Energieautarkie ist keine Utopie

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  • Heute sprechen wir mit einem sehr spannenden Unternehmer. Ich habe ihn bei einer Veranstaltung zum Thema Nachhaltigkeit in Unternehmen kennengelernt und wurde hellhörig als er am Podium erzählte, dass er sein Unternehmen gerne energieautark machen möchte.

Ja, richtig erkannt. Dieses Monat ist das Monat der Energieautarkie hier im ÖkoEnergieBlog. Kürzlich habe ich mit „Mr. Energieautarkie“ gesprochen und nun ist schon ein erster Anwender am Wort. Manfred Schieber ist der Geschäftsführer der Cuitec Großküchentechnik GmbH . Ich persönlich dachte ja, es wird noch Jahre dauern, bis die ersten Unternehmen diesen Weg gehen möchten, aber weil sich die Energieversorger halt manchmal wirklich selbst im Weg stehen, gehen manche Kunden schon jetzt ihren eigenen Weg.

Bei solchen Menschen interessiert mich natürlich brennend was dahinter steckt und ich denke euch könnte das auch interessieren. Ich habe ihn hier zu seiner Motivation und den Weg hin zum energieautarken Unternehmen befragt. Ich hoffe ihn im kommenden Jahr noch öfter zu Wort kommen zu lassen, da mich interessiert, wie sich das Projekt entwickelt.

Herr Schieber, erzählen Sie uns bitte zuerst kurz etwas zu Ihrem Unternehmen:

Wir sind ein kleines Unternehmen in einer Größenordnung von +/- 10 MitarbeiterInnen und beschäftigen uns mit Beratung, Planung, Vertrieb und Instandhaltung von gewerblichen Kücheneinrichtungen. Kunden aus Gastronomie, Hotellerie, Catering und Gemeinschaftsverpflegung, unter die etwa Krankenhäuser, Senioreneinrichtungen, Schulen, Kindergärten, Kasernen und Kantinen fallen, vertrauen uns seit mittlerweile 16 Jahren. Schon aus dem Ansatz heraus, dass ein großer Teil unseres Kerngeschäfts die Instandhaltung ist und wir Investitionen unserer Kunden entlang des gesamten Produktlebenszyklus begleiten, liegt der Fokus primär auf Qualität in der Produktauswahl und Zuverlässigkeit im Service. Über 95 % unserer Kunden sind Stammkunden und halten uns seit vielen Jahren die Treue.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass Sie gerne ein energieautarkes Unternehmen hätten?

Unser Unternehmensstandort liegt im Marchfeld, das ja bekanntermaßen zu den windreichen Gegenden des Landes gehört und inzwischen mit einer entsprechenden Anzahl an Windparks ausgestattet ist. Da mich das Thema der Nutzung von Windenergie schon seit Jahrzehnten interessiert und ich endlich im letzten Jahr einen Partner, mit dem aus technischer Sicht richtigen Produktportfolio finden konnte, wollte ich eine Kleinwindkraftanlage auf unserem Firmengrundstück installieren. Aus diesem Projekt ist dann die Idee der Energieautarkie gewachsen.

Ich habe ja mit vielen Unternehmern zu tun und Energieautarkie hätten viele gerne, nur ist das eben nicht so einfach wie das anfangs klingt. Wie war ihr Weg bisher und was sind die nächsten Schritte?

In den ersten Monaten habe ich mich damit beschäftigt, aus welchen Anlageteilen ein solches Projekt bestehen soll, damit es auch nachhaltig funktioniert. Wichtig war mir von Anfang an, dass alle Aspekte möglichst zu Ende gedacht sind. Das bedeutet zum Beispiel, dass der notwendige Energiespeicher mit Materialien arbeitet, die möglichst umweltschonend sind und auch am Ende des Lebenszyklus keinen Sondermüll hinterlassen; dass wir unsere Gasheizung auf ein möglichst effizientes Wärmepumpensystem umstellen und in dem Zusammenhang gleich auch den Bereich Gebäudekühlung und Raumklima berücksichtigen; dass wir das Thema Elektromobilität für die nahe Zukunft gleich mitdenken usw.
Langsam kommen wir zu den ersten konkreten Schritten und werden unser Heizsystem (hoffentlich) bis zum kommenden Winter umgebaut haben. Dann können wir mit Hilfe eines intelligenten Messsystems unseren tatsächlichen Energiebedarf während der Heizperiode evaluieren und im Frühjahr die Größenordnung der Energieerzeugung und -speicherung definieren.

Was war das Schwierigste bisher?

Als schwierigster Part hat sich bisher die Suche nach Informationen herausgestellt und in diesem Zusammenhang auch das Finden von Personen/Unternehmen mit entsprechenden Kompetenzen. Für mich als technisch Ausgebildeten und an der Thematik Interessierten, für diese spezielle Materie aber gänzlich Unbedarften, ist es praktisch unmöglich, ein solches Projekt ohne entsprechende Hilfe umzusetzen. Insbesondere das reibungslose Zusammenspiel von Energieerzeugung, Speicherung und Verbrauch ist eine Herausforderung, weil der Strom dann unter Umständen eben nicht einfach aus der Steckdose kommt.
In dem Zusammenhang ist es erfreulich, dass es uns auch durch Ihr Engagement, Frau Daniel, gelungen ist, solche PartnerInnen zu finden, die nicht nur das notwendige Fachwissen für ein solches Neulandprojekt mitbringen, sondern sich vor allem auch emotional einbringen und die Umsetzung mit uns als faszinierende Herausforderung sehen. Diese Begeisterung und die Vorfreude, mit der die Beteiligten an die Sache herangehen, motiviert mich zusätzlich, dieses spannende Projekt umzusetzen.
Als weitere Herausforderung stellen sich ob der Neuheit unklare rechtliche Rahmenbedingungen heraus, deren Tragweite wir aber wohl erst im Laufe der Umsetzung wirklich abschätzen werden können.

Wie ist die Resonanz von anderen Menschen oder anderen Unternehmen, wenn Sie von dem Projekt erzählen?

Nun, noch halte ich es im kleinen Rahmen… meine MitarbeiterInnen wissen natürlich Bescheid und auch die Projektbeteiligten. Mit dem Start der operativen Umsetzung plane ich aber eine Informationskampagne, die über mehrere Kanäle das Projekt mit allen Höhen und Tiefen begleiten soll. So möchte ich auch zur Bewusstseinsschaffung beitragen und möglichst viele Nachahmer motivieren.
In dem Zusammenhang ist vielleicht anzumerken, dass ich der Meinung bin, dass die/der Einzelne sehr wohl die Welt verändern kann. Dafür gibt es Beispiele genug. Man muss es nur tun. Und wenn es gelingt, den Tipping Point zu erreichen, dann kann tatsächlich etwas Großes entstehen. Mit dem Projekt wollen wir so etwas Großes anstoßen und zeigen, dass auch ein kleines Unternehmen wie unseres dazu beitragen kann, dieses wunderbare Land unabhängig von fossiler Energie zu machen.
Und jetzt stellen Sie sich einmal vor, dieses Land schafft es als erstes weltweit, diesen Status zu erreichen…welche Nebenwirkungen das hätte, fürs Image, für den Tourismus, für den Arbeitsmarkt, für – oder besser: gegen die Abhängigkeit von Öl- und Gaslieferungen… und ich behaupte, dass die Änderung der rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen bei gutem Willen ein Spaziergang wäre. Es müsste nur gewollt sein.

Was natürlich viele interessiert. Wie hoch ist Ihr Energieverbrauch pro Jahr und wie viel wird die Energieautarkie in etwa kosten?

Wie hoch der Energieverbrauch dann tatsächlich sein wird, lässt sich noch nicht sagen, weil wir im Zuge der Autarkie auch energieeffizienter werden wollen. Die Evaluierung während der Heizperiode dient nicht nur der Messung des tatsächlichen Energieverbrauchs der Wärmepumpe, sondern soll noch weitere Effizienzpotentiale zu Tage fördern. In den vergangenen Jahren hatten wir einen Jahres-Energiebedarf von etwa 22.500 kWh. Jedoch ist hier noch keine Elektromobilität inkludiert.
Die Kosten hängen sehr stark von den tatsächlich benötigten Größenordnungen ab, die wir eben erst im kommenden Frühjahr festlegen können. Darüber hinaus muss man bedenken, dass einige Investitionen wie etwa die Stromversorgung für die Elektromobilität oder die Implementierung einer Klimaanlage ohnehin irgendwann für Kosten sorgen würden. Wir gehen aber davon aus, dass wir uns für das Gesamtprojekt im Rahmen von € 90.000,- bis € 120.000,- bewegen werden.

Wie wird es finanziert?

Die Anlaufkosten und auch die Kosten für Heizung und Wärmepumpe, die wir noch heuer umsetzen wollen, möchte ich aus Eigenmitteln finanzieren. Die kostenintensiveren Anlagenteile, die für das nächste Jahr geplant sind, sollen über einen aws-ERP-Kredit finanziert werden. Damit haben wir auch bei der Errichtung des Firmengebäudes vor acht Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht und die Rückzahlungen laufen 2018 aus. Demnach würde sich eine Anschlussfinanzierung eigentlich anbieten… Ein Thema ist auch Crowdfunding, allerdings bin ich nicht sicher, ob wir in unserem B2B-Geschäft hierfür ausreichend Investoren finden. Für die Finanzierungsentscheidung bleiben uns aber noch ein paar Monate Zeit.

Wie ist Ihr Zugang zum Thema Amortisationszeiten?

Das Thema Amortisation sehe ich nicht nur rein ökonomisch und schon gar nicht ohne einen langfristigen Zeitbezug. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Energie zu billig ist. Als Konsument beklage ich mich natürlich nicht. Als Unternehmer auch nicht.

Aber wenn man berücksichtigt, welch enge Verbindung zwischen Politik und Energieunternehmen besteht und welche Interessen es daraus an künstlich niedrig gehaltenen Energiepreisen gibt; mit welchen Subventionen nicht nur in der Atomkraft, sondern durchaus auch in der erneuerbaren Energieerzeugung hantiert wurde und wird; wie unberücksichtigt nachhaltige Schäden im Energiepreis bleiben… all das ist nicht in der Form eingepreist, wie es für eine realistische Bewertung erforderlich wäre. Und spannt man diesen Bogen global auf, so ist es noch weit dramatischer als im nationalen Kontext.
Die Skurrilität liegt ja darin, als man einerseits versucht, über gesetzliche Rahmenbedingungen die Produzenten zur Herstellung energieverbrauchsarmer Produkte zu zwingen und Fördergelder für Energieeffizienzmaßnahmen ausgibt, andererseits aber den simplen Hebel einer Kostenwahrheit beim Energiepreis – ich unterstelle jetzt einmal das Motiv der unpopulären politischen Entscheidung – eigentlich völlig unberücksichtigt lässt.
Nichts grundsätzlich gegen oben genannte Maßnahmen, aber welcher Konsument würde Energiefresser kaufen oder auf die Investition für zusätzliche Wärmedämmung verzichten, wenn sich seine diesbezüglichen Entscheidungen wesentlich auf seine Energiekosten auswirken würden? Dazu müssten diese natürlich auch transparent sein…
Um zum Begriff der Amortisation zurückzukehren. Ich bin erstens der Meinung, dass die angesprochene Kostenwahrheit sich auch in mittlerer Zukunft auf den Rechnungen der Energieversorger finden wird, Energie also teurer wird. Zweitens glaube ich, dass – und ich sage das ohne Überheblichkeit und mangels Synonym – ein Leuchtturmprojekt wie das von uns geplante nicht ausschließlich an ökonomischer Amortisation gemessen werden sollte. Ich spreche da von Umwegrentabilität im Sinne von medialer Aufmerksamkeit, Werteidentifikation von Kunden bzw. potentiellen Kunden und insbesondere MitarbeiterInnen etc.

Was erwarten Sie sich von dem Projekt bei Ihren Kunden?

Wir erweitern unser Portfolio kontinuierlich mit Produkten, die hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs innovativ sind und beraten unsere Kunden dahingehend. Wir sehen unsere Mission auch darin, ihnen die Möglichkeit zu geben, über uns als ihren Partner einen Beitrag zum nachhaltigen Wirtschaften zu leisten. Das Bewusstsein dafür nimmt spürbar zu und wir sehen den Begriff Partnerschaft auch als ein gemeinsames, für alle Seiten zufriedenstellendes Weiterentwickeln im Sinne der Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft.
Aber wir wollen nicht Wasser predigen und Wein trinken. Deshalb ist dieses Projekt Energieautarkie nicht nur intrinsisch motiviert, sondern soll unseren Partnern auch signalisieren: wir investieren ebenfalls in eine nachhaltige Zukunft; wir nehmen unsere Verantwortung zum nachhaltigen Wirtschaften ernst und wir wollen – so klein wir als Puzzlestein auch sein mögen – unseren Beitrag leisten.

Vielen lieben Dank für diese inspirierenden Worte Herrn Schieder. Ich plichte ihm bei, dass man einfach tun sollte, jeder für sich, im Kleinen oder Großen. Er hat auch etwas erwähnt, dass ich hier am Blog auch schon oft gepredigt habe: die Amortisationsdauer ist nicht immer der einzige ökonomische Vorteil, von dem man profitiert!

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

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