. Und die Strategie, jeden zweiten Tag zu fasten, ist zwar gut, wird von den meisten „Probanden“ aber nicht lange durchgehalten. Und für die unzähligen Diäten aller Art gilt das eben Gesagte. Spätestens die Vergemeinschaftung von Gesundheitsrisiken in Form staatlicher Gesundheitssysteme macht die rasante Zunahme an übergewichtigen Menschen jedoch zu einem Problem, das uns alle betrifft. Aber den Nahrungsmittel produzierenden oder verteilenden Unternehmen die Schuld an unseren Gewichtsproblemen zu geben, scheint doch etwas billig. Schließlich produzieren diese eigentlich nur das, was wir nachfragen, oder?

Link zum Artikel der Raiffeisen Kapitalanlage Gesellschaft m.b.H. (Raiffeisen Capital Management)

 
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Wolfgang Pinner

Wolfgang Pinner

Mag. Wolfgang Pinner, MBA hat in Wien und Nottingham studiert und sich seit dem Jahr 2001 auf das Thema Nachhaltiges Investment spezialisiert. Er hat zum genannten Thema bisher drei Bücher veröffentlicht und ist an verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen als Lektor tätig. Seit November 2013 ist er Leiter des Teams für Nachhaltiges Investment bei Raiffeisen Capital Management. Seine Verantwortungsbereiche gehen dabei sowohl in Richtung Nachhaltigkeitskonzepte für Fonds als auch in Richtung des täglichen Managements von Investmentfonds. Privat ist er einerseits sportlich als Triathlet unterwegs oder widmet sich seiner Kakteenzucht.

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