Was hältst du von den gelben Leihrädern überall?

Da ich persönlich aufgrund der vielen Erfahrungen schon meinen eigenen kleinen Fuhrpark habe, waren sie für mich jetzt aber noch nicht soo relevant und außerdem haben alle auch erst wirklich im Herbst begonnen, weshalb ich es noch nicht so genutzt habe. Ich bin jedenfalls gespannt wie viele der Räder den Winter überleben und wie gelb es bald am Abschlepplatz in Simmering aussieht. Ja, Fahrräder werden tatsächlich auch abgeschleppt und ich hab meine arme Gazelle ja auch einmal von dort holen dürfen und war damals aber einfach nur froh, dass sie nicht gestohlen wurde.

Aber ich komme grad vom Thema ab. Eigentlich wollte ich ja über die gelben Fahrräder schreiben, die im Gegensatz zu den schon bekannten City Bikes nicht über eigene Stationen verfügen, sondern nach dem Free-Floating System verliehen werden. Das heißt, dass sie überall abgestellt werden können und mit dem Handy geöffnet werden. Ich möchte heute mit einem Kollegen sprechen, der alle Fahrdienste schon getestet hat um auch ein etwas differenziertes Bild zu all den Negativmeldungen zu bringen. Gleich vorweg. Ich habe keinerlei Kontakte zu irgendeinem dieser Anbieter. Gerald Franz ist Senior Expert im Energy Center von Urban Innovation Vienna.

Gerald Franz ist Fahrradexperte und arbeitet derzeit beim Energy Center bei Urban Innovation.

CD: Gerald, erzähl uns bitte kurz etwas zu deinem Hintergrund und wieso du dich für das Thema Rad als Fortbewegungsmittel einsetzt und interessierst.

Gerald Franz: Ich bin seit vielen Jahren selbst passionierter Radler, fahre alle meine Alltagswege mit dem Rad und bin auch gerne auf Radreisen unterwegs; besitze mehrere Räder und versuche so viele Kilometer wie möglich „zu fressen“; das Fahrrad ist ein geniales Verkehrsmittel, v.a. in der Stadt, weil es schnell, günstig, platzsparend ist, die Fitness fördert und noch dazu dem Klima gut tut; wenn ich sonst zu keinem Sport komme, so sitze ich zumindest am Radl. Das Fahrrad schafft meiner Meinung nach auch ein unglaubliches Freiheitsgefühl – es macht glücklich; habe mehrere Jahre in NÖ als Projektleiter der Kampagne Radland NÖ gearbeitet; jetzt in meiner neuen Rolle bei Urban Innovation Vienna kümmere ich mich um Mobilitätsmanagement in Stadtentwicklungsgebieten – auch hier nimmt das Fahrrad und die entsprechende Infrastruktur eine wichtige Rolle ein.

CD: Wie ist deine Meinung zu den neuen Rädern, die laut Meinung vieler die Stadt „verschandeln“?

Gerald Franz: Grundsätzlich stehe ich Radverleihsystemen positiv gegenüber. Ein tolles Angebot in Städten, um die erste / letzte Meile zurückzulegen, wenn man sein eigenes Fahrrad nicht dabei hat. Der Trend geht immer mehr weg von stationsbasierten Bikes, hin zu free floating bikes, also solchen Rädern, die keine Verleihstation mehr brauchen, sondern die gesamte Technik im Fahrrad verbaut ist. Problematisch wird es dann, wenn die Räder von den KundInnen missbräuchlich abgestellt werden (z.B. auf der Fahrbahn) oder aber auch die Servicierung oder Umverteilung der Räder durch den Anbieter nicht ordentlich durchgeführt wird. Hier gibt es zahlreiche Qualitätsforderungen der Radlobby, damit eben der Betrieb zur Zufriedenheit aller funktionieren kann.

CD: Du hast mir erzählt, dass du alle Dienste getestet hast, was sind deine Erfahrungen dazu?

Gerald Franz: Bei den einzelnen Anbietern handelt es sich meist um größere asiatische Unternehmungen, die von Investoren mit Risikokapital ausgestattet werden. Ziel dieser zahlreichen Anbieter untereinander ist es, die Marktvorherrschaft im Bereich Bike Sharing zu gewinnen, sprich das neue Uber der Radszene zu werden. Die einen versuchen es über die Masse zu erreichen, so hätte ich persönlich den Eindruck gehabt, dass oBike mit eher „billigen“ weniger komfortablen Rädern und dafür unglaublichen Stückzahlen in die Städte geht, ofo Bike wiederum halbwegs brauchbare Räder, mit denen auch tatsächlich städtische Wege zurück gelegt werden können, anbietet, dafür aber gut überlegt – welche Bezirke sie damit bedienen und wer die Zielgruppe sein könnte. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Anbieter, die in Wien noch nicht gestartet haben.

CD: Was braucht es in der Stadt oder bei den Usern, damit sowas wirklich funktionieren kann?

Gerald Franz: Einzelne Städte in Europa versuchen händeringend Lösungsansätze für den geordneten Umgang mit free-floating Bike Sharing Anbietern zu finden. In Wien arbeitet man bereits an einem Regelwerk für Anbieter, damit zum einen ein gewisses Servicelevel gewährleistet wird und zum anderen auch NutzerInnen, die das Rad nicht gesetzeskonform abstellen, zur Verantwortung gezogen werden können, bzw. auch ihre Ausleihberechtigung verlieren.

Bei den Usern braucht es Wertschätzung für das Angebot und auch ein rechtschaffenes Verhalten. Es handelt sich um einen kriminellen Akt wenn Räder in Bäche oder über Böschungen oder wie letztens gar auf U-Bahnschienen geworfen werden.

CD: Gibt es Wünsche an die Betreiber oder die Stadt?

Gerald Franz: Mein Wunsch an die Betreiber wäre es, ein ordentliches Servicelevel und eine bedarfsorientierte Verteilung der Räder zu gewährleisten. Darüber hinaus ist es nicht irrelevant, was mit den Daten tatsächlich passiert. Die Datenschutzrichtlinien sollten von den Betreibern eingehalten werden.  Die Stadt braucht ein Gesamtkonzept wohin man mit dem Thema Bike Sharing hinwill sowie einen Verhaltenskodex für Radverleiher – daran wird bereits gearbeitet.

Ich persönlich bleibe trotzdem lieber beim privaten Rad – bin auch gespannt, ob die Betreiber in den nächsten Jahren mit dem Modell auch tatsächlichen Geld verdienen können, oder nicht von sich aus aus dem öffentlichen Raum wieder verschwinden.

Hier ist noch eine gute Übersicht über alle Anbieter von Free-Floating Systemen.

Aber nun interessiert mich vor allem. Was haltet ihr von den neuen Rädern? Wer hat Erfahrungen und möchte sie teilen?

 
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Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. Seit 2012 ist sie Chefredakteurin des von der Ritter Gruppe initiierten Solarthermieblogs Ecoquent-Positions und Mitbegründerin des größten deutschsprachigen Energiebloggerzusammenschlusses www.energieblogger.net. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die größte Einkaufsgemeinschaft für Unternehmen www.tausendundeindach.at und hält laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien.

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