Welchen Wert haben die globalen Nachhaltigkeitsziele für die europäische Wirtschaft?

  • Der Beschluss über die Sustainable Development Goals (SDGs) ist eine der größten Maßnahmen zur Erreichung globaler Nachhaltigkeitsziele. Eineinhalb Jahre sind seitdem vergangen. Zeit für eine erste Analyse dachte sich CSR Europe und schloss sich mit Frost & Sullivan und GlobeScan zusammen. Frost & Sullivan gingen der Frage nach welche innovativen Möglichkeiten für europäische Unternehmen durch die SDGs entstehen und versuchten diese Mega-Trends zu quantifizieren. GlobeScan erarbeitete mittels einer qualitativen Befragung von Vorständen führender europäischer Unternehmen deren Chancen und Herausforderungen im Zuge der Nachhaltigkeitsziele.

Welchen quantitativen Wert haben die globalen Nachhaltigkeitsziele für die europäische Wirtschaft? Die Antwort von Frost & Sullivan lautet 75 Billiarden Dollar! Klingt viel, ist es auch. Konkret bedeutet das, dass 75 Billiarden Dollar in den nächsten Jahren beispielsweise durch Investitionen in die Infrastruktur von nachhaltigen Städten, durch Investitionen in neue Märkte im Bereich „smart-energy“ oder MOOCs (Mass Open Online Courses) und durch die Reduktion von CO2-Emissionen entstehen werden. Eine beachtliche Summe, wenn man bedenkt, dass bei der Studie nur das Potential anhand von vier SDGs analysiert wurde, nämlich hochwertige Bildung, Geschlechtergleichstellung, bezahlbare und saubere Energie sowie nachhaltige Städte und Gemeinden. Das Fazit von Frost & Sullivan ist dabei ganz klar: Die Unternehmen, die am besten und schnellsten nachhaltige Themen fokussieren und ihre Geschäftsmodelle nach diesen Megatrends ausrichten können, werden zukünftig einen gigantischen Markt bedienen können.

Ein altbekanntes Argument vieler europäischer Unternehmen ist, dass Nachhaltigkeit nur in höheren Kosten, in Folge in einem geringeren Gewinn und zum Schluss in eingeschränkter Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Konkurrenten resultiert. GlobeScan ging dieser Argumentation nach und befragte 160 WirtschaftsexpertInnen und GeschäftsführerInnen aus verschiedensten Sektoren und europäischen Ländern Aufschluss über die Nachhaltigkeit in Bezug auf Wettbewerbsfähigkeit zu untersuchen. Über die Ergebnisse können sich sowohl Unternehmen als auch die Umwelt freuen. Ja, die beiden auf den ersten Blick vielleicht kontraintuitiven Ziele sind vereinbar. So glauben beispielsweise mehr als die Hälfte der Befragten (52%), dass die Einbindung der SDGs in ihre Geschäftsstrategie ihnen neue wirtschaftliche Chancen eröffnet. Einer der größten Herausforderungen bei der Erfüllung der Nachhaltigkeitsziele wird jedoch sein, dass das Ganze nur durch das Schließen von Partnerschaften, Einbindung der Stakeholder und politische Anreize erreicht werden kann.

Detailergebnisse der Studie von Frost & Sullivan                                      

Im Bereich der hochwertige Bildung (SDG 4) beispielsweise konnten Frost & Sullivan fünf Wachstumsmöglichkeiten in der digitalen Ausbildung identifizieren. Durch die Kommerzialisierung und Fokussierung von Unternehmen auf qualitative Online-Programme kann ein Markt von ungefähr 37 Milliarden Euro 2025 bedient werden. Alleine in Afrika könnten solche Technologien das Problem der stetig wachsenden Anzahl von Studenten und den damit verbundenen Kosten lösen. Auch Augmented und Virtual Reality (VR) wird in der digitalen Bildung eine immer wichtigere Rolle spielen. So beziffert die Studie den Markt 2025 auf 14 Milliarden Euro. Google beispielsweise bietet mit Google Expeditions heute schon VR-Expeditionen in den Amazonas oder in die Sahara an. Welcher Schüler würde bei Marktreife dieser Technologie eine virtuelle Expedition nach Südamerika nicht einem Schulbuch bevorzugen? Die Studie schließt daraus, dass Europa in einer exzellenten Position ist um die digitale Transformationen als „Thought Leader“ voranzutreiben und die Maßstäbe für eine hochwertige Bildung zu setzen.

Auch die Geschlechtergleichstellung (SDG 5) ist eine zu Beginn vielleicht unerwartete und noch unberührte Wachstumsmöglichkeit für Unternehmen. Frost & Sullivan schätzen, dass die weibliche Kaufkraft von 28 Billionen Euro in 2014 auf ungefähr 40 Billionen Euro in 2020 steigt – eine Steigerung um fast 43 Prozent. Diese Steigerung resultiert aus der Tatsache, dass im Jahr 2025 ungefähr 250 Million mehr weibliche Arbeiter am Arbeitsmarkt tätig sein werden. Wenn Unternehmen frühzeitig beginnen weibliche Konsumenten zu adressieren, können sie den sogenannten „gender-dividend“ zu ihrem Vorteil nutzen und signifikant höhere Renditen erzielen.

Eine effiziente Energiespeicherung und -verwendung ist heute schon einer der bedeutendsten Wirtschaftstreiber in Europa, die zur Erfüllung von SDG 7 – eine leistbare und saubere Energie – führt. Schon heute wird die Energiebranche von den drei Ds getrieben; Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung. Dekarbonisierung treibt das Wachstum in erneuerbare Energien und die effiziente Energienutzen an; Dezentralisierung treibt innovative neue Geschäftsmodelle wie zum Beispiel das virtuelle Kraftwerk (virtual power plant – VPP) an; und Digitalisierung hilft den Hausbesitzern mittels digitaler Energiekontrolle Geld zu sparen während der Energieverbrauch reduziert wird. Laut Frost & Sullivan resultieren diese Trends in einem 400 Milliarden Euro schweren Markt in 2020. Auch bei diesem SDG gibt es folglich enorme Möglichkeiten für innovative Unternehmen zu profitieren.

Im Zuge von immer größer werdenden Städten wird der Ruf nach intelligenten und nachhaltigen Städten und Gemeinden (SDG 11) immer größer. Frost & Sullivan schätzen, dass die globale Stadtbevölkerung im Jahre 2025 die 4,6 Milliarden Marke überschreiten wird. Dies würde dazu führen, dass 58% der Gesamtbevölkerung in urbanen Regionen leben werden. Vor allem Allmendegüter, also Güter die an Wert verlieren umso mehr Personen diese benützen, werden unter dieser Entwicklung leiden. Beispiele von solchen Gütern sind Krankenhäuser, die Mobilität (Straßenverkehr) und die Energieversorgung. Deshalb schätzen Frost & Sullivan, dass bis 2030 rund 77 Billionen Euro in die Weiterentwicklung der städtischen Infrastruktur investiert werden muss, davon ca. 21 Billionen Euro in Europa. Im Zuge dieser Investitionen könnten intelligente Lösungen eine mittel- und langfristig gesehene Kostenreduktion bewirken. Intelligente Wasserversorgungssysteme reduzierten bereits in Dubuque in Iowa 7% des Wasserverbrauchs, die Installation von GPRS und RFID in Santander in Spanien reduzierte deren Energiekosten um 25% und ein intelligentes Abfallmanagement reduzierte in derselben Stadt die Kosten um 20%. All das sind vorbildliche Beispiele wie durch nachhaltige, innovative Lösungen Kosten reduziert und damit Gewinn generiert werden kann. Diese Systeme und ähnliche Geschäftsmodelle warten nur darauf in weiteren Städten implementiert zu werden.

Detailergebnisse der Studie von GlobeScan

Doch wie denken die CEOs führender europäische Unternehmen über die SDGs? Geht die Implementierung der Nachhaltigkeitsziele in die Unternehmenskultur mit Wettbewerbsfähigkeit und einer Gewinnsteigerung einher? Diesen Fragen ging GlobeScan mit ihrer Studie nach. Das Ergebnis spricht für sich. 79% der Befragten sehen die globalen Ziele bereits in ihrer Unternehmenskultur verwirklicht und 52% sehen in den SDGs ein großes Potential neue Märkte zu erobern. Die Studie bestätigt jedoch auch, dass es noch ein langer Weg bis zur vollen Integration der SDGs in der Gesellschaft ist. So glaubt nur jeder zehnte CEO, dass das Thema der Nachhaltigkeit bereits vom mittleren Management verkörpert wird und fast die Hälfte der Unternehmen (47%) behaupten, dass das Top-Management sich nicht wirklich für die nachhaltigen Ziele interessieren und einsetzen. Doch wie können die Unternehmen diesem Desinteresse zukünftig entgegenwirken? Die Antwort lautet Kooperation, Partnerschaften und Regierungshandeln. Ein Großteil der Befragten sehen in diesen drei Attributen den zukünftigen Erfolg der SDGs.

Fazit

Zusammenfassend kommen die beiden Studien zu dem Ergebnis, dass das Potential die SDGs in die Geschäftsmodelle der Unternehmen einzubeziehen enorm ist. Die Umstellung auf nachhaltige Ziele ist nicht nur gut für die Umwelt und zukünftigen Generationen, sondern bringt auch wirtschaftlich gesehen einen großen Mehrwert. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Partnerschaften geschlossen, Kooperationen begonnen und politische Handlungen gesetzt werden. Frans Timmermans, Vizepräsident der Europäischen Kommission und verantwortlich für die nachhaltige Entwicklung Europas, appeliert dabei an alle europäischen Unternehmen mit den Worten:

„Let us lock arms and push because (…) delivering the vision of the SDGs will not be possible if organisations seek to go alone. Only together can we truly change the world.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Hier geht es zum Download der Studie

 

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