Mut zur Lücke? Mit Mut gegen die (Eiweiß-) Lücke!

  • 270 g – das ist die Menge an Fleisch, die durchschnittlich jede Österreicherin und jeder Österreicher täglich zu sich nimmt. Und obwohl die Ackerflächen schon seit Jahrzehnten immer weiter zurückgehen, steigt die österreichische Fleischproduktion. Rückgang der Ackerflächen für Futterproduktion und trotzdem Anstieg der Fleischproduktion? Vielleicht ein Denkfehler? Von wegen! Oder besser: mit Wegen.

Mit zurückgelegten Wegen von 10.000 km und mehr importiert Europa große Mengen an Eiweißfuttermitteln (allen voran Soja), um unsere Fleischproduktion in Europa weiter auszubauen. In Summe importiert die EU etwa 70 % des gesamten Eiweißmittelbedarfs – vor allem aus Brasilien, Argentinien und den USA. Als Futtermittel eingesetzte Sojaproteine importiert die EU gar zu 98 %! Österreich schneidet hier ein bisschen besser ab: Unser Sojaimport beträgt lediglich 15 % des gesamten Eiweißfuttermittelbedarfs. Dass wir Europäerinnen und Europäer das Fleisch oftmals gar nicht selbst verzehren, sondern nach Südostasien weiterexportieren, sei mal dahingestellt. Der Weg von Soja – später umgewandelt in Fleisch – führt also beinahe einmal um die Welt.

Doch zurück zur Bohne! Der Großteil der Sojabohnen kommt aus den USA, Brasilien und Argentinien. Während wir in Europa kostengünstig wie noch nie immer mehr Fleisch essen, stirbt die kleine Landwirtschaft in den Sojaproduktionsländern zunehmend aus. Kapitalstarke Unternehmen kaufen Regenwälder und Flächen von Bäuerinnen und Bauern auf und wandeln diese zu riesigen Sojamonokulturen um. Diese Menschen verlieren ihren Zugang zum Land, können keine eigenen Lebensmittel mehr herstellen und landen im Elend.

Derzeit werden weltweit etwa 80 % der Sojabohnen von gentechnisch veränderten Sojapflanzen gewonnen. Um noch mehr Soja noch günstiger zu produzieren. Neben die fatalen ökologischen Auswirkungen von konventionellen Sojabohnenmonokulturen wie Abholzung von Regenwäldern, Erosion der Böden und den nachhaltigen Bodenfruchtbarkeitsverlust gesellen sich die Auswirkungen der Gentechnik-Landwirtschaft hinzu. Falscher Herbizideinsatz führt zu Resistenzen und letztlich zu Artenverlust. Aber wieso betrifft uns das denn, immerhin ist Österreich doch „gentechnikfrei“? Stimmt fast: Österreich darf zwar keine gentechnisch veränderten Pflanzen anbauen, doch als Futtermittel importieren dürfen wir sie uneingeschränkt. Schätzungen besagen sogar, dass der Anteil gentechnisch veränderten Sojas an den Gesamtsojaimporten in Österreich ebenso bei etwa 80 % liegt!

Doch in Europa und nicht zuletzt in Österreich schlummert noch viel Potenzial, um die heimische Eiweißlücke schließen. So könnten die Eiweißerzeugung im Grünland forciert und vermehrt Eiweißkulturen (Erbsen, Bohnen und auch Soja) angebaut werden. NGOs, die den Pflanzenschutz auf Vorrangflächen weglobbyiert haben, verhielten sich hier allerdings kontraproduktiv: Es wird dadurch weniger Soja angebaut und die Flächen werden brach liegen – also ein doppelter Verlust. Auch die effizientere Fütterung von Milchkühen, Schweinen und Geflügel kann einen Beitrag zur Erhöhung des Eiweißfuttermittelselbstversorgungsgrads leisten. Und ganz nebenbei: Auch Insekten bieten ein großes Eiweißpotenzial in der Tierfütterung – da müsste man an der Zulassung arbeiten.

Soja – mit 56 % Proteingehalt DAS Futtermittel schlechthin? Der Proteingehalt von Insekten liegt zwischen 35 und 77 %! Auch die Verwertbarkeit der Insektenproteine spricht Bände: Können aus 100 Gramm Pflanzeneiweiß lediglich 15 Gramm Körpereiweiß gebildet werden, wandelt der Körper dieselbe Menge tierischen Eiweißes in 85 bis 90 Gramm Körpereiweiß um. Noch ist die Verfütterung von Insekten an Nutztiere in Österreich nicht erlaubt. Doch was nicht ist, kann ja bekanntlich noch werden. Und bis dahin können auch wir alle einen Beitrag leisten und uns überlegen: Können wir nicht schon viel verändern, wenn wir bereit sind, einen fairen Preis für Fleisch von Tieren, die mit heimischen, hochwertigen Futtermitteln gefüttert wurden, zu bezahlen?

 
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Hans Mayrhofer

Hans Mayrhofer

DI Hans Mayrhofer studierte Agrarökonomie an der BOKU Wien und startete seine Laufbahn als agrarpolitischer Referent im Niederösterreichischen Bauernbund. Anschließend managte er als Büroleiter das Rektorat an der Universität für Bodenkultur Wien und wechselte von dort im Sommer 2011 ins Büro von Landwirtschafts- und Umweltminister Niki Berlakovich. Seit Juli 2012 ist Mayrhofer im Ökosozialen Forum tätig, wo er unter anderem die Wintertagung, die größte agrarische Informations- und Diskussionsveranstaltung in Österreich, betreute. Seit 1. 1. 2014 ist Mayrhofer Generalsekretär des Ökosozialen Forums. An den Wochenenden kümmert er sich um seinen landwirtschaftlichen Betrieb im niederösterreichischen Lichtenegg. Seine Leidenschaft gilt darüber hinaus dem Reisen in ferne Länder..

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