Wie funktioniert das mit dem Mieterstrom und Photovoltaik eigentlich?

  • Ich habe mich hier ja schon öfter mit dem Thema Mieterstrom beschäftigt und nun wird es langsam Ernst mit der ElWOG Novelle, mit der ja ermöglicht werden soll, dass auch Mieter in Mehrparteienhäusern von Photovoltaik profitieren können. Kürzlich haben sich auch die Energiegespräche im Technischen Museum mit dem Thema beschäftigt, bei dem ich auch als Vortragende geladen war.

Für mich viel spannender war aber der Vortrag von Andreas Fleischhacker von der TU-Wien, der das ganze Thema von der wissenschaftlichen Seite betrachtet hat. Ich habe ihn deshalb gleich zum Interview gebeten. Als Vorablese ist mein Beitrag über die derzeitigen Probleme mit Mieterstrom zu empfehlen (klick).

Andreas, könntest du bitte kurz erklären wie dein Zugang zum Thema Photovoltaik ist und seit wann du dich damit beschäftigst?

Vielen Dank für die Möglichkeit unsere Forschung im Ökoenergieblog präsentieren zu können, Cornelia! Ich beschäftige mich seit dem Beginn meiner Dissertation (seit 2013) mit Photovoltaik. Auch im Rahmen der Vorlesungen, welche ich auf der TU Wien halte, ist die Photovoltaik nicht mehr wegzudenken.

Ich habe oben ja schon die derzeitigen Probleme aufgelistet. Wie soll das neue ElWOG in der derzeitigen Fassung das Problem lösen, bzw. welche Möglichkeiten für Mieterstrom gibt es?

Ich denke, dass die kommende ElWOG Novelle einen großen Handlungsspielraum eröffnen wird, da die möglichen Zuordnungsmethoden sehr allgemein gehalten wurden. Damit wird es für den Betreiber der Photovoltaikanlage eine gewisse Flexibilität geben, die projektspezifisch angepasst werden kann. Bspw. wird es möglich sein, die Kosten und Einnahmen statisch oder dynamisch zuordnen zu lassen.

Im Grunde geht es ja immer darum wo der Netzanschluss passieren soll und wer für das „davor“ und das „danach“ verantwortlich sein wird. Du hast bei der Präsentationen drei Grafiken präsentiert, die ich den Lesern mit deiner Hilfe gerne näher bringen würde. Könntest du zu jeder Lösung kurz sagen, wie die Anbringung der Zähler und vor allem die Position des Zählpunktes (Anm. der Punkt ab dem der Netzbetreiber alles weitere übernimmt) funktionieren soll und welche Variante deiner Meinung nach am besten wäre?

Der Titel meiner Präsentation war „Wie bekommt man Photovoltaik auf Mehrfamilienhäuser?“. Diesen habe ich mir auch zu Herzen genommen und bin drei mögliche Optionen durchgegangen. Dabei ist jedoch kein Anspruch auf Vollständigkeit gegeben, in der Realität wird es Mischformen bzw. andere Optionen geben.

  • Die erste Lösung ist eine reine Einspeisevergütung, falls eine Photovoltaikanlage auf dem Dach errichtet wird. Wenn die Einspeisevergütung entsprechend dimensioniert ist, würde diese Option durchaus die Investition in Photovoltaik ankurbeln. Der Nachteil dieser Option ist neben der Notwendigkeit einer Förderung, dass die Mieter keinen unmittelbaren Vorteil aus der Anlage ziehen.

  • Die zweite Möglichkeit wird durchaus durch das kommende ElWOG ermöglicht. Dabei wird die Erzeugung aus der Photovoltaikanlage bilanziell auf die Wohnungen (in der Abbildung Top 1 bis Top 10 genannt) aufgeteilt. Dabei gehen wir im ersten Moment von einer statischen Verrechnung aus. Dies kann so verstanden werden, dass jeder Wohnung x% aus der Erzeugung der Anlage zugerechnet werden. Der Nachteil an dieser Methode ist, dass jede Wohnung mit der dazugehörigen Erzeugung für sich getrennt betrachtet wird und keine Synergieeffekte innerhalb des Hauses erreicht werden können.

  • Diesen Nachteil kann man mit einer dynamischen Verrechnung ausgleichen. Um die Anschaulichkeit zu versinnbildlichen haben wir den optimalsten Zustand berechnet, dass das gesamte Mehrfamilienhaus zu einer Energiezelle zusammengefasst wird. Der Vorteil einer solchen Aggregation liegt auf der Hand: Der lokale Eigenverbrauch wird wesentlich höher und deshalb ist auch eine höhere Wirtschaftlichkeit der Photovoltaikanlagen gegeben.

Welche dieser Lösungen ist deiner Meinung nach die sinnvollste und wird auch am ehesten kommen?

Ich favorisiere die dritte Option! Einerseits ist die Wirtschaftlichkeit am höchsten und andererseits wird die Physik sehr realitätsnahe abgebildet. Zudem darf auch nicht die soziale Komponente vergessen werden: Je mehr Eigenverbrauch die Hausgemeinschaft gemeinsam schafft, umso wirtschaftlicher wird die Photovoltaikanlage. Dennoch ist diese Methode robust genug, dass die Wirtschaftlichkeit auch bei geringeren Teilnehmerzahlen gegeben ist.

Die Energiezelle sieht für mich nach der sinnvollsten Lösung aus. In der Grafik sind aber nachgelagerte Zählpunkte, nach dem eigentlich Zählpunkt eingezeichnet, oder sind hier innerhalb des Zählpunktes nur eigene Zähler gemeint? Zählpunkte nach einem Zählpunkt sind ja rechtlich auch nach der ElWOG Novelle nicht möglich, oder?

Das ist ein sehr guter Punkt. Wie ich zuvor erwähnt habe, haben wir uns den optimalsten Zustand der dynamischen Verrechnung rausgepickt. Das soll durch den einzelnen Netzanschlusspunkt (nicht zu verwechseln mit dem Zählpunkt) symbolisiert werden. In der Realität muss diese Verrechnung natürlich ex-post über die jeweiligen Stromzähler der Wohnungen und Photovoltaikanlagen erfolgen. In der kommenden ElWOG Novelle wird auch definiert, dass die Hauptleitung (Steigleitung) im Eigentum des Hauseigentümers ist.

Was ist deiner Meinung nach die größte Hemmschwelle für Mieterstrom und wo liegen die größten Chancen?

Ich denke eine der größten Hemmschwellen sind die vielen Akteure bei Mehrfamilien- und –parteienhäuser. Ausgehend von bis zu mehreren Eigentümern hin zu den Mietern, die eventuell nur auf begrenzte Zeit in diesem Haus wohnen wollen, sehe ich das Problem, dass es schwierig sein wird, die Investition in die Photovoltaikanlage zu initiieren und auch den Betrieb und die Verrechnung zu gewährleisten.

Die größte Chance sehe ich darin, dass damit die Energiewende endlich in den Städten angekommen ist. Damit kann zukünftig gewährleistet werden, dass auch urbane Gebiet ihren Beitrag zu einer erneuerbaren Gesellschaft erbringen können.

Wie es sich der Mieterstrom in der Praxis entwickeln wird, wird die Zukunft zeigen. Wir werden bei diesem Thema weiterhin am Ball bleiben: In einem vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie geförderten Stadt der Zukunft Projekt „UrbanEnergyCells“ werde ich gemeinsam mit meinem Kollegen Georg Lettner und Wien Energie weitere Mieterstrommodelle entwickeln und auf Sinnhaftigkeit und Machbarkeit untersuchen.

Danke für das Interview und zur Erinnerung an dieser Stell auch mein Interview zum Thema Mieterstrom mit Harald Will!

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.