Wird das Potenzial von Photovoltaik absichtlich kleinprognostiziert?

  • Photovoltaik Zubau Weltweit

    Quelle: Tausendundein Dach/Tony Gigov

  • Kürzlich bin ich auf Twitter auf einen wirklich interessanten Artikel gestoßen. Er hat auf den ersten Blick etwas konspiratives und auf den zweiten eine nicht von der Hand zu weisende Message. Die oberste Instanz der Energiewirtschaft die IEA (International Energy Agency) versagt seit 11 Jahren durchgehend bei den Prognosen der Photovoltaik. Aber nicht nur ein wenig, sondern auf gesamter Linie.

Also entweder ihr Prognosemodell ist völlig unbrauchbar oder die Angst vor der Technologie ist so groß, dass man ihr nicht auch noch mit positiven Prognosen Rückenwind verschaffen möchte. Aber alles der Reihe nach.

Zwei Journalisten, Nils-Viktor Sorge und Auke Hoekstra haben sich bei diesem Thema besonders hervorgetan und ich halte es für sehr wichtig, auch hier auf dieses Thema einzugehen, weil es auch das widerspiegelt was ich tagtäglich erlebe. Die Medien versagen völlig bei der Aufklärung darüber welche Revolution in den letzten 5 Jahren in der Welt im Gange ist. Die Photovoltaik ist zu einer der günstigsten Energieformen avanciert und in Europa versucht man sie eher zu behindern, anstatt die jetzt endlich möglichen Entwicklungen voranzutreiben. Wo es nur geht, wird sie schlecht geredet, nur um den unaufhaltsamen Aufstieg noch ein bisschen hinauszuzögern. Mit diesem Bild wird das noch klarer:

Quelle: Manager Magazin, Statista

100 solare „Atomkraftwerke“ werden jährlich zugebaut

Was Sie in der Grafik sehen ist tatsächlich mehr als interessant. Die Ersteller der Grafik und die meiste Arbeit damit hatte vermutlich der Holländer Auke Hoekstra. In einem Gastbeitrag im Blog von Maarten Steinbuch mit dem Titel: Photovoltaic growth – reality vs. projections of the IEA hat er akribisch alle Falschprognosen der IEA zusammengesammelt. Entdeckt habe ich es bei einem super Artikel von Nils Viktor Sorge mit dem treffenden Titel: „Solarenergie – 11 Jahre Ignoranz auf einen Blick„. Zu sehen sind die prognostizierten jährlichen Zubauraten in GWp. An dieser Stelle zu erwähnen ist vielleicht was ein GWp Zubau bedeutet. Ein konventionelles Atom- oder Kohlekraftwerk hat meist eine Leistung von einem GW. Und für 2017 liegt die Prognose für den Zubau bei unbeschreiblichen 80-100 GW!!! Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen. Weltweit werden derzeit pro Jahr an die 100 „Atromkraftwerke“ gebaut! Für alte Energiehasen ist das natürlich unvorstellbar. Dauert der Bau eines einzigen AKWs doch 10-20 Jahre (ja ich übertreibe jetzt ein bisschen und ja, die Volllaststunden sind andere, aber ich will nur, dass ihr versteht wie unglaublich das alles ist). Ich vermute mal, dass in der IEA viele dieser alten Energiehasen sitzen, die sich einfach nicht vorstellen können, dass dieses Wachstum so weitergehen kann, denn anders sind die Ergebnisse nicht zu erklären, geschweige denn zu verteidigen.

Lineare Modelle für eine exponentielle Technologie nicht geeignet?

Dazu ein kleiner Ausflug in meinen letzten Artikel über Tony Seba, der sowas wie Antithese zur IEA vertritt. Er prognostiziert eine Verdopplung der Zubauraten alle zwei Jahre, was dem entspricht, was in der Vergangenheit passiert ist. Offensichtlich lernt die IEA aber nicht dazu und geht tatsächlich jedes Jahr davon aus, dass jetzt ganz sicher der Zenith erreicht ist und ab jetzt nur mehr jedes Jahr genau so viel, oder besser gesagt, so wenig zugebaut wird. Selbst dieses Jahr prognostizieren sie nur 77 GWp Zubau jährlich und das durchgehend bis 2035, was ja wirklich absolut unmöglich ist, das sagt einem sogar der Hausverstand. Besagter Tony Seba sieht in 2030 übrigens einen Zubau von 3000 GWp (im Vergleich zu 77! laut IEA). Das sind Dimensionen und Auffassungsunterschiede, die unterschiedlicher nicht sein können. Und das lässt sich eben nur auf völlig unterschiedliche Modelle zurückführen – oder einem absichtlichen Schlechtreden einer gefährlichen Technologie für die alte Energiewirtschaft. Wem zu glauben ist bleibt jedem selbst überlassen. Tony Seba hatte in der Vergangenheit mit seinen Prognosen übrigens recht. Die IEA offensichtlich nicht.

Europa im Hintertreffen im globalen Rennen

Was hier auch nicht unerwähnt bleiben soll. Es könnte auch sein, dass sich die IEA an europäischen Entwicklungen orientiert. In Deutschland ist der Ausbau ja zwischenzeitlich eingebrochen und ist gerade wieder auf dem Erholungspfad. Volker Quaschning hat das in dieser Grafik sehr gut dargestellt. In den Zuwachsraten vor dem Einbruch sieht man auch sehr gut die exponentielle Entwicklung, von der auch Tony Seba spricht.

Ich bin jedenfalls unglaublich gespannt auf die nächsten Jahre und merke auch schon wie sich ein neuerlicher Solarboom abzeichnet.

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. Seit 2012 ist sie Chefredakteurin des von der Ritter Gruppe initiierten Solarthermieblogs Ecoquent-Positions und Mitbegründerin des größten deutschsprachigen Energiebloggerzusammenschlusses www.energieblogger.net. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die größte Einkaufsgemeinschaft für Unternehmen www.tausendundeindach.at und hält laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien.

9 Comments

  1. Man kann soviele PV- und Windkraftanlagen aufstellen wie man will. Die Physik wird man nie ändern können. Ohne Sonne und Wind keine Leistung und folglich keine Produktion. Für mich ist seit je absolut unverständlich, warum diese alles entscheidende Tatsache in Millionen von Köpfen einfach keinen Eingang finden will. In Phasen mit zuviel „Flatterstrom“ kann man diesen grosstechnisch für Zeiten mit „Dunkelflauten“ leider nicht speichern und muss ihn deshalb verhökern, im schlimmsten Falle verschenken oder Abnehmer bekommen überdies gar noch Geld für Strom, dessen Produktion Jahr für Jahr bereits für viele Milliarden subventioniert worden ist. Was für eine Idiotie ! Diese Situation dürfte die Haushalte im grossen Stil allmählich zur Selbsthilfe zwingen, indem sie zur Überbrückung von ständig zu erwartenden kurzen „Dunkelflauten“ für die Speicherung von einigen läppischen kWh teure Speicherlösungen kaufen müssen, welche sich aber noch für lange Zeit nur die wenigsten werden leisten können. Und dies erst noch bei potenziell steigenden Strompreisen. Dezentrale PV-Produktion ist technisch daher ein völlige Fehlentwicklung. Die Haushalte müssten sich dann eigentlich zumindest vom Netz total verabschieden. Die bidirektionalen Stromleitungen auf der untersten Spannungsebene machen das Verteilnetz sonst extrem komplex und dieses dürfte weitere Unsummen verschlingen. Die persönlichen Speicher sind volkswirtschaftlich gesehen ein totaler Unsinn und werden im täglichen Leben nicht wirklich helfen. Kommt noch verschärfend hinzu, dass die EVUs auf dem Weg über smart meter einmal den Stromverbrauch nach Belieben und ungefragt werden steuern können. Man wird die resultierenden extrem schlechten Erfahrungen halt erst einmal machen müssen, bevor in der Bevölkerung das grosse umdenken einsetzen wird.

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar. Es geht in dem Artikel aber nicht um eine Grundsatzdiskussion über Photovoltaik, sondern warum die Prognosen der höchsten Energieinstanz so unendlich weit weg von der Realität sind. Hätten Sie dazu vielleicht noch einen Input? Wäre gespannt.

    • Ich persönlich finde einige Ihrer Aussagen doch eher fragwürdig. Die Erfahrung mit hunderten anderen Produkten zeigt, dass Ihre Bemerkungen zu Speichern wie auch zu technischen Netzen so nicht stimmen müssen. Vor einigen Jahren hieß es doch auch noch, dass Nokia mit seinen tollen Mobiltelefonen auf lange Sicht unumstoßbar sei – und jetzt stellen hunderte Firmen Smartphones, also Mini-Computer, für absolut bezahlbare Preise her.

      Auch die Photovoltaik selbst ist in kürzester Zeit in ihren Preisen so stark gefallen, dass sie mittlerweile erschwinglich und wirtschaftlich ist.

      Warum sollte das mit Speichern, die sich technologisch rapide weiterentwickeln, anders sein? Das kommt doch einer Verachtung wirtschaftlicher Prozesse gleich aus meiner Sicht.

      Kommen wir zum Argument der Strompreise: Die Strompreise der Erneuerbargen Energien liegen mittlerweile Flächendeckend unter den Strompreisen der konventionellen Energien. Besonders spannend hier: Die Tendenz der EE-Energie zeigt weiter nach unten, während die Preise für konventionelle Energieträger steigen werden.

      Die extrem schlechten Erfahrungen, die Sie ansprechen, machen wir aber schon lange: Wir ignorieren Folgen für das Klima unseres Planeten, wir Subventionieren unkontrollierbare Technologien in Millardenhöhe (Atomenergie kommt und geht, der Müll bleibt für immer); da ist es doch die logische Folge, dass das große Umdenken bereits jetzt eingesetzt hat – nämlich hin zu Erneuerbaren Energien.

      In diesem Sinne: Frohes Umdenken am Nikolaustag! :)

    • „Für mich ist seit je absolut unverständlich, warum diese alles entscheidende Tatsache in Millionen von Köpfen einfach keinen Eingang finden will“
      Schwarmintelligenz? Vielleicht liegen Sie ja falsch, mal darüber nachgedacht?
      Im Kern Ihrer Aussage geht’s um die Speicherung von Strom. Strom lässt sich sehr gut in elektrolytisch erzeugten Wasserstoff speichern.
      Unseren Stromüberschuss verschenken wir aus einem Grund – für die EVUs ist es billiger die Kohlekraftwerke durchlaufen zulassen statt sie zu drosseln.
      Was Sie Idiotie nennen triff eher auf die gezahlten Subventionen für AKWs zu, ganz zu schweigen von dem was da noch auf uns zukommt. Stichwort -Ewigkeitslasten.
      Und noch eins – wenn Sie eine bessere Idee haben, nur raus damit.

  2. Sehr geehrte Frau Daniel,

    ich wurde kürzlich von meiner Heimatstatdt dazu eingeladen, über den Klimaschutz zu diskutieren. Schnell sind wir auf das Thema PV Anlagen gestoßen.
    Wir wollen eine Bürgerbewegung bzw. Bürgerberatung von Bürgern, die PV Anlagen bereits haben und Erfahrungen darüber gesammelt haben ermutigen PV- Interessenten zu unterstützen. Das ist für unser Klimaziel vielleicht ganz nett, aber nicht ausreichend, da in unserem Industriegebiet tausende von Quadratmetern nicht sinnvoll mit PV Anlagen bestückt sind.
    Haben sie ggf. fundierte Fakten, mit denen man unsere Unternehmen überzeugen könnte, PV Anlagen nachzurüsten?
    Ich bin bei Ihnen im Blog auf das Thema “ Ortsnetzspeicher“ gestoßen. Haben sie dort schon Erfahrungen und könnten sie uns ggf. einen Anstoß oder Infos darüber zukommen lassen?
    Falls sie es noch nicht wissen. Der Verein MetropolSolar hat Tony Sebas Buch “ Clean disruption“ ins deutsche übersetzen lassen. Es ist momentan nur auf deren Seite verfügbar.
    Das soll keine Schleichwerbung sein. Ich lese das Buch gerade mit Begeisterung und hoffe, daß sich mehr Menschen für PV Anlagen etc begeistern können.
    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch einen schönen Kikolaus Tag und weiterhin einen guten Wirkungsgrad.

    P.S. @ H. Müller
    Ich brauche keine Vergleiche, wenn ich mit der Büchse der Pandorra alias Kernkraft spiele. Das ist absolut indiskutabel. Die Politik und Wirtschaft müssen jetzt weiterhin einen ökonomischen Rückbau vorantreiben und alles tun für eine barrierefrei und saubere Revolution. Die Arbeitsplätze von Atomkraft und Kohle müssen suggsessiv umstrukturiert werden. Und zuletzt müssen wir den Anfang machen umzudenken und diesen Wahnsinn zu beenden. Ich könnte noch über den Irrsinn der EEG Umlage, Stromverschenken bei Windspitzenleistung etc. weiter sinnieren, aber es soll für heute mal genug sein.

    Ich schließe meine Augen und freue mich auf den Nikolaus….vielleicht hat er ja eine PV Anlage in seinem Sack für mich.

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