Ist die Wärmewende in der Stadt machbar?

  • Train on the bridge, train on the background of the light city

  • Ende Jänner hatte ich das Vergnügen, im MuseumsQuartier Wien bei einer Veranstaltung zum Thema „Städtische Wärmewende“ den Ideen und Konzepten der (Energie-) Stadtplaner zu lauschen. Die Herausforderung ist groß, gilt es doch, die Energiewende auch in den Städten zu vollziehen – und hierzu insbesondere im Wärmebereich. Zwei grobe Trends haben sich herauskristallisiert: Stromnutzung in Verbindung mit Energieeffizienz sowie entkarbonisierte Fernwärme. Die eine Lösung wird es aber in Zukunft nicht geben. Die Zeit aber drängt.

„Wir brauchen mehr ‚Hirn-Energie‘, sprich Energieeffizienz“, erklärte der Gastgeber Bernd Vogl, Abteilungsleiter der Wiener Magistratsabteilung für Energieplanung. Aus seiner Sicht hat die Nutzung von Strom in Wärmepumpen samt der Ab- und Umweltwärme die größten Ausbaupotenziale in Städten. Auch der Solarthermie in Kombination mit Erdspeichern bescheinigte er eine rosige Zukunft. Sein deutscher Kollege aus Frankfurt, Paul Fay, ergänzte: „Wir haben alle nötigen Heiz-Technologien. Die Zukunft wird aber von den Speichermöglichkeiten abhängen.“

„Es ist eine Illusion, dass wir nur mit Energieeffizienz-Maßnahmen unsere Ziele bis 2050 erreichen. Das Motto, alles sanieren und den Rest machen wir mit der Wärmepumpe, wird ohne Fernwärme in den Städten nicht funktionieren“, entgegnete Matthias Sandrock vom Hamburger Institut Research. Begründung: Es ist politisch äußerst schwierig durchzusetzen, dass Altbauten saniert werden müssen. Hierzu müssten in Deutschland 18,5 Mio. Eigentümer (und Wähler) überzeugt werden. Aus seiner Sicht muss deshalb der Anteil der erneuerbaren Energien deutlich gesteigert werden – auch in der Fernwärme. Eine Möglichkeit wäre die Liberalisierung der Netze, um beispielsweise flexible Speicher anschließen zu können. Als größtes Problem stellt sich für Sandrock die Sozialisierung der Kosten dar, denn die entkarbonisierte Fernwärme stünde dann in direkter Konkurrenz zu den (voraussichtlich günstigeren) Einzelgeräten. Sind 100 % erneuerbare Wärme für Österreich erreichbar oder muss das eine Illusion bleiben?  Mit dieser Fragestellung beschäftigte sich Lukas Kranzl von der TU Wien. Ergebnis: Grundsätzlich kann in Zukunft der Wärmebedarf von alternativen Energieträgern gedeckt und beinahe vollständig dekarbonisiert werden. Die offene Frage ist der nötige Zeitrahmen für die Wärmewende. Kranzl hat ein Szenario  für 2050 erstellt, mit sehr ambitionierten Annahmen: hochqualitative Sanierung, Niedrigenergiebau, verpflichtender Einsatz erneuerbarer Energien samt einem umfassenden Bündel an Begleitmaßnahmen. Herausgekommen ist, dass der Wärmebedarf 2050 immer noch mit 17 % durch dezentrale fossile Energie gedeckt werden wird. Seine Erklärung: Trägheit und moderate Kesseltauschrate (ein jetzt eingebauter Gaskessel hat eine „mittlere Lebensdauer“ von 25 bis 35 Jahren); Gebäudebarrieren für die Nutzung erneuerbarer Energien.

Das Szenario ist demnach nicht ambitioniert genug. Aus diesem Grunde sei die Politik gefordert, eine Strategie und einen Maßnahmenplan zu entwickeln, um die Wärmewende auch wirklich bis 2050 realisieren zu können.

 
Über den Autor

Antonio Fuljetic-Kristan

Antonio Fuljetic-Kristan

DI Antonio Fuljetic-Kristan ist seit 2010 Pressesprecher des Österreichischen Biomasse-Verbandes und Chefredakteur der Zeitschrift ökoenergie. Er studierte Forstwissenschaften an der Universität für Bodenkultur Wien und hat sich im Rahmen postgradualer Lehrgänge ein Fachwissen in Öffentlichkeitsarbeit und Exportmanagement angeeignet. Mit seiner Gattin und dem fünfjährigen Sohn bestreitet er den Alltag und wandert am liebsten mit seinem Hund in seiner Heimat – dem Wienerwald.

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