Nachhaltiges Finanzieren: Quo vadis?

  • Das Pariser Klimaabkommen und die Agenda 30 gehören zu den bedeutendsten Meilensteinen im noch jungen 21. Jahrhundert. Der erste Schritt Nachhaltigkeit als Eckpfeiler bei allen Investitionsentscheidungen zu verankern ist damit getan. Doch nun geht es an die noch viel diffizilere Umsetzung. Welche Anreize, Gesetze und Forderungen müssen geschaffen werden um den Nachhaltigkeitsgedanken in der Finanzbranche und dort im Speziellen im Bankensektor zu verinnerlichen? Die EU-Kommission gab einer Expertengruppe den Auftrag genau dieser Frage nachzugehen. Diese veröffentlichte in einem Zwischenreport ihre vorläufigen Erkenntnisse.

WO EXISTIEREN BEREITS ANSÄTZE?

Bevor näher auf die Ergebnisse der „High Level Expert Group“ (HLEG) eingegangen wird, stellt sich die Frage, ob und wenn ja welche Maßnahmen schon gesetzt wurden um die globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) umzusetzen. Die Europäische Union nahm sich beispielsweise die Ergebnisse aus der Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung (UNCSD) zum Thema „Green Economy“ im Jahr 2012 zum Anlass und entwarf die EU-Richtlinie für eine verbindliche Nachhaltigkeitsberichterstattung, kurz NFI-Richtlinie (2014/95/EU) genannt. Diese Richtlinie wurde in Österreich im Zuge des „Nachhaltigkeits- und Diversitätsverbesserungsgesetz“ (NaDiVeG) umgesetzt und trat mit 6. Dezember 2016 in Kraft. Sie verpflichtet große Unternehmen von öffentlichem Interesse mit mehr als 500 Mitarbeitern zur „Angabe nicht-finanzieller und die Diversität betreffender Informationen“. In vielen Finanzinstituten wird dies jedoch nicht als Anlass genommen ein langfristiges, nachhaltiges Denken in der Unternehmenskultur zu etablieren. Vielmehr beschweren sie sich über den damit verbundenen größeren Bürokratieaufwand.

WARUM ÜBERHAUPT EINE „HIGH LEVEL EXPERT GROUP“ FÜR NACHHALTIGES INVESTIEREN?

Damit die Finanzinstitute solche Maßnahmen zusehends als Chance zur Veränderung sehen, beschäftigt sich die HLEG seit Ende 2016 mit der Frage wie die globalen Nachhaltigkeitsziele konkret in der Finanzbranche umgesetzt werden können. „Ziel ist es die Kerngebiete der Nachhaltigkeit genauer zu identifizieren, eine langfristige Denkweise in der Finanzbranche zu etablieren sowie die ESG (Anm.: Economic Social Governance)-Faktoren im finanziellen Entscheidungsprozess zu integrieren,“ schreibt Christian Thimann, Vorsitzender der Expertengruppe, im Vorwort des Berichts. Die Finanzbranche spielt bei der Erreichung der Ziele eine führende Rolle, da sie es sind, die große Mengen an Kapital nachhaltig investieren könnten. Deshalb müssen Anreize für die Finanzbranche und im Speziellen für die Banken geschaffen werden, damit bei zukünftigen Investitionen der langfristige Nachhaltigkeitsaspekt dem kurzfristigen Gewinn bevorzugt wird. Wie genau die HLEG diese Anreize schaffen will, erklären die nachfolgenden Kapitel.

DER WANDEL VON EINER KURZFRISTIGEN HIN ZU EINER LANGFRISTIGEN DENKWEISE

Damit sich die Nachhaltigkeit im Herzen des Finanzsystems etablieren kann, muss eine Änderung in der Denkweise erfolgen. Das Credo heißt weg von der Kurzfristigkeit hin zur Langfristigkeit. Die meisten Investitionsentscheidungen in der Finanzbranche sind auf kurzfristigen Ertrag aus, da nur so Shareholder-Interessen zufriedengestellt werden können. Das Problem dabei ist, dass ein Großteil der sozialen und umwelttechnischen Herausforderungen eine längerfristige Investition darstellt und meist erst mittel- bis langfristig rentabel wäre. Zusätzlich birgt ein langer Investmenthorizont ein höheres Ausfallrisiko und das Kapital ist länger gebunden. Also was tun?

HLEG empfiehlt einerseits die momentanen Regulierungen und Marktpraktiken hinsichtlich Nachhaltigkeit und Langfristigkeit zu überarbeiten, andererseits eine klare kohärente Strategie zu verfolgen auf die sich die Unternehmen verlassen können. Letztere Empfehlung wird unter anderem durch die National Energy and Climate Plans (NECPs) umgesetzt. Diese wollen bis 2019 einen Plan erarbeiten wie Kapital für nachhaltige Energie- und Klimaprojekte mobilisiert werden kann. Ein anderes Beispiel wäre eine nachhaltigere Ausrichtung der europäischen Fonds. Momentan investiert der European Fund for Strategic Investments immer noch 17% in kohlenstoffreiche Projekte und sendet damit ein falsches Signal an den Markt.

EINHEITLICHE STANDARDS – DER SCHLÜSSEL ZUM ERFOLG

Um überhaupt nachhaltig investieren zu können, müssen standardisierte und allgemein akzeptierte Labels sowie einheitliche Verfahren erarbeitet werden. „Nachhaltigkeit“ wurde im Laufe der letzten Jahre immer mehr zum Modewort und immer öfters im falschen Kontext verwendet. Die Folge: Es gibt mehrere verschiedene Interpretationen und Verwendungen des Begriffs. „Greenwashing“ nennt sich dieses junge Phänomen (Paul:. nennt sich der Übeltäter). Das ISO-Institut versucht dieser Entwicklung entgegenzuwirken und entwarf bereits 2010 die Nachhaltigkeitslinie ISO-26000, die seit Anfang 2011 der tonangebende Leitfaden für verantwortliches Wirtschaften ist. Diese ist jedoch weder für Zertifizierungen noch für gesetzliche oder vertragliche Anwendungen vorgesehen. „Ein exzellentes Rahmenwerk“ nannte die EU-Kommission diese Norm. Doch auch hier stellt sich wieder die Frage wie konkrete Anreize für Finanzinstitute aussehen könnten.

HLEG stellt in ihrem Report mehrere Standards für nachhaltige Produkte sowie für die Sicherstellung, dass die ESG-Faktoren berücksichtigt werden, vor. Zusätzlich sollen einheitliche Labels zu den jeweiligen Standards Klarheit verschaffen. Eine genaue Auflistung können sie der Abbildung entnehmen.


Eine Vorreiterrolle nehmen die Green Bonds ein deren Mittel nur für die Finanzierung von umweltfreundlichen Investitionen verwendet werden darf. Dreizehn Banken beschlossen 2014 einheitliche Standards, die sogenannten „Green Bond Principles“. Um einen einheitlichen Nachhaltigkeitsbegriff über alle Finanzprodukte hinweg etablieren zu können, müssen diese von der obersten EU-Ebene in Zusammenarbeit mit der Finanzbranche erarbeitet und auf nationaler Ebene gleichermaßen umgesetzt werden. Nur wenn jeder Investor und Unternehmer dieselben Begrifflichkeiten verwendet, kann eine höhere Akzeptanz und Vertraulichkeit in nachhaltige Produkte sichergestellt werden.

DIE BANKEN – DIE SCHLÜSSELFIGUREN FÜR EINE NACHHALTIGE ZUKUNFT

Die Banken sind durch das große Kapital, das sie verwalten und für nachhaltige Zwecke umschichten könnten, einer der Schlüsselfiguren für eine erfolgreiche Implementierung. Wie können Banken konkret motiviert werden Nachhaltigkeit auf die Agenda aufzunehmen und zu verinnerlichen? HLEG schlägt hierbei mehrere Maßnahmen vor, unter anderem die Einführung sogenannter „green-supportive“ Faktoren sowie die Durchführung von beispielsweise „Nachhaltigkeits-Stresstests“.

Einführung von „green-supportive“ Faktoren: HLEG hat zwei Gründe identifiziert, die die Banken momentan von der Investition in langfristige, nachhaltige Projekte abhält. Sowohl die lange Laufzeit von nachhaltigen Krediten und das damit verbundene höhere Kreditausfallrisiko als auch die höheren Eigenkapitalmittel, die die Banken bei Vergabe eines langfristigen Kredites halten müssen, hindern Banken daran in solche Projekte zu investieren. Sogenannte „green-suportive“ Faktoren sollten dem entgegenwirken. Die Grundidee ist einfach: Wenn eine Bank in ein nachhaltiges, langfristiges Projekt investiert, muss sie weniger Eigenkapital als bei konventionellen Krediten halten. Die Auswirkungen einer solchen Unterstützung und eventuelle negative Auswirkungen wird die Expertengruppe noch genauer analysieren und im Schlussreport Ende 2017 darlegen.

Durchführung von „Nachhaltigkeits-Stresstests“ Viele europäische Behörden untersuchen gerade die Auswirkungen von nachhaltigen Faktoren im aufsichtsrechtlichen Überprüfungsprozess (Säule II) und können bereits auf zahlreiche Tools zurückgreifen. So könnten zum Beispiel zusätzliche Kapitalanforderungen verhängt werden, wenn das Risikomanagement und/oder Governance die Anforderungen nicht einhält. Darüber hinaus könnten auch sogenannte „Nachhaltigkeits-Stresstests“ durchgeführt werden, die die Banken auf ihre Nachhaltigkeit überprüft. Bei Nicht-Einhaltung drohen den Instituten empfindliche Geldstrafen.

EINE ERSTE EMPFEHLUNG

Die HLEG arbeitete mehrere Empfehlungen aus, auf die im Schlussreport noch vertieft eingegangen wird

    1. Eine allgemein gültige EU-Klassifizierung von Aktien und Produkten, die alle Aspekte von Nachhaltigkeit (z.B. ESG-Faktoren) beinhaltet.
    2. Die Einführung eines offiziellen europäischen Green-Bonds-Standards für nachhaltige Anleihen
    3. Die Etablierung von nachhaltigen Prinzipien für treuhänderische Pflichten und verwandte Konzepte über Loyalität und Sorgfalt.
    4. Weitere Offenlegungsmaßnahmen, die Finanzinstitute dazu bringen Nachhaltigkeitsthemen zu verinnerlichen. Zur Erreichung dieses Ziels können auch Börsenregeln und Benchmarks verändert werden.
    5. Durchführung von „Nachhaltigkeits-Tests“ bei allen zukünftigen EU Finanzregulierungen und –richtlinien.
    6. Die Schaffung einer europäischen Infrastrukturgemeinschaft, in der private Investoren und öffentliche Institutionen gemeinsam das Ziel einer nachhaltigen Infrastruktur verfolgen.
    7. Die europäischen Aufsichtsbehörden hinsichtlich Nachhaltigkeit weiter- und Experten ausbilden.
    8. Die Publizierung einer überarbeiteten, leichter verständlichen Anleitung für Rechnungslegungsstandards bei Investitionen in die Energieeffizienz

RESÜMÉ – MIT SPANNUNG KANN DER SCHLUSSREPORT ERWARTET WERDEN

Zusammenfassend ist dieser Prozess, den die HLEG anstößt, äußerst wichtig und essentiell. Denn Gesetze und Ziele sind immer nur so gut wie dessen Exekution. Nur wenn die Finanzbranche mit all ihrer Stärke und Größe die globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) verinnerlicht, können die Agenda 2030 und die Klimaziele erreicht werden. Damit diese Transition jedoch Erfolg hat, darf die Berücksichtigung von nachhaltigen Aspekten bei Banken nicht gleichbedeutend mit einem höheren Bürokratieaufwand sein. Denn wenn die Bankenvorstände – wie es momentan leider oft der Fall ist – auch zukünftig Nachhaltigkeit immer nur mit höheren Kosten assoziieren, niemals aber auch die Möglichkeiten und Ertragschancen sehen werden, wird dieser Prozess scheitern. Die Expertengruppe HLEG bietet im Zwischenreport gute, interessante und richtige Ansätze um diesen Balanceakt zu meistern, muss jedoch aufpassen auf dem Weg nicht das Ziel außer Augen zu verlieren. Denn was die Finanzbranche definitiv nicht benötigt, ist eine neue Regulationsflut. Mit viel Spannung kann der Schlussreport von der Expertengruppe erwartet werden, der Ende 2017 erscheint, da dieser Aufschluss geben wird wie die Europäische Union zukünftig Nachhaltigkeit in der Finanzbranche etablieren will.

Den Zwischenbericht können Sie hier nachlesen: High-Level-Expert-Group on Sustainable Finance

 
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