Welche Rolle soll die Biomasse bei der neuen Energiestrategie spielen?

  • Grünbuch Energiestrategie

  • Dies ist die Antwort auf nur eine einzige Frage der Energie- und Klimastrategie. Wie komplex jede einzelne Frage ist, zeigt diese Abhandlung. Der Text wird nach einer Diskussion hier auch ins Grünbuch eingebracht.

Im letzten Blogbeitrag habe ich dazu aufgerufen, mir eine der Fragen zu schicken, die ich im Rahmen der Energiestrategie hier im Blog beantworten soll. Die Resonanz war gewaltig… #not. Was aber auch nicht überrascht, da selbst im offiziellen Diskussionsprozess laut einem Bloggerkollegen Antonio Fuljetic-Kristan nur wenig geschrieben wird. Ich fürchte das liegt vor allem daran, dass man nicht wirklich weiß, ob es die Mühe wert ist da mitzuwirken, weil ja schon so viele Energiestrategiepapiere in Österreich am Ende des Tages in den Schubladen verschwunden sind. So geht es mir jedenfalls, nachdem in der Tagespolitik kein Sterbenswörtchen über Energiepolitik geredet wird, obwohl diese in so unglaublich vielfältiger Weise die derzeitigen Probleme in unserer Welt mitbeinflusst. Ich habe den Eindruck es will anscheinend niemand wirklich an die Ursachen ran und man spielt in der Regierung lieber Feuerwehr, was auch nicht verwunderlich ist, weil wenn das Haus brennt muss man es schließlich löschen. Aber irgendwann sollte man auch den Brandstifter erwischen. Aber jetzt genug der Methaphern, ihr wisst was ich meine. Energiepolitik steht derzeit nicht auf der politischen Agenda aber trotzdem nehme ich mir jetzt die Zeit zumindest eine Frage zu beantworten. Kollege Atonio vom Biomasseverband war so nett mir eine Frage zu stellen, wohlwissend, dass ich vermutlich anderer Meinung bin als er, was das Thema betrifft. Aber dazu sind Diskussionen ja da. Also, die Frage, die ich hier bearbeiten werde ist folgende:

6.10 Welche Rolle sehen Sie für die Stromerzeugung auf Basis von Biomasse? Sollte diese beibehalten oder sollte, wie von vielen Studien vorgesehen, Biomasse verstärkt in anderen Sektoren stofflich eingesetzt werden und auch die energetische Nutzung vorwiegend auf Reststoffe bzw. biogene Abfälle eingeschränkt werden (z.B. kaskadischen Nutzung im Holzbereich)?

Erstmal vorweg, die Frage ist schon mal ziemlich tendenziös und etwas manipulativ gestellt, aber gut. Vielen Dank für diese Frage, denn mit Ihr können viele Themen auf einmal bearbeitet werden. Ich werde dazu jedenfalls meine aus hunderten Gesprächen gewonnene Erkenntnisse mit euch teilen und muss davor aber etwas ausholen, weil die Frage nur im Gesamtkontext beantwortet werden kann. Dazu hier meine Enerigethesen.

1. Freie Energieformen vor Rohstoffenergieformen

Ich versuche die Themen immer auf die einfachste Ebene runterzubrechen, weil auch unsere Politiker nur begrenzt Zeit haben und sich nicht mit elendslangen Studien herumschlagen möchten. Ich habe für mich deshalb eine sehr einfache Formel gefunden, um den zukünftigen Energiemix plausibel zu erklären. Es gibt ja immer noch Menschen, die behaupten erneuerbare Energien könnten keinen signifikanten Beitrag im Energiesystem leisten. Das möchte ich hier ein für alle mal widerlegen.

Dazu sind die Energieformen in 3 Bereiche eingeteilt und in dieser Reihenfolge sollte auch ihre Nutzung aussehen.

  1.  „Freie“ erneuerbare Energieformen, die nach der Erstinvestition nur mehr Grenzkosten (Wartungskosten) aber keine Rohstoffkosten mehr verursachen (Sonne, Wind, Wasser, uU. Biomasseabfälle, falls kostenlos zur Verfügung)
  2. Erneuerbare Energieformen, die CO2 neutral sind, jedoch sowohl Investitions-,  Rohstoff- und Wartungskosten verursachen (Biomasse)
  3. Fossile Energieformen die CO2-arm sind und ebenso Investitions-, Rohstoff und Wartungskosten verursachen  (Gas)

Es sollte einleuchtend sein, dass es eben sinnvoller ist zuerst alles, was aus der ersten Kategorie möglich ist zu verwenden und erst dann die 2. Ebene auszunützen.

Die Jahresstundenmethode – 8760 Stunden müssen wir versorgt werden, wie könnte diese Einteilung aussehen?

Die oben gegebene Einteilung ist glaub ich vom Hausverstand her recht gut zu verstehen. Nun geht’s aber ins Eingemachte. Welche Energieform soll wie viel arbeiten dürfen. Hier werden leider in Österreich viel zu oft die Erneuerbaren gegeneinander ausgespielt. Da die fossilen noch immer den größten Teil des Kuchen abdecken, gibt man den Erneuerbaren einen kleinen Teil und lässt sie darum streiten. Das führt dann auch dazu, dass der Biomasseverband gegen den Wind- oder Solarverband und umgekehrt wettert. Vor allem weil man durchaus sagen muss, dass die Biomasse durch den Bauernbund als einzige eine wirklich starke Vertretung in der Sozialpartnerschaft hat. Alle anderen Energieformen können nicht von alten Strukturen profitieren. Deshalb wurden in der Vergangenheit leider auch gesamtgesellschaftliche Fehlentscheidungen getroffen, die die Gesamtentwicklung der Energiepolitik etwas behindert haben. Dabei gibt es eigentlich genug für alle, wenn wir wirklich weg von den fossilen wollen und das Gesamtsystem betrachten, also Wärme, Strom und Verkehr. Da es in der oben genannte Frage leider wieder nur um den Strom geht, werde ich hier nun auch vor allem das Stromthema beleuchten und mit der Jahresstundenmethode eine Einteilung der Rolle der Biomasse im Gesamtsystem machen, ich nehme bei allen Energieformen den mittleren Wert der Bandbreite.

8760 Stunden hat ein Jahr – 80% können von den freien Energieformen abgedeckt werden

Wir schauen uns jetzt an, wie viele Stunden jede Energieform arbeiten kann und setzten das dann ins Verhältnis mit den 8760 Stunden, die wir versorgt werden möchten. Mit „arbeiten kann“ ist gemeint wie viele Stunden zB. die Sonne scheint oder der Wind weht oder das Wasser fliesst. In dieser Zeit sollten diese Energieformen in jedem Fall genutzt werden.

  • Photovoltaik kann ohne Speicher 1000-1200 Stunden davon abdecken (1000 h=12,5%)
  • Wind kann ohne Speicher 1300-2700 Stunden davon arbeiten (2000 h = 22%)
  • Wasserkraft kann in Ö 1600-6000 Stunden davon abdecken und gleichzeitig die ersten beiden Technologien unterstützen (4000 h =46%)
  • Biogas kann eigentlich unendlich lange laufen aber nur, wenn Rohstoff zugeführt wird (7000h =80%)

Mit dieser einfachen Rechnung sehen wir bereits, dass mit den freien Energieformen, ohne noch das Speicherthema angesehen zu haben, bereits 80% sehr einfach erneuerbar gedeckt werden könnten, aber gleichzeitig kann Biogas allein auch 80% abdecken. Dh. gemeinsam ist eigentlich zu viel Energie vorhanden, was eben erklärt, warum die Preise derzeit im Keller sind, weil eben die freien mit den rohstoffintensiven Energien gemeinsam zu viel prodzieren.  Was hier außerdem noch  fehlt wären noch die Stunden, die Biogas aus kostenlosen Abfällen produziert werden kann. Wer hier eine Zahl hat, bitte unten posten. Ich denke aber, dass es nicht mehr als 5% sein werden, aber kann mich auch irren. Vielleicht sind es ja sogar die fehlenden 20% und alles wäre paletti, aber ich fürchte so einfach ist es nicht.

Das Volllaststundendilemma – was tun, wenn wenig verbrennen das ganze unwirtschaftlich macht?

Jetzt wo ihr das Thema mit den Stunden verstanden habt, seht ihr vermutlich auch auf einen Blick, wo das Problem liegt.

Biogas kann deshalb, weil es eben in der 2. Ebene der Energieformen liegt (jener, wo noch Rohstoffe notwendig sind) so lange arbeiten wie eben diese Rohstoffe vorhanden sind, und das kann auch rund um die Uhr sein. Hinzu kommt leider, dass Biogas oder auch normale Gaskraftwerke umso wirtschaftlicher sind, je länger sie laufen. Wie wir oben gesehen haben müssten sie nur 20% der Zeit laufen, also maximal 2000 Stunden im Jahr, bzw. noch weniger, wenn wir Wind und Sonne noch über die Wasserkraft speichern. Also vermutlich wird es am Ende des Tages nur mehr 1500 Stunden im Jahr geben, wo wir Gas oder Biogaskraftwerke brauchen.

Volllaststunden und Gestehungskosten

Gestehungskosten und Vollaststunden im Vergleich. Achtung! Photovoltaik ist mittlerweile bereits auf dem Niveau von Onshore Wind und im Großkraftwerksbereich sogar darunter. Quelle: Fraunhofer ISE 2013

Die Kostenfrage bei Biogas

So und jetzt wird es ganz ganz heikel. Die oben eingefügt Grafik zeigt noch etwas. Die Kosten von Strom aus Biogas sind sehr, sehr hoch. Während die freien Energieformen Wind & Sonne bereits weit unter 10ct/kWh liegen, sind bei Biomasse mindestens 14 ct/kWh nötig und geht bis weit über 20ct/kWh hinauf und das aber bei Volllasstunden von 6000-8000 Stunden. Jetzt malt euch mal aus, wie diese Zahl aussieht, wenn die Anlage nur mehr 2000 Stunden im Jahr läuft, was energiepolitisch sehr wichtig wäre. Dann sind wir nicht mehr bei 20ct/kWh, sondern eher bei 30 oder 40 ct/kWh. Es ist auch nicht wirklich absehbar, dass der Rohstoff signifikant billiger oder die Technologie dramatisch günstiger wird. Was es also braucht ist eine neue Art der Betrachtungsweise. Eben nicht über Volllaststunden sondern über Kosten eines Energiemixes, die aber in einem überschaubaren Rahmen bleiben müssen. Der große Fehler, der bei Biogas meiner Meinung nach in der Vergangenheit gemacht wurde ist, dass die Anlagen völlig willkürlich gebaut wurden, ohne Rücksicht auf Abahmen oder Lasten in der Umgebung. Das führte dazu, dass viele Anlagen nie und nimmer wirtschaftlich werden und es auch gesamtwirtschaftlich vielleicht nicht klug ist, das einfach so weiterzuführen wie bisher.

Volllaststundenbetrachtungsweise führt in eine Sackgasse – Gesamtsysteme wichtig

Die Zukunft der Biomasse, so es sie geben soll im Strombereich (im Wärmebereich führt sowieso kein Weg daran vorbei), muss also ein viel integrierterer Ansatz sein. Im ersten Schritt sollten natürlich nur jene Stoffe verwertet werden, die quasi Abfall sind und erst in allerletzter Konsequenz Stoffe, die eigentlich einen höheren Wert haben als die Verbrennung oder die Vergasung. Mich würde interessieren, wie viele Stunden wir nur mit diesen Stoffen schaffen würden. Und für die Zukunft würde ich Biogasanlagen nur in Kombination mit freien Energieträgern mehr fördern. Die genau so geplant sind, dass eben nur mehr der Teil gefördert wird, der nicht von Wind und Sonne geschafft wird. Dafür braucht es ingesamt natürlich einen höheren Preis. Ich denke, dass der Kombipreis langfristig um einiges höher als der derzeitige Börsepreis wird sein müssen. Wir werden auch nicht um eine bessere Energieplanung herumkommen. Einfach wahllos irgendwo Anlagen hinzubauen, ohne Rücksicht auf die Verbraucher oder die Rohstoffverfügbarkeit ist einfach irrsinnig. Und das hat rein gar nichts mit Planwirtschaft zu tun, wie das manche Bonzen gerne reflexartig behaupten, nur weil das Wort „Planung“ drinnensteckt. Das ist jetzt gerade der Megainsider und ich hoffe, diejenigen die dabei waren verstehen den Hint ;-).

Der Pareto-Effekt in der Energie- und Klimapolitik

So und nun kommen wir zum Kernproblem, das aber gleichzeitig den Raum für die Biomasse öffnet. Ich nehme an die meisten von euch sind mit dem Pareto-Effekt vertraut.

Der Pareto-Effekt, 80-zu-20-Regel, besagt, dass 80 % der Ergebnisse mit 20 % des Gesamtaufwandes erreicht werden. Die verbleibenden 20 % der Ergebnisse benötigen mit 80 % die meiste Arbeit.

Auf die Energiepolitik übersetzt bedeutet das: Ein 80% erneuerbares Österreich ist mit 20% des Gesamtaufwandes zu erreichen. Die übrigen 20% verbrauchen aber den Großteil der Anstrengung von 80% oder auch übersetzt die Kosten. Das muss den handelnden Personen schlichtweg bewusst sein und vor allem auch den Blickwinkel weg nur vom Strom wo diese 80% Marke bald erreicht ist und klar sein muss, dass ein weiter wie bisher keinesfalls zu den gewünschten Ergebnissen führt, weil es jetzt einfach eine viel höhere Kraftanstrengung und auch politischen Willen braucht.

Verhindern von Überproduktion bei den rohstoffintensiven Energieformen

Worauf ich abschließend hinaus will, ist das sogenannte Backcasting (Startpunkt ist die erwünschte Zukunft). Für die Beantwortung der eingangs gestellten Frage müssen wir eine andere Frage ebenfalls beantworten: Was müssen wir heute machen, um langfristig das oben beschriebene Szenario zu erreichen, wo zu allererst die günstigsten freien Energieformen verwendet werden, dann die teureren CO2 armen Technologien und zuallerletzt die Fossilen? Ja, dann muss ich heute schon darauf aufpassen, dass diese Energieformen langfristig nicht mehr als 20% ausmachen und auch die Kapazitäten nicht über dieses Maß hinausgehen, den sonst kommt es wieder zu Überproduktion und dem Verschwenden von Ressourcen, während wir doch wissen, dass von den Freien genug vorhanden wäre.

So, und nun wisst ihr, warum ich mich nur zu einer Frage in diesem Strategiepapier äußern wollte. Jede einzelne der Fragen verlangt vermutlich eine ähnlich komplexe Antwort, die ganz bestimmt auch nicht endgültig ausdiskutiert ist. Wenn die Regierung gerne noch mehr Inputs dieser Art möchte, bin ich gerne bereit mein Wissen zu vermitteln, aber nicht in einem Papier das vermutlich ohnehin wieder untergeht. Ich lasse mich aber gerne eines besseren belehren.

Was meint ihr dazu? Ich werde diesen Artikel dann auch in den Konsulationsprozess einbringen, nachdem er von euch „konsultiert“ wurde ;-)

http://www.konsultation-energie-klima.at/

 
About the Author

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel

Cornelia Daniel ist österreichische Solarunternehmerin und passionierte Energiebloggerin. Nach dem Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien widmete sie sich als eine der wenigen Wirtschaftsabsolventen bereits im Jahr 2008 dem Thema Solarenergie. 2011 gründete sie die Solarberatung Dachgold mit Fokus auf die Beratung von Unternehmen welche in Photovoltaik oder Solarthermie investieren möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger und in diesem Gebiet vor allem das Thema Gestehungskosten in all seinen Ausprägungen. 2014 initiierte sie gemeinsam mit dem Anlagenbauer 10hoch4 die Aktion Tausendundein Dach mit dem Ziel 1001 Unternehmensdächer bis 2020 zu solarisieren. In diesem Zusammenhang hält sie laufend Vorträge über die Kosten und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien und warum kein Weg an einer unternehmenseigenen Photovoltaikanlage vorbeiführt.

10 Comments

  1. Den Kommentar kann ich voll und ganz unterstützen. In nur wenigen Tage sollte man hunderte Fragen diskutieren. Dabei geht es bei der Energieversorgung um ein sechstel des BIP. Nachdem man 40 Jahre lang geschlafen hat und wir bereits 2040 mit den CO2 Emissionen auf Null sein müssen, erscheinen manche Fragen wie die des Tanktourismus geradezu naiv. Offenbar wurde da gerade jemand wach geküsst und stellt nun verschreckt ein paar Fragen, ohne wirklich zu begreifen, wie wichtig und dringend es ist, sich mit massivem einsatz aller verfügbaren Kräfte der Energie und Rohstoffwende zu widmen.

    Es wäre zunäcsht mal empfehlenswert, wenn dieses Grünbuch erst mal gar keine Deadline hätte. Es muss einen permanente Diskussion geben, wobei ich hier spontan an die deutsche Klimaretter-Redaktion oder die Energieblogger denke. Für Aufklärung und Beteiligung derer die sich auskennen (also Bürger, denn Energiewende kam von unten) muss Platz im Staat sein. Es sollte doch kein Problenm sein, das Grünbuch zur Dauereinrichtung zu machen, vor allem wenn es um ein existenzielles Thema geht.

  2. Liebe Kollegin Daniel,

    vielen Dank für dein Statement, dass ich in der Ausführlichkeit leider heute nicht toppen kann. Aber ein paar Kommentare müssen her:

    .) Niemand zweifelt an deiner Gliederung der Prioritäten der einzelnen EE in deiner Aufzählung, wo du auch gleichzeitig das Problem der Speicherung erwähnt hast, die in den Gestehungs-Kosten ja nicht abgebildet sind. Biomasse ist aber der natürlichste Energiespeicher … Ferner höre ich aus deinem Statement primär eine Diskussion über den Strombereich (Biogas) heraus.

    .) Niemand in der Biomasse-Szene wettert gegen Windkraft, Solar- oder Photovoltaik etc.. Ganz im Gegenteil: wir arbeiten im Rahmen des Verbandes EEÖ gemeinsam an einer erneuerbaren Energiezukunft. Aus meiner Sicht sehr kollegial und zielorioentiert.

    .) Wenn wir in Österreich von einer Energiewende sprechen, dann von einer bislang von der Biomasse getragenen. Der Anteil der Bioenergie betrug in unserer Detailanalyse 2013 rund 60% unter den EE 2013 beim Bruttoinlandsverbrach… PV 0,5%, Solar, 1,8%, Wind 2,7%…
    Ein Hauptgrund ist, dass Holz zu genüge vorhanden ist, und die Umsetzung relativ einfach vonstatten geht – besonders im Wärmebereich.

    .) Wenn wir in Österreich von einer Energiewende sprechen, dann meint jeder, es geht um die Stromerzeugung. Wärme und Verkehr bleiben leider außenvor …
    Nicht alle Wärmebedürftigen/Verbraucher werden mit einer WP zufrieden sein… vor allem nicht die Großverbraucher. Hier ist auch das Thema Stadt spannend, dass ich jetzt nur erwähnen kann. Hint: Klagenfurt vs. Wien Anteil EE im Fernwärmenetz. Graz Solarthermie etc…

    .) Biogas ist ein schweres deutsches Thema. In Österreich werden rund 3% des Bruttoinlandsverbrauchs der Bioenergie von Bio-, Deponie- und Klärgas bereitsgestellt. Der nachhaltig zur Verfügung gestellte Holzanteil liegt bei der Bioenergie bei 81%! … was die Bedeutung von Biogas jetzt nicht schmälern soll, da dieser Energieträger weitere Einsatzoptionen, wie Treibstoff bereithält.
    Der Bioenergie-Strom-Anteil wird auch sinken, wie du es erwähnt hast, weil die Ausbaupotenziale nicht so hoch sind, wie bei den „anderen“ aber trotzdem noch vorhanden.

    .) Eine weitere Mär ist die Warnung vom künftigen Zubau von „reinen“ Biomasse-Kraftwerken, die bereits seit Jahren im Ökostromgesetz mit den verlangten Brennstoffnutzungsgraden ausgeschlossen ist – sprich es können nur Biomasse-Heizkraftwerke gebaut werden, Wärmelieferung als Fundament und Strom als Zusatzoption, wenn wirtschaftlich darstellbar. Die Problematik mit den Altanlagen, die vor 15 Jahren mit besten Wissen und Gewissen gebaut worden sind, haben nicht nur Biogas- und Holz-Werke sondern genauso die Windkraftler und Co – das hier falsche Standortsentscheidungen, Umsetzungen etc. erfolgt worden sind – daran sind nicht nur Betreiber sondern auch der Fördergeber schuld, aber wie gesagt, damals in der Euphoriestimmung mit besten Wissen und Gewissen. Jetzt alles noch besser zu wissen, ist aus meiner Sicht für Betreiber, die auch privat und aus Überzeugung damals darauf gesetzt haben, nicht in Ordnung.
    Deinen Vergleich der Volllaststunden verstehe ich nicht ganz, denn eine Regelenergie wird für rohstoffunabhängige immer gebraucht werden. „Geregelt“ muss dann aber auch der theoretische Totalausfall der rohstoffunabhängigen, denn der Kunde will immer ein Licht haben…. Die Frage ist mehr eine wirtschaftliche… Welches System rechnet sich wann und wie und was ist die beste volkswirtschaftliche Symbiose …

    .) Der Vergleich der Kosten hinkt für mir persönlich beträchtlich/grundsätzlich (abgesehen davon, dass es tausende vergleiche gibt): Die Biomasse (als rohstoffabhängier Energieträger) braucht sich primär nicht mit rohstoffunabhängigen zu vergleichen (wo zwar auch Speicherung/Regelung fehlt). Bei Atom, Braun- und Steinkohle, Erdgas und Erdöl sind aber die gesamtgesellschaftlichen Kosten nicht miteinberechnet, wie zum Beispiel Umweltschäden/Atommülllagerung etc. – bei der Bioenergie aber schon …
    Würde man dies berücksichtigen wäre die Biomasse-fest auf jeden Fall günstiger als alle anderen rohstoffabhängigen Energieträger, was auch Studien belegen. Hoffentlich plakatives Beispiel: Jedem Betrieb wird gesetzlich vorgegeben, das Trinkwasser durch die Abwässer nicht zu verschmutzen, was die Kosten erhöht! Kohle- und Erdgaskraftwerke blasen aber praktisch gratis klimaschädliche Gase in Luft. Dass der Zertifikate-Handel nicht funktioniert, brauche ich nicht näher zu erläutern.
    Weitere Richtigstellung, die ich leider immer wieder erwähnen muss: In Österreich darf nur so viel Holz eingeschlagen werden, wie nachwächst! Schlussfolgerung: Es wird nur so viel Holz energetisch genutzt, wie gerade nachwächst. Meine Frage im Kindergarten: Wie viel Holz wächst in Österreich durch gespeicherte SONNENENERGIE in der SEKUNDE nach? google (und dann das BFW) weiß es!

    .) Zusatz: 80% der Bioenergie ist Wärmeenergie… Wir haben in Österreich rund 700.000 Ölheizer! Ein Umstieg ist für sie anhand der vorhanden baulichen Gegebenheiten einfach möglich! Doch im Vorjahr wurden wieder mehr Ölheizungen verkauft. Fernwärme-Netze sind in Österreich zu genüge vorhanden, eine Kombination aus Biomasse- und Solarthermie wäre die ideale Lösung … Welche Anteile wo wie eingesetzt werden sollen, muss individuell von !!!Technikern!!! erarbeitet werden. Wichtig: Es soll das beste „erneuerbare“ System möglichst vorurteilsfrei eingesetzt. Dass dies noch immer nicht der Fall ist, braucht man sich nur in den Landeshauptstädten ansehen. Auch bei Micronetzen könnte die Bioenergie ihre Vorteile auspielen. Wieder äußere ich mich nicht über die WP und die Realität bzw. Trends im Einfamilienhaushalt.

    .) Etwas vollkommen Grundlegendes vielleicht noch zum Schluss: Die Bioenergie wird nie die gesamte benötigte Energie bereitstellen können, ist jedoch vielseitig und flexibel einsetzbar in fester, gasförmiger und flüssiger Form zur Strom-, Wärme- und Treibstoff-Erzeugung. Diese Vorteile hat kein anderer erneuerbarer Energieproduzent, diese sollten und werden wir in Österreich optimal nutzen. Und vor allem eine Bitte an die „Energieexperten“ und noch mehr an Journalisten: Nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, und es gibt eine Energiewelt außerhalb der Elektrizitätswirtschaft! Die nächste Heizsaison steht vor der Türe!

    • Danke für die ausführliche Antwort. Ich habe mich hier auf Biogas als Stromerzeuger konzentriert, weil eben die Frage so formuliert war. In der Wärmeerzeugung ist Holz+Sonne unschlagbar und ich bin bei dir, dass die Diskussion immer zu stromlastig geführt wird.

      Ich halte die Vollasstundeneinteilung deshalb für wichtig, weil sie einen gewissen natürlichen Rahmen vorgibt und eine Zielvorstellung gibt. Sind wir uns in der Prozenteinteilung zumindest einig?

      • Aus meiner Sicht lässt sich solch eine Einteilung nur unter planwirtschaftlichen Marktverhältnissen schaffen. Es wären theoretisch auch 100% möglich … Und das ist die vorhandene Ungewissheit, niemand weiß, wie sich der Markt weiterentwickeln wird … Werden die Hausbesitzer lieber ihren Boiler mit der PV-Anlage aufheizen oder doch mit Holz? Wird die Fernwärme erneuerbarer, dann stehen auch Potenziale für die Holzverstromung (samt Wärmelieferung) offen? Werden sich langfristig WP oder auch andere Systeme im Neubau durchsetzen? Wird man mit Holzheizung im Keller auch Strom erzeugen? Power-to-Gas? Wie reagieren Städte, Gemeinden, Wohnbaugenossenschaften, Unternehmen und Einfamilienhäuser neu/alt und viele Fragen mehr…

      • Die Aussage „In der Wärmeerzeugung ist Holz+Sonne unschlagbar“ möchte ich in Frage stellen. Diese Lösung passt bei hohem Wäremverbrauch und hohen Heiztemperaturen.
        Bei Neubauten oder Sanierungen mit niedrigem Verbrauch und Flächenheizungen lassen sich mit der Kombination von Wärmepumpe und Photovoltaik mit vergleichbaren Investitionskosten aber Strom und Wärme mit niedrigsten laufenden Kosten für den nächsten 25 Jahre decken.

        • Bei der erwähnten Kombination dachte ich nur an Kombis mit Holzheizungen. Ihr Vorschlag ist vollkommen richtig. Ohne jetzt ins Detail zu gehen, wie in der Praxis Wärmepumpen oftmals verkauft und eingebaut werden, funktioniert diese Form der Wärmeerzeugung bei richtiger Planung tadellos !!! Eine Vorraussetzung – diese ist für mich entscheidend und in der Realität im Regelfall NICHT gegeben: Jeder Wärmepumpen-Kunde müsste auch 100%-Ökostrom aus dem Netz und nicht nur vom Dach beziehen!!!

  3. Der Konsultationsprozess ist ein Versuch, leider sind die Spielregeln nicht klar. Was bezwecken die Fragen, ist man an Stimmungsbildern interessiert oder an fundierten Antworten? Was passiert mit den Beiträgen? Bei aller berechtigter Kritik ist es aber wichtig, die Energiezukunft breiter zu diskutieren und deshalb ist auch Dein Beitrag ein guter Anlass für einen Kommentar.

    Der Versuch, die Frage der Biomasse grundsätzlich anzugehen ist sinnvoll. Die Aussage, die aus der Betrachtung der Volllaststunden abgeleitet wird erscheint mir aber so, bei allem Verständnis für Vereinfachungen, nicht plausibel:
    Die Annahme, PV könnte den gesamten Strombedarf für 1000 h abdecken, Wind 2000 h, ist nicht einmal durch die optimistischsten Annahmen in div. Studien, Roadmaps, gedeckt. Die Aufsummierung der Stunden geht wohl davon aus, dass Sonne und Wind niemals gleichzeitig Energie liefern. Für die fehlenden Stunden wird noch ein Wasserkraftanteil angesetzt und daraus wird gefolgert, Biogas sollte nur noch noch 20 % der Jahresstunden abdecken. Diese Schlussfolgerung würde ich so nicht ziehen.
    Über die Sinnhaftigkeit der Nutzung von Biogas kann man diskutieren, (Potentiale und Wirtschaftlichkeit, Einsatzbereiche Prioritäten, z.B. Busflotten …).
    Tatsache ist aber auch, dass wir Regelenergie brauchen. Deren Wert ist im Energiesystem höher, also ist der Kostenvergleich mit PV Strom so nicht zulässig.
    Zwei wesentliche Punkte fehlen mir noch in der Betrachtung:
    1.) Der Stromverbrauch wird deutlich zunehmen, (Wärmepumpen, Stromdirektheizungen, E-Mobilität usw.) Anzengruber: „Heute haben wir rund 20 Prozent Stromanteil am Endenergieverbrauch. Bis 2030 könnten wir bis zu 33 Prozent schaffen.“ Das würde einen Mehrbedarf von 14 Terawattstunden ergeben.
    2.) Österreich importiert zunehmend Strom
    Aus Klimaschutzsicht wäre daher jede erneuerbare Stromproduktion sinnvoll. Solange im EU-Mix jede Menge fossiler Anteil enthalten ist (der wahre Grund für die niedrigen Strompreise und nicht ein Zuviel an Erneuerbaren!) wäre mir Strom aus Biogas über den Anteil Regelenergie hinaus durchaus recht. Wirtschaftlich derzeit schwierig, aber wenn schon optimistischste PV-Potentiale, dann gehen wir auch davon aus, dass eine CO2-Steuer möglich ist, fordern das in der KlimaEnergieStrategie ein – und dann schaut der Vergleich mit den fossilen gleich ganz anders aus.

    • Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar Johannes und natürlich ist das eine starke Vereinfachung, aber sie spiegelt sich auch in diversen Studien und meiner Erfahrung bei vielen Projekten wieder. Die Regelenergie wird es brauchen, keine Frage, deshalb ja auch mein Ansatz in Zukunft nur mehr Gesamtsysteme zu fördern, die gemeinsam das Optimum ergeben sollen, aber mit einem möglichst hohen Anteil an freien Erneuerbaren. Wenn die Inputorientierten Energieformen aber immer über Volllaststunden gerechnet werden, ist das eben schwierig.

      Aber bin voll bei dir, wir bräuchten überhaupt keine aufwändige Klimastrategie wenn irgendjemand den Mumm für eine CO2-Steuer hätte. Dann würd sich alles von selbst regeln, nur darf dann halt niemand mehr Geld verschenken und das ist politisch nicht gewünscht.

  4. in Kürze nur ein kleine Gedankengang zu den Volllaststunden der die Komplexität des Themas zeigen soll:
    Natürlich werden im Strombereich Wasserkraft, Wind u PV die Hauptaufbringer werden. Nutzt man das Potenzial der Biogastechnik und speist das erzeugte Biomethan in das Gasnetz so kann dieses dann in den bestehenden Gaskraftwerken für Spitzenlast etc. herangezogen werden. Biogasanlagen haben dann wieder 8000 oder mehr Volllaststunden, das Gasnetz dient als Energie u kosteneffizienter Speicher u die Gaskraftwerke werden zumindest teilweise erneuerbar u erzielen wiederum höhere Volllaststunden.
    2/3 des Biogaspotentials reichen aus um die Volllaststunden der 4,1 GW installierten Leistung an Gaskraftwerken um 400 h zu erhöhen. Bei derzeit unter 2000 bj doch etwas.

    Bei gesamthafter Betrachtung ergeben sich immer wieder interessante Dinge.

  5. Hi, danke für den Kommentar. Mir fehlt aber glaub ich der Gedankensprung wie du auf die 8000 Volllasstunden kommst. Wenn ich es richtig verstehe sind derzeit 4,1 GW Gaskraftwerke installiert und diese laufen 2000 h (echt so wenig??) und wenn 2/3 des Biogaspotenzials dazukommen sind es 2400 h. Wie kommst du dann auf die 8000 h und wird nicht schon jetzt das Gasnetz für die Spitzenlast herangezogen?

    Danke für weiteren Input.

    glg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.