Knackpunkte der Elektrifizierung des Wärmemarktes

  • Mein Kollege Peter Liptay hat Mitte Juni eine interessante Veranstaltung zum Thema Energieversorgungssicherheit organisiert. Zahlreiche exzellente Vorträge wurden dargeboten (wer nachlesen will, hier sind alle Präsentationen ersichtlich).
    Den Vortrag von Dr. Georg Benke, e7 Energie Markt Analyse, darf ich herausgreifen, weil ich oft das Gefühl habe, dass auch in diesem Blog, eine große Tendenz zur Verstromung vorhanden ist.

Benke beschäftigte sich mit den Tücken der Elektrifizierung des Wärmemarktes und hat einige interessante Zahlen und Zusammenhänge präsentiert.

Wenn wir in Österreich über die Energiewende diskutieren, dann ist dies im Regelfall eine Wende in Richtung Ökostrom. Aber auch am Wärmemarkt vollzieht sich ein Trend in Richtung „smarter“ Energielösungen. Smart ist dahingehend lustig, weil es sein könnte, dass wir in Zukunft (bzw. bereits jetzt) museumsreife (smarte) Technologien wieder verstärkt einsetzen könnten – dazu gehören beispielsweise Nachtspeicherheizungen und Strom-Direktheizungen oder postmodern Infrarotheizungen genannt. Derzeit boomen aber vor allem Luftwärmepumpen.

Ein paar Fakten für die Allgemeinheit: Im Winter benötigt Österreich um 2.000 MW (bzw. 20%) mehr Leistung als im Sommer. Betrachtet man den Tagesverlauf, so liegt die Nachfragespitze zwischen 17h und 19h. Auf diese Nachfrage muss das Stromnetz (bzw. Speicherung) und die Kapazitäten ausgelegt werden.  Die Luftwärmepumpe hat ein ähnliches Verhalten, desto kälter die Umgebungsluft umso höher der Energieverbrauch. Zum Beispiel: Verdreifacht sich die benötigte Heizleistung (bei fallender Außentemperatur), so verzehnfacht sich die benötigte Strommenge der Wärmepumpe. Das Verhalten bei Temperaturen unter –6° C ist praktisch ein Tabuthema. Eines ist aber klar, dass Luftwärmepumpen die Stromnetze gerade zu einer Zeit belasten, wo die größte Nachfrage herrscht. Jeder weitere Ausbau führt dadurch zu höheren Reservekapazitäten im System.

Benke untersuchte, welcher Leistungsbedarf besteht, wenn rund 25% der Raumwärme in Österreich durch Luftwärmepumpen erzeugt werden. Dabei zeigte sich, dass dieses Szenario die Spitzenlast um 3.500 MW (!) steigert. Das entspricht einer Erhöhung von rund 35%. Die entsprechende elektrische Anschlussleistung der Wärmepumpen würde der 2,5-fachen Spitzenleistung sämtlicher Donaukraftwerke entsprechen. Diese (über das Jahr gesehen) kurzfristigen Leistungsspitzen müssen aber abgedeckt und finanziert werden.

Auch die Kombination von Photovoltaik und Wärmepumpe, die ja praktisch bei jedem Verkaufsgespräch angesprochen wird, ist laut Benke stark überschätzt. In Zeiten hoher Stromnachfrage, sprich im Winter, am Vormittag und am Abend, steht nur sehr wenig oder kein PV-Strom zur Verfügung. Für eine 5 kW Luftwärmepumpe müsste die erforderliche PV-Anlage ungefähr 350 m² groß sein (plus Batteriespeicher) …

 
Über den Autor

Antonio Fuljetic-Kristan

Antonio Fuljetic-Kristan

DI Antonio Fuljetic-Kristan ist seit 2010 Pressesprecher des Österreichischen Biomasse-Verbandes und Chefredakteur der Zeitschrift ökoenergie. Er studierte Forstwissenschaften an der Universität für Bodenkultur Wien und hat sich im Rahmen postgradualer Lehrgänge ein Fachwissen in Öffentlichkeitsarbeit und Exportmanagement angeeignet. Mit seiner Gattin und dem fünfjährigen Sohn bestreitet er den Alltag und wandert am liebsten mit seinem Hund in seiner Heimat – dem Wienerwald.

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