Interview mit „Mister Mieterstrom“

  • (c) Haral Will

  • Ich habe das Glück im Rahmen meiner Arbeit unglaublich vielen interessanten Menschen zu begegnen. In Kombination mit dem Blog hier, wo ich meine Gedanken teilen kann, ergibt das oft eine wirklich spannende Mischung. So geschehen kürzlich.
    Ich habe hier über die Problematik von Mieterstrom in Österreich erzählt und wie viele Herausforderungen noch vor uns sind, selbst wenn die lange versprochene, leider schwache Novellierung der ELWO (Elektrizitätswirtschaftsverordnung) kommt. Das hat wiederum dazu geführt, dass Harald Will aus Deutschland wieder auf mich aufmerksam geworden ist, und mich zu einem vom BMVIT organisierten Workshop zum Thema Mieterstrom in Kombination mit Photovoltaik eingeladen hat. Es war sehr interessant, aber auch sehr ernüchternd zu sehen, wie viele Hürden noch auf dem Weg dorthin zu überwinden sind, aber es ist auch gut zu wissen, dass es einige Menschen gibt, denen das Thema wirklich ein Anliegen ist.

Deshalb sprechen wir heute mit einem, der es wissen muss. Harald Will von Urbane Energie hat viele Jahre für die Landeshauptstadt München Projekte entwickelt, die Mieterstrom betreffen und stellt sein Know-how nun anderen Unternehmen und Regierungen zur Verfügung. Dazu sprechen wir mit ihm.

Harald, erklär` unseren Leserinnen und Lesern bitte kurz was es mit dem Thema Mieterstrom auf sich hat und warum dieser so wichtig für eine funktionierende Energiewende ist.

Cornelia, vielen Dank für dein Interesse am Thema. Das erste Mal bin ich Ende 2011 mit dem Thema Mieterstrom in Kontakt gekommen. Mir war schon damals klar: es macht total Sinn, wenn die Erzeugung und der Verbrauch möglichst in räumlicher Nähe stattfinden. Was liegt denn näher, als den Solarstrom in einem Mehrparteienhaus vom Dach direkt an die Mieter zu vermarkten?

Wie kamst du zu diesem Thema und was hast du da alles schon gemacht?

Ich begann 2008 mit der PV Projektentwicklung und habe bis 2010 für Green City Energy große Dachanlagen geplant und gebaut, z.B. bei der AUDI AG in Ingolstadt. Ab 2010 wurde ich dann Geschäftsführer der städtischen Solarinitiative in München mit dem Auftrag, die solaren Potentiale einer Großstadt mit 1,6 Mio. Menschen zu heben.

Meine Gesellschafter waren die Stadt, die Stadtwerke aber auch die BayWa AG sowie große Münchner Immobilienunternehmen. Die Randbedingungen waren am Anfang also recht vielversprechend. Die Förderbedingungen waren eine Zeit lang so gut, dass man Dächer 2009, 2010 nur gegen hohe Einmal-Beträge pachten konnte. Trotzdem konnten wir erfolgreich einige interessante PV Projekte realisieren, da die Marge in Summe auskömmlich war.

Welche Hürden hast du in Deutschland erlebt?

Als jedoch 2011 die damalige schwarz-gelbe Koalition in Deutschland die Förderbedingungen im EEG so drastisch gekürzt hat, stellten sich für alle PV Akteure existentielle Fragen: Wie schafft man es unter den neuen Bedingungen überhaupt noch Dachanlagen zu installieren? Das ging nur mit brutalem Downsizing und Costcutting. Wie du weißt, brach der Markt dennoch stark zusammen – leider auch in unserem Marktsegment in den Innenstädten.

Nachdem die Förderung nur von der Größe der Anlage abhängig war ansonsten aber unspezifisch, d.h. kWh einer kleinen PV Anlage auf einer alten Scheune wurden genauso vergütet wie auf einem hohen Dach in der Stadt mit ganz anderen Herstellkosten, traf es die komplexeren städtischen Projekte noch härter. Da die Profite auf landwirtschaftlich genutzten Dächern viel höher waren, rissen sich die Bauern darum, ihre Dächer noch schnell mit PV zu belegen.

Städtische Immobilieneigentümer zu finden, die ihre Dächer verpachten wollten, wurde dagegen sehr schwierig, außer man konnte den Solarstrom in den Objekten selbst verbrauchen. Die Story von der viel zu teuren PV wurde dabei immer und immer wieder als Grund bemüht, um die drastische Verschlechterung der EE Förderung zu begründen.

Die Fossil-atomare Lobby leistete ganze Arbeit. Sie sorgte dafür, dass der Regierung der Eigenverbrauch auch nicht mehr gefiel. So verschlechterte sie 2014 mit der EEG Umlage auf Eigenverbrauch die Randbedingungen auch für dieses Geschäftsfeld.

Nach all diesen Erfahrungen arbeiten ökologisch motivierte Akteure wie ich daran, Geschäftsmodelle zu etablieren, die unabhängig von staatlichen Förderbedingungen funktionieren. Ein solches ist das Mieterstrom Modell.

Das Modell rechnet sich trotz vieler bürokratischer Hürden – lustigerweise nicht zuletzt, weil Lobbyisten der konventionellen Energiewirtschaft dafür gesorgt haben, dass die Gebühren und Abgaben so stark gestiegen sind. Genau deshalb sind bei uns nun Geschäftsmodelle möglich, die auch ohne Förderung funktionieren.
Dabei streite ich gar nicht ab, dass es in manchen Bereichen damals Förderbedingungen gab, die hohe Renditen ermöglichten und weit mehr als kostendeckend waren. Das Problem im urbanen Raum bestand schon damals. Nämlich, dass selbst in Zeiten üppiger Förderung in verdichteten Gebieten kaum Solaranlagen errichtet werden.

Das kann man in Bayern, aber im Grunde in ganz Deutschland in allen Städten erkennen. Es gibt zwar in der BRD 1,6 Mio. PV Anlagen, die allermeisten auf Freiflächen, Bauernhöfen und insgesamt 750.000 auf Einfamilienhäusern und kaum welche auf Mehrfamilienhäusern.

Genau hier setzt Mieterstrom nun an. Ich glaube die Zeit ist nun reif. Ich persönlich gehe stark davon aus, dass wir in den nächsten Jahren eine solide Marktentwicklung in Mitteleuropa sehen werden.

Wie erlebst du das Umfeld in Österreich nun als etwas Außenstehender?

Österreich hat m.E. aktuell eine große Chance. PV ist beliebt trotz bisher geringen Summen die in die Förderung gesteckt wurden. Da die Preise für PV Systeme so stark gefallen sind, kann man mit einem Förder-Euro also viel mehr bewirken als in der Vergangenheit. Die dt. Stromkunden bezahlen die Lernkurve und müssen noch viele Jahre mit 2-stelligen Mrd. Beträgen die EEG Umlage finanzieren.

Beim Workshop gab es durchaus hitzige Diskussionen mit den Energieversorgern, die nicht so begeistert sind, dass es da jetzt so viele „Kunden“ gibt, die da bei der Erzeugung mitmischen wollen. Wie kann man diese Interessensgruppen besser zusammenführen, sodass wir vom „Kampf“ in Richtung Lösung kommen?

Ich denke es gibt viele Parallelen im deutschen und österreichischen Strommarkt. Bei uns waren die Energieversorgungsunternehmen und Stadtwerke anfangs auch sehr aggressiv und haben entweder arrogant oder beleidigt reagiert, wenn irgendwelche neue Anbieter aufgetreten sind. Es schmerzt offensichtlich, wenn man eine Monopolstellung verliert und man nun selbstbewusste Kunden bedienen muss. Einen Zählpunkt abzurechnen ist weniger aufwendig.

In Deutschland haben die meisten EVUs nach einigen Jahren und v.a. starkem Verlust von Marktanteilen nun jedoch verstanden, dass man besser nicht gegen seine Kunden arbeitet. Es ist Fakt, dass die meisten gerne eine eigene PV Anlage hätten. Es kommt also nicht gut an, wenn man als Strom-Anbieter dagegenredet, sonst verliert man zum Schluss den Kunden an moderner denkende Anbieter.

Du hast beim Workshop auch sehr gut erklärt, dass es nicht sein kann, dass nur die Netzbetreiber ihre Interessen durchboxen und die Photovoltaik dabei unter die Räder kommt. Auch hier die Frage, wie schafft man es diese monopolistischen Strukturen zu durchbrechen um das große Ganze voranzubringen?

Ideal wäre es, wenn die Kommunen oder Dacheigentümer mit ökologischem Anspruch auch jenseits der reinen Rentabilität in der nächsten Zeit einige Demonstrationsanlagen bauen würden – mit jedem erfolgreich realisierten Projekt / Modell-Fall macht man es der Politik etwas leichter, die Hürde zu nehmen, die offensichtlich noch bei der parlamentarischen Verabschiedung der EWOG besteht.

Dass es auch in Österreich starke Lobbys gibt, die im Hintergrund dagegen arbeiten, davon gehe ich aus. Ich hatte die anwesenden Bürgermeister und Vertreter der Immobilienwirtschaft jedoch so verstanden, dass sie dazu bereit wären, sich wirklich aus Überzeugung zu engagieren und dabei nicht nur aufs Geld zu schauen. Wie sagte einer: „Der Kindergarten rechnet sich für die Gemeinde auch nicht und ist dennoch wichtig.“

Am Schluss wie immer mein Wunsch an das Christkind. Wenn du dir für eine Gesetzesänderung in Österreich oder Deutschland etwas wünschen könntest. Was wären die wichtigsten Elemente, die ein solches Gesetz enthalten müsste?

  1. Verlässliche Randbedingungen die es Investoren ermöglichen dauerhaft Erträge zu erwirtschaften, damit man die Anlagen nach 10 -15 Jahren abgezahlt bekommt.
  2. Mehr Einsicht, dass es nicht um die Rendite, sondern um praktischen Umwelt und Klimaschutz geht. Eine angemessene Rendite ist gleichwohl wichtig, denn sie ermöglicht das Investment und erleichtert die Bankfinanzierung.
  3. Konsens, dass die gemeinschaftliche Nutzung einer Solaranlage eine gute Sache fürs Energiesystem der Zukunft ist und gleichzeitig die Hausgemeinschaft und das Quartier stärkt. Die Nutzung von Mieterstrom ist keineswegs – wie manche Kritiker behaupten – unsolidarisch, im Gegenteil.
 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach  mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

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