Elektromobilität braucht Infrastruktur und Anreizmodelle

  • Der konventionelle Verbrennungsmotor für Automobile steht – nicht zuletzt aufgrund des Klimaabkommens von Paris – stark unter Druck. Unter den derzeit verfügbaren „sauberen“ Alternativtechnologien hat der Elektroantrieb die Nase (weit) vorn. Doch die Umweltbilanz eines E-Autos hängt natürlich auch stark von der Stromquelle ab, mit der der Energiespeicher – also die Batterie – gespeist wird.

Die Verbreitung der Elektromobilität ist länderspezifisch noch sehr unterschiedlich ausgeprägt. Wesentliche Voraussetzungen für einen Markterfolg sind eine geeignete Infrastruktur und Anreizmodelle, wie beispielsweise Steuervorteile, die Verwendung von Busspuren, kostenloses Parken oder das Nutzen öffentlicher Ladestationen.

In Europa zählt Norwegen zu den Vorreitern der neuen Technologie, mit bereits über 100.000 verkauften E-Autos. In den USA hat sich der Bundesstaat Kalifornien sehr früh dem Thema Elektromobilität verschrieben. Die diesbezüglichen Strategien der Automobilbranche sind unterschiedlich. Der Grad der Elektrifizierung kann dabei variieren, wie zwischen reinen Elektrofahrzeugen und Hybridlösungen. Das Nachhaltigkeitsteam von Raiffeisen Capital Management hat sich die großen Player weltweit angesehen und Fragen rund um das Thema E-Autos und damit verbundene Zukunftsstrategien gestellt.

Nachhaltigkeit von E-Fahrzeugen hängt auch stark von der Nutzungsintensität ab

Der Markt für Elektrofahrzeuge wuchs 2016 global um annähernd 60 % auf fast 500.000 Stück. Am europäischen Markt wurden 102.000 E-Autos verkauft, in den USA rund 80.000, in China mehr als 250.000. Bei einem Vergleich von Benzin-, Diesel- und Elektro-Pkws schneiden Batterie-Elektrofahrzeuge bei allen umweltrelevanten Parametern besser ab, auch im Vergleich mit Hybrid-Lösungen. Der größte Vorteil der E-Autos ist zweifellos der Wegfall von Abgas-Emissionen auf lokaler Basis. Für eine erweiterte ökologische Beurteilung sind aber zunächst auch die bei der Energieerzeugung anfallenden Emissionen zu berücksichtigen. Anders gesagt, ist die Herkunft des Stroms, mit dem die Batterien geladen werden, ein entscheidender Faktor in Richtung Umweltbilanz. Nachdem auch in der Produktion von Elektroautos CO2 anfällt, ist für eine tatsächliche CO2-Einsparung durch Elektromobilität eine ausreichende Nutzungsintensität notwendig, die je nach Strom-Mix bei 30.000 gefahrenen Kilometern beginnt und bei durchschnittlichem Strom-Mix bei 100.000 km liegt. Auf Basis einer vollständigen Produktlebenszyklusanalyse und bei Zugrundelegung des durchschnittlichen europäischen Strom-Mix, liegt die CO2-Einsparung durch Elektromobilität laut „International Journal of Life Cycle Assessment“ im Schnitt bei knapp 40 %. Das österreichische Umweltbundesamt errechnet für Treibhausgasemissionen sogar Einsparungen um den Faktor 4 bis 10, je nach zugrundeliegender Stromproduktion.

Elektrofahrzeuge haben im Vergleich zu herkömmlichen Verbrennerfahrzeugen auch noch andere Vorteile: ein höheres Drehmoment aus dem Stand, geringere Lärmbelastung und Vibrationen, die Möglichkeit der Energierückgewinnung aus dem Bremsvorgang und eine höhere Lebensdauer. Zusätzlich sind die Wartungskosten von E-Autos geringer, weil der Antrieb im Vergleich zu herkömmlichen Technologien verschleißärmer ist. Im Sinne einer intelligenten Energienutzung auf der Ebene der einzelnen Haushalte können Elektrofahrzeuge auch in die Energieinfrastruktur miteingebunden werden.

Akkumulatoren als große Herausforderung

Zu den Herausforderungen der Elektromobilität zählt die Entwicklung effizienter und leistungsfähiger Akkumulatoren. Wenn man von geringeren Wartungskosten bei E-Autos spricht, dann sollte man nicht vergessen, dass auf Basis aktueller Technologien nach rund 8.000 Ladezyklen einer Batterie ein Batterietausch vorgenommen werden muss. Allerdings ist die Entsorgung der Altfahrzeuge samt Batterien zumindest bezüglich der Treibhausgasemissionen unwesentlich. Eine weitere Herausforderung ist die Tatsache, dass die verfügbaren Batteriesysteme derzeit noch ein hohes Eigengewicht, begrenzte Speicherkapazitäten und Leistungsprobleme bei tiefen Temperaturen aufweisen. Die Infrastruktur zum Laden der Akkumulatoren ist erst im Aufbau befindlich, die Ladegeschwindigkeit reicht von wenigen Minuten bei „Superchargern“ bis zu mehreren Stunden beim herkömmlichen Hausanschluss. Ohne Förderungen ergäbe sich auf Basis aktueller Preise – nach Berechnungen einer Studie am FH Technikum Wien – für einen E-Golf im Vergleich zum Golf 7 ein Amortisationszeitraum von 15 Jahren. Plug-In-Hybrids als „gebündelte Lösung“ verfügen zusätzlich zum herkömmlichen Benzin- oder Dieselmotor über einen Elektromotor samt Batterie. Auf kurze Distanzen, wie etwa im Stadtverkehr, ist ein rein elektrisches Fahren möglich. Durch das Nebeneinander von zwei Technologien sind Plug-In-Hybrids relativ teuer und vom Gewicht her vergleichsweise schwer, der verbleibende Stauraum ist relativ beschränkt.

Unternehmensdialog: Autokonzerne sehen starkes Wachstum bei Elektromobilität

Generell ist für die nächsten Jahre von einem Nebeneinander der einzelnen Technologien auszugehen, mit einem starken Wachstum der Elektromobilität. Das große Fragezeichen wird sein, wie stark der Staat mit Förderungen oder sogar Verboten in den Markt eingreifen wird. Im Zusammenhang mit dem Thema Elektromobilität umfasst der Unternehmensdialog des Nachhaltigkeitsteams von Raiffeisen Capital Management die zwanzig größten, börsennotierten Unternehmen der Automobilbranche. Im Zentrum des Dialogs stehen dabei u.a. die Fragen, wie das Thema Elektromobilität das Geschäft des Unternehmens beeinflusst und wie Aktivitäten im Bereich Elektromobilität aussehen. Wird Elektromobilität als „die“ Zukunftstechnologie gesehen und sich auf mittel- bis langfristige Sicht gegen andere Technologien durchsetzen? Was könnten Gründe dafür sein, das die Elektromobilität die hohen Erwartungen nicht erfüllen kann? Welche Probleme könnten dafür hinsichtlich der Technologie allgemein, der Batterien, der Akzeptanz beim Konsumenten oder der Infrastruktur verantwortlich sein? Welche Erwartungen gibt es hinsichtlich der Preisentwicklung?

Für den französischen PSA-Konzern mit den Marken Peugeot und Citroen, ist die Verringerung der CO2-Emissionen das bedeutendste strategische Ziel auf CSR-Ebene. Der durchschnittliche CO2-Ausstoß der von PSA 2016 verkauften Autos lag bei 102,4 g/km. Damit erreichte das Unternehmen den niedrigsten Wert aller europäischen Hersteller. Im Jahr 2020 werden nach Einschätzung des Unternehmens E-Autos und hybride Lösungen für 15 % der Absatzzahlen von PSA verantwortlich sein. 2015 konnten über 23.000 E-Cars abgesetzt werden. Damit lag der Marktanteil international bei über 20 %, in Frankreich selbst bei 60 %. Der Renault ZOE ist der meistverkaufte E-Pkw in Europa. Er weist mit dem aktuellen Batteriesystem eine theoretische Reichweite unter Laborbedingungen von 400 km und eine praktische Reichweite von 300 km auf. In Japan zählt Nissan mit der Produktion des Nissan LEAF zu den wesentlichen Playern im Bereich Elektromobilität. Bereits im März 2016 wurde der zweihunderttausendste Nissan Leaf ausgeliefert. Volkswagen arbeitet intensiv an seiner Strategie zur Elektromobilität, bis 2025 will man mehr als 30 neue E-Autos auf den Markt bringen. VW setzt dabei, so wie auch BMW und PSA, auf modulare Matrix-Plattformen für konventionelle und E-Lösungen. Tata Motors sieht, anders als andere Automobilkonzerne, Elektrofahrzeuge als aus Nachhaltigkeitssicht bedenklich an. Der Hintergrund ist, dass der Strom-Mix in Indien fast ausschließlich aus fossilen Energieträgern stammt. Tata Motors geht in seinen Berechnungen daher von einem im Vergleich zu anderen Technologien höheren ökologischen Fußabdruck aus und fokussiert auf andere alternative Antriebssysteme, wie Brennstoffzellen oder Flüssiggas. Raiffeisen Capital Management ist derzeit in einem Unternehmen, das im Rahmen des Engagement-Prozesses adressiert wurde, investiert. Es ist dies BMW.

BMW: Nachhaltigkeit findet in vielen Unternehmensbereichen statt

Aktuell enthält die BMW-Produktpalette 9 E-Autos, darunter reine E-Automodelle und Plug-In-Hybrids, die unter den Marken BMW und Mini angeboten werden. 2018 soll der BMW i8 Roadster als nächster Meilenstein auf den Markt gebracht werden. Bis zum Jahr 2025 erwartet das Unternehmen, das zwischen 15 und 25 % der ausgelieferten Fahrzeige E-Autos und Plug-In-Hybrids sein werden. Das Thema Nachhaltigkeit findet bei BMW von der Entwicklung von Fahrzeugen über die Lieferkette, die Produktion, die Nutzung durch den Kunden samt damit verbundenen Services bis zum Recycling Anwendung. Dabei sind Themen wie Materialauswahl, Produktionstechnologien, Lieferantenauswahl, Antriebsvarianten und die Wiederverwertbarkeit der Fahrzeugkomponenten von Bedeutung. BMW führt ein Life-Cycle-Assessment nach der ISO-Norm 14040/44 durch. Die Umweltbilanz des aktuellen BMW 7er Modells konnte im Vergleich zum Vorgängermodell um 25 % verbessert werden. BMW sieht bezüglich der sich entwickelnden Anforderungen drei wesentliche Handlungsfelder. Diese sind Mobilitätsdienstleistungen einerseits, vernetzte Fahrzeuge andererseits und schließlich das Thema „automatisiertes Fahren“.

Fazit: Elektromobilität als wichtiger Verbündeter im Kampf gegen CO2-Emissionen

Die Bekämpfung des Klimawandels ist heute ein Kernthema aller Regierungen – mit Ausnahme jener der USA. Insofern greift der Staat auch in seine Tasche und in die Trickkiste und versüßt Elektromobilität mit Steuererleichterungen, Subventionen und anderen Goodies, wie Fahren auf der Busspur etc. Was angesichts der doch noch – und hier möchte ich der Hoffnung auf deutliche Preisreduktionen für E-Autos in der Zukunft Ausdruck geben – großen Unterschiede in den Anschaffungskosten zwischen Technologie „alt“ und „neu“ auch durchaus gerechtfertigt ist. Im Kampf gegen die immer weiter steigenden CO2-Emissionen kann und wird die Elektromobilität ein wesentlicher Verbündeter sein, eine ergänzende Betrachtung des gesamthaften ökologischen Fußabdrucks lässt allerdings noch Fragezeichen offen. Aber man muss immer Prioritäten setzen, und die hat sich unser angeschlagenes Klima mehr als verdient.

Mehr Informationen dazu finden Sie auf der Website von Raiffeisen Capital Management im Letter „nachhaltig investieren“.

Raiffeisen Capital Management steht für die Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H.

 
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Wolfgang Pinner

Wolfgang Pinner

Mag. Wolfgang Pinner, MBA hat in Wien und Nottingham studiert und sich seit dem Jahr 2001 auf das Thema Nachhaltiges Investment spezialisiert. Er hat zum genannten Thema bisher drei Bücher veröffentlicht und ist an verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen als Lektor tätig. Seit November 2013 ist er Leiter des Teams für Nachhaltiges Investment bei Raiffeisen Capital Management. Seine Verantwortungsbereiche gehen dabei sowohl in Richtung Nachhaltigkeitskonzepte für Fonds als auch in Richtung des täglichen Managements von Investmentfonds. Privat ist er einerseits sportlich als Triathlet unterwegs oder widmet sich seiner Kakteenzucht.

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